Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 388 (7.8.1934)
- Date
- 1934-08-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 388 DIE NEUE WELT Seite 3 RUNDSCHAU Beamten-Aristokratie oder: Wie der Herrgott in Frankreich Gott sei Dunk, wir haben bereit's etwas in Erez Israel, das man die ..gute GesellschafI" nennt; exklusive Kreise; Menschen, zu denen man nur mit Empfehlungen 'Antritt hat; eine neue Aristokratie, zum erstenmal seit 2000 Jahren. I ml da sage man noch, daß mir ein armes, geplagtes Volk sind. Der Reiseberichtcrstat(er des ..Hamburger Israelitischen J umilienblul ts" gibt nämlich folgende höchst lesenswerte Schilderung dieser guten Gesellschaft. die sieb's gehen läßt mie der Herrgott in Frankreich: Es gibt so etwas wie eine „gute. Gesellschaft" im jüdischen Jerusalem, eine Society deutschjüdischer, englisch-jüdischer, amerikanisch-jüdischer Akademiker, Funktionäre der Jewish Agcncy, des Keren Hajesso d, des Jüdischen Nationalfonds, der „akkreditierten" (und der zahlreichen unakkreditierten) Journalisten, und der jüdischen Jerusalemer Großkaufleute westeuropäischer Herkunft. Nicht zu vergessen: die Dozenten der hebräischen Universität, die Lektoren der Nationalbibliothek, die Lehrer der Seminare und der Jevusalemer jüdischen Schulen. Für das Bestehen dieser „guten Gesellschaft" ist vielleicht nichts so bezeichnend wie die Tatsache der „jours fixes", feststehender Empfangsnachmittage, auf denen sich „Kreise" gebildeter Menschen gleicher Interessen und gleicher Lebensauffassung treffen. Es gibt drei derartige Kreise, wie man mir sagte: den einen im Hause des Professors F . . ., des Agrikulturchemikers der Universität — um ihn und seine Gattin versammeln sich vornehmlich Menschen wissenschaftlicher Neigung —; den zweiten im Hause des Dr. T . . ., eines bekannten Jerusalemer jüdischen Augenarztes — dort spricht „man" Über Literatur —; und den letzten in den Räumen Dr. Arje F . . . s, eines anderen Okulisten, der an einem bestimmten Nachmittag der Woche, an seinem jour fix, Musikliebende und Musikausübende um sich schart. Ich machte Dr. F . . ., dem zuletzt Genannten, einen Besuch, sorgsam mit Empfehlungen gemeinsamer Bekannten versehen. (Um zu diesen Kreisen in Fühlung zu kommen, empfiehlt es sich, mit derartigen Referenzen vorzusprechen, ich überlasse es dem Standpunkt des Lesers, diese Tatsache zu begrüßen oder zu kritisieren.) Sein Haus — es ist ein Haus, nicht etwa nur eine Mietswohnung — liegt in einer stillen, vornehmen Seitenstraße der Jaffa-Road; inmitten eines Gartens, dessen Blumenpracht sich, befindet man sich erst hinter der hohen, alles abschließenden Mauer auftut. Maulbeerbäume und Zitronenbäume beschatten die Beete. Der Hausherr hat sich das Gebäude offenbar nach eigenen Ideen, mit außerordentlichem Geschmack eingerichtet. Bucharische, afghanische Seidenteppiche auf den Fußböden, an den Wänden; niedrige orientalische Rauchtische; eigenartige Bilder; kostbares Kristall in uneuropäischer Schleifart wechselt mit ernsten, bücherbedeckten Wänden, mit Bildern "bedeutender Mediziner ab . . . Ruhe, selbstverständliche Behaglichkeit, Gelassenheit und der unsagbare Zauber des märchenhaften Ostens erfüllen die Atmosphäre aufs Geheimnisvollste. Dieser unsagbare Zauber hat natürlich seine Quelle. Die Jeiuish Agancy hat erst kürzlich mit geschwelltem. Bauch gemeldet, daß da und dort die Keren Hnjessod-Eingüngc gestiegen seien, und daß das jüdische Volk i'erständnis für die A'olwencligkeil der nationalen Fonds aufbringe. Es bringt so viel Verständnis auf. daß es sein letztes hergibt — und zwar den Fondsreisenden, die sammeln, betteln und schnorren ... Und wahrend Tausende junge Juden sich um Zertifikate anstellen, während hunderte „illegulc*> in j)aläslinensischen Gefüngiüssen schmachten, Irinken die Herren der erweiterten Agencij-Exekutwe und ihre Freunde auf dem Skopus aus kostbarem Kristall in uneuropäischer Schleifart. und schreiten mit pedikürten Füßen über buchtirische, afghanische Seidenteppiche ... Phantasien eines Wiener Realisten Der routinierte Zeilungsleser ist abgestumpft gegen die reisserischen Meldungen und Darstellungen einer geioissen Sorte von Schreibern, deren Aufgabe es sein sollte, sicli an die Wirklichkeit, Realität zu halten. Die Kühe oor dem Wiener Parlament, die Brieftasche des Wiener Versicherungsdirektors Dr. Berliner für die österreichische Reaktion, die letzten. Worte des in Wien verstorbenen Bialik hoben den fieser auf eine harte Wahrheitsprobe gestellt. Nun ist auch das allgemein-zionisliscJie Neio- Yorker „Morning Journal" in die. Reihe der Talaren- Blätter getreten — durch seine Wiener Korrespon* denlen, die sich Abu Reichmann und Leonofskij (?) nennen. Am 26, Juni veröffentlicht das „Morning Journal'6 unter dem Titel „Der blutige Sabbat in Wien infolge des Sluioskij-Urleils" einen Bericht, der wie folgt beginnt: „Solch einen stürmischen Sabbat, wie es der 9. Juni war, hat das Wiener Judentum noch nie mitgemacht. Es war dies ein Tag, reich an sonderbaren Erlebnissen, Skandalen und Ueberfällen von Juden an Juden ..." Man sieht förmlich, wie dem Wiener Korrespondenten des „Morning Journal"' oor lauter UebersdiiDung der Schaum vor dem Mund sieht, die Füllfeder geradezu zu bersten droht und das Kabel, das Vor Einführung des Parlaments Titich einer Mitteilung arabischer Zeitungen hat das britische KolonJalamt in London, nachdem es die offiziellen und nichtoffiziellen Berichte bezüglich der Schaffung eines Gesetzgebenden Rates (Parlament) in Palästina erhalten hat, beschlossen, an die Bildung dieser Körperschaft unverzüglich heranzutreten. Der GcsetzgelxMide Hat in Palästina soll zu seiner ersten Session für den Mai 1985 einberufen werden. Diese Körperschaft wird nicht aus einer Wahl hervorgehen, sondern deren Mivglicder-werden vom Oberkommissär ernannt werden. Wie die J. T. A. ans Itegierungski eisen erfährt, gilt die Schaffung eines Gesetzgebenden Rats durch dio Regierung als endgültig beschlossene Sache, hingegen ist der Termin seiner Einberufung noch nicht definitiv festgelegt. PalastinasMeiperiiing züdhtef illegale Einwanderung In einer Reihe von Aufsätzen, die mit dokumentarischem Material belegt waren, haben wir die Ungesetzmäßigkeit der jüdischen Einwanderungsbeschränkung durch die britische Mandatarmacht klargelegt und den von dieser geschaffenen Begriff „illegaler" Einwanderung zurückgewiesen. Besonders in der letzten Zeit haben die Maßnahmen der Palästina-Regierung gegen die sogenannten „illegalen" Immigranten an Schärfe zugenommen, in einem Zeitpunkt also, wo das aufblühende jüdische Land den krassesten Mangel an Arbeitshänden aufweist. Die soeben erschienene Nummer der dem Colonial Office nahestehenden Zeitschrift „N e a r East and I n d i a" behandelt unter anderem die illegale Einwanderung nach Palästina, wobei sie zu der bemerkenswerten Feststellung gelangt, daß diese Form der Einwanderung zum großen Teil auf die Einschränkung der gesetzmäßigen Einwanderung durch die Palästina-Regierung zurückzuführen ist. In dem Artikel heißt es unter anderem: „Die meisten der zahlreichen Versuche, ohne Erlaubnis in das Land zu kommen, müssen auf die Strenge gewisser Einschränkungen zurückgeführt werden; so können zum Beispiel Angehörige oder Verlobte von in Palästina ansässigen Personen infolge der starken Nachfrage keine Einreiseerlaubnisscheine bekommen und versuchen infolgedessen, unbemerkt das Land zu betreten. Ein zweiter Faktor in der illegalen Einwanderung ist zweifellos die Tätigkeit geheim arbeitender skrupelloser Agenturen in den Nachbarländern, die sich, wie es heißt, 50 bis 60 Pfund per Kopf für das Versprechen bezahlen lassen, ihre Opfr sicher nach Palästina (ein Land, das jetzt von „Gold und Geld" fließt) zu bringen, und sie, sobald sie sie über die Grenze gebracht haben, sich selbst überlassen, so daß die unerfahrenen Leute der Polizei in die Hände fallen. Der Kampf geht um die Behauptung der Jewish Agency, daß die Regierung die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit des Landes beträchtlich unterschätzt hat." die Meldung nach A en> York tragen soll, sich, vor Neugierde krümmt. Immerhin ist. die ganze Darstellung noch harmlos. .Inders bei Herrn Leonofskij, hinter dem der Schriftsteller Eeon Scludit zu stecken scheint. Am 22. Juli bringt, nämlich das „Morning Journal" eine spezielle kubelmeldung seines Wiener Korrespondenten. Sch. Leonofskij (Schuld Leon), die also lautet: „Als Resultat der Tatsache, daß Abraham Stawsky vom Obersten Gericht in Palästina freigesprochen wurde, hat sich gestern Abend (Freitag, den 20. Juli) eine schreckliche Sabbat-Schändung ereignet, welche die ganze hiesige Judengemeinde heftig erregt hat. Während man in der hiesigen .polnischen Schul' zu Abend betete, kam eine Bande von Trumpeldor- Kerlen in das Bethaus hinein und begann als Ausdruck ihrer Freude Uber Stawskys Freilassung revisionistische Lieder zu singen." Der Bericht steigert sich, zu einer überraschenden Pointe. Man. ..erfährt.'' aus ihm etwas, iüus man. auf Grund der bisherigen Erfahrung und des linken Programines nie für möglich gehalten hätte, nämlich: „Als man die Trumpeldoriten bat, den Gottesdienst nicht zu stören und das Singen einzustellen, riefen sie Pfui auf (Marx, erwache!!) mehrere Poale- Zionisten, die am Gottesdienst teilnahmen. Es entspann sich eine blutige Schlägerei und es traf Polizei ein, welche die Streitenden mit Gummiknüppeln auseinandertrieb. Heute Vormittags steht de Schul unter Polizeischutz." Der Realist Leonofsky hat Phantasie. Es wäre allerdings zweckmäßiger, wenn er sie auf einem anderen Gebiet, beispielsweise bei seiner Schriftstellerei, bekunden würde ... 27. August bis 6. September oder 27, September Wian-Krakau-Wien Wien - Lemberg—Wien $ 50.- S 78.- Wien, III., Rennweg t Telephon U-16-4-90 Ein Jüdisches Schiff mit deutschen » Unterwegs nach Palästina befindet sich zur Zeit ein Frachtschiff namens „A t i d", das Antwerpen mit 720 tons Ware verlassen hat. Die ganze Schiffsmannschaft besteht aus jungen jüdisch-deutschen Flüchtlingen. Der Kapitän des Schiffes ist ein Herr M. Rosenthal aus Hamburg, ein gewesener Offizier der deutschen Flotte. Nach dem Anlegen in Jaffa, Haifa, Port Said und verschiedenen Häfen des Aegäischen und Schwarzen Meeres wird „Atid" die Rückreise nach Belgien antreten. Einwanderung im Juni Wie amtlich mitgeteilt wird, sind im Juni 2722 Personen, unter ihnen 2519 Juden, nach Palästina eingewandert. 554 Einwanderer waren im Besitz eines Vorzeigegeldes von mindestens 1000 Pfund und sind mit ihren Angehörigen auf Grund von „Kapitalisten-Visen" .eingewandert. Von den österreichischen Vom Vorstand der Israelitischen Kbltusgemeinde erhalten wir folgende Mitteilung: Die Flut beunruhigender Berichte der Vorwoche, welche durch die erschütternden Ereignisse des 25. Juli ausgelöst wurde, hat auch unter den Wiener Juden eine gewisse Nervosität hervorgerufen. Es ist uns eine Mitteilung zugekommen, wonach jüdische Sommergäste persönlichen Belästigungen ausgesetzt gewesen sein sollen. Diese Mitteilung hat uns bestimmt, sofort bei den zuständigen Stellen Erkundigungen einzuziehen. Wir sind, auf Grund der uns zugekommenen authentischen Berichte in der Lage, dem jüdischen Publikum folgendes mitzuteilen: „In allen österreicliischcn Sommerfrischen und Kurorten herrscht völlige Ruhe. Das einheimische Publikum hat sieh gegenüber den jüdischen Sommergästen vollkommen einwandfrei verhalten, die lokalen Behörden sowie das Hotel- und Gastgewerbe zeigten Uberall das aufrichtige Bestreben, allen Kurgästen ohne Unterschied mit dem größten Entgegenkommen zu begegnen. Ks besteht für das jüdische Publikum kein wie immer gearteter Anlaß zu irgend welchen Bedenken, österreichische Fremdenverkehrsorte aufzusuchen und dort den Urlaub zu verbringen." Einwanderung deutscher Juden Einer kürzlich veröffentlichten statistischen Zusammenstellung ist zu entnehmen, daß seit Beginn des Jahres 1933 bis zum April .1934 über 15.000 Juden aus Deutschland eingewandert sind, während im Verlauf von zwölf Jahren bis 1933 insgesamt 1948 deutsche Juden sich in Palästina niedergelassen haben. Die Zwei-Millionen-Pfund-Anleihe In einer speziellen Ausgabe der „Officiei Gazette" wurde das Gesetz betreffs der Palästina- Anleihe in der Höhe von 2 Millionen Pfund, die auf Grund der parlamentarischen Sanktion von der britischen Regierung garantiert wurde, soeben veröffentlicht. Dia Anleihe wird durch die „Bank of England" durchgeführt. Austritt Farbsteins aus der Misrachi-Leitung In Tel-Awiw fand soeben eine Tagung des Zentralkomitees des M i s r a c h i statt, auf welchem Rabbi Fishmann die Mitteilung machte, daß Herr H. Farbstein wegen verschiedener Umstände aus der örtlichen Misrachi- Leitung ausgetreten sei. In die neue Leitung des palästinensischen Misrachi sind die Herren M. Bauminger, A. Perlmann und J. Warschafsky gewählt worden. Nachspiel zum Brith-Habirjonim-Prozeß Gegen den Herausgeber der revisionistischen Zeitschrift „Chasith Haam" Dr. Y e v i n, einen der Angeklagten im Brith-Habirjonim-Prozeß, ist erst jetzt das Urteil gesprochen worden. Dr. Yevin wurde wegen Geheimbündelei zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Das Verfahren gegen ihn war seinerzeit ausgesetzt worden, da er infolge Krankheit nicht vernehmungsfähig war. Bestrafte Illegale Das Gericht von Tiberias hat neun bucharische und vier s y r i s c he Juden, welche ohne Visa nach Palästina gekommen sind, zu zwei Monaten Gefängnis und anschließender Deportation verurteilt. Dr. David Bukspan geht nach Palästina Wie wir erfahren, wird Dr. David Bukspan, der Vorstand der zionistisch-revisionistischen Union Oesterreichs, in Kürze Wien verlassen und nach Palästina über-, siedeln. Samstag, den 4. August, fand im Klublokal der Z. A. V. „Ivria" ein Abschiedsabend statt, an der zahlreiche Freunde, Gesinnungsgenossen und Studienkollegen Dr. Bukspans teilnahmen und diesem die herzlichsten Wünsche für seinen neuen Wirkungskreis in Erea Israel mitgaben.