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Die neue Welt · 1934-07-27 · Heft 385 (27.7.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 385 (27.7.1934)
Date
1934-07-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 385 DIE NEUE WELT Seite 3 Der Dybuk i§t ausgetrieben Von Oskar Rosenfeid Wien, 26. Juli. Die Hoffnung, daß der Freispruch Stawskys, des letzten der drei „Gefangenen Zions", die Spannung lösen und einer ruhigen Betrachtung der Dinge Platz machen werde, hat sich nicht erfüllt. Die Erklärung der linken palästinensischen Arbeiter, daß Stawsky und Rosenblatt trotz des Freispruchs die Mörder Arlosoroffs seien, hatte kaum die Druckpresse verlassen, als schon ein neuer provokatorischer Streich — diesmal in der großen Synagoge von Tel-Awiw während des Gottesdienstes — von derselben Seite in Szene gesetzt wurde. Es gehört eine große Portion Zynismus und Verachtung gegenüber den elementarsten Gefühlen des jüdischen Jischuws dazu, zunächst die Erklärung „Wir werden kämpfen gegen Terror und Bürgerkrieg und werden das zionistische Lager in seiner früheren Reinheit wiederherstellen" abzugeben und unmittelbar darauf beim Sabbat-Gottesdienst Handlungen zu begehen, wie sie der Gottlosenbewcgung der russischen Marxisten entsprechen. Eine Meldung der J. T. A. aus Jerusalem vom 22. Juli besagt nämlich: „Gestern Abend ist es in Tel- Awiw wiederum zu einem Zusammenstoß zwischen Revisionisten und Mitgliedern der „Histadruth" gekommen, wobei mehrere Personen verletzt wurden." Diese Meldung findet folgende Fortsetzung: „Im Verlauf der Zusammenstöße, die am Sabbat \vä.hreucl des Gottesdienstes in der großen Synagoge in Tel-Awiw vorgekommen sind, wo Mitglieder der Histadruth den Versuch machten, zu verhindern, daß Stawsky zur Thora aufgerufen werde, ist der Polizeikorporal Silberg verwundet worden." Man benötigt eiserne Disziplin der Nerven und gleichzeitig den Blick für die großen Zusammenhänge, um zu erkennen, wie sich hier in nuce das marxistische Dogma, die Weltanschauung des vom Minderwertigkeitskomplex aufgepeitschten Massenmenschen, ausgetobt hat. „Wir werden kämpfen", rufen die marxistischen Kleinbürger aus und werfen mit Steinen und Bänken herum. Diese geistige Einstellung hat alle Akte mitbestimmt, die seitens der Histadruth in Palästina und seitens der Poale Zion in aller Welt gesetzt wurden. Heute die Kunststücke reproduzieren, mit denen diese Gruppen die jüdische Gasse, ja'die Weltmeinung blödmachen wollten; alle Verschleierungsversuche anführen, die dem Beibehalten der Macht dienten; die Vorspiegelung ethischer Forderungen demaskieren, in der sich insbesondere die führenden Herren der Linken in der zionistischen Exekutive gefielen, all das unternehmen — würde nicht dem Zweck dienen, dem allein wir uns unterstellt haben: der Rehabilitierung der schuldlos angeklagten patriotischen Zionisten und der Notwendigkeit, ihnen Satisfaktion zu verschaffen. Das sittliche Bewußtsein der jüdischen Welt hat zwar schon durch die zahlreichen Aufrufe für die drei Zionisten gesprochen, es hat auch schon sein Urteil gefällt über die kleinen Krächzer und Maulwürfe, die im Dawar, in der „Jüdischen Rundschau", im „Warschauer Hajnt" ihr Unwesen getrieben haben; nichtsdestoweniger ist eine Formel zur endgültigen Eliminierung dieser und ähnlicher Elemente erforderlich. Es darf nicht mehr vorkommen, daß diese und ähnliche Elemente den frevelhaften Mut aufbringen, sich der jüdischen Gasse als Wortführer in Dingen der Politik, der Moral, der Ethik, der Kultur, der jüdischen Verantwortungs- und Schicksalsgemeinschaft darzubieten. Mit ihrer Duldung muß ein Ende gemacht werden. Sie eines Besseren zu belehren, erscheint mir aussichtslos. Sie müssen unter der allgemeinen Verachtung abtreten. Denn wenn sie innerhalb der letzten 13 Monate noch die Ausrede für sich hatten, daß die Mentalität von rechts, die Haßerziehung der sogenannten Birjonim, zu einer Abwehr mit jedem erdenklichen Mittel verpflichte, ja herausfordere, so hat das Urteil, ja sogar die schwammige Urteilsbegründung — insbesondere nach dem Freispruch von Achimeir — ihrem guten Glauben den Boden entzogen. Der Freisprudi Man muß das Urteil des englischen Gerichts zu lesen verstehen. Das Urteil sagt zunächst, daß die Aussage der Frau Arlosoroff (d. h. ihre Identifizierung Stawskys) durch die verschiedenen, von der Verteidigung vorgebrachten Momente nicht erschüttert worden sei; „nicht erschüttert" heißt fast „ziemlich stark lädiert". Das Gericht stellt weiters fest, daß die Aussage einer Person vor einem Gericht in England zu einer Verurteilung ausgereicht hätte. Gewiß, aber nur für den Fall, daß Frau Arlosoroff dem Gericht in England als hundertprozentig einwandfreie Zeugin erschienen wäre. Und das wäre bei Gott nicht der Fall gewesen. Im Gegenteil: In England wäre Frau Arlosoroff nach ihren widersprechenden Aussagen und Agnoszierungen ä tempo wegen falscher Zeugenaussage belangt, wegen Irreführung der Behörde in Haft gesetzt worden. In England wäre es auf Grund einer Zeugenaussage ä la Sima Arlosoroff niemals zu einer Anklage gekommen. Aber das Gericht muß weiter zugeben: daß Einzelheiten des Untersuchungsergebnisses dem Verteidiger nicht vorgelegt wurden; daß die brave Sima, die Genossin der Herren von der Mapai, sich bei ihrer Identifizierung Stawskys der Mithilfe des Polizeiinspektors Stafford bediente; daß Mosche Weisers Zeugenaussage ein Bluff sei; daß die Spurensucher-Bekundung nicht zureiche. Wäre das Gericht auch nur einen Augenblick lang bezüglich der Unschuld Stawskys im Zweifel gewesen, so hätte es den Fall an die erste Instanz rückverwiesen. Aber das englische Gericht, bedächtiger als die Histadruth-Leute, die Moraltrompeter der II. Internationale, ließ sich auf dieses risiko-verbundene Experiment nicht ein. Im Urteil zu sagen, Stawsky sei unschuldig, unterließ es, um nicht damit die Blamage der Polizeibehörde und des unteren Gerichts deklarieren zu müssen. Im Lande unserer Väter hielt sich der Oberste Gerichtshof an die Weisheit Salomos und fällte ein salomonisches Urteil. Mir widerstrebt es, den Grad des Verantwortungsbewußtseins der Histadruth- und Poalc-Zion-Heroldc einer Untersuchung zu unterziehen. Es schaut dabei nicht viel heraus. Ich will mich bis auf weiteres mit der Fixierung der Etappen begnügen, in denen sich der Kampf unseres Blattes gegen die Verleumdungskampagne und Blödmacherei abspielte. Am Tag der Eröffnung des Prager Zionistenkongresses (21. August 1933) schrieb ich in der „Neuen Welt" unter dem seither geflügelt gewordenen Titel „D e r Dybuk von Tel-Awiw" in bezug auf den „Wahrheitsfanatismus" der Linken: „Hier war der Appetit auf die Schändung des politischen Gegners größer als der Schmerz um den dahingegangenen Führer; hier war der Schrei nach Rache naturechter als der Ruf nach Besinnung inmitten der von den „Hütern der Wahrheit und Wahrhaftigkeit" verpesteten Luft. All das mußte Palästina erdulden, vornehmlich seitens jener, die ins jüdische Nationalheim kommen, (ich zitiere jetzt Arlosoroff) „weil es als Emigrationsland die besten ökonomischen Aussichten hat und nicht etwa deshalb, weil es mit der geschichtlichen Ueberlieferung des jüdischen Volkes verbunden ist." Je mehr die Indizien sich verknäulen, desto siegessicherer ist die linke Presse ... Sie kann es kaum erwarten. Und auf daß das Maß orientalischen Mördergeruchs voll werde, träufeln Spitzbubenmünder den englisch-arabischen Gesetzeshütern Gift ins Ohr: Eine revisionistische Verschwörung revisionistischer Terroristen! Und zur Krönung des wochenlangen unter- und oberirdischen Waltens gebiert sich die Maffia das Wort: .Razzia'. Razzia auf alle, die des patriotischen Zionismus verdächtig sind! Man verhaftet, verlangt Kaution, gibt frei, verhaftet wieder. Minderwertige Subjekte leisten der englisch-arabischen Polizei Spitzeldienste. Sie (die Freunde der Histadruth) tun es „um der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit willen" und ihrer ist das Himmelreich." Die Wahrlieifsforsdiung Man wird sich daran erinnern, was geschah. Die Herren Linken verlangten auf dem Kongreß eine Unter» suchungskommission, die feststellen sollt?, wie« weit der Revisionismus am - - Mordkomplott beteiligt sei. Man konnte nicht verhandeln, man mußte seine kostbare Zeit mit dem schuftigen, antijüdischen, antizionistischen Verlangen der Wahrheitsfanatiker von der Linken vertrödeln. Diese Kommission wurde eingesetzt. Gleichzeitig wurde Geld der Zionistischen Organisation zur Verteidigung der Interessen der B'rau Sima Arlosoroff und zur Unterstützung der kriminellen englisch-arabischen Untersuchung fahrt nach vom 7. August bis 6. September 1934 Paßbegünstigungen auch für polnische Staatsangehörige Polnisches Verkehrsbüro „FrancOPOB" Wien Iii, Rennweg 1 / Telephon U-lß-4-90 hergegeben. Alles vergebens. Zehn Monate „arbeitete" diese Kommission, jedenfalls unter Ausschluß der zionistischen Ocffentlichkeit. Sie brachte die Wahrheitsforschung nicht um einen Schritt weiter, sie fand nicht ein einziges Indiz zu Lasten der Beschuldigten, aber etwas glückte dieser famosen Kommission, diesen hundertprozentigen Ethikern der II. Internationale: Spuren, die auf nicht jüdische, arabische Täter führten, zu verwischen. Ich habe Beweise dafür, daß Mitglieder der Histadruth Corpora delicti verschleppten und verdarben. Wenn die Herren diese Beweise haben wollen, dann stelle ich sie ihnen zur Verfügung. Ich habe auch Beweise dafür, daß der ermordete Dr. Arlosoroff am Mordabend mit seiner Frau Sima einen Konflikt aus berechtigtem Eifersuchtsmotiv hatte. Wenn die Herren hiefür Beweise haben wollen, dann erbringe ich auch diese. Sobald man bedenkt, daß Frau Arlosoroff sich schämte, einen Streit mit dem soeben von einer langen Reise zurückgekehrten Gatten am nächtlichen Strand von Tel-Awiw einzugestehen, dann werden allen ihre weitere Haltung, ihre unsicheren Deklarationen, ihre hysterischen Aussagen und Agnoszierungen klar. Es ist nicht mein Wunsch, zur Ursache dieser ihrer Manöver zurückzukehren. Der Tod macht alles gut. Der Fahndungsdienst der Linken Vom Prager Kongreß bis zur Verhandlung vor dem j Jaffaer Erstgericht verging mehr als ein halbes Jahr. Während dieser Zeit hatte die Linke Gelegenheit, ihren pathologischen Versuch, drei junge Juden an den Galgen zu bringen, abzubrechen. Denn alle Manöver, die diesem vorgesetzten Ziel dienten, hatten zu nichts geführt. Nicht einmal die Kooperation mit den britisch-arabischen Polizei- und Gerichtsbehörden, der sogenannte „Fahndungsdienst", hatte den Plan weitergebracht. Alles vergebens. Denn die wirklichen Mörder, von denen der eine orientalischen Habitus hatte, hohnlachten inzwischen hinter einer Wand von Indizien, die der Histadruth-Kreis zu Lasten der verhafteten Juden aufgerichtet hatte, und konnten in aller RESTAURANT BILLET -|B>3 BESTRENOMMIERTE KÜCHE UfiO REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UNO 2.60 SCHWECHATER BRÄU HrHammer-Purgstall>Gcisse 3 (nächst SalztorbrDtke)#Te!.A-41-0-25 Gemütsruhe den Jaffaer Barbier Lufti um einen Kopf kürzer machen. Die Linke arbeitete Hand in Hand mit den berüchtigten antisemitischen Polizeibeamten der Palästina- Regierung, u. a. mit den Herren Stafford und Rice, von denen der erste öfters Frau Arlosoroff bei sich beherbergte, der zweite den Fußspuren-Sachverständigen Weisberg drei Stunden lang bearbeitete, er möge Rosenblatts Fußspuren agnoszieren. Kooperation! Ein feines Wort aus dem Bereich der Politik. Die Zeit der Umkehr verstrich. Die Histadruth und die linke palästinensische Exekutive ließen nicht von ihrem Plan ab. Es gab auch Zeugen. Eine Galerie reizender Gestalten: die eilfertige Zeugin Rebekka Feigin, welche die Aufgabe hatte, durch Hingabe von ein paar Süßigkeiten Zwi Rosenblatt zu einem Geständnis zu verleiten; den braven Oscher Chasan, der sich später selbst seines Meineides rühmte; den berüchtigten Dieb und Provokateur Mosche Kessler, dessen Spitzbubenkünste mit einem Engagement bei der Polizei belohnt wurden. Wahrlich, ein Panoptikum von Zeugen, würdig der Sache, der sie dienten. Der Dybuk von Tel'Awiw In einem Aufsatz „Lebt noch der Dybuk von Tel- Awiw?" habe ich in der „Neuen Welt" die Spiegelfechtereien der Klassenkämpfer und ethosbesessenen Allerweltsbeglücker mit den erwiesenen Tatsachen konfrontiert und nochmals die absurden Thesen der britisch-arabischen Behörden angeprangert. Die Unschuld der Angeklagten kristallisierte sich immer mehr heraus. Dem Jischuw wurden die Manöver der Linken unerträglich. Er versuchte sich ihrer zu erwehren, Im Verlauf der Voruntersuchung stand man vor einer entscheidenden Wendung: „Die Neue Welt" schrieb darüber am 13. April: „Horace Samuel erklärte, der Generalanwalt habe ihm bestätigt, daß ein Araber namens Abdul M edschid gestanden hätte, zusammen mit seinem Freund Issa Darwisch Dr. Arlosoroff ermordet zu haben. Noch bevor das entsprechende Material vorlag, teilten die> Linken in einer Schrift (Flugzettel) mit, Abdul Medschid habe der Polizei gegenüber sein Geständnis widerrufen und sei von den Angeklagten mit 1000 Pfund bestochen worden. Es stellte sich heraus, daß Abdul Medschid zehn Tage bei seinem Geständnis geblieben war und daß die Verteidigung erst davon erfuhr, als er das Geständms bereits widerrufen hatte." Das Geständnis des Arabers rief im jüdischen Palästina einen Taumel hervor. Menschenmengen erschienen in den Straßen, jubelten und weinten vor Freude. Aber die Linke setzte diesen Tränen der Freude das Lachen des Hohns entgegen, indem sie ihre Extra-Ausgaben mit dem Widerruf des Arabers in der Luft schwenkte wie wilde Indianer den Skalp ihrer Feinde . . . Man darf hier nicht vergessen, daß die arabischen Kreise rings um den Großmufti den Fall Arlosoroff absichtlich ignorierten und erst dann etwas unternahmen, als die Gefahr, die arabischen Mörder der Tat zu überführen, nahe war; unternahmen, d. h. den zwei Gesellen die Rücknahme des Geständnisses befahlen. Die arabischen Rechtsanwälte in Palästina sind mit den Gerichtsbehörden intim, ihnen öffnen sich die Pforten der Gefängnisse und die Laden der Schreibtische. Die Manöver der Polizei Am 23.- April begann der Prozeß vor dem Erstgericht. „Die Neue Welt" leitete den Prozeß mit folgender Betrachtung ein: „Die Justizbehörde hat den Mut aufgebracht, sozusagen aus dem Nichts einen Anklageakt zusammenzuzimmern und dem Intellekt des Jischuws im Lande und der jüdischen Oeffentlichkeit den Glauben an den Wahrheitsgehalt der Anklageschrift zuzumuten." Unsere Kritik fand ihre Bestätigung im Gang des Prozesses. Man kannte die Manöver, die der britischarabische Polizei- und Gerichtsapparat aufführte, um den Schein eines ordentlichen Verfahrens zu wahren. Aber man kennt auch den Zusammenbruch dieses Verfahrens. Zuerst wurde Achimeir als der „Anstifter des Mordes" und dann Zwi Rosenblatt als der „Mörder" freigesprochen. Im Ablauf unserer Aktion und der Kämpfe aller anderen für die Unschuldigen war nichts abscheulicher als das Argument des fahndenden Histadruth-Kreises, daß es sich um die Wahrheit handle und daß diese zu finden — Aufgabe der jüdischen Arbeiterschaft sei. Was hier daa Schlagwort von der Suche nach Wahrheit angerichtet hat,

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