Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 380 (10.7.1934)
- Date
- 1934-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 SfSSi IfÄtiS WETÄ Nr. 380 HMer's Mordnadil und die Juden Aus Berlin: Prag, 4. Juli. Daß man versuchen Wird, die blutige Abrechnung Hitlers mit seinen „Freunden von gestern" auch gegeD die Juden auszumünzen, war vorauszusehen. Dr. v. Leers, Verfasser der in den Straßen der deutschen Städte in Hunderttausenden von Exemplaren ausgeschrienen Pogromschriften wie „Juden sehen Dich an" usw., veröffentlicht in der „Deutschen Zeitung" unter der Ueberschrift „Waren jüdische Kreise mit im Spiel?" folgende Auslassungen: Ein günstiger Zufall spielt uns in diesem Augenblick einige Informationen in die Hand über die Hintergründe des niederträchtigen Verrats am Führer. Für jeden Nationalsozialisten mußte es klar sein, daß bei einem so angelegten Plan auch die Juden ihre Hand im Spiele hatten. Da schreibt, seine politische Auffassung geschickt mit medizinischen Ausdrücken verbergend, der Jude Dr. R. Lipschitz aus Haifa an Bekannte nach Deutschland: „Um auf medizinisches Gebiet abzubiegen: Sie erinnern sich wohl unserer diagnostischen Differenz: Leukozytose oder Leukämie? Sie Ihrerseits scheinen, wenn auch nicht mehr so sicher, an der Ihrigen festzuhalten, ich bleibe bei der meinen. Sie kennen die Prognose der Leukämie: exitus letalis (tödlicher Ausgang), entweder allmählich unter langsamem Verfall, über den auch hektische Röte nicht hinwegtäuschen kann, oder mehr plötzlich bei interkurrentem Anstoß von außen. Daß die entarteten Leukozyten, obwohl reine Instinktwesen, nicht das mindeste Gefühl dafür haben, Verderber und böse Geister ihres Organismus zu sein, darf man annehmen. Es wendet nicht den Ausgang, beschleunigt ihn nur, wenn sie bei nahender Krisis in ihrem schlechten, weil dem Ganzen abträglichen und verderblichen, Instinkt sich auf alles noch Erreichbare stürzen und zuletzt auch lebenswichtige Organe zerstören." „Das beißt doch nichts anderes" — fährt Dr. von Leers fort — „als daß aus den Reihen der nationalsozialistischen Bewegung Verderber gesucht werden sollten." Der Brief ist datiert vom 14. Juni aus Haifa, sollten. Der Brie ist datier vom 14. Juni aus Haifa. „Sicher ist" — schließt Dr. v. Leers — —daß in jüdischen Kreisen überall geraunt wurde, daß es nun bald mit Hittler am Ende sei — und daß diese Hoffnung der Führer selbst zerschlagen hat." Zum Kampf um jüdische Arbeit i'n Palästina Klassenkampf untergräbt die Judenstaatsidee Judenverfolgung in der Türkei Wiener Zeitungen bringen folgende Nachricht: Saloniki, 7. Juli. Von der griechisch-türkischen Grenze kommen Berichte über die Verfolgung von Juden in Türldsch-Thrazien. Die nationalistische Organisation Ali Felaschi ist Inspirator der antisemitischen Bewegung. Die Mitglieder der Organisation haben die Eingänge in jüdische Geschäfte sowohl in Konstantinopel wie auch in den übrigen Orten Thraziens besetzt und lassen niemanden eintreten. Die Proteste, welche die Juden an den WalivonKonstantinopel gerichtet haben, verblieben ohne Erfolg und der Wali erklärte, er könne sich dem souveränen Willen des Volkes nicht entgegensetzen. Die Juden haben in Massen nach Konstantinopel abzuwandern begonnen und suchen dort Zuflucht. Die Eisenbahnstationen der Strecke nach Konstantinopel sind von jüdischen Familien überfüllt, welche auf die Spezialzüge warten, die aus Konstantinopel um sie abgesendet worden sind. Aus einer weiteren Meldung aus Konstantinopel geht hervor, daß Verfolgungen tatsächlich stattgefunden haben. Sie lautet: Istanbul, 7. Juli. In einer heute von der Regierung ausgegebenen Erklärung wird jenen Personen, die sich Mißhandlungen von Juden zuschulden kommen ließen, strenge Strafe angedroht. Im übrigen wird aber vor üebertreibungen gewarnt. Alle türkischen Bürger seien vor dem Gesetz gleich. Vertreibung der Süden von den Dardanellen Wir haben berichtet, daß die türkische Regierung die Juden gezwungen hat, ihre Wohnorte an den Dardanellen sofort zu verlassen. Ueber die Gründe dieser mit größter Härte durchgeführten Maßnahme wird jetzt aus Konstantinopel gemeldet: Es wurden einige hundert jüdische Familien, die in den Vororten Konstantinopels an den Dardanellen wohnten, von den Behörden gezwungen, sofort ihre Heime zu verlassen. Diese jüdischen Familien konnten nichts von ihrer Habe mit sich führen, sie sind materiell ruiniert. Nunmehr erfährt man, daß die Austreibung auf Grund eines spontan publizierten Gesetzes geschah. Dieses Gesetz teilt die Türkei in Zonen ein. In der einen soll die rein türkische Rasse zur Entwicklung gebracht werden, die zweite bleibt Einwohnern reserviert, von denen man annimmt, daß sie sich der türkischen Kultur assimilieren, die dritte aber soll von allen Einwohnern nicht rein türkischer Kultur gesäubert werden. Der Dardanellen-Distrikt gehört zur Zone, die von allen nicht rein türkischen Elementen „gesäubert" wird. Judenstaalsparlei Oesterreichs In den Sommermonaten (Juli und August) ist das Sekretariat der Judenstaatspartei, I., Werdertorgasse 14, jeden Dienstag von 8 bis 10 Uhr abends geöffnet, woselbst , Auskünfte erteilt und Anmeldungen entgegeni genommen werden. Eine Gruppe von jüdischen Kolonisten in Palästina hat an Stelle jüdischer Arbeiter billigere arabische Arbeitskräfte eingestellt. Das hat dazu geführt, daß seitens der jüdischen Arbeiterschaft unter Teilnahme von Lehrern, Journalisten usw. vor den in Frage kommenden Pflanzungen Streikposten aufgestellt wurden, welche die Einstellung arabischer Arbeiter verhindern, bzw. deren Entfernung bewirken sollen. Das Organ der „Judenstaatspartei" in Polen, „Unsere Front", nimmt zu diesem Frage Stellung wie folgt: „Einen merkwürdigen Eindruck mächt das Aufstellen von Wachtposten, welche den Zweck haben, die arabischen Arbeiter von der Arbeit in jüdischen Kolonien fernzuhalten. Obwohl sich an dieser Sache Journalisten, Lehrer und Dichter beteiligen, steckt darin, zart ausgedrückt, eine große Dosis Naivität." „Worin besteht die Aufgabe dieser Wachtposten? Sie kommen in Gegenden, wo man arabische Arbeiter eingestellt hat, und wollen diese zwingen, ihre Arbeitsplätze zu verlassen. Sie denken wohl nicht daran, daß hiedurch die Beziehungen zwischen Arabern und Juden in Palästina ungeheuer verschärft werden. Man darf nämlich nicht zwei Dinge miteinander verwechseln : 1. Das Nichtzulassen von Arabern zur Arbeit in jüdischen Unternehmungen. 2. Das Entfernen der bereits Tage oder Wochen beschäftigten Araber." Das erste ist notwendig und wichtig. Das Prinzip jüdischer Arbeit in Palästina muß gewahrt werden, und sowohl Juden wie Araber werden es als selbstverständlich ansehen, daß man überall für die Beschäftigung jüdischer Arbeitnehmer bei jüdischen Arbeitgebern sorgt. Für den Araber gibt es da keinen Grund zu feindseliger Haltung, da man ihm ja nichts weggenommen hat. Ganz anders stellt sich die Sachlage dar, wenn man dem Araber, der bereits in einer jüdischen Kolonie oder in einer jüdischen Fabrik arbeitet, zum Arbeitsplatz nicht mehr zuläßt. Er wird es nicht vergessen, daß er bereits (beispielsweise), acht Tage beschäftigt war, acht Tage seiner Frau Brot und seinem Kind Kleinigkeiten nach Hause gebracht hat, um plötzlich seine Arbeit zu verlieren und seiner Familie nichts mehr bieten zu können. Solche Sachen vergißt man nicht leicht, das läßt einen Stachel im Herzen zurück und erzeugt dort Feindschaft, wo sie noch nicht vorhanden war, und vertieft sie dort, wo sie bereits Platz gegriffen hatte. Das Resultat ist: Vergrößerung der Gefahr für die Sicherheit in Palästina." „Hat man sich über dieses gefährliche Spiel Gedanken gemacht?" * Diese Ausführungen des Blattes der polnischen Judenstaatspartei verdienen Beachtung. Man muß sich überhaupt, davor hüten, die arabisch -jüdis c h e Arbeiterfrage in Palästina schlagwortmäßig zu behandeln. Wenn heute poale-zionistische Arbeiter, in der klassenkämpferischen „Histadruth" Organisierte, nicht in gewissen jüdischen Unternehmungen Arbeit finden, sondern vor ihren Toren als Streikposten oder Wachtposten stehen müssen, so verdanken sie das nicht zuletzt der Politik ihrer eigenen Führer. Diese waren es, welche die Idee des „Klassenkampfes", des „Klasseninteresses", des „Klassenegoismus" nach Palästina gebracht und vor die Idee der nationalen Solidarität zwischen jüdischem Arbeiter und Unternehmer, vor den jüdischen Patriotisraus gestellt haben. Ihre Politik hat gewisse jüdische Unternehmer dazu ermutigt, auch ihrerseits „Klassenpolitik" zu treiben, das „Klasseninteresse1* vor den jüdischen Patriotismus zu stellen und, in Verkennung ihrer nationalen Pflicht, aus „Klassenegoismus", aus Profitgier jüdische Arbeiter zu entfernen und billigere und bequemer zu behandelnde arabische Arbeiter einzustellen. Klassenegoismus erzeugt Klassenegoismus. Das schlechte Beispiel auf der Seite der klassenkämpferisch eingestellten Arbeiterschaft hat üble Instinkte auf seiten der Unternehmer entfesselt. Mit Klassenegoismus und Klassenkampf kann man keinen Judenstaat aufbauen. Zionistische Fragen vor dem englischen Parlament Der Kampf des Abg« Wedgwood für den Zionismus Aus London wird uns berichtet: Der Abgeordnete Colonel Wedgwood setzt seinen Kampf gegen die mandatswidrige Einsetzung eines Parlaments (Legislative Council) mit arabischer Majorität in Palästina, die ärgste Bedrohung des Zionismus, unermüdlich fort. In der letzten Sitzung des Unterhauses richtete er an den Kolonienminister scharfe Anfragen, welche dieser ausweichend beantwortete. Abgeordneter Wedgwood fragte, ob man dem Hause vor weiteren Schritten zur Einsetzung von Selbstverwaltungs - Einrichtungen in Palästina Gelegenheit geben werde, diese Frage zu diskutieren. Der Minister antwortete: „Die Absichten der Regierung Sr. Majestät in bezug auf die Errichtung eines Legislative Council in Palästina sind bei mehr als einer Gelegenheit deutlich bekanntgegeben worden." Auf eine weitere Frage des Abg. Wedgwood, ob die Einsetzung des Legislative Council erfolgen werde, ohne daß das Haus Gelegenheit gehabt hätte, die Sache zu besprechen, wiederholte der Minister, daß es dem Interpellanten freistehe, die Sache anläßlich der Debatte über Kolonialangelegenheiten zur Sprache zu bringen. Abg. Wedgwood: „Rückt die Zeit (der Einsetzung des Legislative Council) näher heran? Wir stehen jetzt bedauerlicherweise vor der Möglichkeit, uns eines Tages plötzlich der vollendeten Tatsache einer Verfassung in Palästina gegenüber zu sehen. Ich möchte wissen, ob das Haus in der Lage sein wird, die Frage der unmittelbaren Einsetzung, nicht aber nur die Frage ihrer letzten Ziele, zu erörtern?4 Der Kolonienminister: „Was die Frage des letzten Zieles betrifft, so steht dem Herrn Abgeordneten frei, diese Politik, falls er etwa mit ihr nicht übereinstimmt, bei jeder geeigneten Gelegenheit zu besprechen." — Colonel Wedgwood: „Von dieser Möglichkeit habe ich Gebrauch gemacht, habe jedoch keine Antwort erhalten. Was ich wissen will, ist, ob die jüdische Minderheit zu Rate gezogen werden wird, bevor die Politik der Einsetzung von Vertretungskörperschaften in Palästina endgültig festgelegt wird, und ob die Zustimmung dieser Minderheit der tatsächlichen Einsetzung vorangehen soll." —- Der Kolonienminister: „Die Politik, betreffend die Einsetzung eines Legislative Council wurde wiederholt in diesem Hause und beim Völkerbund sowohl bezüglich des Kurses wie bezüglich des Zeitpunkts der Einsetzung freimütig und deutlich dargelegt. Ich bin durchaus bereit, anläßlich der entsprechenden Abstimmung nochmals die Beinerzeit abgegebene äußerst deutliche Erklärung zu wiederholen." (In einer Erklärung am 23. November 1933 hatte der Kolonienminister nämlich die Einsetzung des Legislative Council nach Inkrafttreten der neuen Gemeindeordnung der Palästina-Regierung angekündigt.) Aus diesen ausweichenden Antworten des Ministers geht hervor, daß die Regierung weiter entschlossen ist, das Parlament ohne Zustimmung der Juden einzurichten. Es ist traurig, daß ihr dieses, den Zionismus aufs schwerste bedrohene Vorhaben durch die passive Haltung der zionistischen Exekutive erleichtert wird, welche den christlichen Abg. Wedgwood allein kämpfen läßt, ohne ihn durch großzügige Aktionen zu unterstützen. Der Schwiegersohn des englischen Königs — Anli'Zionssl Im englischen Oberhaus gab es eine Palästina- Debatte. Eine Gruppe antisemitischer und antizionistischer Lords unternahm einen Vorstoß gegen die Juden zugunsten der „verdrängten" Araber in Palästina. Es erregte Aufsehen, als auch Lord Harewood, der Schwiegersohn des englischen Königs, das Wort gegen die jüdische Kolonisation ergriff und Schutz für die Araber forderte. Er setzte zwar seinen Ausführungen die Bemerkung voraus, daß er kein Antisemit sei, und daß er anläßlich seines jüngsten Besuches an Palästina einen wunderbaren Fortschritt habe konstatieren können. Das hinderte ihn aber nicht, dann für eine Behinderung der jüdischen Kolonisation zum Schutze der Araber einzutreten. Wir erinnern daran, daß anläßlich des erwähnten Besuches von Palästina dem Lord Harewood von der Palästina-Regierung alle arabischen Siedlungen aber keine einzige jüdische Siedlung, kein jüdisches Werk gezeigt wurde. Lord Harewood hat dort nur mit Arabern verkehrt. Diese um die Person des Schwiegersohns des Königs arrangierte antizionistische und antijüdische Demonstration der Palästina- Regierung trägt jetzt ihre Früchte. mmmmmmmmmammjmmmmmmmammmKmmmmammmmmmmmmmmmamm Lloyd Triestino überführt die sterblichen Reste Ch* N» Bialiks Wie bereits gemeldet, wird Ch. N. Bialiks Leiche nach Palästina überführt und in einem Ehrengrab der Stadtgemeinde Tel-Awiw beigesetzt. Der Lloyd Triebt i n o hat es übernommen, die sterblichen Reste des jüdischen Nationaldichters unentgeltlich auf seinem Dampfer „Italia" nacb Palästin» zu bringen.