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Die neue Welt · 1934-07-24 · Heft 384 (24.7.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 384 (24.7.1934)
Date
1934-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 384 DIE NEÜE WELT Seite 3 RUNDSCHAU Judanstaatspartei Oesterreichs ™ ™ "^i "g —» »a»r nww......wiinniiniiraHrif"a'"*u'i"-'L*J'"'— Mittwoch, den 25. Juli, halb 9 Uhr abends, im Heim, I, Werdertorgasse 11 Ulm Referent: Dr. Oskar Rosen feiet („Die Neue Welt") / Einleitende Worte: Fritx Richter Versiegelt und verhaftet Aus Warschau kommt eine Meldung, die ihrem Text nach /.mar sehr knapp geraten ist, immerhin «her einen nicht sehr angenehmen Geschmack zurückläßt. Die von der ,/. '/'. A. ausgegebene Meldung lautet: Die Behörden lösten die linksgerichtete „All g emeine J ii d i s c h e A r b e i t e r p a r t e i" in den Woiwodschaften Lemberg. Slanislau. Tarnopol und Bialystok auf und versiegelten deren Lokale. Mehrere .Mitglieder der verbotenen Partei wurden v e rhaftet, das Parteiorgan „U n se r W e g" wurde oerboten. Die aufgelöste Partei gehörte dem polnischen sogenannten „Roten feiger" an. Unter der ..Allgemeinen Jüdischen Arbeiterpartei" kann wohl nur die kürzlich gegründete radikalsozialistische Partei gemeint sein, die tatsächlich in Lemberg ein Parteiorgan unter dem Kamen „Unser Weg" besitzt. Das Versiegeln der Lokale und das Verhaften mehrerer Mitglieder, liest sich so, als wäre diese ..jüdische" Partei bei staatsgefährlichen Umtrieben ertappt worden. Davon kann natürlich keine Rede sein, wenn auch der in der Meldung erwähnte Konnex mit dem polnischen „Roten Adler", einen, revolutionären Hintergrund vortäuschen will. Wie dem auch sei, jedenfalls ist eine jüdische Gruppe in Polen wegen ihrer Linkshaltung und lAnksbetätigung den Behörden verdächtig, und plötzlich heißt es wieder, daß überall, wo sich vmstürzlerische Tendenzen bemerkbar machen, Juden dabei sind. Daß die polnischen Behörden eine national jüdische, nurzionistische Gruppe irgend welcher illegaler Manipulationen verdächtigen können, liegt wohl außerhalb des Bereichs der Möglichkeit. Jüdische Gruppen aber, die mit der Diktatur des Proletariats, mit dem Klassenkampf und mit der Internationale zweiter oder dritter Rangordnung liebäugeln, geraten leicht, in den Verdacht, dunkler Machenschaften und machen das ganze Judentum des Landes verdächtig. Statt ..Polen" ließen sich auch andere Länder einsetzen! Der linke Bialik Am selben Tag, da in Tel-Awiw der jüdische Nationaldichter Ch. N. Bialik begraben wurde, hielt die Wiener Judenschaft im Festsaal des Hotel Continental eine Trauerkundgebung ab. Ein feierlich gestimmter Saal, die Anwesenden bereit, ihren Glauben an die Unzerstörbarkeil des jüdischen Genius zu stärken! Es sprachen als Präsident der Histudruth Iwrith und intimer Freund des Verstorbenen, Doktor David R ot h bl um, für das zionistische Landeskomitee Dr. Oskar G r ii n b a u m, für die hebräische Jugend Prof. Kellner. Die Wiener Judenschaft hätte sich zweifellos mit diesen drei Persönlichkeiten begnügt, aber zu ihrer Ueberraschung erschien auf dem Podium auch Herr Josef Bar alz aus Dagania mit dem Vorhaben, als Vertreter Palästinas zu sprechen, und er führte dieses Vorhaben auch aus. Herr Baratz war, nne wir hören, von der zionistischen Exekutive nach Wien geschickt worden, im P u I ä s t i n u - A m I (nach dem Ausscheiden der linken Vertreter) „Ordnung" zu inachen. Was da herausgekommen ist. lvissen unsere Leser bereits, auch finden sie in unserer heutigen Ausgabe eine Darstellung der Vorgänge, die nicht sehr amüsant ist. Herr Baratz hat es auch verstanden, in die Reihen der allgemein-zionistischen Jugend Unfrieden zu bringen. Er hätte also wieder nach Palästina zurückfahren können. Er tat es nicht. Er sprach in der Trauerkundgebung für Bialik, indem er ihn, den toten Dichter, für die marxistisch-sozialistische Arbeiterschaft reklamierte. Bialik. der meiophijsischrcligiöse Mensch, der Beioahrer der Tradition, der „Sabbatfreund" — ein Anhänger der linken Gewalt? Kein. Im übrigen ist es Sache lies Taktgefühls, einen Dichter des Volkes für ein schäbiges Parteisüppchen in Anspruch zu nehmen .. . Eine solide Berichterstattung )er Respekt vor der jiddischen Publizistik hat besonders in der letzten Zeit schwere Erschütterungen davongetragen. Das New Yorker „Morning Journal" z. B. ivußte von Dingen zu erzählen, die sich in Wien im Zusammenhang mit der Verurteilung Sluwsktjs, bzw. mit der Aufgeregtheit der revisionistischen Jugend abgespielt haben sollen.,, nil gestoign nit gefloign . .. Aber was tut es? Der Leser freut sich und man vergißt rasch an die kurzen Beine der Lügen. Der Warschauer „Hajnt" ließ sich von seinem palästinensischen Korrespondenten Grawilzkij Sachen über die Arlosoroff-Mordaffäre auftischen, die an den seligen Robinson erinnerten. Aber da nun einmal im Leben gute Beispiele oerlockend sind, wollte der W i e n e r B e r i c h lerstattetdes „Hujnt" nicht nachstehen. Kaum hatte Bialik seine Augen für immer geschlossen, also nicht mehr berichtigungsfähig nmr, gab jener sein letztes Gespräch niii dem Dichter Wir haben in der Vorwoche eine Meldung über die Protestaktion der Judenstaatspartei Oesterreichs gegen die mißbräuchliche Verteilung von Palästina-Einwamlerungszertifikaten durch die Wiener Palästina-Amts-Kommlssion veröffentlicht. Von 25 Zertifikaten wurden nicht weniger als 19 an Anhänger der palästinensischen Klassenkampforganisation „H Istadruth O w d i m" verliehen, jener Organisation, welche durch politische Streiks, blutige Ueberfälle auf parteifremde Arbeiter, Demolierung von Häusern und Werkstätten, Aushungerung und Verfemung aller, die sich ihr nicht furf.n wollen, Palästina terrorisiert. Dieses an den nicht klassenkämpferisch, sondern national organisierten Bewerbern begangene Unrecht (die Judenstaatler erhielten zwei Zertifikate, die Revisionisten eines) konnte nur dadurch zustande kommen, daß die Vertreter der „a 11g e meine n" Zlonlsten In der Kommission, unter ihnen der Präsident Dr. Rothenberg, geschlossen mit den Vertretern der Linken gegen die den Klassenkampf ablehnenden Parteien (Judenstaatspartei, Revisionisten, Misrachi) stimmten. Der Protest der Judenstaatspartei richtet sich in erster Linie gegen dieses unerhörte Vorgehen. Nun sind in dem Organ der Allgemeinen Zlonlsten „Die Stimme" Erklärungen erschienen. Vorerst eine Erklärung des Herrn Dr. Rothenberg, welcher die Angelegenheit sehr einfach nimmt und sich auf „bindende" Befehle der Exekutive beruft, also der Kommission jede Handlungsfreiheit abspricht. Dr. Rothenberg stellt das Unrecht an der nationalen Jugend als unverletzliches Gebot hin, obzwar er ganz gut weiß, daß diese Gebote von Hlstadruth-Leuten stammen und keinen anderen Sinn haben, als alle Zertifikate Parteileuten zuzuschanzen. Dann eine offlzIHse Erklärung der „allgemeinen" Zionisten, welche sich gegen die „Unterstellung" verwahren, daß sie den Klassenkämpfern gegen die nationale Solidarität Hilfe leisten. Es wird noch hinzugefügt, daß die „allgemeinen" Zionisten „trotz der bedauerlichen Angriffe" fortfahren werden, für den „Frieden zwischen den einzelnen zionistischen Gruppen und im Paliistina-Amte zu wirken". Es wird auch vorwurfsvoll festgestellt, daß die Angriffe in der „Neuen Welt" vor „Beendigung eingeleiteter Verhandlungen" erfolgten. Daß „Verhandlungen" eingeleitet wurden, stimmt. Aber eingeleitet wurden sie durch die J u d e n s t a a t spartei, welche im Klub der Zionistischen M a ndatare der Judengemeinde die Angelegenheit zur Sprache brachte und auf interne ftutmachung des Unrechtes drängte, um einen Kampfin der Oeffent- 1 i c h k ei t zu vermeiden. Die Herrn Allgemeinen haben sich auch zu Verhandlungen bereit gefunden. Aber das Resultat? Wenige Tage später erklärte der „allgemeine" Zionist, Herr Dr. Rothenberg, d a ß a u d e r Zertifikat-Verteilung nichts geändert wird, daß es bei der Verleihung der 19 Zertifikate an Histadruth-Leute bleibt, punktum, Schluß! Wenn die Herren glauben, daß auf diese Weise der Fri ede im Zionismus zu wahren ist. j dann irren sie. Die einen bekommen schöne W o r t e von Frieden und dte anderen die Z e r t i f i k a t e! So geht das wirklich nicht. Beide Erklärungen schweigen über eine für den Geist im Palästina-Amte sehr bezeichnende Angelegenheit, nämlich über die Angelegenheit des Herrn Schnitt- 1 i c h, Vizepräsidenten der Kommission. Ueber Herrn Schnittlich ist folgendes protokollarisch festgehalten; Als Mitglied des linksradikalen „Hasehomer" ging -er nach Palästina und kehrte als Antlzionist von dort nach Wien zurück. Er nahm hier an einem „Gottlosen-Festmahl" der jüdischen Kommaj nisten am J o m Kippnr teil, hielt dort Reden gegen den Zionismus und bezeichnete den verstorbenen Oberrabbiner C h a j e s als zu bekämpfenden „V f a f f e n wie S e i p e 1". Nach dein Zusammenbruch der sozialistischen und kommunistischen Parteien in Oesterreich im Februar 1984 entdeckte Herr Schnittlich wieder sein zionistisches Herz und erschien wieder auf der zionistischen Bildfläche — dazu noch an ganz hervorragender Stelle. Die zionistische Exekutive in Jerusalem, von welcher die „heiligen Gebote" (nach Herrn Dr. Rothenberg) ausgehen, ernannte durch den Mund ihres Wiener Spezinlkommissärs, des Herrn Histadruth-Führers Josef B ar a t z, den besagten Herrn Schnittlich zum Vertreter der linken Gruppen und Vizepräsidenten des Wiener Palästina- Amtes! Dieser Mann führt nun das große Wort im Palästina-Amt. Von seinem Votum hängt es ab, welcher ehrliehe Zionist nicht nach Palätoieder. Der Kreis rings um Bialik ivußte. daß es sich hier um eine plumpe Erfindung handle, um eine btaspfiemisc/ie Schändung. begangen an einem Toten, der dem ganzen \ olk teuer ist. Aber was tun? Jede Konsequenz hätte den „Gespräclikünstler" des Hajnt für immer unmöglich gemacht, aber es gibt im Jüdischen ein IVort. das zu deutsch rachmones heißt. Also .,. Der Wiener Korrespondent des „Hajnt" hat erst in den windstillen Februartagen des heurigen Jahres eine seiner reizenden Enten aufsteigen lassen, nach Warschau schreibend, daß der Direktor des Phönix. Dr. Berliner, zu den Männern gehöre, welche die österreichische, antisozialistische Reaktion finanziell unterstützen. Wiederum nit gestoign. nil gefloign. Aber was tut's? Die Katze kommt mit einem blauen Aug davon und läßt das Mausen nicht. Das geht I •so lange, bis den Schaden diejenigen erleiden, welche j derlei Extempores tolerieren, stina darf. Mit diesem Mann zusammen stimmen die für den Frieden so besorgten Allgemeinen Zionisten gegen Judenstaatler, Misrachisten und Revisionisten! Eine Gesellschaft, um welche sie nicht zu beneiden sind. Wenn das Wort Skandal .je. am Platze war. so hier. Frieden im Zionismus ist eine schöne Sache, Aber um den Preis, daß ehrlich-nationale junge Menschen gewaltsam von Pa'ästina ferngehalten werden, daß nur Klassenkämpfer hinein dürfen, daß man den werdenden Judcnstaat mit siüen Mitteln des Terrors zu einer Filiale der International« machen und so zugrunde richten will, daß Leute ä la Schnitt lieh in zionistischen Angelegenheiten mitreden, ja das große Wort führen - . . . um diesen Preis kann es keinen Frieden geben. SCin s olchcr Friede bedeutet den Zusammenbruch. Die. Judenstaatler werden pflichtgemäß weiterkämpfen, nicht für ihre Partei, sondern für den Zionismus. Auf die Vorfälle im Wiener Palästina-Amt kommen wir in der nächsten Ausgabe unseres Blattes zurck.. Naüiuna Sokolow als sadaversSäaidigei» Zeuge gegen die //Protokolle'' Aus Johannis bürg: Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Nahum Sokolow, wurde vorn Johannisburger Gericht als sachverständiger Zeuge in der Angelegenheit der ,,Protok o 11 e der Weisen von Z i o n" vernommen. Die Anklage richtet sich gegen drei Führer der südafrikanischen Naziorganisation der „Orauhemden" von Moltke, Inch und Olivier, die einen Aufruf verbreiteten, in dem dem Prediger der Port-Elizabeth-Synagoge, Rev. A. Levy, vorgeworfen wurde, daß er in einer Predigt die jüdischen Weltherrschaftspläne gemäß den „Protokollen der Weisen von Zion" enthüllte. Ferner wurde behauptet, daß die „Protokolle" vom ersten Zionistenikongreß in Basel 1897 beschlossen und von Theodor Herzl unterzeichnet worden waren. Präsident Sokolow erklärte vor Gericht, er habe persönlich an der Aufstellung der Tagesordnung des ersten Zionistenkongresses mitgewirkt. Ueber den gesamten Verlauf des Kongresses existiert ein offizielles Protokoll. Er wies darauf hin, daß der Pufblizist Ward Price, in den Londoner „Times" nachgewiesen hat, daß die sogenannten „Protokolle" eine plumpe Fälschung seien und daß ihre Quelle ein Pamphlet gegen Napoleon III. sei, das sich im Britischen Museum befindet. Die ..Protokolle" sind nichts als eine Aibschrift dieses Pamphlets, in die an Stelle des Namens Napoleon der Name Herzl und an Stelle der „Franzosen" die „Juden" gesetzt wurden. Sokolow erwähnte, daß Henry Ford ihm gegenüber das Bedauern ausgesprochen hat, daß er sich einmal durch die Lektüre der „Protokolle" zum Judenhaß hat verführen lassen; jetzt hatoe er sich überzeugt, daß die „Protokolle" eine plumpe Fälschung dunkler Elemente seien. Rev. A. Levy erklärte als Zetuge, die „Grauhemden" haben den Sinn seiner Predigt einfach in das Gegenteil umgefälscht. Das Urteil ist nooh nicht gesprochen. ErrBcBnÄtsmg eatiep psydriatrisdicn Lehvftsanxel Unter diesem Titel brachten wir in unserer letzten Nummer kommentarlos eine von der J. T. A. ausgegebene Meldung, wonach der zurzeit in Paliistina lebende Arzt Dr. Martin Pappenhelra an die Universität Jerusalem als Dozent für Psychiatrie berufen werden soll. Wir haben schon damals, als zum erstenmal dieses Projekt auftauchte, dagegen energisch Stellung genommen, indem wir der erstaunten Welt Mitteilung von der Wandlungsfähigkeit Dr. Pappenheims machten, der sieh in der Habsburger-Monarchie taufen ließ, später an die Sozialdemokraten anbiederte und konfessionslos wurde. Bürgermeister Dizengoff (Tel-Awiw) dankte uns für diese Aufklärung, die eine Berufung Pappenheims bisher verhinderte. Sollten vielleicht die Herren vom Skonus wie Dr. Magnes und Dr. Bergmann an dem diensteifrigen Chamäleon- Charakter des Wieners Dr. Punpcnhcim keinen Anstoß nehmen und seine Kandidatur forcieren': Wir wollen abwarten. Gewalftat in earoer VenpsaBeuBnlasfreg der Judensfaafisparfci in Polen Unter diesem Titel veröffentlichten wir in unserer Ausgabe Nr. 382 vom 17. Juli einen J. T. A.-Bericht aus Warschau, worin von der Attacke eines Brith-Trumpcldor- Mitgliedes gegen einen Angehörigen des Brith Haltanaini die Rede war. Wir erfahren nun folgendes zu dem genannten J. T. A.-Bericht: Ein polnisches Blatt brachte auf Grund einer falschen Information die Nachricht von einem blutigen Ueberfall einel Betari gegen einen jugendliehen Judenstaatszionisten und sah sich später veranlaßt, diese ihm zugekommene Nachricht zu dementieren. Inzwischen hatte der Korrespondent der Warschauer J. T. A. diese erdichtete Meldung weitergegeben, so daß sie in der deutsch-jüdischen Presse Eingang fand. Wir bemerken hiezu, daß wir die J. T. A-Nachricht, die wie man jetzt konstatieren kann provokatorischen Charakter trug, ohne jeden Kommentar wiedergaben und daß wir heute mit Genugtuur/? die Unrichtigkeit der Nachricht feststellen.

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