Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 381 (13.7.1934)
- Date
- 1934-07-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 2 DER NDtTE WELX Nr. 381 Was machen Sie Jeden Abend! „Ich lasse mich mit Diana-Franzbranniweln massieren 1" - „Warum gerade mit Diana« Franzbranntwein? - „Weil ich mich überzeugt habe, daß nur Massage mit DIANA- Franzbranntwein mit Menthol solche Schmerzen lindert, welche von lieberanstrengung und schwerer Arbelt herrühren. Eben darum kaufe ich nur Diana Franzbranntwain und nichts anderes." Nehmen Sie nur Diana! Wertlose Nachahmungen weisen Sie zurück! Ucbarali «rhMltllcii Mendel Bei'Ii's gestorben Der Angeklagt* im Kiewer Ritualmord-Prozeß 1Ü18 Am 0. Juli starb in New York an Altersschwäche Mendel Beilis, der Angeklagte im Kiewer Ritualmord-Prozeß vom Jahre 1913. Der Prozeß hatte in der ganzen Welt ungeheure« Aufsehen erregt. Er unterschied sich von anderen Ritualmord-Prozessen dadurch, daß sich die Zarenregierung und die oberste Justizbehörde Rußlands vollständig mit der Blutbeschuldigung identifizierten und alle zur Verfügung stehenden Mittel anwandten, um sie nachzuweisen. Die Regierung und die extrem-reaktionären Parteien suchten die Erregung der Revolutionsperiöde auf die Juden abzulenken und bedienten sich hierzu der Ritualmord-Legende. Dadurch erhielt der Beilis-Prozeß einen ähnlichen Charakter wie der Dreyfus-Prozeß. Anlaß zum Prozeß bot die Ermordung des zwölfjährigen Knahen Andreas Juschtschinsky in Kiew, dessen Leiche in einer Höhle aufgefunden wurde. Obwohl bei der ersten Obduktion in Gegenwart des Untersuchungsrichters festgestellt wurde, daß die Kleider, die Oberfläche des Körpers und die inneren Organe ganz vom Blut durchtränkt waren und kein Blut fehlte, richtete die Fraktion der äußersten Rechten in der Reichsduma eine Interpellation an die Regierung, „ob es ihr bekannt sei, daß Ritualmorde existieren und daß in Kiew der Knabe Juschtschinsky zu rituellen Zwecken von Juden ermordet worden sei". Inzwischen hatte der Chef der Kiewer Kriminalpolizei festgestellt, der Knabe sei von gewerbsmäßigen Dieben ermordet Worden, die das Märchen vom Ritualmord verbreiteten, um den Verdacht von sich abzulenken. Dennoch nahm nach dör Interpellation in der Duma die Sache eine ganz andere Wendung. Es wurde eine neue „Obduktion" vorgenommen, bei der „festgestellt" wurde, daß an der Leiche gar kein Blut gefunden, sondern daß es dieser „abgezapft" worden sei. Die Staatsanwaltschaft handelte ganz im Einvernehmen mit den antisemitischen Organisationen, die den Rituälmord- Prozeß haben wollten. Schließlich konnte die Behörde auf Grund der Aussagen eines Laternenanzünders und seiner Frau, beide notorische Trunkenbolde, die bekundet hatten, der ermordete Knabe sei vom Hofe einer Ziegelei von einem „Mann mit schwarzem Bart" fortgeschleppt worden, einen Juden verhaften. Als „Mann mit schwarzem Bart" wurde der Aufseher der Ziegelei, Mendel Beilis, festgestellt. Der Archimandrit Ambrosius erklärte als. Experte, er sei zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Juden christliches Blut zur Herstellung der M a z z o t h brauchen und zu diesem Zweck christliche Kinder töten. Das gleiche behauptete der Psychiatrieprofessor in Kiew Sikörsky. Gegen die Blutbeschuldigung wandten sich der Professor der Geistlichen Akademie in Kiew G1 a g o 1 e w und der Professor der Geistlichen Akademie in Petersburg Troitzki, während der kathoiischeGeistlichePranajtls auf die Seite der Judengegner trat. Am 13. April 1013 wurde die Anklageschrift gegen den seit 22. Juni 1911 im Gefängnis sitzenden Mendel Beilis fertiggestellt. Am 25. September 1013 begann der Prozeß. Die Plädoyers der Verteidiger Maklakow und Grusenberg erregten Bewunderung. Schließlich wurden den Geschworenen zwei Fragen vorgelegt, von denen die erste eindeutig darauf anspielte, daß ein Ritualmord vorliege, die zweite dahin ging, ob Beilis der Mörder sei. Die Geschworenen bejahten die erste und verneinten die zweite Frage, so daß Beilis freigesprochen wurde, während der Ritualmordverdacht anerkannt wurde. Mendel Beilis selbst ging später nach Palästina, von dort nach einigen Jahren nach Amerika, wo er nun gestorben ist. 4000 Menschen hinter Mendel Bills Sarg Aus N e w Y o r k: Mehr als 4000 New Yorker Juden gaben dem verstorbenen Mendel Beilis, dem unschuldig Angeklagten im Kiewer Ritualmordprozeß von 1913, das letzten Geleite. Die religiöse Trauerzeremonie fand in der Eastside Synagogue statt. Rabbi r d e 1 s o n hielt Beilis den Nachruf, schilderte seine edlejüdlscheHaltung während des Prozesses und schloß: Mendel Beilis' Name Wird den Juden in der ganzen Welt belli« bleiben. Die liidenfrage im dirfefli'dieii Staat (Schluß.) Wenn Adolf O. Brendel das Judentum als eine von der Umwelt unterschiedene und abgegrenzte Gemeinschaft bezeichnet, so führt er gleichzeitig die Elemente alt, welche diese Gemeinschaft zusammenhalten: die. innere Aufeinanderbetoftnhelt der vielen innerjüdischen Spannungen von Religion und Tradition, von Ostjudentum und West- Judentum, von Völkisch-Nationalen und Uebernationalen, von der eigenen Art und der übernommenen fremden Art, vom Willen zur Assimilation und zur Dissimilation und schließlich die Spannung zwischen allem Jüdischen und Nichtjüdisehen. Diese Spannung, erklärt Brendel, „ist das im Lauf der geschichtlichen Entwicklung entstanden« Fremdheitsgefühl, welches vor» wiegend eine Bewußtseinssaene ist." „Da das Fremdheitsgefühl", fährt Brendel fort, „auf nichtjudischer Seite großteils durch den Antisemitismus hervorgerufen und wacherhalten wurde, hat merkwürdigerweise auch dieser die Gestalt des Judentums entscheidend beeinflußt". Bezüglich des Antisemitismus findet Brendel, daß er sich auf gewisse eingebildete oder übertriebene jüdische Eigenschaften stützt und hiebet den Fehler macht, daß er all diese Dinge verallgemeinert und mit dem Durchschlagen der „schlechten" Eigenschaften bei den Juden rechnet. Brendel macht bei dieser Feststellung halt und lenkt die Judenfrage dorthin, wo sie nicht mehr dem engherzigen, banalen und gehässigen Gesichtspunkt ausgesetzt ist, indem er Intuitiv zu folgendem Entschluß kömmt: „Die wichtigste und wohl wertvollste Erkenntnis für die Lösung der Judenfrage ist die, daß das Judentum eine abgeschlossen« Form, soweit diese im geseUschaft- Die billigste Ferienreise nach QAI BEL! Abreise k^fa#hWEI^ 15- Juli 1934 Läogsrer Aufenthalt In Polen möglich Auskünfte: Dp. S. Tooker, 1, Kärntnerring 12 Tel. U-40-301 „Austrobu •", I, Dr.-Karl-Lueger-Ring 12, Tel. U-24-0-10 liehen Leben überhaupt möglich ist, heute nicht oder noch nicht besitzt» daß hinwiederum. Ansatzpunkte zur Gewinnung einer eigenen Form oder zur endgültigen Einfügung in die Lebensform der Umgebung in reichem Maße vorhanden sind. Daraus kann .heute nur die politische Forderung gezogen werden, daß diese Ansätze ausgewertet und ausgebaut werden müssen, damit das Judentum aus der Lebensform der unorganischen Gemeinschaft befreit werde." Um das möglich zu machen, möglich in einem christlichen Staat — denn darum geht es dem christlichen Politiker Brendel — darf der Staat nicht den unkontrollierbaren Kräften und Strömungen freie Hand lassen, wie sie im Antisemitismus sichtbar werden, sondern muß auf die öffentliche Meinung einwirken, damit der Irrtum und der Haß abgebaut werde. Der christliche Staat muß an die Entscheidungsfrage „Assimilation oder Dissimilation" herantreten; an die Frage, in der sich das Judentum selbst bisher noch nicht eindeutig entschieden hat. Während auf der einen Seite das Judentum noch immer an das liberale. Zelt alter Monatlich« Palästinareisen Nächste Abfahrt 22. Juli Auskünfte und Prospekte: m C Aal af% C** REISE-VEREINIGUNG ff^Udn V« . II, PR ATE RSTRASSE 11 TELEPHON Nr. R-46-3-88 Technische Durchführung: SCHENKER & Co. glaubt, sucht auf der anderen Seite die große Mehrheit der" Juden „nach neuen Wegen In der Gestaltung des Verhältnisses zur Umwelt". Nach Ansicht Brendels muß der Staat beiden Strömungen, der Assimilation (der liberalen) und der Dissimilation (der nationalen) Rechnung tragen. Damit ist Brendel bei der Auseinandersetzung mit dem Zionismus, angelangt: „Der Zionismus, der die innerjüdische Besinnung zum Volkstum, zur jüdischen Kultur, zum Teil auch zur jüdischen Religiosität darstellt und der in der Dissimilationspolitik im Judentum die wohl unbestrittene Führung hat, muß als „jüdische Nation" anerkannt werden." Nun die Konsequenz aus dieser Feststellung: „Der Staat muß mit dem Zionismus als dem legitimen Vertreter des nationalen Judentums in offizielle Beziehung treten, um in Zusammenarbeit mit ihm die Einordnung des volksbewußten Judentums als nationale Minderheit in das öffentliche Leben und den organisatorischen Aufbau einer eigenen Jüdischen Kultur in Angriff zu nehmen." Hiebet will Brendel diese Einordnung in der Weise durchgeführt sehen — in österreichisch-kultureller Weise —, daß sie nicht unter dem Gesichtspunkt des „Gastrechts" geschehe. Denn „der in Oesterreich lebende Teil des Jüdischen Volkes gehört, soweit er hier Heimatrecht besitzt, auch wirklich und ganz hierher. Dem steht nicht entgegen, daß der Zionismus politisch den eigenen Staat erstrebt. Bratens wird Palästina bei weitem nicht eine hinreichende Anzahl mitteleuropäischer Juden aufnehmen künneii... Zweitens sohadet es nichts, wann eine nationale Minderheit aüf einen anderen, eigenen Staat geistig ausgerichtet ist, in dem ein wichtiger Ten von Ihr die eigene politische Lebensform besltst, Wie. die Erfahrung beweist, können solche nationale Minderheiten sieh sehr wohl au dem Staat» in dem sie leben, positiv einsteilen und dort am politischen Leben ohne Schaden für Sich und die anderen teilnehmen... Ein* tatkräftige Förderung der Berufsumschlehtung... ist ga« .Mitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiuiu I sucht Stundenbeschäftigung s ab 3 Uhr nachmittags s Zuschriften unter „Beste Referenzen" an die Adm. 5 s dieses Blatte» g =Tllllllllllll!f IIIIIII llllf ff Mit IIIIIIIH II llllllllllllllllllllll IIIIMI iF rade für eine auf Dauer berechnete Einordnung jüdischen Volkstums unerläßlich. Denn nur durch eine gesunde soziale Schichtung kann das Judentum aus der bisherigen unnatürlichen Ordnung herausfinden und .Volk« werden." Wir hören hier ein uns Ziontaten vertrautes Programm. Es ist also keine Rede von Eliminierung „voiksfremder und antiösterreichischer, zugereister Elemente", sondern von Umschichtung und Eingliederung. Das Jüdische Volk soll — nach zionistischem Rezept — normalisiert werden. „Also jüdische Siedlung", ruft der christliche Politiker Brendel aus, „Hereinnähme von Juden in industrielle und landwirtschaftlich6 Berufe." An Stelle des Numerus clausus Berufsumschichtung und Anerkennung der wirklichen Leistung, die allein legitimiert — als Grundlage des christlichen Staates. „Daß die Juden in den bürgerlichen Persönlichkeits- und Betätigungsrechten, die naturrechtlichen Ursprungs sind, unbedingt den anderen Bürgern gleichgestellt sein müssen, ist das klare Ergebnis einer christlichen Sozialethik, die nicht durch unethische „politische" Gesichtspunkte durchbrochen und verfälscht werden darf." Allerdings kann, nur ein bewußtes Judentum ehrlich an die Mitarbeit am Staat herantreten, - nicht aber ein amorphes, formloses, nicht greifbares Judentum. Bis jetzt, meint Brendel, war das Judentum zur Wahrnehmung seiner Interessen nicht fähig, weil es sich tarnte, in Oesterreich nach dem Krieg im wesentlichen Uber die Sozialdemokratie: „Ein Judentum, das als jüdisch-nationale Gruppe argumentiert, bietet für die Juden zum erstenmal die Möglichkeit einer jüdischen Interessenvertretung..." Was .die Assimilationspolitik des christlichen Staates anlangt, muß er die Bekehrung zum Christentum als einen Weg der mehr öder weniger schnellen Eingliederung der Juden in die christliche Umgebung grundsätzlich und unbedingt bejahen. Denn der christliche Staat kennt, nicht das Dogma der Rasse, welches, den Juden als minderwertig bezeichnet; er muß vielmehr dafür sorgen, daß die getauften Juden ohne Hindernisse in die christliche Umgebung hineinwachsen, damit ein v ö 11 i g e s Aufgehen — ohne Zwang — sich einstelle. Das ist die zweite Seite der Eingliederung, wie der christliche Staat sie wünscht und möglich machen will. Selbstverständlich sollte nach der Auffassung Brendels insbesondere diese Art Eingliederung bevorzugt werden, diese Kategorie von Juden mittels Erzlehungs- und Bildungeinstitutionen in die Gedankenwelt des Christentums eingeführt werden, also eine Auflösung des Jüdischen Wesens. Das Programm ist nicht neu. Es ist allerdings bei Brendel auch nicht einseitig starr. Brendel wünscht, daft der christliche Staat einerseits die Assimilationsbeatrebungen der „liberalen" Juden nicht kritiklos begünstige, andererseits die Juden nicht durch Abschneidung vom Leben der Umwelt zu einer Dissimilation drängen möge. Sondern „den Juden die Voraussetzungen einer ehrlichen und klaren Entscheidung nach der einen oder der anderen Seite" schaffe. Zu einer eindeutig begrenzten Auffassung und Lösung der Judenfrage, wie der Zionismus sie propagiert, bat sich Brendel in den zitierten drei Aufsätzen nloht durchgerungen. Bei aller Anerkennung der national jüdischen als der legitimen Tendenzen kokettiert er, wie bei einem katholischen Menschen nicht anders möglich, mit der Chance der Bekehrung zum Christentum. Aber er sieht die Judenfrage als. ein brennendes und als ein Weltproblem, das gelöst werden muß und schon darum können seine Ausführungen auf verständnisvolles Interesse und unvoreingenommene Kritik Anspruch erheben* o. r. Einstems Tochter qesforben Vor einigen Tagen starb Prof. Einsteins jüngere Tochter 11 s a, verh. K a i s e r in Paris, wohin sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester aus Hitler-Deutschland Ubersiedelt war. Ilsa Kaiser hatte an einer unheilbaren Krankheit gelitten.