Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-08-14 · Heft 390 (14.8.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 390 (14.8.1934)
Date
1934-08-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712013--4536-2718031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Preis 10 Groschen f ahtgang 8 Wemtoq, den 14« August 1994 Mto* 390 Zeitung vom Verleger veiaendet „Jonmal expediö par 1'ealtear* BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.-; Polen monatlich Zloty 2.~, vierteljährig Zloty 6.-; Tschechoslowakei monatlich Keß.-, vierteljährig Kc 15.-; Jngoslawien monatlich Dinar ^-.vierteljährig Dinar 40.—; Bnmänien monatUch Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—: Deutschland monatlich Mark 1.-,. vierteljährig Mark 3.-; Bulgarien monaüich Lewa 40.-, vierteljährig Lewa 120.-; "alien monatlich Lire 5.-, vierteljährig Lire 14,-; Schwei« und die übrigen Lander monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag REVUE Sdireckensbilder vom afrikanischen Pogrom Die letzten Nachrichten Die (einlaufenden Schilderungen über die Einzelheiten der blutigen Ereignisse in Constantine geben das Bild eines furchtbaren Pogroms, bei dem in bestialischer Weise eine große Anzahl Juden, darunter Frauen und Kinder, niedergemetzelt wurde. Man nimmt an, daß gewerbsmäßige Hetzer die Arrangeure sind. Die Leichen der Opfer, unter denen Greise und Kinder sind, weisen fürchterliche Verletzungen auf. So sind an manchen Leichen eine Unzahl von Messerstichen über den ganzen Körper, bei anderen eingeschlagene Schädel zu sehen. Die Zahl der Toten, die offiziell mit 27, und die der Verletzten, die mit etwa 20 angegeben wird, dürfte laut privaten Mitteilungen wesentlich höher sein. Die angegriffenen Juden hatten sich verzweifelt gewehrt, konnten aber ihrem schrecklichen Schicksal nicht entgehen, da nicht rechtzeitig Hilfe kam. Nunmehr, reichlich spät, sind seitens der Regierung alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden, um bei einem etwaigen Wiederaufflackern der Unruhen sofort durchgreifen zu können. Von Gendarmerie und Militär wurden etwa 80 Verhaftungen vorgenommen. Dem „Paris Soir" zufolge sind mindestens 40 Personen getötet und 20 verletzt worden. Der Sonderkorrespondent des genannten Blattes berichtet, daß sich die Stadt praktisch im Belagerungszustand befindet. Das Judenviertel von Constantine bietet ein Bild grauenhafter Zerstörung. Sämtliche Geschäfte sind demoliert und der Großteil der Häuser niedergebrannt. Nur jene Gebäude, welche die Aufschrift „Christliches Haus" trugen, blieben verschont. Im Laufe des Sonntags mußten sich hier furchtbare Schreckensszenen abgespielt haben. Die Araber haben mit barbarischer Grausamkeit gewütet.. Die meisten Todesopfer haben die Kehle durchschnitten. Unter den Tot^n befinden sich auch mehrere Kinder. In den letzten Tagen macht sich auch in der algeri-, sehen-Hauptstadt Algier eine starke antisemitische Agitation bemerkbar; Die Truppen der Garnison werden bereitgehalten und dürfen die Kasernen nicht verlassen. * Wie H a v a s meldet, wurden zur Sicherung der Ruhe militärische Verstärkungen nach Constantine berufen, so daß der letzte Tag in Ruhe verlaufen ist. Für das Begräbnis der getöteten Juden wurden besondere Sicherheitsmaßnahmen getroffen. „Le Matin" berichtet aus Constantine, daß die Zahl der Toten 100 übersteige und daß es auch in anderen algerischen Städten zu Zusammenstößen gekommen sei. * Das Begräbnis der jüdischen Pogromopfer Mittwoch, den 8. August, wurden in Constantine die bei den Pogromausschreitungen am Sonntag und Montaggetöteten Juden beigesetzt. Auf Anweisung von behördlicher und jüdischer Seite geschah die Beisetzung in aller Stille unter Bewachung durch Militär und Polizei. * Ueber die furchtbaren Einzelheiten der Schreckenstage meldet der nach Constantine entsandte J. T. A.¬ Vertreter u. a.: Als ich in Constantine eintraf, bot sich mir ein Bild des Schreckens: Ich sah jüdische Mädchen mit abgeschnittenen Brüsten, kleine jüdische Kinder mit tödlichen Messerstichen, ganze Familien, die, in ihre Häuser eingeschlossen ,mit diesem zusammen verbrannten, alte, graubärtige Juden mit Wunden übersät. Es wird Tage dauern, bevor die Welt ein Bild all der Scheußlichkeiten erhält, die während des Pogroms sich ereigneten. Das Judenghetto gleicht einem Trümmerhaufen und ist von Militär stark bewacht. Die meisten Häuser sind gänzlich verödet. Zwei der bekanntesten jüdischen Familien, Haiini und Dadoun, sind vollkommen ausgerottet. Der jüdische Buchdrucker Attali, dessen Kinder alle getötet wurden, und der selbst, ebenso wie seine Frau, schwer verwundet ist, erzählte mir, die von den Arabern während des Pogroms verübten Brutalitäten wären fürchterlicher gewesen als die spanische Inquisition. Ich selbst sah zwei jüdische Mädchen, denen die Brüste abgeschnitten worden waren, und die mit dem Tode rangen. Die Stadt ist jetzt ruhig, aber die Behörden sind auf alles vorbereitet, Generalgo.uveraeur Carde erklärte vor seiner Abreise nach Algerien dem J. T. A.-Vertret;er, gegen die verbrecherischen Diemente würden die schärfsten Mäßnahmen getroffen werden. Wenn die Unruhen nicht sofort unterdrückt werden konnten, so sei dies darin begründet, daß das alte Ghetto ein wahres Labyrinth sei, in dem sich die Araber strategisch besser zurechtfänden als die neuangekommenen Truppen. * Wie der J. T. A.-Korrespondent meldet, hatten sich die antijüdischen Unruhen auch auf die Stadtschaften H a m m a, Bizot und Ainbeida ausgedehnt. Es wurden auch dort viele Juden getötet. * Bisher wurden 300 Personen, die am Pogrom beteiligt waren, verhaftet. „Paris Soir" meldet aus Algier, daß es gestern auch in den Ortschaften Debessa und Jemnapes, welche im Departement Constantine liegen« zu ernsten antisemitischen Ausschreitungen gekommen ist. Zahlreiche jüdische Geschäfte wurden von den Mohammedanern geplündert und niedergebrannt. * Wie der Korrespondent des „Daily Heral d" von einer algerischen Autorität erfährt, bilden die Unruhen in Algerien nur einen Teil des faschistischen a n t i j ü d i s c h e n Feldzuges, der in ganz Nordafrika durchgeführt wird. Demgegenüber hat Generalgouverneur Carde erklärt, die wirklich Schuldigen seien professionelle rote Agitatoren, die die Gelegenheit nützten, um Unruhe hervorzurufen. Wie „Daily Herald" weiter meldet, ist in Constantine die Ruhe wieder hergestellt. Truppen besetzten die arabischen Vierteln. * Aus der Pogromstadt Constantine wird gemeldet: Nach der Rückkehr des. Gouverneurs von Algier Carde aus Paris wurden Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt sowie in den umliegenden Orten, auf die sich die antisemitischen Ausschreitungen ausgedehnt hatten, getroffen. Trotzdem der 11. AugU3t.-ruhig. verJaufen ist, herrscht noch immer unter der jüdischen Bevölkerung große Unruhe, da die antisemitische Hetzagitation unter der arabischen Bevölkerung fortgesetzt wird. Die Behörden sind der Ansicht, daß die Ordnung nunmehr bereits vollkommen wieder hergestellt ist. D i e Juden aber nicht! Die Läden an den Fenstern der jüdischen Häuser bleiben weiterhin geschlossen. Die Aerzte in den überfüllten Krankenhäusern erklären, sie hätten selbst im Kriege nicht so gräßliche Verletzungen gesehen, wie bei den Opfern des Massakers. Der in. Constantine eingetroffene Generalgouverneur Carde hat das Judenviertel inspiziert und den Umfang der dort angerichteten Verwüstungen festgestellt. Als Ursache der antisemitischen Ausschreitungen bezeichnet die französische Presse der Linken die faschistische Propaganda, während die Presse der Rechten sie in religiösem Fanatismus und kommunistischen Treibereien sieht. Der jüdische Soldat E1 i e K a I i f a, der in betrunkenem Zustand durch eine Provokation in der Moschee den unmittelbaren Anlaß zum Ausbruch der Unruhen gegeben haben soll, wurde von den Militärbehörden verhaftet. Aus den noch immer einlaufenden Schilderungen der Entsetzen erregenden Nüedermetzlung der Juden in Constantine und den umliegenden Orten ist zu ersehen, daß dieser Pogrom die in Algier, Tunis und Französisch-Nordafrika bisher öfter aufgetretenen antijüdischen Ausschreitungen an Furchtbarkeit weit übertrifft. Die Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus in Paris richtete an den Gouverneur von Algier, Carde, ein Schreiben, in dem darauf hingewiesen wird, daß die algerische Sektion der Liga bereit ist, einen Selbstschutz zu stellen, wenn es den Behörden allein nicht gelingen sollte, der Unruhen Herr zu werden. * Aus London: „Times" erklärt in ihrem Bericht über die Vorfälle in Algerien, das Massaker sei offenkündig planmäßig vorbereitet gewesen. Das sei daraus zu ersehen, daß die Mohammedaner, um keinen Verdacht zu erwecken, zu zwei bis drei Mann ins Judenviertel kamen. „In dem Bericht der „Times" heißt es weiter, die jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser seien systematisch angegriffen, geplündert und beschossen worden, die Bewohner habe man auf die Straße geschleppt und dort ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht wie Schafe hingeschlachtet. * Weitere Nachrichten Aus Paris (J. T. A.): Die Lage ist noch immer äußerst gespannt. Es herrscht Besorgnis um das Schicksal vieler Familien, die auf entlegenen Gehöften und In kleinen, von wilden Stämmen umlageren Städten leben. Man rechnet damit, daß diese Familien niedergemetzelt wurden. Die erste Liste der Todesopfer enthält die Namen von vierKindern und vierFrauen. Unter den Getöteten befindet sich auch der bekannte Zionist Attali, ehemals Redakteur der zionistischen Zeitung „La Verite". Gestern sind zwei während der Ausschreitungen schwer verletzte Juden im Krankenkaus gestorben; 40 weitere Schwerverletzte schweben in Lebensgefahr. In Ain Beida gelang es dem Militär, neu aufflackernde Ausbrüche im Keime zu ersticken. Es wurde eine Sammlung für die Familien der Opfer eröffnet. Photographische Aufnahmen, die aus Constantine hier eintreffen, zeigen das jüdische Viertel in einem Zustand unbeschreiblicher Verwüstung. Juden wandern wehklagend unter den Ruinen ihrer Häuser umher. Die Straßen sind besät mit zertrümmerten Möbelstücken und von den Plünderern zurückgelassenen Gegenständen. Truppen graben Leichen aus den Trümmern. Militärpatrouillen sind auf der Wacht, um Plünderungen der verlassenen Häuser zu verhüten. Die gesamte jüdische Bevölkerung ist ruiniert. Der durch die Plünderungen angerichtete Sachschaden wird amtlich auf mehr als 50 Millionen Francs geschätzt. Von den bei den Unruhen in Constantine Festgenommenen sind bisher 144 Personen in Haft behalten worden, die der Plünderung, des Diebstahls, des unbefugten Waffentragens, der Hehlerei und des Mordes beschuldigt werden. Obgleich die Ruhe in den Straßen Constantine» wieder hergestellt zu sein scheint, bleiben die Truppen vorläufig noch in der Stadt. * Aus Tunis: Hier wird befürchtet, daß die algerischen Unruhen auf die Mohammedaner in Tanis übergreifen könnte. Es werden entsprechende Vor»« beugungsmaßnahmen getroffen. Die feinselige Stimmung mancher Kreise der mohammedanischen Bevölkerung kömmt in Beschimpfungen der Juden zum Ausdruck. Aus Sl ax werden einige Meinere Zwischenfälle infolge der erregten Atmosphäre gemeldet. Kann e§ Frieden im Zionismus geben! Zum Vorschlag der Revisionisten Der innere Kampf in der zionistischen Weltorganisation und in Palästina, also im lebenden Judentum, hat einen Charakter angenommen, welcher in fürchterlicher Weise an die Zustände im jüdischen Volke vor der zweiten Zerstörung des jüdischen Reiches erinnert. Es wäre nutzlos und schädlich, verhüllen zu wollen, daß die Gegensätze weit über das Ausmaß von Fraktionsstreitigkeiten bis zur Zerrissenheit und jenem Punkte gediehen sind, wo die Vernichtung des jüdischen Gegners zur Hauptsache wird und das gemeinsame Streben nach einem gemeinsamen jüdischen Ziel schwindet. Wie vor der Zerstörung de« zweiten jüdischen Reiches. Daran mögen alle jene Zionisten denken, die da glauben, durch wehmütige Klagen über „Unverträglichkeit" und häufigen Gebrauch der Worte „Frieden" und „Einigkeit" einem tödlichen Uebel beikommen zu können, das viel tiefer sitzt als Streitsucht von Personen und Gruppen. Daran muß man auch denken, wenn man den jetzt von der zionistisch-revisionistischen Union an die Adresse der Arbeiterpartei (Mapaj), gerichteten Verhandlungsvorschlag richtig einschätzen will. Union und Arbeiterpartei sind die Hauptexponenten im jetzt tobenden innerzionistischen Kampf und es ist gewiß ein menschlich schöner Zug, daß aus wütendsten Kämpfen heraus gerade die Revisionisten der an der Macht sitzenden Arbeiterpartei die Hand entgegenstrecken und unmittelbare Verhandlungen zwischen beiden Parteien verlangen, um einen „modus vivendi" zu suchen. Das ist schön, aber es reicht nicht an den Kern des Problems. Es ist gewiß nicht gut, wenn man sich Köpfe blutigschlägt, Fensterscheiben eindrischt, Versammlungen sprengt. Aber nicht darum geht es, nicht um einen „modus vivendi", sondern um den Zionismus. Vor Theodor Herzl hat es keinen jüdischen Einheitsgedanken gegeben, und ohne die Herzische Idee wird es keinen jüdischen Einheitswillen geben. Vor Herzl war das Judentum uneinheitlich, zerrissen, und wenn seine MITTELMEER - REISE PÄLÄST,NaÄR1ESTflENNd Abfahrt: 2. September morgens mit der „ROMA" (36.000 t) Preis für die Schiffahrt Neapel-Neapel aufwärts von S COM PASS TOURS IX, SPITAI.aAME3,Tel.B.<«.5.38 342-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.