Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 390 (14.8.1934)
- Date
- 1934-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT ffr. 300 3HJ!in!ll!W!!|!H!!i|li'»!M^ I Restaurant ROTH»>KSSSXS?Ä I H empfiehlt seine reichhaltigen Menüs; § §; fuppf, Irotftn, Gemüt«, Mtfcffpclta. .*»*•»..««« ll.Jt j Ü Supp«, traten oder1, Htfl«, 6cmM», ffei*a«ft, «fohlt?«!*« I f.«f | s Kalbt« ttffrf Rindtbratsn 4 f« «ort« 90 Cf«Mr>«n 3 10 dkg. f«tratenas Cartll.......... . « . . 60 Of*HH«ft g;*'•:;!:; inneren Kämpfe flicht diö OeffentllChlteit beschäftigten, kleinlicher Art waren, so lag da§ nur daran, daß dieses Judentum nicht kräftig lebte, sondern in zusammenhanglosen örtlichen Verbänden vegetierte, in Vereinen und lokalen Gemeinden. Merzt mit seiner Idee vom Judenstaate hat das Wunder vollbracht, jahrtausendealte Zerrissenheit zu Uberwinden und die Streitigkeiten und Differenzen im Judentum in Bedeutungslosigkeit liinnOzudrücken. Weicht der Geist Herzls, werden sie vom Drucke der reinen Judenstaatsidee frei, dann schnellen sie wieder in die Höhe und stiften Unheil. Und da» ist jetzt geschehen. Die heute In der zionistischen Organisation so mächtige Arbeiterpartei hat sich im wesentlichen von Herzl losgesagt. Sie hat seinen Grundsatz: „Wir sind e i n Volk" preisgegeben und hat zwischen Jud und Jud die Schranke der Internationale, des Klassenkampfes, errichtet. Sie hat gelehrt, den Juden, der sich nicht ihrem Klassenideal beugen will, als Feind anzusehen, sie hat rücksichtslos alle Macht in der zionistischen Bewegung an sich gerissen, nicht, um den Judenstaat zu bauen, sondern um ein Parteisystem unüberwindlich zu machen, in der Reaktion gegen sie ist auch die revisionistische Partei vom Wege Herzls abgeirrt. Sie verzweifelt an der von Herzl geschaffenen Weltorganisation, glaubt, etwas Besseres und Größeres schaffen 2u können und spielt ein verhängnisvolles Spiel mit Austrittsgedanken. Sie glaubt, analog wie die Arbeiterpartei, an die Allgewalt fremder Ideen. Abkehr vom demokratischen Golste des Herzl- Zionismus. Führerprinzip und Ueberschätzung der sonst noch im europäischen Chaos entstandenen „neuen" Ideen. Abirrung von Herzl, hier nach links und dort nach rechts. In der Mitte ein „allgemeiner" Zionismus, ohne Willen und ohne tragende Ideen, nicht Fisch und nicht Fleisch. Dieses Unglück ist über den Zionismus und damit über das ganze Judentum gekommen. Der Geist Herzls ist von der Zionistischen Organisation gewichen, sie hat aufgehört, die Organisation für den Judenstaat zu sein. Angesichts dieser Lage ist nicht daran zu glauben, daß von einer mehr oder minder freundschaftlichen Aussprache zwischen revisionistischen und sozialistischen Führern am runden Tisch Heil kommen kann. Bestenfalls wird ea in den nächsten Wochen weniger physische Zusammenstöße geben. Die Zerrissenheit bleibt und wird immer größeres Unglück erzeugen. Nur Pvückkehr zum reinen Judenstaatszionismus, zum reinen Kerzl-Zionismus wird der jüdischen Zwietracht die Giftzähne ausbrechen. Wenn wieder der absolute Primat der Idee von einem jüdischen Volke und vom Judenstaat aufgerichtet sein wird, dann wird Frieden im Zionismus herrschen. Früher nicht. In diesem Glauben wurde auf dem letzten, dem unseligsten aller Zionistenkongresse die Judenstaatspartei gegründet, mit dem alleinigen Zweck der Wiederaufrichtung des Herzl- Zionismus. Daß diese Gruppe heute noch zahlenmäßig schwach im Weltzionismus ist, ist ein Beweis, daß er schwerkrank ist. Daß diese Partei gegründet würde, lebt und wirkt, läßt auf Genesung des Zionismus hoffen. r. st. Die jüdische Presse in Polen darf Hitler nicht angreifen! Aus Warschau: Laut den bestehenden Gesetzen Polens darf kein Angriff gegen das Haupt eines ausländischen Staates gemacht werden, obwohl es erlaubt ißt, Mitglieder seiner Regierung zu kritisieren. Gemäß dieser Verfügung ist die jüdische Presse Polens von den Behörden gewarnt worden, nicht Adolf Hitler anzugreifen, da er jetzt das offizielle Haupt des Deutschen Reiches ist. Antisemitische Agitation in Griechisch« Thrazien Aus Saloniki (J. T. A.): Die antisemitische Agitation, die als Rückwirkung der jüngsten Judenaustreibung in Türkisch-Thrazien nun auch in G r i echisch-Thrazien einsetzte, dauert an. Eine Anzahl antisemitischer Zeitungen, so die in Demotica erscheinende „Ebros" und die in Alexandropoulus erscheinende Zeitung „Proodo s" bringen fortlaufend Hetzartikel gegen die Juden, in denen sie behaupten, die Juden wären Staatsverräter und Vaterlands feinde. Dieser Verleumdungskampagne treten nun die Regierungsblätter entgegen, indem sie auf die Haltlosigkeit der Beschuldigungen hinweisen und die Juden verteidigen. * A n m. der Red.: Es wäre wohl wirksamer, wenn die griechische Regierung sich nicht mit der „literarischen" Bekämpfung der Ruhestörer begnügen, sondern sich dazu entschließen würde, das Gesetz durch Taten zu wahren. Warum stellt man nicht die Hetzer vor Gericht und wartet erst, bis der Pogrom da ist? Ein Jude zweiter Grat schal tsstalthalter von London Aus London: Wie „London Gazette" mitteilt, wurde Major H. L. Nathan, Mitglied des Unterhauses, I zum stellvertretenden Grafschaftsstatthall^r von London i «mannt. * Wer stört die österreichische Aufbau «Arbeitt Im vollen Schein des Tages und fast ohne Risiko hat ein gewisser Teil der österreichischen Presse die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs verdächtigt und beleidigt. Es gehörte sozusagen «um guten Ton, ja es War fast die Legitimation für Heimattreue, den Juden als den Schädling, den Feind des Landes hinzustellen. Einzelne Zeltungen wetteiferten hierin mit der getarnten Nazipresse, als wollten sie dieser den antisemitischen Wind aus den Segeln nehmen. Den Rekord leistete sich das „V/icner Montagblatt", die montägllche Stimme der Christlichsozialen, will sagen deutsch-christlichen, vaterländisch Jegitimiterten „Reichspost". So wagte es dieses Organ beispielsweise am 26. März dieses Jahres, nnter dem Titel „Die Schmarotzer" die jüdischen Aerzte Im allgemeinen und eine mit Namen bezeichnete Reihe im besonderen gemeinster Handlungen an den „arischen" Patienten und Patientinnen zu beschuldigen und deren Eliminierung im Namen der Ethik, der wirtschaftlichen Notwendigkeit und des völkischen Gedankens zu lordern. Mehr als 30 Wochen sind seither vergangen. Oesterreich hat stürmische Tage erlebt. Es wurde sichtbar, wer die Elemente sind, die Oesterreichs Namen schänden. Es waren keine jüdischen darunter: keine jüdischen Aerzte und auch keine anderen Berufsträger. Heute endlich, nach mehr als dreißig Wochen, sieht sich das Wiener Montagblatt genötigt, seine Beschuldigungen in bezug auf die namentlich angeführten jüdischen Aerzte zurückzuziehen, seine unerhörten Anwürfe zu widerrufen. Scheinbar unter dem Druck eines ungünstig ausgefallenen Gerichtsverfahrens, bzw. um einem empfindlichen Urteil zu entgehen, veröffentlicht das Blatt eine Erklärung, worin es heißt, das Blatt habe „keinen Anlaß, an der Ehrenhaftigkeit... (der genannte judischen Aerzte und Aerztinnen) zu zweifeln" und bedauere, daß bei den Lesern des seinerzeitigen Aufsatzes „Die Schmarotzer" ein solcher Eindruck entstanden sein könnte ... Die einzelnen im Widerruf genannten Aerzte sind, woran ja nicht zu zweifeln war, rehabilitiert. Wo bleibt aber die Zurückweisung der Beschuldigungen gegen die österreichische Judenschaft in ihrer Gesamtheit? Wo ist die Stimme zu hören, die solche Ausfälle als Störung der Aufbauarbeit, als Sabotierung des von den führenden Männern Oesterreichs inaugurierten inneren Friedens zurückweist? Arievparagrapli in der Londoner City Die Londoner „News Chronicle" meldet: Der 24jährige Sohn des Londoner Rothschild, Baron Viktor Rothschild, besuchte mit seiner Frau Miß Barbara Hutchinson ein City-Klubrestaurant. Beim Eintreten hielt ihn der Manager des Restaurants an und fragte?hn, ob er Jude sei. Als Viktor Rothschild diese Frage bejahte, forderte der Manager ihn auf, das Lokal zu verlassen, da hier einem Juden nicht serviert werde. „News Chronicle" macht hiezu die Bemerkung, daß dieses Abenteuer an Nazideutschland erinnere, läßt sich aber nicht in die Untersuchung ein, ob es auf die intensive Propaganda des deutschen Hakenkreuzes zurückzuführen sei. Mehrere englische Blätter stellen fest, daß die Engländer die Mentalität des heutigen Barbaren-Deutschland noch nicht ganz erfaßt haben und daß ihre sogenannte „Objektivität" an gewissen Erscheinungen in der englischen Oeffentlichkeit schuld sei. Illegale Araber Mit einer Intensität und Offenheit, die sonst dem englischen Verwaltungssystem nicht eigen ist, wird die Verfolgung der „illegalen" jüdischen Einwanderung fortgesetzt. Jede Woche berichten palästinensische Blätter über Verhaftung und Deponierung sogar von Frauen und Kindern, die noch einige Monate im Gefängnis schmachten, bevor sie des Landes verwiesen werden. Wieviel Leiden die Betroffenen zu erdulden, wieviel Opfer sie zu bringen haben, nur weil sie in ihr Heimatland zurückkehren wollen, ist unbeschreiblich. Nun hat die Palästina-Regierung ein neues Maffia- System ersonnen. Sie bedient sich arabischer Spitzel, eines sogenannten Geheimdienstes, um die „Menschenjagd" noch gründlicher zu betreiben. Daß der jüdische Jlschuw Gegenmaßnahmen gegen diesen arabischen Geheimdienst organisiert, indem junge Leute im ganzen Land Freiwilligenkorps zusammenstellen, welche die Grenzen gegen die „beunruhigend hohe unerlaubte arabische Einwanderung" schützen, muß al« die natürlichste Reaktion gewertet werden. Aber die Palästina-Regierung ihrerseits will ihre Neutralität bezeugen. Sie hat eine Zählung der in Palästina arbeitenden landfremden Araber angeordnet, und zwar derjenigen, die „in den letzten Monaten" (1) eingewandert sind. Man spricht bereits von 30.000 bis 35.000 aus Houran und 10.000 aus Dschebel-Drua eingewanderten Arabern, die durchwegs Beschäftigung gefunden haben und ihre Ersparnisse den zurückgebliebenen Angehörigen schicken. Was wird mit diesen illegalen Arabern ge» schehen? Werden auch dle«e zuerst verhaftet, dann zu Gefängnis verurteilt und schließlich des Landei verwiesen werden? Der Herr Oberhommissär Sir Wauchope soll antworten. Die geistige Lage des Juden von heule In der Tel-Awiwer Zeitung der sozialistischen Arbeiterpartei Palästinas, „Dawar", findet sich «ina Betrachtung, die dem Problem der Haltung der jüdischen Intelligenz und der hebräischen Literatur zur Religion gewidmet ist. Bedeutet schon das Thema im Rahmen des „Dawar" eine Ueberraschung, so steigert sich diese noch, wenn man erfährt, daß Elieser Steinmann der Urheber der Betrachtung ist. Sah man doch in Steinmann bisher den extremen Verächter des jüdischen Städteis, der Tradition, den Mann, der ausschließlich die drängenden Fragen und Formen der Zeit in den Kreis der Behandlung einbezogen sehen wollte. Steinmann, ein gründlicher Essayist und Kenner der Materie, stellt zunächst fest, daß die religiöse Frage fastkelnenRaum mehr in der modernen hebräischen Literatur einnimmt, obwohl fast jedes hebräische Wort und jeder hebräische Satz, den wir aussprechen, den Nachklang des starken religiösen Lebens in sich trägt, obzwar fast jedes jüdische Lied von religiösen Quellen gespeist wird. Die Ursache liegt nach Steinmann darin, daß das Neuhebräische sich ganz neue Gebiete des Lebens erschließen und bisher unbekannte Probleme sozialer, kolonisatorischer und politischer Art verarbeiten mußte. Die großen Fragen, mit denen sich der jüdische Mensch und die hebräische Literatur beschäftigten, traten zurück gegenüber den drängenden Fragen der Gegenwart, die durch den Aufbau Palästinas entstanden sind. Dazu kommt noch, daß das religiöse Problem unter dem Aspekt vernachlässigt wurde, der neue Jude brauche keine Religion mehr. Gerade die marxistischen Jünger in Palästina sind es, die — wie überall in Europa — nur von konkreten Angelegenheiten gesprochen wissen wollen, von den Dingen des Alltags, dem sie zufolge ihrer materialistischen Weltauffassung unterworfen sind. Steinmann, bisher ein Anhänger der „linken** Ideologie, bekennt sich heute zu dem Glauben, daß das! Volk sich nicht von den konkreten Dingen des Alltags abspeisen lasse, vielmehr nach dem Urgrund der Dinge strebe. Wer dies anders sehe, verstehe nicht das Wesen des jüdischen Volkes. Wenn man dem Volk dia religiösen Probleme vorenthalte, greife es nach Ideologien, die ihm als Religionsersatz dargeboten werden. Dem vorzüglichen Essayisten Steinmann macht die materialistische Auffassung seiner linken Freunde groß© Sorge. Daß er gerade im Organ der Linken für die Notwendigkeit des jüdischen Menschen eintritt, über den Alltag hinaus in die Tiefe der Dinge zu blicken, ist sehr bezeichnend und für Steinmann ehrenvoll, Dienstag, den 14. August (Abschluß der Scheloschim), halb 8 Uhr abends, findet im Tempel, XX, Kluckygasse 11, ein feierlädier Trauergottesdienst für Ch* N* Bialik statt Arabische Faschisten und Antisemitismus Sir Oswald Mosley — wir berichteten bereits darüber — hat die Absieht, persönlich in Palästina eine faschistische arabische Organisation ins Leben zu rufen. Stimmungsmäßig muß so etwas wie eine faschistische Mentalität in gewissen arabischen Kreisen vorhanden sein, sonst würde ein Engländer, dazu noch einer, der mit seinem eigenen Geld im Orient etwas unternehmen will, sich nicht an einem „vagen Experiment" beteiligen. Eine Ergänzung zu dieser Nachricht: Italienische Blätter berichten, daß der Vizebürgermeister von Jerusalem Fakri Bey Nashashibi, ein Freund des Emirs von Transjordanien, in Palästina eine faschistische Partei organisiere. Als Vorbild gelte die faschistische Bewegung Italiens. Die Partei werde eine — „Arbeiterpartei'* sein, die eine moralische und wirtschaftliche Erneuerung Palästinas und eine Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterklasse anstrebe. „Giornale d'Italia, das offizielle faschistische Organ, das diese Meldung verbreitet, gibt noch weitere Informationen. Die in Bildung begriffene faschistische Partei soll ein Kompromiß mit dem Zionismus anstreben. In welcher Weise, wird hier nicht gesagt. Deutlicher wird die Meldung in einem anderen Punkt: Die Hauptaufgabe der neuen Partei bestehe darin, sozialistische und kommunistische Tendenzen zu bekämpfen. Auf Palästina angewendet, kann ea nur tedeuta^