Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-08-31 · Heft 395 (31.8.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 395 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712018--4570-2718070
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 395 Die Schande PalästinasI Starkes Anwachsen des deutschen Imports Alis Berlin: Der offiziöse „E i 1 d i e n s t für Außenhandel" verbreitet folgende Meldung aus Jerusalem: Nach amtlicher Aufstellung zeigt die Einfuhr deutscher Waren nach Palästina in den ersten drei Monaten 1934 folgendes Bild: Jänner 1934 130.000 Pfund (Jänner 1933 78.000 Pfund); Februar 108.000 Pfund (69.000 Pfund); März 170.000 Pfund (106.000 Pfund). Demnach wurden deutsche Waren in Palästina im ersten Vierteljahr 1931 um 408.000 (gegen 251.000 Pfund in der gleichen Zeit des Vorjahres) eingeführt. Die Stelgerung beträgt 158.000 Pfund oder 60 Prozent. Da anderseits das Jahr 1933 bereits eine Steigerung der Einfuhrkurve deutscher Waren nach Palästina um ebenfalls 60 Prozent gegenüber 1932 gebracht hatte, springt die weitere Vergrößerung der Einfuhr deutscher Waren nach dem Mandatsgebiet in die Augen, um so mehr, als nach vorliegenden privaten Berichten auch im zweiten Vierteljahr 1984 die Wareneinfuhr nach Palästina für Deutschland ihre günstige Entwicklung beibehalten hat. Deutschland steht unter den Einfuhrländern In PalR«tina an zweiter Stelle nach Großbritannien, 1933 stand es prozentmäßig mit den Vereinigten Staaten von Amerika gleich, hat sie aber nun weit Überflügelt... Kleine Zahl jüdischer Stimmberechtigter in den Städten Palästinas Aus London (J. T. A.): Der Minister für die Kolonien, Sir Philip Cunliffe-Lister, hat dem Mitglied des Unterhauses Colonel Josiah W e d g w o o d die ihm in der Unterhaussitzung vom 20. Juni versprochene Information in bezug auf die Bevölkerungszahl und die Zahl der Stimmberechtigten unter Arabern und Juden in Jerusalem und in den. anderen Städten Palästinas schriftlich zugehen lassen. Die Zahlen basieren auf Mitteilungen des High Commissioner für Palästina, Sir Arthur Wauchope, der ihnen das auf Grund der Municipal Corporations Ordinance (Gemeindeordnung) von 1933 hergestellte Register zugrunde gelegt hat. In zionistischen Kreisen erfährt man mit Ueberraschung, wie wenig die Zahl der stimmberechtigten Juden dem wirklichen Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung entspricht. Sollte die Verteilung der Sitze in dem zukünftigen Legislative Council (Gesetzgebender Rat) auf Grund der Zanl der Stimmberechtigten unter Arabern und Juden erfolgen, so würden die Juden außerordentlich ungünstig abschneiden, und damit wäre der gesamten Entwicklung dieses Problems eine sehr ungünstige Prognose gestellt. Aber auch bei den kommenden Munizipalwahlen würden die Juden, was die Zahl ihrer Stimmberechtigten betrifft', in einer Weise in den Hintergrund gedrängt werden, die gar nicht ihrer wirklichen Bevölkerungsstärke und noch weniger ihrer Bedeutung als aufbauendes Element im Lande entspricht. Den Mitteilungen des Kolonienministers an Wedgwood ist zu entnehmen: In Jerusalem leben 51.222 Juden und 39.229 Araber; stimmberechtigt aber sind 4362 Araber und 4235 Juden. In Jaffa gibt es unter 47.168 Arabern 4345 Stimmberechtigte, unter 7209 Juden nur 514 Stimmberechtigte. Von den in Haifa lebenden 34.148 Arabern sind 5186 stimmberechtigt, von den 15.923 Haifaer Juden sind 3010 stimmberechtigt. In S a f e d leben 6891 Araber, davon sind 249 stimmberechtigt. Von den 2547 Safeder Juden sind 561 stimmberechtigt. In T i b e r i a s leben 3210 Araber (275 Stimmberechtigte) und 3181 Juden (525 Stimmberechtigte). In diesen beiden Städten, in denen eine autochthone jüdische und eine zu einem Teil fluktuierende arabische Masse lebt, ist das Verhältnis der Juden nicht ungüstig. In den meisten anderen Städten Palästinas ist die Zahl der jüdischen Stimmi berechtigten entweder ganz bedeutungslos | Der „gefährliche" Sdiuldian Aruch In der Wiener Revue ..Berichte zur Kultur- und Zeitgeschichte" (Herausgeber Nikolaus Hovorka) nndet sich ein interessanter Hinweis auf die Abhandlung des in katholischen Kreisen sehr bekannten Schriftstellers Pater Dr. Severin Grill über das Verhältnis der katholischen Kirche zum Talmud. Dr. Grill schreibt u. a.: „Gegen den Talmud wird in der Regel geltend gemacht, daß er dem Nichtjuden, dem Goj, nur minderes Recht zuweist. Unter den Gojim des Talmud sind aber nicht die Christen, sondern die Heiden zu verstehen. Obige Vorwürfe treffen vielmehr mit aller Schwere nicht den Talmud, sondern das orthodoxe Gesetzbuch Schulchan Aruch. Gegen die Juden, die nach dem Schulchan Aruch leben, ist allerdings eine gesetzgeberische Vorsicht am Platz ..." * In den Kreisen der Agudah, der trennungs-orthodoxen Judenschaft, wurde der Sturz des parlamentarischen Systems und die Einsetzung eines streng kirchlichen, katholischen Regimes in Oesterreich mit Genugtuung begrüßt. Vor allem deswegen, weil man in diesen Kreisen hoffte, daß die Bestrebungen der agudistischen Orhodoxic bei der neuen Regierung auf volles Verständnis treffen würden. Ja, man ging so weit, aus dem Sieg des kirchlichen Prinzips im Staatsleben einen Sieg des agudistischen Judentums über das nationale, liberale usw. herzuleiten. Von nun ab, so schrieb man mehr oder weniger deutlich, Verden die agudistischen FUhrer als oder es gibt überhaupt nicht jüdische Stimmberechtigte. In Akko z. B. sind von 237 Juden nur 12, in B eis an von 88 Juden nur 14, in Hebron von 135 Juden nur 2 stimmberechtigt. Von den 79 Juden in Nazareth ist keiner stimmberechtigt. In Nablus leben 167 Samaritaner und 6 Juden, aber nur 10 „Juden" (in der Wählerliste werden die Samaritaner zu den Juden gerechnet) sind stimmberechtigt. In Bethlehem leben 2 Juden, in Gaza lebt 1, in Ramien 1 Jude; nur der Jude in Ramleh ist stimmberechtigt. T e 1- A w i w ist in der Liste nicht enthalten, weil dort nicht vor dem 10. Jänner 1935 gewählt wird. Mit Ausnahme von Tel-Äwiw gibt es in den Städten '20,325 arabische uiid 8583 jüdische Stimmberechtigte. Die arabische Bevölkerung in den Städten beträgt 257.500, die jüdische (Tel-Awiw ausgenommen) 82.865. Aus Jerusalem: Arabische Zeitungen lehnen alle Projekte eines Legislative Council ab und verlangen ein gewähltes Volksparlament. Die Zeitung „Adpae" schreibt, das Mitglied der Zionistischen Exekutive Mosche S h e r t o k habe in London gefordert, daß, wenn schon die Schaffung eines Legislative Council nicht zu umgehen sei, mindestens die Angelegenheiten der Einwanderung und des Bodenkaufs der Kompetenz des Council entzogen werden sollen. In London sei ihm aber gesagt worden, der Schlüssel zum ganzen Problem liege in Jerusalem. (Anm. der Red. Wenn, die arabischen Meldungen über die Intervention des Herrn Shertok in London richtig sind, dann liegt ein Abweichen von der von allen zionistischen Körperschaften festgelegten Politik vor. Die bezüglichen Entschließungen lauteten dahin, daß die Einrichtung einer gesetzgebenden Körperschaft mit arabischer Majorität von der Zionistischen Organisation als mandatswidrig in jeder Form abgelehnt wird.) 1-2 PENSIONÄRE bei feiner Familie aufgenommen. Rituelle Küche. Mittelschulnachhilfe im Hause. Zuschriften unter „Preiswert" an die Exp. die berufenen Sprecher des österreichischen Judentums anerkannt werden. Nun findet sich in einer sehr aufschlußreichen katholischen Zeitschrift (die Abhandlung über den Talmud ist in der halboffiziellen katholischen Revue „Schönere Zukunft" erschienen) ein Artikel aus der Feder eines in katholischen Kreisen geschätzten Schriftstellers, in welchem der Schulchan Aruch zum Gegenstand eines vehementen Angriffes gemacht wird. Gerade der Schulchan Aruch, der eigentliche Lebens- und Glaubensinhalt der Agudah, die sich rühmt, sein einziger Bewahrer zu sein, und gerade aus diesem Titel die Führung im Judentume fordert. Der katholische Schreiber stellt ■ Körperliche ■ ■ und geistige Frischei H sind die kostbarsten Güter des Lebens in der H H Jugend wie insbesondere WM I im Alter I H Bewahren und mehren Sie diese Schätze durch H H ständige, sparsame Pflege Ihres Körpers. Das ■ ■ beste Mittel für alle Zwecke der Körperpflege ■ H| — Einreibungen, Packungen (Umschläge), Mund- ■ B wasser usw. — ist H I DIANA- I ■ Franzbranntwein mit Menthol ■ B In jedem besseren Geschäft erhältlich. Verlangen H H Sie ausdrücklich „Diana" und Bjj ■ Nehmen Sie nur Diana! H H Minderwertige Nachahmungen sind energisch H 9 zurückzuweisen Hj RESTAURANT BILLET lVD BEJTRBHOMMltRTE KÜCHE ygj RIICHHALTlOIMfNOSA S 1.90 UND 2.00 SCHWECHATER B R U H,Hammcr Purgstall Galfö 3 (nidffl SÜftttbrüdfl) Tel. 11-41-0-25 den Inhalt des Schulchan Aruch als unethisch und unmoralisch hin und geht so weit, das Bekenntnis zu ihm mit der Entziehung der bürgerlichen Gleichberechtigung zu bedrohen. Das wird wohl für die Männer von der Agudah eine arge Enttäuschung bedeuten. Sie sollten aus ihr die Erkenntnis schöpfen, daß es im Judentum keine privilegierte und „auserwählte" Gruppe gibt, die auf die Solidarität mit den anderen verzichten darf, wie eben die Agudah. Das Judentum bildet nun einmal den Gegenstand von Anfeindungen und Verfolgungen, in welcher Gestalt es sich auch der Außenwelt präsentiert. Die einzige Mögliohkeit, diesen Anfeindungen und Verfolgungen standhalten zu können, bietet die alljüdischc Solidarität im Kampfe um das Recht des jüdischen Volkes. Wer in diesem Kampfe die jüdischen Reihen verläßt, handelt unklug. Wie sie lügen! Aus Prag: Der Dichter Schalem As-ch hat, wie bereits mitgeteilt, die Zustimmung zur Aufführung seines Dramas „D e r G o 11 derRache" an einer Budapester Bühne verweigert, weil er befürchtete, daß sein Stück in dieser Zeit verschärfter Reibungen mißverstanden und eventuell zu Gehässigkeiten Anlaß bieten könnte. Das Stück gestaltet die Tragödie eines unwissenden Juden, der, Besitzer eines „Hauses der Liebe", sich einbildet, durch Gebete und dadurch, daß er der Synagoge eine Thora-Rolle stiftet, sein eigenes Kind vor dem Herabsinken in seine Sphäre zu bewahren. Als dies doch geschieht, verzweifelt er und glaubt hierin einen Fingerzeig Gottes, des „Gottes der Rache, der die Schuld der Väter an den Kindern ahndet", zu flehen. Mit einer Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christen tum, oder zwischen Juden und ihren Gegnern hat das Stück nicht das geringste zu tun< Die Berliner nationalsozialistische Wochenschrift „D i c Wahrheit" (Nr. 34 vom 25. August) aber knüpft an die Budapester Meldung über den Inhalt des Briefes von Schalom Asch an den Direktor des „Theaters am Bethlen- Platz" folgende Betrachtung: „Die Handlung dieses Stückes spielte sich Irgendwoin einem östlichen Ghetto ab, und so toll wirbelte darin der Haß gegen alles Nichtjüdische und zumal auch gegeii alles Ni c h t zi o hi's t i s gh e, daß der Titel des Schauspiels voll angebracht Und passend erschien, Dieser „Gott der Rache" war also nur ein unsäglich schmieriges und verkommenes Inferno des Hasses unä[ der Wut gegen alles, was dem „auserwählten Volke" nicht benagte, so daß deshalb in diesem semitischen; Inferno ein Christ, der sich unglücklicherweise dort hinein verlaufen hatte, so sehr gehetzt, beschimpft und diffamiert wurde, daß ein jüdisches Publikum an solcher Schauerdramatik wohl stets und immer seine allergrößte Freude haben mußte. — Und dieses Lechzen nach Haß und Rache war bei Schalom Asch schon deshalb ganz besonders erheblich und ausgeprägt, weil er stets einer der bedeutendsten literarischen Vertreter für die Idee des Zionismus war und das auch heute noch ist. Jetzt aber scheint wohl auch Asch schon zu bedauern, daß er einst sich zu so einer maßlosen und nur als größenwahnsinnig zu bezeichnenden Haßattacke gegen alles Christliche und Nichtjüdische verstiegen hatte." Eine trügerische Hoffnung Aus Berlin wird berichtet: Der Stellvertreter des Führers, Rudolf H e ß, hat einen Parteibefehl erlassen, der in einem nicht für die Oeff entüchkeitbestimmten Rundschreiben an sämtliche Parteistellen geleitet wurde. Dieser Parteibefehl beschäftigt sich mit der Judenfrage. Er verbietet allen Parteigenossen, Juden in R e c h t s an g e l e g e n h e i t e n ' gegen Parteigenossen zu vertreten. Er verbietet ' die Ausstellung von Empfehlungen für. Juden durch Parteigenossen bei staatlichen und anderen öffentlichen Stellen. Er verbietet ferner die Ausstellung von Legitimationen und Schreiben für Juden durch Parteigenossen. Ferner verbietet er die Entgegennahme von Geld, das Juden für Parteizwecke oder ähnliche Zwecke spenden wollen. Der Befehl verbietet ferner.jeden Verkehr mit Juden In öffentlichen Lokalen, Schließlich wird den Parteigenossen. verboten, in jüdischen Geschäften, in denen sie eventuell angestellt sind, die Parteiabzeichen während der Arbeit zu tragen. Uebertretungen dieses Verbotes können mit dem sofortigen Ausschluß aus der Partei bestraft werden. « In den jüdischen Kreisen in Deutschland hatte man an die Ernennung von Heß zum Stellvertreter Hitlers große Hoffnungen geknüpft. Man erblickte - in ihr eine Wendung in der Judenfrage zum Besseren. Man erinnerte daran, daß Heß in seinen Rede und Schriften nie scharte antisemitische Töne angeschlagen hat. Man ging noch weiter und bezeichnete ihn als einen Kämpfer gegen den Antisemitismus innerhalb der nationalsozialistischen Partei. Charakteristisch war in dieser Hinsicht ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.