Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 385 (27.7.1934)
- Date
- 1934-07-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 385 DIE NEUE WELT Seite 5 Wa§ ist mit den deutschen Fluchtlangen geschehen? Aus London wird gemeldet: In einer in London abgehaltenen Pressekonferenz "berichtete der Oberkommissär für die deutschen Flüchtlinge, James G. McDonald, über die bisherigen Ergebnisse der Arbeit zur Wiederseßhaftmachung und wirtschaftlichen Eingliederung der im letzten Jahre aus Deutschland geflüchteten Personen. Er erklärte, die Zahl •derjenigen, die bereits endgültig eine Heimstätte gefunden haben, werden auf über 20.000 geschätzt. Palästina sei das Hauptnicderlassungsland für jüdische Flüchtlinge; abgesehen von den Tausenden, die unmittelbar aus Deutschland ihren Weg in dieses Land gefunden haben, sei man monatlich etwa hundert Personen behilflich, aus denjenigen Ländern Europas, in denen sie vorübergehend Aufenthalt genommen haben, nach Palästina auszuwandern. Annähernd 1500 Personen seien in den letzten sechs Monaten von den beiden wichtigsten jüdischen Auswanderer-Hilfsorganisationen, Hicem und Aglo-Hicem, nach Palästina und nach anderen überseeischen Ländern weitcrgeleitet worden. Etwa 600 von diesen seien nach Palästina gegangen. Weitere 600 Personen wurden durch die beiden Verbände in verschiedene europäische Länder zu dauernder Niederlassung gebracht. Die erwähnten und andere Organisationen bemühen sich, Unterbringungsmöglichkeiten in Handel, Industrie und Landwirtschaft in allen Ländern ausfindig zu machen, die für Einwanderung in Betracht kommen. Anschließend an diese allgemeinen Feststellungen, machte Oberkommissar MacDonald Mitteilungen über die dieser Tage in London abgehaltene Beratung einer Emigrations-Sachverständigenkommission. Auf der Tagung des Beirates des Oberkommissariats, die im Juni in Paris stattfand, sei vorgeschlagen worden, daß dem Büro des Oberkommissärs zunächst von allen Hilfskomitees genaue Berichte über die Zahl derjenigen, die zur Auswanderung entschlossen und geeignet sind, zugestellt werden und daß dann eine besondere, aus den Vertretern der Auswanderungsorganisationen zusammengesetzte Organisation auf Grund dieser Listen Pläne für die Uebersee-Auswanderung aufstellen solle. Es habe sich ergeben, daß für sofortige Auswanderung insgesamt etwa 4500 Menschen geeignet sind. Die durchschnittlichen Kosten des Transports in überseeische Länder und des Unterhalts bis zur Eingliederung in das wirtschaftliche Leben des neuen Landes seien mit 50 Pfund per Kopf berechnet worden, betrügen also insgesamt 225.000 Pfund. Diese Summe würde es ermöglichen, das Emigrationsproblem in seinem gegenwärtigen Stand fast in vollem Umfang zu lösen. Oberkommissar MacDonald wies darauf hin, daß eine der Aufgaben, der er sich sofort nach seiner Ernennung gewidmet habe, die Beschaffung von Identität s- und Reiseausweisen für die Auswanderer sei. Daß viele der aus Deutschland Ausgewanderten keinen gültigen Paß hatten, habe eine ernste Schwierigkeit gebildet. Für vier Kategorien von Personen habe Vorsorge getroffen werden müssen: a) für diejenigen, die einen deutschen Paß haben, aber seine Erneuerung durch die deutschen Konsulate nicht erlangen können; b) für diejenigen, die noch deutsche Reichsangehörige sind, aber keinen Paß haben; c) für diejenigen, die einen Staatenlos en-Paß oder einen, von den deutschen Behörden an Personen, deren Staatsangehörigkeit nicht feststeht, ausgegebenen „Fremdenpaß" besitzen, dessen Gültigkeit erloschen ist; d) für Personen, die durch Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit seit ihrer Auswanderung aus Deutschland staatenlos geworden sind. Zunächst habe man daran gedacht, ein neues Dokument nach der Art des für russische und armenische Flüchtlinge ausgegebenen „Nansen-Passes" zu schaffen, habe aber dann eine einfachere Lösung gefunden. In England, Polen und Schweden sind die Regierungen bereit, ein Dokument mit einjähriger Gültigkeitsdauer auszustellen. In anderen Ländern ist die Gültigkeit auf sechs Monate beschränkt, in anderen wiederum soll die Gültigkeitsdauer je nach den Umständen variieren. Es wurde beschlossen, zu empfehlen, daß dieses Reisedokument für die Erteilung von Visen in gleicher Weise anerkannt werden soll wie ein staatlicher Paß, und daß die Staaten den Ausgewanderten die Visa kostenlos ausstellen sollen. Diese Empfehlung wurde allen Staaten übermittelt, und man hofft, daß viele sie annehmen werden. Die Regierungskommission im Saargebiet hat sich bereit erklärt, den in diesem Gebiete registrierten Ausgewanderten einen dem von der Völkerbundkonferenz vorgeschlagenen Dokument entsprechenden Ausweis zu geben. Ueber die genauen Bedingungen für die Ausfolgung dieser Dokumente erteilen die großen Flüchtlingshilfsorganisationen Auskunft. * Aus Berlin wird gemeldet: Mit dem in der letzten Nummer der Informationsblätter des Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau veröffentlichten Bericht der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge wird eine Reihe von Arbeitsberichten des Zentralausschusses abgeschlossen. Die Wanderungsfragen werden im Zentralausschuß durch drei Organisationen bearbeitet: Auswanderer in die Länder außerhalb Palästinas, insbesondere nach Uebersee, werden vom Hilfsverein der deutschen Juden beraten und unterstützt. Für diejenigen Juden, die in ihre Heimatländer, insbesondere nach Osteuropa, zurückkehren, ist die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge zuständig. Die Palästina- Wanderung schließlich, soweit sie als Zertifikatseinwanderung durch den Zentralausschuß finanziert wird, leitet das P a 1 ä s t i n a - A m t der J e w i s h - A g e n c y für Deutschland. In dem Bericht wird mitgeteilt, daß in der Zeit vom April bis September 1933 6259 Personen durch den Hilfsverein befördert wurden. Vom Oktober bis Dezember 1933 wanderten mit Unterstützung des Hilfsvereins 1666 Personen aus. Das Palästina-Amt hat im abgelaufenen Jahr allein durch die Berliner Zentralstelle mehr als 30.000 Menschen beraten. Im Sommerhalbjahr standen gegenüber 6000 Gesuchen 1206 Zertifikate zur Verfügung, auf die 2182 Personen nach Palästina eingewandert sind. 4600 Gesuche wurden endgültig abgelehnt, 194 zurückgestellt. Für die erste Periode der Winter-Alijah standen von 1369 vorgesehenen Zertifikaten 959 zur Verfügung, auf die 1586 Personen abreisten. Die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge hatte sich 1933 mit der Rückwanderung von 1 8.6 94 Personen yu befassen. Abdul Med§dhid§ Ge$tfändns§§e Die J. T. A. meldet aus Jerusalem: Der Text der eidlich bekräftigten Eingabe über ein neuerliches Geständnis Abdul Medschids, an der Ermordung Dr. Arlosoroffs beteiligt gewesen zu sein, die R.-A. Dr. M. E 1 i a s h unmittelbar vor Beginn des Berufungsverfahrens im Stawsky-Prozeß an den Obei'sten Gerichtshof richtete, wurde soeben veröffentlicht. Er lautet: „Am Dienstag, den 19. Juli 1934, ungefähr um 11.30 Uhr vormittags, kam ich in das Jerusalemer Hauptgefängnis zum Zweck einer Unterredung mit Abdul Hamid Boukhari, mit dessen Verteidigung ich von seinen Verwandten einige Zeit vorher beauftragt worden war. Dies war mein erster Besuch bei ihm. Ich hatte es vermieden, ihn während der Durchführung des Arlosoroff- Prozesses, in dem er als Zeuge auftrat, zu besuchen. Ich richtete an ihn mehrere Fragen betreffend den Fall Lufti, die er beantwortete, und brachte dann mein Bedauern darüber zum Ausdruck, daß sich mein Besuch bei ihm hinausgezögert hatte. Ich setzte ihm die Gründe hiefür auseinander und dadurch kam unser Gespräch auf die von ihm im Arlosoroff-Prozeß gemachte Aussage. Er erklärte mir dann, daß die Aussage, die er gemacht hatte, falsch war; die Wahrheit sei, daß sein Bruder Abdul Medschid und I s s a e 1 Derwisch an dem Arlosoroff-Mord teilhatten, daß sein Bruder mit der Taschenlampe in Arlosoroffs Gesicht geleuchtet und Issa el Derwisch den Schuß abgegeben hat. Dies wisse or von seinem Bruder. Er sei von der Wahrheit dieses Berichtes vollkommen überzeugt. Bei seiner Vernehmung habe er darum in entgegengesetztem Sinn ausgesagt, weil er etwa zwei Monate lang in der „Zinzane" (Einzelzelle) gehalten worden sei und bei seiner Befragung durch die Polizei die Ueberzeugung gewonnen habe, man wünsche eine solche Aussage von ihm und es wäre für ihn das Beste, sie zu machen. Seit dem Prozeß habe er seinen Bruder nicht mehr gesehen. Man habe ihn von ihm' isoliert gehalten. An demselben Nachmittag sah ich Abdul Medschid Im Gefängnis. Icji Richtete an ihn mehrere Fragen be- Komplett eingerichtete, mehrere Jahre in Wien in Betrieb stehende Buchdruckerei wird nach Palästina verlegt. Gesellschafter mit Kapitalseinlage von S 15.000 bis S 20.000 gesucht. Zuschriften unter „Rascher Entschluß" an die Administration dieses Blattes. treffend den Fall Lufti und er sprach von der Unschuld seines Bruders und der Schuld Issas am Lufti-Mord. Sodann fragte ich ihn, ob Issa mit dem Arlosoroff-Mord etwas zu tun habe. Er antwortete: „Sie wissen, ich habe dies in Abrede gestellt". Ich fragte ihn, ob dies, d. h. die Verneinung, wahr wäre, und er sagte, das sei nicht der Fall; die Wahrheit sei, daß er und Issa den Mord an Arlosoroff verübt hätten. Er könne mich davon überzeugen, daß das, was er jetzt sage, wahr sei, indem er mir mit allen Einzelheiten jede Oertlichkeit angeben würde, zu der sie von der Unterhaltung im Mukhtar- Zirkus kamen, bis zu dem Augenblick, da sie davonliefen, darunter einige jüdische Lebensmittelgeschäfte, in denen sie gegessen hätten. Geleugnet habe er, weil man ihm gesagt habe, er werde für seine Tat gehängt werden. Er werde an der Ableugnung festhalten, bis man ihm versprechen werde, daß er für die Tat nicht gehängt werden würde. Arlosoroff sei durch eine Kugel von derselben Art getötet worden, wie man sie bei Issa gefunden habe. Seit dem Prozeß habe er seinen Bruder nicht gesehen, er sei von ihm isoliert gehalten worden." Ein Brief Jabotinskys an die //Neue Welt" Vladimir Jabotinsky, der Präsident der Union der Zionisten-Revisionisten, sandte an den Herausgeber der „Neuen Welt", Robert Stricker, ein Schreiben, dessen Inhalt sich auf den Freispruch Stawskys bezieht und das wir nachstehend wiedergeben. London, 21. Juli 1934. Sehr geehrter Herr Stricker! Gratuliere herzlich. „Die Neue Welt" hat nicht wenig beigetragen zu jener jüdischen Massenstimmung, die diese Wendung im Gericht erzwang... Ich bin sehr glücklich und weiß, daß Sie es auch sind. Ihr ergebener V. Jabotinsky. Unserer heutigen H Au§land§auflage H Hegen Rechnungen bei und B bitten wir um baldige Ente Hj riditung der Bezugsgebühr Palästina- und Mittelmeer- Gesellschattsreisen mit Rissansdiiffcn, 15. 7. ,,Roma" . . "34.000 tl 28. 8. „Vulcania" (*U00 t) 3./9. ,,Roma" . . (34.0101) zu äußerst günstigen Beoingungen Einzclraitcn zu fader Zeit zu Orfainatpraisen. NORDISCHES REISEBUREAU I, Seilergasse 3, Telephon R-24-2-7J Palästina-Reiseleitung: N. M. Racker Propaganda ffir Asshnilierung der Juden Jugoslawiens In Beograd hat sich unter der Leitung des früheren Gehilfen des Finanzministers Avram L e v i c ein Ausschuß jüdischer Assimilanten gebildet, d? im Einvernehmen mit der „Narodna odbrana" (Organisation für nationale Verteidigung) für ein engeres Zusan. menwirken der Juden mit dem Staatsvolk wirken will. Dieser Ausschuß wird ein Unterausschuß der „Narodna odbrana" sein. Sämtliche Zeitungen des Landes bringen diese Meldung ohne Kommentar. Die „Narodna odbrana" selbst hat zu dieser Aktion öffentlich noch keine Stellung genommen. Ueber die Aufgaben des jüdischen Assimilanten-Ausschusses wird u. a. mitgeteilt: „Innerhalb der zionistischen Internationale ist bekannt, wie die Juden im früheren Serbien und im heutigen Jugoslavien behandelt wurden, bezw. werden. Mehrmals wurde vor dem großen zionistischen Forum betont, daß Jugoslawien eine weitherzige Politik vollkommener Gleichberechtigung der Juden fortsetzt, wie sie schon das frühere Serbien gegenüber den Juden geübt hat. Als Serben jüdischen Glaubens haben sich die Juden in den vergangenen Kriegen für das Land geopfert, das ihre Heimat war und ist. Indessen ist die Haltung zahlreicher Juden, besonders in den früher ungarischen Gebieten, zum Staate, der ihnen weitestgehende Rechte einräumt, nicht die gleiche. Es wurde deshalb ein Ausschuß zur Nationalisierung der Juden im Staatssinne gebildet. Mit dieser Parole wird Herr Levic demnächst alle jüdischen Niederlassungen in Jugoslawien, vor allem die großen Zentren der Vojvodina, bereisen, um alle Volksgenossen aufzurufen, sich unter der nationalen Devise der ,.Narodna odbrana" zusammenzuschließen und ihre Kinder im jugoslawischen Geist zu erziehen. Das bedeutet nicht, daß die Juden veranlaßt werden sollen, sich von ihrem Glauben oder von ihren Volksgenossen in Palästina abzuwenden. Man kann Aktionen edler Menschen unterstützen; man kann auch sein Volk an den Ufern des Jordan im Lande der Vorväter fördern, man darf aber dabei nicht vergessen, daß Jugoslawien einer großen Zahl jüdischer Bürger Existenzmöglichkeit gibt und somit das Recht hat, von seinen Bürgern Loyalität zu verlangen." Diese Aktion der kleinen Assimilantengruppe hat im jugoslawischen Judentum um so mehr Mißfallen hervorgerufen, als alle Juden in Jugoslawien, auch die Zionisten extremster Richtung, sich ihrer Loyalität gegenüber dem jugoslawischen Staate stets bewußt waren. Zu den Vorgängen im Palästina-Amt Wie wir'bereits berichteten, ist es im Wiener Palästina-Amt durch die Bestellung des Herrn B. Schnittlich und im weiteren Verlauf durch die Manipulation mit den Zertifikaten zu einem schweren Konflikt gekommen. Die Judenstaatspartei Oesterreichs hat gegen die mißbräuchliche Verteilung der Palästina-Zertifikate entsprechenden Protest eingelegt. Wir erfahren nunmehr, daß das Wiener Palästina- Amt laut Verfügung der Zionistischen Exekutive seiner Funktionen enthoben und Herr Dr. Rothenberg, der stellvertretende Vorsitzende der Palästina-Amtskommission, bis auf weiteres mit der autonomen B'ührung sämtlicher Geschäfte des Palästina-Amtes betraut wurde. * In dem in der letzten Nummer der „Neuen Welt" erschienenen Bericht über „Mißbrauch mit Einwanderungszertifikaten", wurde die Mitteilung gemacht, daß sich der Vorsitzende des P. A., Herr Dr. Rothenberg, an der Abstimmung beteiligt habe. Wir stellen hiemit richtig, daß Herr Dr. A. Rothenberg an der Abstimmung nicht teilgenommen hat, da er als Vorsitzender des P. A. hiezu nicht berechtigt ist.