Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 380 (10.7.1934)
- Date
- 1934-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 380 DIE NEUE WELT Seite S Drohende Gefahr für Stawsky Das Appellationsgericht hat, wie wir bereits gemeldet haben, die Berufungsverhaudlung in der Strafsache Btawsky, der bekanntlich an der Ermordung Arlosoroff s schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt worden war, für Montag, den 16. Juli, anberaumt. In der ganzen Welt haben sich die bedeutendsten Persönlichkeiten des jüdischen Lebens, Gelehrte, Schriftsteller,, politische Führer und Rabbiner, mit dem palästinensischen Oberrabbiner K o o k an der Spitze, für die Befreiung des unschuldigen Stawsky eingesetzt. Insbesondere war es Oberrabbiner Kook. der eine großzügige Aktion zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit und Wiedergutmachung des Justizirrtums in die Wege leitete. Dieser Tage sandte Kook (nicht über Kairo, sondern über Beirut) ein Telegramm an den Wiener Oberrabbiner Dr. Feuchtwang, das lautet: „Drohende Gefahr! Tun Sie Ihr möglichstes für den unschuldigen Stawsky!" Aus diesem Telegramm ist zu ersehen, daß man in Palästina keine großen Hoffnungen auf die Abänderung des vom Erstgericht gefällten Urteils setzt. Im Zusammenhang mit dieser alarmierenden Depesche beschloß der Wiener Rabbinerverband, folgende Erklärung zu veröffentlichen: „Abraham Stawsky, ein junger Jude, ist in Palästina auf Grund einer Indizienbeweisführung durch Majoritätsspruch des Richterkollegiuras des Mordes am Zionistenführer Arlosoroff schuldig erkannt und zum Tode verurteilt worden. Der Oberrabbiner von Palästina Kook und mit ihm der palästinensische Rabbinerverband sowie ein großer Kreis hervorragender Persönlichkeiten haben in einem Aufruf an die Judenheit der ganzen Welt beteuert, daß nach ihrer Ansicht Abraham Stawsky am Mord gänzlich unbeteiligt sei. Unter dem Eindruck dieser Kundgebung und bestärkt durch die Erklärung des Richters des ersten Gerichtshofes de Valera, der gleichfalls von der Unschuld Stawskys überzeugt ist, geben wir Rabbiner der Wiener Gemeinde dem innigen Wunsch und der Hoffnung Ausdruck, daß die Ueberzeugung so vieler hervorragender Menschen von der Unschuld Stawskys durch das weitere gerichtliche Verfahren volle Bestätigung finden möge. Für die Rabbiner Wiens der Oberabbiner Dr. David Feuchtwang." Das Witner Palästina-Amt verteilt die Einwanderung« Zertifikate nach Partei-WillkiL Vom Präsidium der Judenstaatspartei Oesterreichs wird folgende Mitteilung ausgegeben: Die Kommission des Wiener Palästina-Amtes hat vor einigen Tagen 25 für österreichische Bewerber bestimmte Arbeiter-Einwanderungs-Zertifikate verteilt. Hiebei hat sie den Bewerbern jener Gruppen, welche die Klassenkampf-Idee überall und besonders iür Palästina ablehnen, schreiendes Unrecht zugefügt. So erhielten die der Judenstaatspartei ungehörigen Bewerber zwei Mandate, die revisionistischen ein Mandat. Hingegen die auf den Eintritt in die klassenkämpferische palästinensische Arbeiterorganistion „Histadruth owdim" eingeschworenen Bewerber neunzehn Zertifikate. Den Ausschlag bei dieser Verteilung gaben die Stimmen der Vertreter der „allgemeinen Zionisteu", ohne deren Mithilfe dieser Gewaltakt nie hätte begangen werden können. Sie haben zusammen mit den an der „Histadruth" unmittelbar interessierten Gruppen die Anträge der Judenstaatler, Revisionisten und Misrachisten, welche zum Zeichen des Protestes die Sitzung verließen, niedergestimmt. Nachdem alle Vorstellungen und Versuche friedlicher Lösung bei den Vertretern der allgemeinen Zionisten wirkungslos geblieben sind, hat sich die Leitung der Judenstaatspartei entschlossen, den unerläßlichen Kampf um das gute, um das elementare Recht der zu nationaler Solidarität erzogenen Jugend auf Palästina öffentlich zu führen. Die jüdische Oeffentlichkeit soll urteilen, ob man gerade jenen Teil der jüdischen Jugend gewaltsam von Palästina fernhalten darf, welcher den Willen zum Klassenkampfe ablehnt: den Willen zum Klassenkampfe, welcher auf der ganzen Welt das jüdische Volk ins Unglück gestürzt hat, welcher das jüdische Palästina in feindliclie Lager gespalten, mit Terror überzogen hat und zu vernichten droht. Vor der jüdischen Oeffentlichkeit sollen die Führer des „Allgemeinen Zionismus" in Oesterreich, welche immer mit Worten für Parteifrieden und Klassenfrieden eintreten, erklären, wie sie es mit diesem Programm vereinbaren können, der „Histadruth" gegen die den Klassenkampf ablehnende Jugend Helferdienste zu leisten. Die Judenstaatspartei Oesterreichs ist entschlossen, den Kampf für das Recht der zu nationaler Solidarität erzogenen jüdischen Jugend auf Palästina und für das Recht des jüdischen Palästina auf friedlichen, von zerstörendem Klassenkampf freien Aufbau vor der jüdischen Welt und bis zum Ende zu führen. Pffotfesfvepsamnfltuncg Die Judenstaatspartei beruft für Samstag, den 15. Juni, um %% Uhr abends in den Herzl-SaaL I., Werdertorgasse 14, eine Versammlung ein, in welcher gegen das Unrecht der Zertifikatverteimng pfotestiert werden soll. Nähere Angaben erfolgen durch die Presse. Zur palä§fBnen§B$cheii Eimwandleriangsfrage 500 neue Einwanderungs-Zertifikate für Handwerker Aus Jerusalem: Wie der J. T. A. mitgeteilt ,wird, hat die Palästina-Regierung der Zionistischen Exekutive weitere 500 Einwanderungs-Zertifikate für Handwerker mit einem Eigenkapital, von mindestens 250 Pfund außerhalb des Rah-, mens der Arbeiter-Schedule bewilligt. Von diesen Zertifikaten sind 200 zur Verteilung in P o 1 e n, 200 zur Ausgabe in Deutschhlahd' und 100 für aus Deutschland ausgewanderte Juden in verschiedenen Ländern bestimm, t Verhandlungen mit der Palästina-Regierung bestimmt. Aus Jerusalem: Die Ausgabe von zusätzlichen 500 Handwerkerzertifikaten ist das vorläufige Ergebnis von Verhandlungen, die seit einiger. Zeit seitens der Zionistischen Exekutive mit dem Einwanderung samt geführt wurden. Auch die Einwanderung der sogenannten „Kapitalisten" und über die Altersgrenze für Arbeitereinwanderer wurde verhandelt. Seitens der Exekutive wird verlangt, daß es von den Eltern wirtschaftlich abhängigen, über 18 Jahre alten Töchtern von Einwanderern mit einem Eigenkapital von mindestens 1000 Pfund ermöglicht werden soll, auf Grund des Zertifikates ihres Vaters einzureisen, während die geltenden Bestimmungen nur die Miteinreise der Kinder bis zu 18 Jahren vorsehen, eine Bestimmung, die oft zu schmerzlicher Auseinanderreißung von Familien führt. Ferner wird gefordert, daß eine bestimmte Zahl von Zertifikaten zur Ausgabe an ältere Zionisten bereitgestellt werde, die gewöhnliche Zertifikate nicht ■bekommen können, weil sie die Altersgrenze von 85 Jahren überschritten haben. Das Einwanderungs- Ämt zeigt bisher wenig Neigung, diesen Wünschen entgegenzukommen. Unliebsames Aufsehen erregte es, daß in letzter Zeit jüdischen Einwanderern neue formale Schwierigkeiten beim An-Land-Gehen bereitet werden. Nicht alle ankommenden Schiffspassagiere, die dies wünschen, werden zur Ausbootung im Hafen von Jaffa zugelassen, ein Teil der Einwanderer wird genötigt, in Haifa zu landen. Von den vor kurzem mit dem Dampfer „Gerusalemme" eingetroffenen etwa 500 jüdischen Passagieren durften in Jaffa bloß 190 an Land gehen. Zur Einschränkung der Zulassung von Aerzten und Rechtsanwälten Aus London: Im Unterhaus richtete der Abgeordnete Colonel Wedgwood an den Minister für die Kolonien die Frage, ob es richtig sei, daß die Zahl der zur Einwanderung nach Palästina zuzulassenden Aerzte auf fünf im Jahre beschränkt wurde und warum dies, falls es zutrifft, geschehen sei. Ferner fragte der Abgeordnete, ob es in irgend einer englischen Kolonie oder in ».inem Dominion Beschränkungen bei der Zulassung zur Praxis als Arzt oder Rechtsanwalt gebe. Der Kolonienminister Sir Philip Cunliffe- Lister erklärte: „Im März d. J. wurde die Zionistische Exekutive von dem Plan der Palästina-Regierung unterrichtet, Maßnahmen zur Begrenzung der Zahl jährlich auszugebender Lizenzen für Aerzte, Zahnärzte und Rechtsanwälte zu treffen. Es ist mir nicht bekannt, daß irgend eine Forderung von jüdischer Seite nach solchen Einschränkungen erhoben worden wäre. Gesetzliche Bestimmungen zur Verwirklichung dieser Pläne, die derzeit Gegenstand eines Briefwechsels zwischen dem High Commissioner und mir sind, sind noch nicht getroffen worden. Soviel mir bekannt ist, besteht in keiner anderen Kolonie oder in den sich selbst verwaltenden Dominions ein solches Einschränkungssystem." <ft'^'<.W/.««Wa!ay«?'i.V.v'.:' V Besonders feiauge Fahr« nach rULCNl Vom 31. Jilfl bia 15. August! Visa und polnische Paflverlängerung gratis! Wien - KraKöw u. rttour S 40.80, Wien - Lwow u. retour S 51— Wien - Waraznwa u. retour S 4G.50. Samt allen Nebenstationen. Auskünfte und rascheste Anmeldung: Poln. Verk. „Francopol" Wien ill, Rt-nnweg I (Gebäude des poln. Konsulats) Tel U-16-4-9Q übe? die englischem Juden London, Juli 1934. „Evening News", Lord Rothermeres weitverbreitetes Tagblatt, das die faschistische Bewegung M o s 1 e y s unterstützt, beschäftigt sich in ihrer Ausgabe vom 1. Juli unter dem Titel „Großbritannien und die Juden" mit dem Verhältnis der englischen Juden zum englischen Volk. Hiebei macht das Blatt Feststellungen, die verdienen, wiedergegeben zu werden. „Viel Ausländer", schreibt das Blatt, „wunde*», sich, daß die Juden einen so großen Platz im staa^chen Leben Englands einnehmen, während sie in anderen Ländern verfolgt, pogromiert, eliminiert usw. werden. Wir tun das nicht und deshalb — sind die Juden in England loyale, ehrenwerte und glückliche Bürger. Ihre Religion und ihr Brauchtum wird nicht angetastet und ihre Rasse wird respektiert." „Während andere Länder die Juden auf eine niedrige Stufe heruntergedrückt haben, brachten die Juden nach England ihre Handelsverbindungen und fanden hier ein reiches Feld für ihre Talente vor. An dem Wachstum Englands haben Juden großen Anteil. Ein aggressiver Antisemitismus, in welcher Form immer, ist dem englischen Geist stets fremd gewesen. Der rohe und gewaltige Barbarismus hat keinen Platz in dem Zivilisationsbereich der Toleranz, für die England stets eingetreten ist. In der Geschichte Europas war es ein leichtes und närrisches Spiel, die Schuld an den Irrungen und Katastrophen auf die Juden zu wälzen. Die Engländer waren freundlicher und einsichtiger und haben die Früchte dieser Haltung geerntet." Das Blatt erwähnt weiters die Namen der großen Juden Englands im 19. Jahrhundert, die Rothschilds, Montefiores und des größten unter ihnen, Disraeli, „den Gründer der wiedergeborenen konservativen Partei", ferner den Kommandanten der australischen Armee während des Weltkriegs General Sir John Manash, und schließt seine Betrachtung: „Man sagt, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient. England und die Juden waren immer einander wert." Kardinal O'Bonnell für das judi'sdie Volk Aus Boston: Als Abschluß der anläßlich seines 50jährigen Priester-Jubiläums veranstalteten Feierlichkeiten hielt Kardinal William O'Bonnell, der höchste katholische Geistliche der Vereinigten Staaten, eine Rundfunkansprache, in der er an die „Gläubigen aller Konfessionen, an Katholiken, Juden, Protestanten und die Angehörigen der übrigen Bekenntnisse" den Appell richtete, in Harmonie zusammen zu leben und „die Vaterschaft Gottes und die Brüderschaft der Menschen" zu proklamieren. Die christliche Welt, erklärte der Kardinal, dürfe nie vergessen, daß das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist, und daß das jüdische Volk dasjenige gewesen ist, von dem die ganze Welt jene großen Gebote übernommen hat, die Moses empfing. eilB§ Nazilügen und Naziterror Das Schweizer „Israelitische Wochenblatt*» schreibt: Nach 20 Jahren weiß man es, wer Franz Ferdinand von Oeserreich in Sarajevo ermordet und damit das Signal zum Weltkrieg gegeben hat. Wenigstens weiß es die judenfeindliche Journaille. Nach ihr war Princip, der Mörder, ein — Jude. Wir lesen darüber im „Bund": „Die Front" hat den Weltkriegeschuldigen „entdeckt ..." In der Nr. 99 vom 28. Juni bringt „Die Front" auf der letzten Seite unter der Ueberschrift „Achtung" die sensationelle Enthüllung, daß der Gymnasiast Princip, der am 28. Juni 1914 die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger und seine Gemahlin abfeuerte — ein Jude und Freimaurer gewesen sei, somit, so heißt es weiter im Text, haben Juden und Freimaurer den Weltkrieg entfacht ... Diese Tatarenmeldung kommt nicht etwa aus einem dunklen Flecken des Balkans. Nein, in Limmat-Athen, in der aufgeklärten Stadt Zürich, erscheint im Jahre 1934 eine solche Geschichte, ohne daß sich jemand dagegen empört. Haben wir noch ein Recht, gegen die Ritualmord-Nummer des Nürnberger „Stürmer" Einspruch zu erheben? Darf in der Schweiz gegen besseres Wissen eine solche niederträchtige Verleumdung in einer Tageszeitung erscheinen? Der Zweck dieser Lüge ist allzu durchsichtig. Damit will man die so schwer beschädigten „Zionistenprotokolle" durch einen „chirurgischen Eingriff" wieder einigermaßen in Kredit bringen. - Es wäre höchste Zeit, den Brunnenvergiftern das schändliche Handwerk zu legen. * Die „Thurgauer Zeitung" berichtet: „Frontlstische Schmierfinken an den Zürcher Hochschulen. Neuestens scheint eine Anzahl frontistischer Akademiker ihre politische und weltanschauliche Einstellung dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß sie Katalojfaettel der Studenten*