Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 383 (20.7.1934)
- Date
- 1934-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 20 Groschen Jahrgang 8 freitags den >♦ Julr 1034 185 Nr« 385 V* »♦ b. %fr vn,n Verleger versendet ar l editeur" Titl ün,vc»'tätsbibliothek Wien, i. REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.~, ganzjährig S 16.—; Tolen monatlich Zloty 2.—. vierteljiihrig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar -10.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; UulRaricn monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 150.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion u, Verwaltung: IX, Universitäfsstr. 8, Tel. A-20-2'78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Die Spannung n'ngs um den StawskysProzeß Aus Jerusalem wird uns unter dem 16. gemeldet: Die Spannung im ganzen jüdischen Jischuw im Zusammenhang mit dem für den heutigen Tag anberaumten Appellation sprozeß gegen das Stawsky-Urteil ist eine ungeheure. In den frühen Morgenstunden weiß man noch nicht, ob der Prozeß, wie erwartet, verschoben werden wird. In zahlreichen Schulen, Synagogen und Bethäusern werden Gebete für die Befreiung des unschuldig zum Tode verurteilten Stawsky gesagt. Tausendo fromme Juden fasten heute. Schon in den ersten Morgenstunden hat ein Strömen zu der Klagemauer eingesetzt, wo ebenfalls Gebete für Stawsky gesprochen werden. Die TJebcrzeugung, daß Stawsky unschuldig ist, hat sich von Minute zu Minute verstärkt, insbesondere nach der Erklärung des Advokaten Dr. E 1 i a s h, wonach der verhaftete Araber Abdul Medschid sein seinerzeitiges Mordgeständnis wiederholt habe. Die Bewegung für die Befreiung Stawskys nimmt Massencharakter an und ist sogar in jene Schichten gedrungm, welche sich bisher für die ganze Angelegenheit uninteressiert gezeigt haben. Jene Gruppen, welche bisher aus der schändlichen Mordlüge gegen die nationalen Zionisten Kapital geschlagen haben, versuchen jetzt, Bich von der Affäre Stawsky zu distanzieren und die Unschuldigen zu spielen. Das Verfahren beginnt Aus Jerusalem wird unter dem Iß. gemeldet: Mit dem Appellationsverfahren hat heute die zweite Phase des Stuwsky-Prozcsses begonnen. Das Gerichtstribunal ist diesmal kein gemischtes, sondern besteht ans drei Engländern. Den Vorsitz /Tührt der P.iclitrr M a c D o n a 1 df Beisitzer sind die Richter Baker und Shistrit. Sic sind in roter Amtstracht erschienen und tragen grau-weiße Perücken. Todesstille herrscht im Saal, als sie sich auf ihre Plätze begeben. Abraham S t a w s k y sitzt in seiner Zivilkleidung auf der Beschuldigtcnbank, er kann sich frei bewegen, da er nicht in Ketten geschmiedet ist. Auf Stawskys Gesicht Ist keinerlei Acnderung zu bemerken. Im Saal befinden sich nur wenige Zuschauer. Es Bind vornehmlich Advokaten, Polizeibeamte und Pressevertreter erschienen, und zwar solche, welche seinerzeit dem Gang des ersten Prozesses gefolgt sind. Der Hauptverteidiger Advokat Horace Samuel Ist gleich nach Eröffnung der Gerichtsverhandlung an die große Verteidigungsrede gesehritten, in welcher er den ganzen Prozeß analysiert und alle wichtigeren Momente aus den Gerichtsverhandlungen der ersten Instanz hervorgehoben hat. Samuel hat in seiner Rede betont, daß man es hier mit einem sehr komplizierten Fall zu tun hat. Von einer Seite wird das Urteil durch die Zeugenaussage von Abdul Medschid ins Wanken gebracht, welche ein ganz anderes Licht auf das tragische Geschehnis am Strand von Tel-Awiw wirft. Von der anderen Seite wiederum ist das Votum separatum des F. lehters de Valero zum Urteil der ersten Instanz bedeutungsvoll. Richter Valero hat sich nämlich In seinem Votum separatum auf den Standpunkt gestellt, «*aß beide Angeklagten, sowohl Zwi Uosenblatt wie fluch Abraham Stawsky, am Morde unschuldig sind. Wer ist der zweite Schuldige? Nach dieser Einleitung wendete Horace Samuel Bich der neuen Erklärung des Arabers Abdul Medschid zu, die der Anwalt Dr. Eliash in Form einer eidesstattlichen schriftlichen Form abgegeben habe, er hätte zusammen mit seinem Freund Issa Dar wisch Dr. Arlosoroff erschossen. Samuel stellt den Antrag, das Appellationsgericht möge den Dr. Eliash zitieren, damit die ganze Angelegenheit des neuen Geständnisses von Abdul Medschid aufgeklärt werde. Im weiteren Verlauf gibt Samuel eine logische Konstruktion des Urteils aus der ersten Gerichtsinstanz und betont, daß sich dieses Urteil auf keinerlei faktische Beweise stütze und die Frage nicht beantworte, mit wem Abraham Stawsky eigentlich den Mord ausgeführt habe. Wenn man annimmt, daß der zweite Schuldige ein Araber sei, dann bricht die Theorie von der politischen Begründung des Mordes in sieh zusammen, und es fällt damit auch die Konzeption, daß Revisionisten für den Mord verantwortlich sind. Die Fehler der ersten Instanz Horace Samuel verwies mit besonderem Nachdruck auf die ersten Erklärungen der Frau Sima Arlosoroff unmittelbar nach dem Mord und ebenso auch auf die ersten P o 1 i z e i - P r o t o k o 11 e, welche beinhalten, daß einer der Mörder nach seinem Aussehen ein Araber gewesen sei. Samuel führte auch eine Reihe juridischer Ungcnauigkoitcn an, welche während des gerichtlichen Lokalaugenscheines auf dem Tatort und wahrend der Idcntifizieruiigsszenen mit den Mordverdächtigen begangen worden sind. ftftosche Weiser und Sima Arlosoroff Aus Jerusalem wird uns unter dem 18. Juli gedrahtet: Horace Samuel weist im weiteren Verlauf seiner Ausführungen darauf hin, daß das Gutachten der a r a b Isehen Spurensuchör voller Widerspruche ist und hicht zur Grundlage einer einwandfreien Beweisführung Uenc-n kann. Insbesondere betont er, daß der routinierteste Pension Irma Meister. Meran Idealer aanzjähriger Aufenthalt, letzter Komfort, gerühmte Küche, herrl. Park, mäßige Preise. Verlangen Sie Prospekt Rechtsanwalt Horace Samuel r \'T"^w Sachverständige in Fußspurenangelegenheiten, Abu Ii a i g h, erltlärt habe, es sei ausgeschlossen, auch nur dlo entfernteste Aehnlichkeit der Fußspuren mit denen des Angeklagten Stawslty zu finden. Von besonderer Bedeutung ist die Zerpfiüekung der Aussage des berüchtigten Zeugen Mosche Weiser, der in Diensten der englischen Polizei steht. Mosche Weiser hat nämlich als Zeuge im Prozeß der ersten Instanz erklärt, daß er am Strand von Tel-Awiw 5 Minuten vor dem Schuß einem Manne begegnet sei, der in den äußeren Umrissen Abraham Stawsky ähnle. Da nun Frau Arlosoroff aussagte, daß schon auf dem Weg zum Strand zwei Männer ihr gefolgt seien, die zweifellos die. .Täter sind, kann-der von Mosche Weiser genannte Mann mit keinem der Mörder identisch sein. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, daß sich Stawsky in der fraglichen Nacht nicht am Strand von Tel-Awiw aufgehalten haben kann. Bezüglich Abdul M edschids liegt eine Nachricht vor, wonach er das an Dr. Eliash abgegebene Mordgeständnis wieder zurückgezogen haben soll. Wenn dies der Fall ist, so kann es sich nur um Beeinflussung Abdul Medschids seitens jener arabischen chauvinistischen Kreise handeln, welche schon seinerzeit sowohl Abdul Medschid als auch seinen Freund Issa Darwisch bestimmt haben, die Mordtat zu leugnen. Bekanntlich hat gleich bei Beginn des Prozesses das arabische nationale Komitee große Summen zur Verfügung gestellt, damit jeder Vordacht eines Zusammenhanges von Arabern mit dem Morde an Dr. Arlosoroff verwischt werde. Erfreue Deine Lieben mit Zwi Uosenblatt/ der Freigesprochene Während der Gerichtsverhandlung ist Stawskys seinerzeitiger Mitbeschuldigter und von der ersten Instanz freigesprochener Revisionist Zwi Rosenblatt die ganze Zeit hindurch im Korridor des Gerichtsgebäudes gesessen. Das Gericht druckt sich Eine weitere Meldung der JTA. besagt, daß das Gerichtstribunal den Vorschlag des Hauptverteidigers Horace Samuel, den Advokaten Eliash vors Gericht zu rufen und ihn als Zeugen betreffs des neuen Geständnisses des Abdul Medschid zu verhören, abgewiesen hat. Das Gericht motiviert seinen Beschluß damit, daß kein Grund vorhanden sei, wiederum zur Angelegenheit Abdul Medschid zurückzukehren, schon wenn man dio f o rmello Sachlage in Betracht zieht, daß die eventuellen neuen Momente in keinem Zusammenhang mit der Begründung des Anpellatlonsansucbcns stehen, das die Grundlage der Verhandlungen der zweiten Instanz bilde. ' Geruchte ♦ ♦ ♦ Von böswilliger Seite wird das Gerücht verbreitet, daß Abdul Medschid seine Erklärungen bezüglich dos Arlosoroff-Mordes, auf welche sich Dr. Eliash in der erwähnten schriftlichen Feststellung beruft, widerrufen habe. Diese Gerüchte haben bisher keinerlei Bestätigung erfahren. Aus arabisch e n Kreisen erfährt man, daß Abdul Medschid unter dem Druck des bösen Gewissens und aus Angst vor göttlicher Strafo das Mordgeständnis gemacht habe, obwohl er wisse, daß auf Mord die Todesstrafe stehe. Allerdings ändere sein Geständnis nichts an Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet, hat im Mordprozeß Arlosoroff die Verteidigung der beiden Angeklagten Zwi Rosenblatt und Abraham Stawsky geführt. Ungemein schwierig war seine Aufgabe. Denn er hatte nicht nur gegen die Voreingenommenheit des englischen Gerichts zu kämpfen, sondern auch gegen die einseitigen Protokolle der Polizei und gegen die lügnerischen Zeugen der Anklagebehörde. Dazu kam noch, daß es nur eine Tatzeugin, Frau Sima Arlosoroff, gab, deren Aussagen sich zwar jeweils widersprachen, nichtsdestoweniger aber vom englischen Gericht als vollwertig angesehen und zur Urteilsfällung benützt wurden. Auch ist unseren Lesern die Stimmung bekannt, unter welcher der Indizienprozeß, der zur Verurteilung Stawskys führte, vor sich ging. Allen wird die schändliche Stimmungsmache der palästinensischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation „Histadruth" gegen die angeklagten jugendlichen Zionisten in Erinnerung sein. Unter solchen Umständen stand Horace Samuel, der sich auch die Feindschaft der chauvinistischen arabischen Kreise durch seinen fanatischen Wahrheitsdrang zugezogen hatte, vor einer unendlich schweren Aufgabe. Rechtsanwalt Samuel war Mitglied der Jüdischen Legion, betätigte sich in Palästina als Verteidiger in Strafsachen und wirkt als Advokat in London. Er hat auf Veranlassung alle jener, welche an die Unschuld Stawskys glauben, die Verteidigung dieses „Gefangenen Zions" übernommen. Knapp nach dem Prozeß mußte er sich einer Blinddarm-Operation unterziehen, von der er bereits genesen ist, so daß er das Appellationsverfahren mit voller Kraft durchführen kann. seinem Schicksal, da er bereits des Mordes am Jaffaer Barbier Lufti überführt sei. Weitere Meldungen besagen, daß Abdul Medschid in ein Irrenhaus überführt Morden sei. Auch diese Meldung entspricht nicht der Wahrheit. Hingegen wird mit Hartnäckigkeit behauptet, daß Abdul Medschid einer medizinischen Untersuchung seines Geisteszustandes unterzogen werden wird. Polnisches Außenministerium interveniert Aus Warschau wird unter dem 17. gemeldet: Laut Mitteilungen des Stawsky-Komitees hat sich das polnische Auß e n ni i n i s t e r i u m für das Schicksal des polnischen Bürgers Abraham Stawsky interessiert und den Palästina-Referenten Sawischa beauftragt, das nötige Material zu sammeln. Daraufhin hat Herr Sawischa das Stawsky-Komitce bevollmächtigt, Ihm alle Dokumente und Details des Verfahrens in der Stawsky-Angelegonheit zu übergeben. Heute vormittag ist im Außenministerium eine Delegation des Stawsky-Komitees erschienen und hat die gewünschten Akten erbracht und gleichzeitig die Modalität e n der polnischen Iutervenienz im Stawsky- Prozeß besprochen.