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Die neue Welt · 1934-07-27 · Heft 385 (27.7.1934) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 385 (27.7.1934)
Date
1934-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 20 Groschen Jahrgang 8 Freitag, den 27* lull 1934 Nr* 38S V. b* b» Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6die par rediteur" REVUE HERAUSGEBER; ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30. vierteljährig S 1.—, ganzjährig S 16. —; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tuchcchoslowiikci monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15. —; .Ttigoalawien monatlich Dinar 11.—, vierteljährig Dinar 40.—: Kurjiänlcn monatlich Lei '10.—, vierteljährig Lei 120.—: Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljahrig Mark 3—; Ilulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.— : Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Redaktion u,Verwaltung: lX,Universitätsstr.8,TeLA-20-2-78 — Erscheint Dienstag u.Freitag ' " ' " Pension Irma Meister, Heran Idealer aanzJBhrlger Aufenthalt, letzter Komfort, gerühmte Küche, herrl. Park, müßige Preise. Verlangen Sie Prospekt ^^^^^^l^^^^^^^^^^^^J Märtyrerftod eines Patrioten Der 25. Juli wird als schwarzer Mittwoch in der Geschichte Oesterreichs fortleben. Politisch und vornehmlich moralisch hat er einen Zustand enthüllt, der wohl als tiefster ethischer Verfall bezeichnet werden kann. Der tolle Streich nationalsozialistischer Terroristen hat zweifellos seine Anregungen aus einem Bereich bezogen, wo Mord, Banditentum und Verachtung menschlicher Ehre und Würde zu Nationaltugenden avanciert sind — aus dem Dritten Reich. Der Putsch der bestialischen Desperados ist zwar mißglückt, war an sich zum Scheitern verurteilt, aber er bekommt sein tragisches Gesicht durch den Tod des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß, des Mannes, dem das Geschick Oesterreichs anvertraut war. Alle Kulturstaaten haben ihrer Bewunderung für den Ernst, die Energie, den Mut und die Heiligkeit des Strebens Ausdruck gegeben, womit Kanzler Dollfuß in schwerster politischer und wirtschaftlicher Not dem Ztel zugoralt ist: der Gesundung Oesterreichs, <Ber Befriedung Mitteleuropas. Mitten auf diesem opfervollen Weg ist der große Patriot, dem die Sympathie aller vornehmen und gesitteten Charaktere gehört hat, durch Mörderhände gefallen. Die Sorge um das weitere Schicksal des Vaterlandes ruht auf allen Gosiohtern dieses schwergeprüftem Oesterreich. Wir Juden, Bürger dieses Staates, haben keinen Augenblick lang gezögert, unsere Kräfte in den Dienst der gerechten Sache zu stellen; wir haben oft genug durch unsere legitimen Vertreter betont, daß uns nichts so sehr am Herzen liegt, als mit unseren Mitbürgern am Wohl des Staates mitzuarbeiten, dessen Führer Pflichten und Rechte des Staatsbürgers in gleicher Weise allen zugesichert haben. Noch sind die Details der weiteren innerpolitischen Entwicklung ungewiß, das eine aber ist klar, daß es in Oesterreich keine Kraft gibt, die imstande wäre, die Wegrichtung zu ändern, die von den Patrioten dieses Staates eingeschlagen worden ist. Oesterreich bleibt ein unabhängiger, freier Staat. Wir Juden werden wie bisher jeder Parole folgen, die diesen Zustand weiter verbürgt. Der Märtyrertod des Kanzlers Dr. Dollfuß wird uns in diesem Sinne nur noch bestärken. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Die Hfetadruth heizt nodi immer Ans Tel-Awlw wird unter dem 24. Juli gemeldet: Der Sabbat-Tag, der auf den Tag der Verkündung des freisprechenden Urteils für Stawsky durch das Jerusalemer Oberste Gericht folgte, verlief in Tel-Awiw sehr unruhig. Die Nachricht, daß Stawsky nach Tel-Awiw gekommen war, um sich in der Großen Synagoge zur Thora-Vorlesung aufrufen zu lassen und bei dieser Gelegenheit das „Gomel"-Gcbct für die Errettung aus Todesgefahr zu sprechen, und daß er aus diesem Anlaß der Gegenstand von Ehrungen seitens derjenigen Kreise der Tel-Awiwcr Gemeinde, die in ihm ein unschuldiges Opfer eines schweren Verdachtes sehen, sein wird, hat in den Kreisen der Histadruth Haowdim und namentlich in den Jugendkreisen der sozialistisch gesinnten Arbeiterschaft tiefes Mißfallen hervorgerufen. Es zeigt sich -*- wie schon aus dem vom Zentralkomitee der Palästinensischen Arbeiterpartei herausgegebenen Aufruf („Neue Welt" Nr. 384) hervorgeht —, daß die Arbeiterschaft in Stawsky und Roscnblatt noch immer die Mörder Dr. Arlosoroffs sieht und sich dabei auch auf die Begründung des freisprechenden Urteils seitens des Obersten Gerichtes stutzt. Die Erregung machte sich darin Luft, daß eine Gruppe jugendlicher Arbeiter Steine durch die Fenster In die Große Synagoge während des Gottesdienstes warf, was unter den in der Synagoge Anwesenden, die hierin eine Entweihung des Sabbats sahen, Empörung hervorrief. In der Synagoge anwesende Anhänger der H1 s t ad r u t h versuchten, Stawsky daran zu hindern, dem Aufruf zur Thora-Vorlesung Folge zu leisten. Dabei kam es zu einem Zusammenstoß und einige Synagogenbesucher, unter ihnen der Polizeikorporal Silberg, wurden leicht verletzt. Die Polizei hat einige der Steinwerfer vor der Synagoge festgestellt und kündigt deren Verhaftung an. Verstärkungen von Polizeioffizieren und Mannschaften wurden nach Tel-Awlw zur Aufrechterhaltung der Ruhe gesandt. Die Polizeiautoritäten erklären, die Situation zu beherrschen, die aber immerhin als ernst anzusehen sei. Am Nachmittag des Sabbattages fanden Zusammenstöße zwischen Revisionisten und sozialistischen Arbeitern in den Straßen von Tel-Awiw statt, wobei eine Person durch einen Steinwurf am Kopf ernstlich verletzt wurde. Sechs Personen, die leichtere Verletzungen erlitten, wurden an der Verbandsstation verbunden. (Siehe auch Artikel „Der Dybuk ist ausgetrieben" im Innern des Blattes.) Nadi dem Freispruch Stawslcys Aus Jerusalem meldet die J. T. A.: Trotz der Stellungnahme der gemäßigten hebräischen Presse und der breiten jüdischen Oeffentlichkeit, welche verlangt, daß der scharfe Kampf zwischen den Parteien abgestellt werde, geht dieser in voller Leidenschaft weiter. Die Lage ist gespannt, und man befürchtet weitere Zusammenstöße. * . Aus Tel-Awiw meldet die J. T. A.: Wie mitgeteilt wird, wurden Abraham Stawsky und Zwi Rosenblatt durch die Polizeiinspektoren Baker und Goffer aufmerksam gemacht, daß infolge der äußerst gereizten Stimmung und der Spannung, welche in Tel-Awiw herrscht, die Tel- Awiwer Polizei die Verantwortung für ihre Sicherheit nicht übernehmen kann. Es wird ihnen daher empfohlen, Tel-Awiw zu verlassen. Aus Lemberg wird von privater Seite gemeldet : Wie man jetzt erfährt, stammt der zweite Hauptzeuge im Arlosoroff-Prozeß Mosche Weiser aus Stanislau. Sein Vater, ein gutsituierter Bürger, ging die ganze Zeit über, während der Sohn gegen Stawsky; Zeugenschaft ablegte, nicht unter Menschen und erklärte am Sabbat, an welchem Stawsky befreit wurde, daß sein Sohn von bösen Menschen verführt worden sei, er möge Stawsky beschuldigen, und daß er den Allmächtigen dafür preise, daß Stawsky freigesprochen wurde. PSMSiON HERAN Deutsches Haus unmittelbare Nähe der Kurpromenade und des Kurhauses Höchster Komfort / Butterküche / Lire 25 Wolken im Westen (Von einem gelegentlichen Pariser Mitarbeiter.) Paris, Ende Juli. Die Gefahr, in welche die unverhältnismäßig starke und weit über den Kreis der jüdischen Arbeiterschaft hinaus reichende Teilnahme der Juden an den Parteien der zweiten und dritten Internationale die Judenschaft Ost- und Mitteleuropas gebracht hat, beginnt nun auch im Westen, in den bisher vom Antisemitismus „fast freien" Ländern fühlbar zu werden. Bei uns ins Frankreich hörte man bisher nur antisemitische Stimmen aus dem kleinen Lager der Royalisten,. ganz rechtsstehende Chauvinisten um Leon Daudet und seiner „Action Franchise". Nun aber tönen sie uns auch von der linken Seite entgegen. Die Spaltung der französischen, seit Jahren unter Führung Leon Blums stehenden sozialdemokratischen Partei ist von ausgesprochen antisemitischen Erscheinungen begleitet. Als einen der Hauptgründe ihres Scheidens aus der alten Partei geben die unter Führung von Marceil D e a t und Pierre Renaudel 3tehenden sozialistischen Austrittler den Umstand an, daß die Beherrschung der Arbeiterpartei durch den Juden Leon Blum und seine jüdischen Adjutanten unerträglich und verderblich geworden ist. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht ein Interview, das Marcell D e a t, der Führer und Generalsekretär der „Union Jean Jaures — sozialistische Partei Frankreichs" (so heißt die neue Partei), dem Redakteur Georges Suarez von der bekannten Pariser Zeitschrift „G r 1 n g o i r c" gegeben hat. In diesem Interview heißt es: „Wir Neu-Sozialisten sind keine Antisemiten, aber wir haben die verderblichen Wirkungen der j ü d i s c h e n Vorherrschaft erkannt, sowohl in der französischen Nation als auch in der vereinigten sozialistischen Partei Frankreichs. Die ganze Clique (l'cscorte) Leon Blums setzt sich aus Juden zusammen. Das bedeutet auch für eine Partei des Fortschritts eine Gefahr I" Die Veröffentlichung dieser Aeußerung Deats, deren Ton bedenklich an alte antisemitische Klänge erinnert, hat in gewissen französisch-jüdischen, mit den Sozialisten sympathisierenden Kreisen peinliches Aufsehen erregt. Herr Marcell Deat erhielt viel vorwurfsvolle Zuschriften. Unter ihrem Eindruck bequemte er sich zu einer „Berichtigung" in einigen jüdischen Zeitschriften, die aber in Wirklichkeit eine Bestätigung darstellt. Er schreibt nämlich: „Das Interview stimmt nicht. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich gesagt: „Wir sind vor unserem Austritt in einen harten Streit mit Führern der Internationale und der französischen Partei geraten, die fast ausschließlich Juden sind. Das hat in der Oeffentlichkeit den Anlaß zur Behauptung gegeben, daß wir Antisemiten sind. Das hat auch zur Folge gehabt, daß in der französischen Oeffentlichkeit gegen die Sozialdemokratie Frankreichs die Anklage erhoben wurde, daß sie gänzlich unter jüdischem Einfluß stehe und deshalb keinen Sinn für die nationalen Interessen Frankreichs habe. Wir aber sind keine Antisemiten. Als Beweis diene, daß wir auch jüdische Mitglieder haben." Auch diese recht schwache Entgegnung ließ der Interviewer, Herr Georges Suarez, nicht gelten und veröffentlichte im „Gringoire" folgendes: „Ich habe nicht eine Zeile geschrieben, die nichs vorher von Herrn Deat bestätigt worden wäre. Ich habe den Artikel vor der Veröffentlichung Herrn Deat in. Gegenwart von zwei Zeugen durchs Telephon vorgelesen. Er hat nicht ein Wort geändert und mir überschwenglich gedankt. Beide Zeugen sind bereit, wenn es Herr Deat noch verlangen sollte, diesen Tatbestand öffentlich zu bestätigen." Der von beiden Herren umstrittene Wortlaut ist wenigwichtig. Nicht zu bestreitende Tatsache ist, daß das

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