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Die neue Welt · 1934-07-06 · Heft 379 (6.7.1934) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 379 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WEL1 "1 ■ « Alus Herz/s erster KongreßreJe Basel, am 29. August tS97. Sclwn hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehedem für unmöglich Gehaltenes zuwege gebracht: die enge Verbindung der modernsten Elemente des Judentums mit den konservativsten. Da sich dies ereignet hat, ohne daß von. der einen oder der anderen Seite unwürdige Konzessionen gemacht, Opfer des Intellektes gebracht worden wären, so ist dies ein Beweis mehr, wenn es noch eines Beweises bedürfte, für das Volkstum der Juden. Ein solcher 7jisammcnschluß ist nur möglich auf der Grundlage der X a t i o n. * Es werden nun auch Debatten stattfinden über eine Organisation, deren Notwendigkeif jeder ein sieht. Die Organisation ist der Beweis des Vernünftigen in einer Bewegung. Hier ist aber ein Punkt, der nicht deutlich und energisch genug herausgearbeitet werden kann. Wir Zionisten wünschen zur Lösung der Judenfrage nicht etwa einen internationalen Verein, sondern die internationale Diskussio n. Der Unterschied ist für uns von der größten Wichtigkeit, die ich Ihnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche. Dieser Unterschied legitimiert auch die Einberufung unseres Kongresses. Es kann sich bei uns nicht um Bündeleien, geheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern nur um eine freimütige Erörterung unter der beständigen und vollständigen Kontrolle der öffentlichen M e in u n g. Es wird einer der nächsten, schon jetzt in großen Umrissen wahrnehmbaren Erfolge unserer Bewegung sein, daß wir die Juden frage in eine Zions frage umwandeln werden. * Wer da glaubt, daß die Juden sich in das Land der Väter gleichsam einschmuggeln könnten, der täuscht sich oder täuscht andere. Nirgends ivird das Auftauchen von Juden so schnell signalisiert wie in der historischen Heimat des Volkes, eben weil es die historische Heimat ist. Und es wäre auch gar nicht in unserem Interesse gelegen, verfrüht dahin zu gehen. Die Einwanderung der Juden bedeutet einen Kräftezufluß von unoerhoffter Fülle für das jetzt arme Land, ja für das ganze osmanische Reich. Seine Majestät der Sultan hat übrigens mit seinen jüdischen Untertanen die besten Erfahrungen gemacht, gleichwie auch er ihnen ein gütiger Souverän ist. Es liegen also Bedingungen vor, die bei einer klugen und glücklichen Behandlung der ganzen Sache zum Ziele führen können. * Aber nicht nur von dieser Seile her darf der Zionismus auf die Sympathien der Völker rechnen. Sie wissen, daß der Judenstreit in manchen Ländern zur Kalamität für die Regierung geworden ist. Ergreift man für die Juden Partei, so hat man die aufgewühlten Massen gegen sich. Ergreift man gegen die Juden Partei, so hat dies beim eigentündichen Einfluß der Juden auf den Weltverkehr oft schwere wirtschaftliche Folgen. Es gibt dafür Beispiele in Rußland. Verhält sich endlich die Regierung neutral, so sehen sich die Juden ohne Schutz in der bestehenden Ordnung und f lüchte n i n den Umsturz. Der Zionismus, die Selbsthilfe der Juden, eröffnet nun den Ausioeg aus diesen mannigfachen und sonderbaren Schwierigkeiten. Der Zionismus ist einfach der Friedensstifter. Es geht ihm freilich dabei wie Friedensstiftern gewöhnlich: er muß sich am meisten herumschlagen. Aar ivenn unter den mehr oder minder ehrlichen Argumenten gegen unsere Bewegung auch das vorkommt, daß man utis des Mangels an Patriotismus zeihen werde, so richtet sich dieser verdächtige Einwurf von selbst. Von einem vollständigen Auszuge der Juden kann wohl nirgends die Rede sein. Die sich assimilieren können oder wollen, bleiben zurück und werden resorbiert. Wenn nach einem gehörigen Abkommen mit den beteiligten politischen Faktoren die Judcnwunderung in aller Ordnung beginnt, so wird sie für jedes Land doch nur so lange dauern, als dieses Juden abgeben will. Wie der Abfluß zum Stillstand kommen soll? Einfach, durch das allmähliche Abschwellen und endliche Aufhören des Antisemitismus. So verstehen, so erwarten, wir die Lösung der Judenfrag e. * Und unser K o n gr e ß soll e iv i g leben, nicht nur bis zur Erlösung aus der alten Not, sondern nachher erst recht. Heute sind ivir hier auf dem gastlichen Boden dieser freien Stadt — wo werden ivir übers Jahr sein? Aber wo wir auch seien und wie lange unser Werk bis zur Vollendung dauere, unser Kongreß sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, niemandem zu Trutz, allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl ichon f ern, aber, unoen^üfiglich i§tl Theodor Herzl in der Karikatur „fiöthrticn'o" ©Iii* ttnb (Dufte im Jlurfltljcntrr. L-^^~c-0-^ ■, - - Ana', Jiatfii>4<0! ,1<Jtn', JhHh^,, I,.a'! |l; ,*V mi t m'i |<U U >' 3»li|«">l! „Uni«!uib<Ku." Tr. S4I(nlli([: «uool Btotol tr. OlalM: Sit rioliitn ja «ullJH>g. £m JDUtilnt. ti. S*Uiu*t: «an loa tbrti frtxn, &oJ 14 hliKbl tii, tu Qnli Ehertt ÜulDira ju (öt&tin. Der vom £urßtl|cntcr nUgclrljutc £ lj c o bor fl t v \ 1 Ofnj» irij£(L(dm.ti»!tJu '""f ».MiHf.i.t. Die Persönlichkeit Herzls als dramatischer Schriftsteller und Burgtheater- Autor brachte es mit sich, daß sich auch die Karikatur seiner bemächtigte. Der antisemitischen Presse bot; hiebei Herzls jüdische Führerschaft Anlaß zu einer Schmähung und Verunglimpfung, so daß hier von einer Karikatur als legitimem Kampfmittel nicht die Rede sein kann. Besonders tat sich das heute noch erscheinende antisemitische Sudelblatt „Kikeriki" hervor, das weniger den Bühnenautor; HerzL als den jüdischnationalen Führer Herzl treffen wollte. Die satirische Wochenschrift „Der Floh" erscheint darneben gesittet und in den Grenzen publizistischen Anstandes. Die nebenstehenden Zeichnungen sind dem „Kikeriki" (oberes und unteres Bild) und dem „Floh" (mittleres Bild) aus dem Jahr 1899 entnommen. Atheistischer Marxismus oder Herzl§dier Zionismus Von Dr. Barach Tomaschoff (Bratislava), Ein tschechoslowakischer Misrachist sandte uns einen Artikel über die Stellung der thoratreuen Zionisten zur jetzigen Situation im Zionismus, den wir auszugsweise bringen. Siebenunddreißig Jahre sind dahingegangen, seitdem Theodor Herzl uns mit prophetischem Blick einen neuen Weg gewiesen hat, seitdem er den eingeschlummerten jüdischen nationalen Gedanken zu neuem Leben erweckt hat, * Seit ungefähr drei Jahrzehnten schien es, als ob die Zionistische Organisation die einzige zentripetale Kraft wäre, welche noch über allen zentrifugalen Kräften steht. Nun steht auch diese erschüttert da. Nicht nur äußerlich, sondern auch in bezug auf ihren geistigen Inhalt. Oder eben infolge des geistigen Zerfalles? An der Spitze seiner Organisation der nationalen Zusammenfassung steht heute eine Partei der Internationale, deren Hauptziel es ist, dem Marxismus eine Stätte zu schaffen. Das Volk, die Nation, soll als Mittel zu dieser Verwirklichung dienen. Palästina soll das Versuchskaninchen sein. Herzl brachte uns als Symbol unserer nationalen Einheit die blau-wcifac Fahne. Diese soll durch die rote Fahne ersetzt werden. Wenn jüdische und sozialistische Interessen kollidieren, muß man sich gegen das Judentum und für den Marxismus entschließen. Lieber nur 100.000 bis 200.000 marxistisch eingestellte Menschen in Erez Israel, als ein Staat von Millionen Juden, in welchem das bürgerliche Element regieren soll. Wenn der Marxismus in Wien geschlagen wird, werden in Erez Israel unter der jüdischen Arbeiterschaft nicht etwa für Keren Kajemeth, sondern für den Sozialismus in Wien an einem Tage 250.000 tsch. K gesammelt. Und der Lärm der jüdischen Linken gegen Dollfuß muß die sozialistische Presse der Welt übertönen. Es tut nichts, wenn solche Gebärden den 250.000 Juden Wiens schaden — der einzig seligmachende Marxismus muß von Erez Israel aus gerettet werden! In Italien wird eine aufrührerische Aktion entdeckt. Der zionistische Führer der Jugend wird verhaftet. Dinge, über welche die Presse der Allgemeinen Zionisten nicht gerne berichtet. Zionistische Jugendführung und sozialistisch-kommunistische Ideologie sind zumindest sehr verwandt geworden. Daß derlei Dinge für das italienische und das Judentum der ganzen Welt verhängnisvoll werden können, tut nichts, Wa3 bedeuten diese „bürgerlichen" Juden Italiens gegen den Sieg der-marxistischen Sache! * Daß nicht nur wir zurückgebliebenen „klerikalen Misrachisten" über die Dinge verzweifelt sind, beweist, daß der Nestor der zionistischen Bewegung, Ussischkin, gelegentlich der letzten Aktionskomitee- Sitzung ähnliche Worte sagte. Ja, sogar der gewiß nicht als „Klerikaler" geltende Mossinsohn sagte vor einigen Wochen in Budapest in einem großen Meeting mit Bezug auf die Linken: „Sie sind nicht mehr Anhänger der Lehren Theodor Herzls, sondern der von Karl Marx, sie marschieren nicht mehr hinter der blauweißen Fahne, sondern hinter jener in roter Farbe; sie singen nicht mehr H a t i k w a h, sondern internationale sozialistische Hymnen und der SchomerHazair fühlt sich näher verwandt dem arabischen Arbeiter als dem jüdischen Bürger." Meint etwa jemand, daß ich übertreibe, der lese,, wie der „D a w a r", das offizielle Organ der Histadruth, über jüdische Kultur und Geschichte denkt: „Der Stolz auf die Bibel, auf die Propheten, die Heiligkeit der Tradition, der Glanz der Väter — sagt der „Dawar" — existieren nicht mehr für das heutige Geschlecht. Die Erziehung bei den Arbeitern muß radikal der Vergangenheit entgegengesetzt sein. Wir brauchen Gott nicht mehr!" Dies ist der Geist, den wir mit aller Kraft bekämpfen müssen! * Die der jüdischen Oeffentlichkeit bisher vorenthaltene Lage im Zioninsmus beginnt bekannt zu werden. Einsicht scheint sich Bahn zu brechen! Die Gefahr einer Zerklüftung der Zionistischen Organisation hat — wie jede Gefahr — viele unter uns wachgerüttelt! Eine neue, alles Althergebrachte verhöhnende Kultur will sich auf Kosten der vieltausendjährigen durchsetzen! Eine Kultur, die uns in den Augen der Gastvölker als zersetzendes Element erscheinen läßt. Eine Kultur, welche in dem das Häuflein Juden umringenden arabischen Meer ein rotes Tuch bedeutet. Wenn schon die jüdische Position im Lande allein in den Augen der Araber Auflehnung verursacht, um wie vieles mehr wird sich die gläubigei arabische Volksseele instinktiv dagegen wehren, wenn, atheistischer Marxismus wie ein Keil in den Orient hineingetragen wird! Was uns aber als Juden jeder Parteischattierung daej. Teuerste ist, jüdisches Wesen, ist in Gefahr, Die vier* tausendjährige jüdische Volksseele läßt SOS-Rufe er« schallen! Jeder Jude, den seine Pietät noch zu einem Maskir* gebete oder zu einem Kaddisch ruft, jeder Jude, dem noch' ein Kol-Nidre-Abend Weihe bedeutet, dem die jüdische Ehe ein Heiligtum ist, der eile auf den SOS-Ruf und leiste: Hilfe bei der Rettungsarbeit, Wir langjährigen Zionisten müsse» aus voller Kehle den Ruf erschallen lassen: Zurück zum üationalen Zionismus, zurück zur blau-,weißen Fahne, mit einem Worte, zurück zu Herz II „Unglüokliche! Wäre Herzl gefühUosi gewesen^ hätte er dann so heftig den jüdischen Schmerz empfunden, daß er darüber seine Rühe verlor, daß er sich von der ihm zulächelnden literarischen Laufbahn abwendete und sich dafür in den Glutofen des kämpfenden Zionismus stürzte? Seine ausgesuchte Empfindsamkeit Jiat ihn zum Urheber und Führer des Zionismus gemacht, aber sie ließ ihn auch in grausamer Weise alle Wunden fühlen, dia ihm seine brtitalen und hinterlistigen Feinde geschlagen haben. Und sie hat endlich das arme gequälte Herz zer* malmt," Max Nordau (Juli i00^»

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