Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 380 (10.7.1934)
- Date
- 1934-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen lahrgang 8 Dienstags den 10» Juli 1934 Nr. 38« V* VI* Zeitung vom Verleger versende! «Journal exp€di6 par rtdttetor« BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S4.-, ganzjährig S16.-; Polen monatlich Zloty 2.—.vierteljährig Zloty 6.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und dl« übr Igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion n. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8, Tel A-20-2-78 — ErscheintDienslag und Freitag REVUE Bialiks irdische Hülle in Wien Vier Juden in Deutschland erschossen Aus Hirschberg in Oberschlesien meldet die J. T. A.: SS.-Leute, die hier eingetroffen waren, um die zwangsweise in „Urlaub" geschickte SA.- abzulösen, haben am Sonntag-, den 1. Juli, ohne Grund 25 Juden aus den Betten heraus verhaftet, in die Kaserne gebracht Und hier furchtbar verprügelt. Vier Juden, und zwar Rechtsanwalt Förster, Kaufmann C h a r r y, der Arzt Dr. Zweig und seine Prau, wurden nach Görlitz abtransportiert und zwei Kilometer von Hirschberg entfernt n i e d e r g eschössen. Die SS.-Leutc, die den Transport begleiteten, erklären, sie mußten wegen einer „Autopanne" halten und dabei hätten die gefangenen Juden einen „Fluchtversuch" gemacht, so daß nichts übrig blieb als sie niederzuschießen. Diese Behauptung wird nach dem Befund eklatant widerlegt. Die Toten hatten Eln- I schüssc in den Schläfen, Frau Zweig lag quer I über dem Bandstein. Den Verwandten wurde der Zu- | gang zu den Toten verweigert. | Unter der Hirschberger Judenschaft herrscht j furchtbare Bestürzung und Trauer. Die Panik ist unbeschreiblich. Aber auch unter der christlichen Bevölkerung herrscht ungeheure Empörung über den Mord an vollkommen friedlichen und unschuldigen Menschen. Die vier Erschossenen waren bei der Bevölkerung außerordentlich beliebt und hatten nichts mit Politik zu tun. Die Meuchelmorde werden als Ablenkungsmorde betrachtet. In Agnetendorf, dem Wohnort Gerhart Hauptmanns im Riesengebirge, wurde ein jüdischer Villenbesitzer Sonntag früh, 6 Uhr, verhaftet und verschleppt. Man nimmt an, daß er ebenfalls getötet wurde. Aus Berlin wird über Prag berichtet: Das Cafe „Trianon" am Bayerischen Platz in . Berlin war am 3. Juli abends der Schauplatz eines kleinen Pogroms, der von SA.-Leuten arrangiert worden ■war. Ein in Berlin lebender amerikanischer Journalist erhielt eine Warnung aus nationalsozialistischen Kreisen, daß ein starker Trupp der am 1. Juli zwangsweise in Urlaub geschickten SA. die Absicht hat. einen TJeberfall auf das Cafe „Trianon" durchzuführen. In Berlin haben sich die Verhältnisse der öffentlichen Verkehrslokale nach und nach so gestaltet, daß gewisse Lokale ausschließlich von jüdischen Gästen frequentiert werden. Dies ist der Fall bei dem Cafö „Trianon", das am erwähnton Abend von etwa 2 5 0 jüdischen Gästen besucht war. Der amerikanische Journalist verständigte die Polizei und begab sich sofort nach dem Cafe —~^~T~Tr?HMfflBUHllWITOWHMHn)HEi In der Nacht von Mittwoch, den 4., auf Donnerstag, den 5. Juli, ist Chaim Nachman B i a 1 i k im Wiener Sanatorium „Auerspcrg", wo er sich einer Gallensteinoperation unterzogen hatte, plötzlich nach einem Anfall Von Herzschwäche verstorben. Am Abend des 4. Juli hieß es, daß es dem Patienten gut geht, daß die Temperatur durchaus normal sei, daß eine kleine Komplikation, die kurz nach der Operation eintrat, als völlig überwunden zu bezeichnen sei, und daß man hofe, daß es Bialik noch im Verlauf der nächsten Woche möglich sein wird, das Bett zu verlassen. Im Verlauf des Tages und des Abends befand sich Bialik in guter Stimmung, las Zeitungen, scherzte mit seiner Umgebung Und dachte, nach Absolvierung einer kurzen Erholungskur in einem europäischen Badeort nach Tel-Awiw zurückzukehren. Am späten Abend aber griff er sich plötzlich ans Herz und verschied kurz darauf. Noch in der Nacht verbreitete sich die Nachricht Von Bialiks Ableben in Wien und rief bei der Judenheit tiefe Bestürzung und Trauer hervor. Das Präsidium der Kultusgemeinde, welches zu einer Sitzung versammelt war, unterbrach bei Erhalt der Nachricht sofort die Beratung und begab sich, begleitet von sämtlichen Wiener Rabbinern, an das Totenbett des Dichters, wo die Rabbiner und die Führer der Wiener Judenheit im Verlauf der Nacht abwechselnd die Ehrenwache hielten. Chaim Nachman Bialik, der 1873 im Dorfe Radi in Wolhynien geboren wurde und also erst im 61. Lebensjahre stand, war nicht nur Erizcher eines neuen Geschlechtes, er galt nach innen und nach außen als einer der unbestrittenen Repräsentanten der gegenwärtigen jüdischen Generation. Wie kein anderer der heutigen Generation war er die zentrale Figur im jüdischen Leben. Schon im siebenten Lebensjahr seines Vaters, eines armen Dorfschenkers, beraubt, lernte er die Nöte des Lebens in ihrer ganzen Härte kennen. Sein Großvater, ein fanatisch-orthodoxer Jude, übernahm seine Erziehung, dämmte die Lebenslust des aufgeweckten Knaben ein und ließ ihn seine Tage in einen; Winkel des kleinen Lehrhauses (Beth Hamidrasch) verbringen. Mit elf Jahren schon hatte Bialik die Bibliothek seines Großvaters, die nur aus theologisch-rabbinischen Werken bestand, absolviert und wagto sich an Werke wie Maimoides' ,,Mor e nebuchlm" und an den „Kusari" des Jehuda Halevi heran. Mit dreizehn Jahren war er bereits sich selbst überlassen* „Trianon", wo der Ueberfall bereits in Gang war. 16 SA.- Leute terrorisierten die jüdischen Gäste und die Angestelltenschaft des Cafes, schlugen die Einrichtung in Trümmeii und verletzten eine Anzahl der Gäste, unter .denen siefe'auch die beiden amerikan ischen Juden Michael S c h a p i r o und Agdulcer befanden. Nach 20 Minuten traf die avisierte Polizei ein und ersuchte die randalierende SA., das Lokal zu verlassen und sich aufs Kommissariat zu begeben. Die sistierten SA.-Lcute taten dies auch, kehrten aber nach ganz kurzer Zeit zum Cafe „Trianon" zurück, das sie aber bereits geschlossen fanden. Die angegriffenen jüdischen Gäste hatten schleunigst das Caf6 verlassen. Sie konnten es nicht versuchen, den SA.-Leuten Widerstand entgegenzusetzen, weil weitere 150 SA. - Leute vor dem Caf6 Aufstellung nahmen und auf ein Signal zum Eingreifen seitens ihrer vorgeschickten Kollegen warteten, Ein Jahr später begann sich bei ihm eine große Wandlung zu vollziehen. Talmud und Kommentatoren befriedigten ihn nicht mehr, die neuen Tendenzen der Ha s k al a lockten ihn. Er bezog die berühmte Jeschiwa in Woloszyn, von der er glaubte, sie sei europäisch eingestellt, und die ihn daher bald enttäuschte. Mit achtzehn Jahren erst erlernte Bialik die russische Landessprache. Das erste russische Buch, das in seine Hände kam, waren die Gedichte des jüdischen Dichters F r u g, die auf ihn einen entscheidenden Einfluß ausübten. Als Wortführer einer „C h o w e w e - Z i o n" - G r u p p e an der Jeschiwa zu Woloszyn veröffentlichte er 1891 einen Aufsatz ,,R a a j o n h a j i s c h u w" (der Gedanke der Kolonisation Palastinas). Kurz darauf wurde sein erstes Gedicht „El hazippor" (an den Vogel) gedruckt, welches seiner tiefen Zionssehnsucht Ausdruck gab und noch heute sehr populär ist. Er zog nach Odessa und studierte dort eifrig die russische und die deutsche Literatur. Hier lernte er seinen späteren Freund und Mitarbeiter Rawnitzki kennen, heiratete und übersiedelte 1897 nach Sosnowice, wo er sich als hebräischer Lehrer ernährte und weitere Gedichte veröffenltichte. 1905 gründete er zusammen mit Gutmann und Rawnitzki einen hebräischen Verlag für Schulliteratur „M o r i a" und fand hier Gelegenheit zu fruchtbarer literarischer Tätigkeit. Zu Beginn des Weltkrieges war Bialik der anerkannteste jüdische Dichter sowohl im Hebräischen wie im Jiddischen. Die Kämpfe um den Bolschewismus nach dem Kriege kosteten Bialik fast das Leben. Die Offiziere des weißgardistischen Generals Denikin wollten ihn als Verwandten eines Bolschewistenführers hinrichten, und nur das plötzliche Auftauchen eines russischen Generals rettete ihn. 1921 gelang es ihm mit vieler Mühe, in das Ausland zu gehen. Er lebte eine Reihe von Jahren in Berlin, wo er seine fruchtbare verlegerische Tätigkeit im Verlag „D w i r" fortsetzte. 1924 übersiedelte Bialik nach Palästina und wählte T e 1 - A w i w zu seinem Wohnsitz. Seine Villa in der nach ihm benannten Straße wurde ein Mittelpuntk des Kulturstrebens der palästinensischen Judenheit. Das Jüdisch-Natinale und das Allgemein-Menschliche waren ihm ein- und dasselbe. Bialik erhob sich zum Sprecher des gesamten jüdischen Volkes, als er seine zornbrennenden Pogrom-Gedichte in die Welt schleuderte. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notisen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet, Wien, 9. Juli. Die für den verstorbenen hebräischen Dichter Ch. N. Bialik von der Wiener Kultusgemeinde veranstaltete Leichenfeier fand programmgemäß Montag, den 9. Juli, um 12 Uhr mittags auf dem Zentralfriedhof statt. In der Zeremonienhalle waren als Ordner eine Gruppe jüdischer Frontsoldaten erschienen, während beim Metallsarg, worin die sterblichen Reste Bialiks ruhten, jugendliche Zionisten Wache hielten. Tiefe Trauer senkte sich auf alle Anwesenden, als die Witwe des Verstorbenen in der Halle erschien und Bialiks Leiche auf die Estrade gebracht wurde. Zu Seiten des Sarges hatten das Präsidium und die Kultusräte der Gemeinde, Mitglieder der Histadruth Iwrith und die nächsten Freunde Aufstellung genommen. Die Totengebete wurden von Oberrabb. Doktor Feuchtwang und Oberkantor Matyas gesagt, den Chor bildeten die Rabbiner der Wiener Gemeinde. In stummer Ergriffenheit ging die Menge hinter dem Sarg, der zuerst auf den Gottesacker, hierauf in den Arkadenhof des Friedhofsgebäudes selbst gebracht wurde. Einige tausend Verehrer des Toten defilierten vor der irdischen Hülle, die schließlich in den Leichenwagen gehoben und zum Südbahnhof geführt wurde. Ein langer Zug folgte dem Wagen. ...... "■ : ' •'* : - - ' Der Feier wohnten Vertreter aller zionistischen Organisationen Oesterreichs, jüdischer Vereine und Gesellschaften, ferner Delegierte der zionistischen Organisationen Polens, des polnischen „Tarbuth", des jiddischen Penklubs, Vertreter der jüdischen Presse und einzelne Persönlichkeiten der Kunst, Literatur und Wissenschaft, des jüdischen Museums und eine Menge persönlicher Freunde des Verstorbenen aus dem Ausland bei. Bialiks Leiche wird noch heute Nacht nach Triest geführt, um gleich darauf nach Erez Israel auf der „Italia" des Lloyd Triestino gebracht zu werden.- * Aus Jerusalem wird unterm 8. Juli gemeldet: Gestern, den 7. Juli, wurde ein Testament Bialiks gefunden. Dem Testament ist zu entnehmen, daß Bialik sich selbst seine Grabstätte neben dem Grab von Achad H a a m gewählt hat. Sein Haus in Tel-Awiw hat er der Gemeinde Tel-Awiw vermacht, die es nach dem Tode seiner Frau (Bialik ist bekanntlich kinderlos) übernehmen soll. Das Gedicht „B e'i r haharega" (In der Stadt des WUrgens) schildert mit monumentaler Plastik den P ogrom und geißelt nicht den Urheber des Pogroms, sondern die untätig Duldenden. Zu jener Zeit schrieb er aber auch zwei seiner größten Schöpfungen „Mete midbar" (Die Toten der Wüste) und „M e g i 1 la t ha'esch" (Die Feuerrolle). Viel Liebe widmete Bialik auch dem jüdischen Volksliede. Viele Motive des Volksliedes sind bei ihm zu Perlen moderner Dichtung geworden. Bialik ist auch als einer der besten Erzähler der neuen hebräischen Literatur anzusehen. In ,,Arje baal guf", der ersten Erzählung, verrät sich der Einfluß des von ihm hochverehrten Mendele Mocher Sforim. Aus dem Rahmen aller Bialikschen Erzählungen fällt sein „Safiach" (Nachwuchs), das sein künstlerisches Schaffen krönt. Das noch nicht abgeschlossene Werk sollte eine Autobiographie und zugleich ein Bekenntnisbuch werden. Bialik betätigte sich auch als Kritiker und Publizist. Richtunggebend war sein aufsehenerregender Aufsatz übe» die neue hebräische Poesie „Schiratenu haze'ira". Er stellte auch allgemeine Betrachtungen über das Wesen der Sprache, die Problematik des Hebräischen an. Bialiks Weg in der Wisenschaft war der der jüdischen Antike. Er betrachtete es als seine Aufgabe, eine Renaissance des klassisch-jüdischen Altertums herbeizuführen. Er machte die Renaissance der hebräischen Poesie des Mittelalters der lebenden Generation wieder gewärtig. Rein pädagogisch-ditaktisch ging Bialik bei der für die Jugend bestimmten Bearbeitung verschiedener Teile der Bibel vor. Bedeutendes hat Bialik auch als Uebersetzer geleistet. Er übertrug „Don Quichote" von Cervantes, Schillers „Wilhelm Teil", Anskis „Dybuk" (für die Habima) schlechthin mustergültig. Nicht weniger gestaltend zeigte er sich im Gebrauch des Jiddischen. Er hat eine Reihe von Dichtungen ursprünglich jiddisch geschrieben und viele nachträglich aus dem Hebräische! ins Jiddisohe übertragen. In unserem Blatt erschien selDH Erzählung „Marlnka" in deutscher Uebersetzua^ EiaSiks Weq zum Diduterruhm Die Meilensteine auf seinem Lebensweg