Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-07-20 · Heft 383 (20.7.1934) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 383 (20.7.1934)
Date
1934-07-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712006--4488-2717976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4 OOS NEUE WELT Nr. 383 Die jüdische Tragödie in Turkisth'Thranen EHe unsagbaren Leiden der von ihren Heimen durch Regierungsbehörden und durch antisemitischen Terror der aufgehetzten Bevölkerung vertriebenen Juden aus Türkisch-Thrazien haben die Weltöffentlichkeit in einer Weise erregt, daß sich die türkische Regierung bemüßigt sieht, die Oeffentlichkeit zu beschwichtigen und die Sache selbst zu bagatellisieren. Die türkischen Gesandtschaften in allen Ländern haben durch die amtlichen Presse-Agenturen den Zeitungen Darstellungen zukommen lassen, die ungefähr besagen: Ministerpräsident Ismet Pascha hat in der türkischen Nationalversammlung erklärt: „Meine Herren, ich muß eine peinliche Angelegenheit erwähnen, es handelt sich um Beschwerden (!) der jüdischen Mitbürger in Thrazien. Im Hinblick auf die Stellungnahme, die ihnen gegenüber beobachtet wurde, waren* diese gezwungen, ihre Wohnsitze zu verlassen, einige von ihnen begaben sich nach Istambul. In der Türkei ist jeder durch das Gesetz der Republik geschützt. Der Antisemitismus ist kein türkisches Erzeugnis und ist der türkischen Mentalität fremd. Manchmal dringt der Antisemitismus in unser Land ein, wo man sich sofort gegen ihn verteidigt. Es ist wahrscheinlich, daß die Bewegung, um die es sich handelt, eine Krise dieser Art ist. Wir werden niemals eine solche Bewegung zulassen (Beifall). Von dem Vorfall wurde ich bei meiner Rückkehr nach Ankara unterrichtet. Die Befehle, die ich erteilte, haben diese Bewegung sofort eingestellt. Die jüdischen Mitbürger, welche in Istambul eingetroffen sind, können in ihre Heimat zurückkehren. Die Schuldigen wurden und werden gesetzlich verfolgt werden. Ich entsende heute den Minister des Innern in die betreffenden Orte. Die Schuldigen werden strenge bestraft werden." Den Vertretern der Presse erklärte sodann Ismet Pascha: „Ich erfuhr, daß ungefähr 100 Juden aus Thrazien in Istambul eingetroffen sind. Ein gewisser Druck privaten und lokalen Charakters veranlaßte einige Juden, ihre .Wohnatätten zu verlassen. Ich habe den Befehl erteilt, die Angelegenheit sorgfältig zu untersuchen. Ich mache darauf aufmerksam, daß ungesetzliche Versuche streng werden bestraft werden. Diese Erklärung ist auch die Antwort an die jüdischen Kläger. Ich rate ihnen, sich an die Gerichte zu wenden und um den Schutz ihrer Rechte und die Bestrafung derjenigen zu ersuchen, die ihnen nahegetreten sind." * In der Pariser Zeitung „Populaire" schildert Andre* Leroux die thrazische Judentragödie wie folgt: „Seit einiger Zeit ist die alte türkische Hauptstadt von einer großen Anzahl aus Thrazien und dem Dardanellengebiet kommender israelitischer Familien überschwemmt, die gezwungen worden sind, auszuwandern. Jüdische Läden sind verwüstet worden und die Juden haben in aller Eile " e Frauen und Kinder nach Istambul geschickt. Man glaubt, daß ungefähr 8000 Personen gezwungen Worden sind, nach Istambul zu flüchten. Der hauptsächliche An- Die schönsten Palästinareisen zu billigsten Pauschalpreisen mit und ohne Landarrangement allmonatlich Einzelreisen zu Originalpreisen Auskünfte und Prospekte: REISEBÜRO „MARIENBRÜCKE" (Palästinadienst. Leitung: BERTA TAUBES WIEN, I., ROTENTURMSTRASSE 26 Tel. R 24-2-86, R-24-2-87 Stifter scheint die nationalistische türkische Organisation „Ali Ferlachi" in Adrianopel zu sein. Die Proteste, die an den Pr&fekten der Stadt gerichtet worden sind, sind ohne Resultat geblieben. Ismet Pascha gab strenge Order, die antisemitischen Ausschreitungen sofort zu liquidieren. * Der bekannte jüdische Rechtsanwalt Chlmchi Effendi hat sich nach Ankara begeben, um bei der Zentralregierung für die jüdischen Flüchtlinge zu intervenieren. Die Gouverneure von Kirhilisae und Tekirdag wurden von ihren Posten abberufen, weil sie die Judenverfolgungen duldeten und von amtswegen Judenaustreibungen vornahmen. Polizisten patrouillieren durch die Straßen aller Städte, um Plünderungen in den von den Juden verlassenen Häusern zu verhüten. * „L'A c t i o n" berichtet aus Istambul, daß die türkischen Behörden die Austreibung von 28.000 Juden planen (!). In der europäischen Türkei leben gegenwärtig 80.000, in der asiatischen Türkei 78.000 Juden. Jüdische Flüchtlinge aus Thrazien, die in Saloniki eintrafen, erzählen, daß entgegen der offiziellen Mitteilung der türkischen Regierung von Wiedergutmachungs-Maßnahmen bisher gar nichts zu merken ist, sondern daß im Gegenteil weitere jüdische Massen aus Thrazien flüchten, weil sie unter dem dort herrschenden antisemitischen Terror nicht leben können. Die antljUdlscbe Aktion ging auf zweierlei Weise vor sich. Einerseits gingen die Behörden in manchen Orten mit der restlosen Austreibung der Juden vor, anderseits hetzten anti- {Höre flieh seihst! Schaltplattenaufoahmtn jcd«r Art im Tllaphati-Stadlo, Margaretenstr. 22, Tel. B-20-2-19 semitische Agitatoren die Bevölkerung in den Orten, in denen eine offizielle Judenaustreibung noch nicht ausgesprochen worden war, gegen die Juden auf, so daß diese dem gegen sie entfesselten gefährlichen Terror freiwillig wichen. Der Stamm der Bachi-Bouzouks und die in die Städte strömende Dorfbevölkerung griffen jüdische Passanten in den Straßen der Städte mit den Rufen „T o d den Juden!" an. Zahlreiche Juden, Männer, Frauen und Kinder, wurden schwer mißhandelt und zum Teil verstümmelt. Den flüchtenden Juden wurden die Habseligkeiten und das Bargeld geraubt, Frauen, die das Geld nicht hergeben wollten, wurden die Finger ab geschnitten. Es kamen auch zahlreiche Vergewaltigungen vor, mehrere jüdische Mädchen wurden verschleppt, ihr Schicksal ist unbekannt. Jüdische Kinder, die auf der Flucht von ihren Eltern getrennt wurden, irren in den Wäldern Thraziens umher. * Berner „Bund" berichtet aus Istanbul, daß die Judenaustreibungen aus den Grenzgebieten am Aegäischen Meer auf die in der Türkei augenblicklich sehr angewachsenen Kriegsbefürchtungen zurückzuführen sind. Die Türkei rechnet mit einem baldigen Kriege, wobei hauptsächlich Italien als Gegner genannt werde. Seit einer Woche, meldet der Korrespondent des „Bund" weiter, treffen fortgesetzt Züge voll jüdischer Familien aus den Grenzgebieten, am Aegäischen Meer, aus den Dardanellen und aus Thrazien ein, die ohne jede vorhergegangene Ankündigung gezwungen wurden, die Orte zu räumen, in denen sie seit Menschengedenken wohnen. Sie konnten nichts von ihrem Hab und Gut mit sich nehmen oder veräußern. Adrianopel mit seiner starken jüdischen Bevölkerung soll bereits fast ganz von Juden geräumt worden sein. In Konstantinopel hat sioh ein jüdisches Komitee für Hilfe an die Flüchtlinge gebildet. Ein Erfolg der deutschen Propaganda? Aus London wird gemeldet: „Daily Express" weiß aus Istambul zu berichten, daß deutsche Ingenieure und Techniker, die von der türkischen Regierung in der europäischen und in der asiatischen Türkei beschäftigt werden und die sich nebenbei, zum Teil sogar im Hauptberuf, als deutsche Voraus muß man denkend sich sichern — versichern Phönix Hilf flXlwo VcnicfieriifigfGet« Wien IX. 8«sM Atterptaf* Nr. 3 H nationalsozialistische Propagandisten betätigen, es verstanden haben, die lokalen türkischen Beamten zu der antisemitischen Aktion der Austreibung zu bewegen. Türkische Beamte wurden direkt zu dem Zwecke bestochen, um antijüdische Aktionen bei der Bevölkerung auszulösen. Man erwartet, daß die türkische Regierimg, die nun gegen die Beamten vorgeht, auch Maßnahmen zur Unterdrückung der Nazipropaganda ergreifen wird. Vom Kuratorium der Universität Jerusalem Aus Jerusalem wird uns berichtet: Am 13. August wird in Zürich die Konferenz des Kuratoriums der Hebräischen Universität Jerusalem beginnen. Im Zusammenhang mit den Angriffen, welche in der letzter Zeit gegen die Leitung gerichtet wurden, erwartet man eine scharfe und kontroversenreiche Debatte. Das Kuratorium wird Beschlüsse annehmen, die sich auf den Bericht der Untersuchungskommission über die Lage der Unversität beziehen. Dieser Bericht wurde zwar noch nicht veröffentlicht, aber man weiß bereits, daß er verschiedene Vorschläge enthält, mit welchen der gegenwärtige Rektor Dr. M a g n e s nicht einverstanden ist. Dr. Magnes ist in Voraussicht einer starken Opposition gegen seine Pläne nach Amerika gereist, um mit Hilfe der amerikanischen Kuratoren, vornehmlich Felix Warburgs, seine Position zu stärken. Es ist ihm auch gelungen, Geld zur Deckung des Defizits im Universitätsbudget zu bekommen und auch Sympathien seitens gewisser Kreise zu gewinnen. Nichtsdestoweniger ist noch unbestimmt, ob aus der Sitzung des Kuratoriums in Zürich Dr. Magnes wiederum als Rektor hervorgehenwird. Wie bereits erwähnt, wird um diese Frage ein heißer Kampf entbrennen. Vor nicht langer Zeit wurde die Meldung veröffentlicht, daß Professor Einstein einschneidende Reformen im Lehrbetrieb der Jerusalemer Universität verlangt, für den Fall, daß er einen Lehrstuhl dort Ubernehmen sollte. Der Kuratoriumssitzung wird mit großem Interesse entgegengesehen, zumal sich einflußreiche englische Persönlichkeiten, u. a. auch der Oberrabbiner Dr. Hertz, Prof. Weizmann und einige britische Universitätsprofessoren, unter ihren Mitgliedern befinden. STRENG KOSCHER Wf SEEFELD (Tirol)/1200 m T"*pr llllllltllllllllllllMllllltlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllt Einzigartiger Höhenkurort, intensivste Höhensonne, Wassersport. PENSION oescHwisTM SCHEER im Hotel Hochalm Bekannt erstklassige Verpflegung, mäßige Preise Fahrpreisermäßigung Publikum, war das Konzert für die Yankees zu viel geistlich. Dazu kam noch der ganz unbekannte und unverständliche hebräische Text, so daß manche den Saal inmitten des Werkes verließen. Die 1500 bis 2000 Ostjuden, die ins Konzert liefen und für Ihr teures Geld (die Preise waren recht hoch} ein hebräisches Konzert mit bekannten Synagogenmelodien erwarteten, waren enttäuscht. Bleibt also noch die Meinung des Musikers übrig. Hier ist sie! Das Werk ist interessant und trägt stellenweise geistlichen Charakter. Jüdisch? Nein! Keine Spur von Tradition, keine Spur von den so wunderschönen alten und uralten Synagogenmelodien, die einen wahren Schatz lur jeden Musiker darstellen, der jüdische Musik versteht. Wohl gibt es ein paar Takte in „Tsur Jisroel", die Herr Bloch weit und breit in die Welt als synagogale Musik hinausposaunte, doch muß ich aufrichtig gestehen, daß sie keine wertvolle traditionelle Melodie ist. Und wie gesagt, — machen ein paar Takte das Werk noch nicht jüdisch! Der ganze Gottesdienst nach Bloch ist in der Form einer katholischen Messe gehalten, zerfällt in fünf Teile und kann, genau wie die katholische Messe, mit und ohne Unterbrechung aufgeführt werden. Sie eignet sich ganz so für die Kirche wie für den Konzertsaal. Der Text ist derart zugestutzt, daß er kein Wort über den Sabbat enthält. Er beginnt mit „Mah Tauwu *~ Borchu — Schema Jisroel — Keduachah — Ausheben — Einheben —- £tfejnu ~ Kaddisch — Adon Aulom Segen" und Schluß. Wo und wann die Thora gelesen wird und wann der Rabbiner darankommen soll, wird nicht erklärt. Das Werk ist ein ausgesprochenes Orchesterwerk. Wir brauchen also zum Gottesdienst ein komplettes Symphonieorohester mit Becken, Glockenspiel usw. Wohl soll eine Aufführung mit Orgelbegleitung allein möglich sein, und man machte auch in Boston mit Klavier und Orgelbegleitung im reformierten „Temple Israel" einen Versuch, aber es konnte kein zufriedenstellender Erfolg erzielt werden. Die Musik ist, wie gesagt, schön, interessant und im großen auch geistlich; Jüdisch — leider nicht. Schade! Der große Komponist hätte uns ein epochemachendes Werk schenken können — bei Verwendung der alten und uralten traditionellen Gesänge. Eine jüdische Messe täte not! Katholische gibt es genug! Eine kleine Bemerkung sei hier gestattet: Daß in der größten Stadt der*Welt kein künstlerisch genug hochstehender jüdischer Gesangverein für derlei Aufführungen besteht, ist bedauerlich. Daß man aber einen Klosterschwestern-Chor in seiner weißen Uniform zur Verstärkung heranzieht, ist ein krasser Mißgriff, der seine Erklärung findet, wenn man in Betracht zieht, daß das Konzert vom Gesangverein als Tribut für den großen jüdischen Komponisten Bloch veranstaltet wurde. Hätte Bloch auf die Juden gewartet, wäre es, wenn Überhaupt, höchstens zu einer Aufführung i» Tj>ap<jl gt^mm«n< Aber wie kommt ein großes Symphonieorchester in die Synagoge? Braucht die Synagoge eine Messe analog der katholischen Kirche? Da der Ritus bloß dem extrem reformierten Tempel gehört — wieviel solcher Tempel gibt es denn in der ganzen Welt? Ich kenne hier in Amerika mehrere reformierte Tempel, von denen jedoch jeder einen anderen Ritus hat! Für wen und für welchen Zweck schrieb also Bloch diese eigenartige ..jüdische" Messe? Die einzige Möglichkeit scheint doch der Konzertsaal zu sein. Es bleibt nur abzuwarten, wieviele Konzertdirigenten und -Gesellschaften sich einer hebräischen Messe annehmen werden. Was Boston anbetrifft, so wird sie in der nächsten Saison von Dr. Koussovitzky und seinem Meisterpieler mit einem — christlichen Chor (der Bostoner jüdische Gesangverein mit 80 Mitgliedern ist nicht stark genug, Koussovltzky verlangt zumindest 160 Mitglieder) aufgeführt werden. Der Bostoner jüdische Gesangverein und das jüdische Symphonieorchester brachten Saint-Saens „S i n tf lut" unter seiner Leitung zu Gehör. Dieses Werk wurde in Boston seit 54 Jahren nicht aufgeführt. Endlich konnte ich nach vieljährlger Arbeit einen Verein zur Förderung jüdischer Kunst und Musik (Jewish Society of Art and Music) ins Leben rufen. Hoffentlich-wird e« in der Zukunft möglich sein, tobr&fecbe Musik mit jüd^aeixoa Jiröfteu aatztäWw* .„ •<Mv4a><.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.