Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-07-27 · Heft 385 (27.7.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 385 (27.7.1934)
Date
1934-07-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712008--4500-2717990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DIE NEUE WELT Nr. 385 Schlagwort von dem „Staat, Nation und Gesellschaft zerstörenden jüdischen Einfluß" in vielen französischen Kreisen bis tief in linke gedrungen ist, in denen bis jetzt vom Antisemitismus nur wenig zu finden war. Der Jude Leon Blum und seine jüdischen Genossen, welche gleich ihm nicht aus Arbeiterkreisen, sondern aus intellektuellen und wohlhabenderen Schichten herkommen, sind zum Mittelpunkt cAner judenfeindlichen Diskussion in Frankreich geworden. Der Umstand, daß Leon Blum in den letzten Tagen ein Zusammengehen der Sozialdemokraten mit den Kommunisten bewerkstelligte, hat die Stimmung natürlicherweise ungemein verschärft. * Im englischen Parlament wurde eine Interpellation eingebracht, die einen in England bisher unbekannten antisemitischen Ton anschlägt. Sie richtet sich gegen den „fremd rassigen Schädlin g", den jüdischen Professor einer vom Staat subventionierten ökonomischen Schule, H. L a s k y. Prof. Lasky, ein einer wohlhabenden Familie entstammender Salonbolschewik, hat über Einladung der Sowjetregierung in Moskau Vorträge gehalten, in welchen er den Untergang des „verlogenen" englischen Imperiums vorhersagte. Im Zusammenhang mit der Erscheinung, daß das jüdische Whitechapel an den letzten kommunistischen Demonstrationen stark beteiligt war, hat sich eine starke antisemitische Strömung im öffentlichen Leben in England ergeben. * Im Zuge des Generalstreiks in Kalifornien ist In vielen amerikanischen Zeitungen die tendenziöse Feststellung hervorgehoben worden, daß sich unter den mit Gewaltmitteln arbeitenden Streikführern auffallend viele Juden befinden. Im Zusammenhang mit diesen Meldungen hat nunmehr der Gouverneur von Kalifornien vom Präsidenten der Vereinigten Staaten die Ermächtigung gefordert, ,.fremdrassige Zuwanderer" aus seinem Staate deportieren zu dürfen. Die antisemitische Einstellung seiner Forderung ist unverkennbar. # So ist zu beobachten, daß in bisher vom Antisemitismus „fast freien" Ländern des Westens eine judenfeinliche Agitation in Entwicklung begriffen ist, welche sich in der Hauptsache auf die gleiche Erscheinung wie in Mittel- und Osteuropa gründet: „Unverhältnismäßig starke Beteiligung der Juden an den Parteien in der zweiten und dritten Internationale". Es hat keinen Sinn, diese peinliche Erscheinung zu verschweigen oder zu verkleinern, als bedeutungslos hinzustellen. Man muß ihr entgegenarbeiten, hauptsächlich in der Erziehung der jüdischen Jugend. Weitere 1200 zusätzliche Zertifikate Die Palästina-Regierung übergab der Jewish Agency weitere 1200 zusätzliche Zertifikate für Einwanderer, darunter 600 für landwirtschaftliche, 465 für industrielle Arbeiter und 75 für deutsche Juden. Für den antideutschen Boykott Aus London wird unter dem 22. Juli gemeldet: In einer Versammlung der Arbeiter der Bekleidungsindustrie, die in der Shoreditsch Town Hall zu London abgehalten wurde, hielt Walter C i t r i n e, Generalsekretär des Britischen »Gewerkschaftskongresses und Vorsitzender des Internationalen Gewerkschaftsbundes, eine große Rede, in der er u. a. folgendes ausführte: Die englische Gewerkschaftsbewegung kam in die Boykottbewegung hinein ohne Schwanken und ohne Erwägung der ökonomischen Folgen, denn die englischen Arbeiter wußten, daß die Machthaber in Deutschland sich außerhalb der allgemeinen Menschlichkeitsideale gestellt haben. Man hat auch hierzulando verstanden, daß ihre Tyrannei sich nicht ■bezahlt macht. Ich weiß, daß man erwidern könnte, der Boykott würde bloß den Juden in Deutschland schaden. Aber erst als die anderen Nationen protestiert hatten, wurde das tyrannische Regime in Deutschland etwas milder. Die Judenheit von Großbritannien muß einmütig zum Ausdruck bringen, daß sie entschlossen sei, einen entscheidenden Schlag zu führen, nicht bloß für die Freiheit der Juden, sondern auch für die Freunde der Freiheit in der ganzen Welt. In derselben Versammlung erklärte das bekannte Unterhausmitglied Locker-Lampson: Der Völkerbund scheint in dieser Krise machtlos zu sein, aber es gibt einen anderen Völkerbund — das britische Weltreich, das den Juden in ihrer Not helfen wird. Ich habe einmal im Unterhaus einen Gesetzentwurf eingebracht, wonach jeder Jude in der Welt Bürger von Palästina werden könnte, ohne je in diesem Lande gewesen zu sein. Palästina kann für uns Engländer von außerordentlicher Wichtigkeit sein, wenn wir einmal den Suezkanal verlieren sollten. Durch Palästina führt der einzige Weg für N a p h t h a nach dem Mittelländischen Meer; dort wird sich auch das Zentrum für den Flugverkehr befinden. Eine Entschließung wurde angenommen, in der sich die Arbeiter der Bekleidungsindustrie verpflichten, deutsche Stoffe solange nicht zu verabeiten, als es in Deutschland Rassenverfolgenungen gibt. I>er antideutsche Boykott in Amerika und Kanada Dem Boykottkomitee des American Jewish Congress gelang es, in der letzten Zeit weitere 2000 jüdische und nichtjüdische Importeure dafür zu gewinnen, keine Waren aus Deutshland zu beziehen, sowie beim Bezug von Waren aus anderen europäischen Ländern keine deutschen Schiffe für den Transport zu benutzen. Das Boykottkomitee beim Kanadischen Jüdischen Kongreß hat. sich mit der von Samuel Untermayer in New York geleiteten antinationalsozialistischen Liga, sowie mit den zentralen Boykottkomitees in den europäischen Ländern in Verbindung gesetzt, und hat auf dem Gebiete des Boykotts Hitler-Deutschlands foeträchtliciie Erfolge erzielt. Sie werden bIlm wenn Sie den Rat befolgen, Ihren Körper widerstandsfähig und widerstandskräftig zu machen. Im Kampf ums Dasein spielt es eine große Rolle, daß Sie keinen Tag verlieren, daß Sie durch keine Erkältung gezwungen werden, tagelang Ihrem Beruf, Ihrer Beschäftigung fernzubleiben. Gebrauchen Sie ständig jeden Tag DIANA- Franzbranntwein mit Menthol und Sie schützen sich am besten gegen alle Unbill des Winters und des Alters. In jedem besseren Geschäft erhältlich. RUNDSCHAU „Kaum daß er noch recht entlaust war" Das „Wiener Montagsblatt" hat. wie es sich selbst oft rühmt, jeden Montag die Aufgabe, der deutsch-christlichen Bevölkerung zu erzählen, da ff sie dem Vampirtum der unzähligen in Wien beheimateten zugereisten Ostjuden ausgesetzt ist. Die deutsch-christliche Bevölkerung Oesterreichs bedarf natürlich der Bevormundung dieses Monlagblätlchens nicht, aber es ist immer gut — denkt sich diese Bevölkerung —. wenn jemand da ist. der hie und da ein bißchen Antisemitismus vom Stapel läßt. Diesmal, in der Nummer vom 23. Juli, geht es wieder einmal gegen das Bürgerrecht der ..Ostjuden". Es ist bekannt, daß unter dem Druck des russischen Vori Eipiastt« tw^is |ade{ Sie höflichst ein! mmmmmnmB marsches während des Weltkrieges Tausende Juden nacli Wien flüchteten und zum Teil wegen der ungewissen Zukunft in ihrem Heimatlande hierblieben. Und es ist natürlich, daß die Heimatlosgewordenen, gerade sie. im Augenblick. nx> nach der Installierung der Republik eine Konsolidierung der Wiener Verhältnisse eintrat, in den Besitz der Wiener Heimatberechtigung kamen. Sie waren ja* von Haus aus Oesterreicher, ..AI löst erreiche]". Die sozialdemokratische Gemeinde Wien kümmerte sich natürlich nicht allzu sehr darum, woher man kam der Fahrt, sondern machte alle, die die erforderlichen Attribute besaßen, zu heimatberechtigten Bürgern, wenn sie dies auch unter dem Aspekt sozialdemokratischen ..Stimmviehs" tat. In diesem Belang sind alle Machthaber gleich. Das „Wiener Montagsblalt" veröffentlicht in der erwähnten Nummer eine Statistik der in den Wiener Heimatoerband Aufgenommenen vorn Jahre 1923 bis zum Jahre 1932, aus der festzustellen sei, daß von diesen Seutoienern im Jahre 1923 siebzig Prozent, im Jahre 192? sechsundzwanzig Prozent Juden waren, daß also das jüdische Element in diesem Fall einen ungeheuren Prozentsatz stelle. Wir wollen hier die sozialen und administrativen Momente nicht untersuchen, wir wollen auch die Methoden der seinerzeitigen roten Stadtverwaltung keiner Analyse unterziehen —, Tatsache ist, daß diese Neuwiener Juden ihre Bürgerpflicht genau so erfüllt haben, wie die anderen, die nicht das „Pech" hatten, aus dem verschrienen Osten zu kommen. Das „Wiener Montagsblalt" begnügt sich aber nicht mit einer Statistik, es schimpft in der Manier des berüchtigten „Kikeriki": „Damit nur ja jeder zugereiste Ostjude hier sein „Handwerk" — im 'Trüben fischen — ausüben konnte, wurde er in kürzester Frist, kaum daß er noch recht entlaust war, in Wien heimatber e c h t i gl g e m u c h t." Wenn wir schon einen Augenblick an den oerlausten Ostjuden glauben wollen, so ist diese Erscheinung das Resultat der k aiser lich-hubsburgischen Verwaltung in Gulizien gewesen, einer Verwaltung, die bekanntlich, den Herren Beamten aus Oesterreich. den A r tu n d G l au b e n s g e n o s s e n des Die schönsten Palästinareisen zu billigsten Pauschalpreisen mit und ohne Landarrangement allmonatlich Einzelreisen zu Originalpreisen Auskünfte und Prospekte: REISEBÜRO „MARIENBRÜCKE" (Palästinadienst. Leitung: BERTA TAUBES WIEN, I., ROTENTURMSTRASSE 26 Tel. R 24-2-86, R-24-2-87 ,.H iene r M on t a gsblai i e s". anvertraut war. Aber wir wollen bei dieser Gelegenheit nicht mit der Tatsache zurückhalten, daß diese infolge unbeschreiblichen Elends verwahrlosten und nicht gerade wienerisch-fesch gekleideten unglücklichen Bürger der österreichisch-ungarischen Monarchie an Kultur der Seele und Takt des Herzens und ethischer Tradition jenen Kleinbürgern Luegerscficr Couleur nidit nachstanden, die sich anmaßten, ihnen Mangel an — Zivilisation oorzuioerfen. Das Montagsblalt verlangt, daß diesen „Zugereisten" das Bürgerrecht entzogen werde. Ist das vielleicht die neueste Parole zur inneren Befriedung? Haben die Wortführer des neuesten Oesterreich wirklich keine anderen Sorgen? Wer spricht für uns? Niemand wird bestreiten, daß die Jahre des Palästina-Auf bans, in denen Herbert S a m u e I Oberkommissär war, zu den Unglück sich st en und erniedrigsten gehören. Der liberale Herr Samuel. Innenminister im ersten nationalen Kabinett McDonald, luilte seinerzeit Gelegenheit, eine Politik zu, inaugurieren und eine Verwaltung einzuführen, welche die zionistischen Aspirationen im Rahmen der Bulfour- Deklaration und im vollen Sinne des Mandats hätte zufriedenstellen können. Alle Welt weiß, was geschah: Sir Herbert Samuel mit dem goldenen Kragen gab die zionistischen Interessen ohne jede Notwendigkeit preis und bahnte jenen Tendenzen den Weg, welche später und heute das jüdische Aufbauwerk hemmen und gefährden. Insbesondere die Verhätschelung der Araber fällt auf sein Konto. Und nun will uns derselbe Herr Samuel, der kürzlich in Palästina geweilt hat, Ratschläge geben, wie ivir am vernünftigsten handeln, wie nnr unsere Politik gegenüber den Engländern und vornehmlich, gegenüber den Arabern einrichten sollen. Er erzählt, uns zunächst, daß wir die arabischen Kräfte nicht richtig eingeschätzt haben und nun eine Methode zur — Befriedigung der arabischen Aspirationen suchen müssen. In der großen englischen Sonntagszeitung „Ob server" gibt Samuel seine Eindrücke über seine Palästina-Reise wieder, mit dem Blick auf die Araber, die sich den Interessen der Juden entgegenstellen. Herr Samuel sagt den Arabern nicht, daß England das Mandat über Palästina bekommen habe, um den Juden bei Errichtung ihrer Heimstätte, ihres Nationalheims, behilflich zu sein, sondern er oerlangt von den Juden, sich um die braven Araber zu kümmern, sie kulturell zu entwickeln, ihnen alle Vorteile einer jüdischen Einwanderung zukommen zu lassen und ihre Taschen mit den importierten Pfund zu, füllen. Herr Samuel hätte damals, als er Herr im Land war, die arabischen Kräfte richtig einschätzen und die Politik machen sollen, die im Mandat tendiert war. Dann würde er sich heute erspart haben, uns Ratschläge zu erteilen. Wir bedanken uns für sein Wohlwollen, wir verzichten auf seine Tips. Handlanger der britisch-arabischen, im Widerspruch mit dem Mandat stehenden Interessen, haben nicht in unserem Namen, im jüdischen Namen zu sprechen. Palä§tma?Fragen im Unterhaus Die J. T. A. berichtet aus London: Im Unterhaus fragte Captain Strickland den Kolonienminister, ob die 500 gelernten Arbeiter, die demnächst für bestimmte Gewerbe- und Handwerkszweige zur Einreise nach Palästina zugelassen werden sollen, außerhalb der vorher für das Halbjahr bestimmten Zertifikate-Quote bleiben sollen. Der Kolonienminister antwortete, diese 500 geschulten Personen fielen nicht in die Kategorie der Arbeiter-Einwanderer; ihre Einwanderung habe daher auf die Halbjahrsquote der Arbeiter-Einwanderungszertifikate keinen Einfluß. Captain Strickland fragte sodann den Minister weiter, ob er im Hinblick darauf, daß der Bericht des Landwirtschaftsdepartements der Palästina-Regierung für Juni 1934 über die Ernteaussichten Arbeitcrmangel besonders in den Dörfern der Ebene und an den Hügelabhängen in dem ausgesprochen arabischen Distrikt Gaza-Meschdel feststellt, der auch durch die Zuwanderung von Beduinen aus der Sinai- Halbinsel nicht behoben wird, von der Art befriedigt sei, wie die Statistik über die Arbeitslosigkeit unter den Arabern Palästinas geführt wird. Sir Philip Cunliffe-Lister antwortete, er habe den erwähnten Bericht nicht erhalten, würde aber die Feststellung von Arbeitermangel in einem einzelnen Dorf oder Distrikt nicht als ein Anzeichen für die Unzuverlässigkeit der Arbeitslosenstatistik für ganz Palästina betrachten, derzufolge es Ende April d. J. 14.000 arbeitslose Araber gab. In den letzten Jahren seien verschiedene Maßnahmen getroffen worden, um das System der Sammlung statistischer Daten zu verbessern; jetzt habe man die Errichtung eines statistischen Zentral« büros vorbereitet und man hoffe, durch dieses mit der Zeit genauere Statistiken über Arbeitslosigkeit und andere Gebiete erhalten zu können. Gerüchte über einen Rücktritt de« High Commissioner. Das Büro des Chefsekretiirs der Palästina- Regierung übergibt der Jüdischen Telegraphen-Agentur ein kategorisches Dementi des vor kurzem von der Jerusalemer Nachrichten-Agentur „Palcor" verbreiteten Gerüchtes, der High Commissioner Sir Arthur Wauchope werde in diesem Jahre aus dem Amte scheiden. Alle Gerüchte über einen Rücktritt des High Commissioner sind vollkommen unbegründet,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.