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Die neue Welt · 1934-07-20 · Heft 383 (20.7.1934) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 383 (20.7.1934)
Date
1934-07-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 383 RUNDSCHAU // Das Ende des blutrünstigen „Stürmer Das edle Beispiel des Dritten Reiches hat bei uns in nielen Belangen Nachahmung gefunden. Vom allgemein gehaltenen ..Juda verrecke" bis zur Ritualmordhetze, von den wüsten Aufmärschen bis y.um Hitler-Gruß — all die unblutigen und blutigen. , Fastnachtscherze rollten auf Oesterreichs gemütlichem Horizont ab, so lange, bis die autoritäre Regierung Dollfuß im Zeichen des Heimatschutzes, besonders der vaterländisch gesinnten Gruppen, Zugriff, Alhvöchentlich aber blieb, nachdem sogar die Terrorakte der nationalsozialistischen Desperados schütterer lourden, als letzter, aber nicht weniger krasser Schrei „D er S t ü r m e r". Wir haben einige Male auf dieses abscheuliche, Oesterreichs Antlitz verunstaltende Gewächs hingemiesen. Das Machtwort, der Behörde entfernte den „Stürmer" von der Gasse, aber nicht aus der Well. Allen Kulturmenschen in Oesterreich war diese Milde unverständlich. Nun hat der ..Stürmer" das Zeitliche gesegnet. Aber nicht etwa, toeil sein Puls aus innerer Schwäche nicht mehr schlagen konnte, nicht, weil die Agonie in Todesröcheln überging. „Der Stürmer" erscheint nicht mehr, weil die Druckerei den weiteren Druck des Blattes oerweigert. Verweigert natürlich aus Angst davor, daß sie, wenn sie ein getarntes Blatt druckt, oon der Behörde gesperrt werden könnte. Die drakonischen Maßnahmen der Regierung beginnen sich auszuwirken. L eere Plätze Das Organ des britischen Weltreiches „Times" schrieb über den Versuch Hitlers, in seiner Rede vor dem deutschen Reichstag die Notwendigkeit der Morde zu motivieren: „Die Kuliurwelt hat ihr Urteil gesprochen". Die internationale Presse brachte in großen Zügen Hitlers Verteidigungsrede, aber sie unterließ zufällig, den nachstehenden Passus zu veröffentlichen: „Der großen positiven Welt, die der Nationalsozialismus in Deutschland geschaffen hat, steht noch immer eine kleine negative Welt gegenüber. Zu der gehört vor allem jene kleine Schicht internationaler Volkszersetzer: die Kommunisten. Auch in Deutschland oersuchen noch einzelne dieser harren und Verbrecher ihre destruktive Tätigkeit auszuüben. Die Folgen eines kommunistischen Sieges wären für das Reich vernichtend, die überwältigende Mehrheit . der deutschen Arbeiter hat diese j ii d i s c h e n M e n s c h h e i t s b e gl ü c k e r e r k a n n t u n d ii b e r w u n d e n. Der Nationalsozialismus wird aber, wenn nötig, in einem hundertjährigen Krieg auch die letzten Kräfte dieser Volksoergif(ung und Volksoernarrung ausrotten und vernichten." Immer wieder versucht Hitler durch Vorspiegelung einer kommunistischen Gefahr die Notwendigkeit drakonischer Maßnahmen gegen „Staatsfeinde" zu beweisen. Tatsächlich ist ihm die zivilisierte Welt eine Zeitlang auf den Leim gegangen. Man hat ihm Pardon gegeben — unter dem Aspekt, daß der Nationalsozialismus allmählich seine Schärfe oerlieren iverde. Die Mordnacht des 30. Juni hat nun auch für die Udlitanislen — vornehmlich England — eine Wendung gebracht. Der Sazipogromismus hat sich selbst in Szene gesetzt. In der Sitzung des deutschen Reichstages sind diesmal mehrere Plätze leer geblieben. Daß Herr oon Pape/! dem Mordgeruch ausgewichen ist, kann bei einem konservativen Katholiken nicht wundernehmen. Aber es fehlten auch die Vertreter E n gl a n d s, F r a n k r e i c h s, Italiens und A m erikas . . . Eine moralische Boykottierung des Blutregimes. Vielleicht ein guter Anfang . . Palästina hat sie besiegt Sie kehren zurück. Sie fühlen ilir Herz hingeneigt, nach Jahren treuloser Unempfänglichkeil, ja bewußten Abtoenilens. Was taten sie nicht alles, um die unbewußten Triebe zu besänftigen, um ihr Judesein zu verbergen, um in fremdvölkischen Bereichen sich zu verlieren} Alles gaben sie preis, ihre Seele, ihren Stolz, das Andenken ihrer Vorfahren, Tausenderlei Künste wandten sie an, um sich selbst zu entfliehen. Jetzt entdeckten sie etwas Neues und vielleicht sich selbst . . . Prof. Leopold J essner grub sich lief in die , deutsche Dramatik ein. Seine Inszenierungen am Berliner Staatstheater — ob Schiller oder Sheakespeare oder Sophokles — bezeugten den Willen, fern von allem zu wirken, was nach „jüdisch" roch. Alexis Grunowsky, der Regisseur und Leiter des Jüdisch-Akademischen Theaters in Moskau, machte aus dem Judentum eine Fratze. „Seine Juden", schrieb ich anläßlich des Granomsky- Gast Spieles im Wiener Garltheater, ...so. wie sie aus seinem Laboratorium herausgekommen. Mißgeburten des nichtigen Spießertums, sagen: Wir sind entsetzliche Karikaturen. Wir sind keine Menschen mehr, Juden schon lange nicht mehr. Wir sind Grotesken unseres eigenen Seins". Dem Granowsky-Theatcr stellte ich die Habima entgegen, indem ich schrieb: „Die großen Erlebnisse der jüdischen Seele, die ihr Schicksal in allen Stadien des Leids, des Heroismus, der Aufopferung, der Hingabe, der messianischen Idee durchlebte, gaben sich bei der Habima in wundervollster Reinheit . . . Die Habima ist lehrreich für den Fall — Granomsk y." Vorbei, vorbei .... Sie kehren zurück. Beide, Leopold Jessner und Alexis Granowsky. werden nach Vre/. Israel reisen und dort künstlerisch tätig sein, als Regisseure der hebräischen Habima. Palästina, das jüdische, zionistische Palästina, hat sie besiegt. lad«! Sie höflichst ein l // Die Jagd auf „Illegale Durch alle W inkel wollen sie sich schleichen — ins Gelobte Land. Es ist sozusagen gesperrt, die paar tausend Zertifikate können nicht den Hunger, nicht die Sehnsucht stillen. Immer größer wird die Judennot, immer liefer die Verzioeiflung. Die Verfolgungen in Deutschland haben nicht aufgehört und schon geht's auf dem Balkan los. Die jüdische Tragödie in Thrazien läßt wieder einmal mit voller Deutlichkeil die Labilität der jüdischen Existenz in der Gallith erkennen. Und die britische Regierung, die Mandatsoertoalterin, macht keine Miene, die Tore des jüdischen Nadonalheims auch nur ein wenig breiter zu öffnen . . . Im Gegenteil. Sie hat den Schreckensbegriff „illegal" geschaffen. Aber so schrecklich kann er nicht sein, daß Juden, Männer und Frauen und Kinder, nicht die Gefahr dieser Illegalität auf sich nehmen nnirden. Wieder meldet die Jüdische Telegraphenagqniur:.. .. .;. In Tiberias wurden 56 jüdische Männer, Frauen und Kinder auf Grund der Denunziation arabischer Chauffeure als illegale Einwanderer verhaftet. Sie sollen bis zu ihrer Deportierung in Haft bleiben. An der transjordani s c h e n Grenze wurden drei* Juden aus B a g d a d, die nach Palästina gehen wollten, verhaftet. Acht Juden wurden beim'Versuch, die Nordgrenze Palästinas oon Syrien her zu überschreiten, verhaftet. An der gleichen Grenze wurden drei jüdische Frauen in Haft genommen. Und die linke Exekutive führt den Klassenkampf im Gelobten Land toeiter .... o. r. §atön feihigen'.^;'^; •vn RESTAURANT BILLETnttt BESTRINOMMIEHTE KUCHI RCICHHALTIOE MENÜS * S 1.90 UND 1.60 SCNWECHATER BRXU lf,H«mmer-Purgsfcili-Gasse 3 (ngeftst SaliJorbrOckt) •> TH. Ä-41-6-25 Eishockeymannschaft berufen. Ferner haben wir vor Monaten schon die gegenwärtig in Kalifornien studierende Helene Mayer davon verständigt, daß sie an die Spitze unserer weiblichen Fechtmannschaft gestellt werden soll. Schließlich haben wir eben erst sechs hoffnungsvolle' athletische Begabungen eines jüdischen Sportklubs ausgewählt, die an den demnächst beginnenden olympischen Vorbereitungskursen für Deutschland teilnehmen werden. Sie sehen also, mit welcher Loyalität (!) Deutschland seine in Wien eingegangenen olympischen Verpflichtungen zu halten gewillt ist." Im Gefühl, daß der Judenpunkt der Angelpunkt für das Gelingen der Berliner Olympiade ist, beeilen sieh die deutschen Sport-Propagandisten, Versprechungen zu machen, deren Erfüllung gar nicht in ihren Händen, liegt. Wie z. B. können diese Herren die persönliche Sicherheit der Helene Mayer garantieren, gegen die von der Nazi-Presse so heftig gehetzt worden ist Unbeschadet der von Dr. Diem genannten Beispiele kann selbstverständlich keine Rede davon sein, daß die Juden im deutschen Sport vollberechtigt seien. Im Übrigen werden die Juden selbst ihre Stellungnahme deklarieren. luden werden zur Berliner Olympiade gelodkfi Dr. Karl Diem, der Generalsekretär des deutschen Olympischen Komitees, hat einem französischen Journalisten folgendes Uber die Teilnahme von Juden an der Berliner Olympiade 1936 erklärt: „Das Rassenprinzip besteht nicht mehr für die Vorbereitung und <Me Organ, sation der Spiele. Ich kann nur wiederholen, was Dr. Lewald in Wien und in Athen feierlich erklärt hat. Alle deutschen und ausländischen Sportleute und Athleten, die die olympischen Bedingungen erfüllen, werden in Berlin willkommen sein. Wir haben zum Beispiel den jüdischen Sportsmann Rudi Ball zum offiziellen Mitglied der deutschen Körperliche und geistige Frische sind die kostbarsten Güter des Lebens in der Jugend wie insbesondere im Alfer Bewahren und mehren Sie diese Schätze durch ständige, sparsame Pflege Ihres Körpers. Das beste Mittel für alle Zwecke der Körperpflege — Einreibungen, Packungen (Umschläge), Mundwasser usw. — ist DIANA- Franzbranntwein mit Menthol In jedem besseren Geschäft erhältlich. Verlangen Sie auHdrlicklich „Diana" und Nehmen Sie nur Diana! Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen Die Trauer um Bialik Belgrad: Der Vollzugsausschuß des Bundes der jüdischen Gemeinden in Jugoslawien hielt eine Trauersitzung ab, in der Landesrabbiner Dr. Isak Alkalay den Verlust, den das ganze jüdische Volk durch den Hingang B i a 1 i k s erlitt, betrauerte. An den Bürgermeister von Tel-Awiw wurde eine Trauerkundgebung gesandt, die auch für den ganzen Jischuw gilt. Sofia: Das Zentralkonsistorium der Juden Bulgariens, der Verband der hebräischen Lehrer, die Zionistische Organisation, der M a k k a b i und die Gemeinde Sofia gaben in hebräischer und bulgarischer Sprache Trauerkundgebungen mit dem Bilde Bialiks heraus. Das Zentralkonsistorium sandte im Namen der bulgarischen Juden eine Beileidsdepesche an den Waad Leumi. In "allen Synagogen Bulgariens wurden Trauergebete für Bialik gesprochen. Ein Buch über Bialik und eine Auswahl der Werke Bialiks in bulgarischer Uebersetzung werden vorbereitet. Zürich: Der Schweizer Zionistenverband veröffentlicht eine Kundgebung für Bialik, in der es heißt: Bialik war ein wahrer Erbe der Propheten. Er hat die jüdische Seele erweckt und aus der Galuth-Umklammerung befreit. ' - Paris: Bei der Trauerfeier für Bialik in Paria hielt der Bürgermeister von Tel-Awiw Mayer Dizen« goff die Gedenkrede. Andere Redner waren der he* bräische Dichter Salman S c h n e u r, der französischjüdische Dichter Edmond F1 e g, Isaac N aiditc n, Rabbi Eisenstadt und Jefroykin. Das Begräbnis in TeB*A*viw Aus Tel-Awiw wird unter dein 16. JvX. gemeldet: Heute um halb 8 Uhr früh ist im Jaffaer Hafen das Schiff „Italia" mit den sterblichen Resten de» hebräischen Dichters Chaim Nachman Bialik angekommen. Die letzte Reise Bialiks auf dem Schiff des Lloyd Triestino hat sich unter der Führung dea jüdischen Kapitäns Steinfeld vollzogen. Der Sarg wurde von den führenden Persönlichkeiten des Jischuws begleitet. Das Schiff war mit schwarzem Krepp dekoriert. Der Sarg war von angezündeten Kerzen umstellt. Die ganee Zeit über haben die Chaluzim, welche auf dem Schiff mitgefahren sind, ein© Ehrenwache beim Sarg gehalten. Um 9 Uhr früh wurde der Sarg mit der Leiche von Chaim Nachman Bialik in den großen Saal des Tel-Awiwer Stadtrates gebracht. Im Verlauf von fünf Stunden, bis 2 Uhr nachmittags, sind Tausende und aber Tausende an dem Sarg vorübergegangen und haben dem großen Dichter die letzte Ehre erwiesen. Alle nationalen Institutionen blieben zum Zeichen der Trauer den ganzen Tag geschlossen. Um 12 Uhr mittags wurde der ganze Verkehr in der Stadt eingestellt. Um 3 Uhr nachmittags hat der ganze Jischuw die Arbeit eingestellt, alle Fabriken, Geschäfte, Werkstätten und Büros wurden geschlossen. Um 4 Uhr nachmittags formierte sich der riesige Leichenzug zum Friedhof. Alle Gebäude der Stadt haben schwarze Fahnen ausgehängt. Um 6 Uhr wurden die sterblichen Reste Chaim Nachman Bialiks zur Bestattung gebracht. Das ganze Begräbnis und das Beerdigungszeremoniell haben sich mit ungewöhnlicher Feierlichkeit abgespielt. Im Einverstnädnis mit dem Willen der Witwe gab es keinerlei Leichenreden. Beim Grab wurde bloß das „El mole rachamim" gesagt. Nachdem der Sarg in die Erde hinabgelassen worden war, sind die tausende Menschen stumm in tiefer Trauer einzeln auseinandergegangen. Danksagung. Die Leitung der jüdischen Ferienkolonie in der Hinterbrühl dankt auf diesem Wege der Ankerbrotfabrik für die hochherzige Zuwendung, durch welche der gesamte Brotbedarf der Kolonie während des dreimonatigen Betriebes vollständig unentgeltlich gedeckt wird.

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