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Die neue Welt · 1934-07-06 · Heft 379 (6.7.1934) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 379 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 379 DIE NETTE WELT Seite 7 £ r war einzig Die Massen des jüdischen Volkes haben eine dunkle Ahnung, daß der Tod des einen Mannes ein nationales Unglück sei, Aber die einfachen Seelen können sich noch nicht im entferntesten Rechenschaft ablegeil von der Tragweite des Unglücks, das sie trifft, das uns alle trifft. Solange Herzl da war. lebend, handelnd, allen Forderungen der Lage gewachsen, allen Notwendigkeiten genügend, allen Gegnern seine Brust bietend, hielt man es für ganz natürlich, als ob das immer 80 sein müßte, als ob es gar nicht anders sein könnte. Jetzt aber, nachdem er verschwunden ist, Werden die ungeheure Lücke, die er gelassen, die Unmöglichkeit, ihn zu ersetzen, dem. jüdischen Volk allmählich das richtige Verständnis für die Bedeutung Herzls beibringen und es ihm ermöglichen, die Größe seines Verlustes zu ermessen. Einmal bei einem Mittagmahl in Anwesenheit unseres Freundes Alexander Marmorek sagte ich zu Berzl: „Wenn ich ein Gläubiger wäre und mich mystisdi ausdrücken würde, würde ich sagen, daß Ihr Auftreten im kritischesten Augenblick der Ge~ I schichte des jüdischen Volkes eine Fügung der Vorsehung ist. In diesem beängstigenden Moment war ein Mann vonnöten und da standen Sie auf. um den Verzweifelten die Hoffnung wiederzugeben und den Erschlaffenden die Zukunft zu verbürgen." In seiner Bescheidenheit, die so aufrichtig, so natürlich war, errötete er und ärgerte sich beinahe. „Nicht doch", erwiderte er, „nicht doch, wie können Sie so sprechen, Sie, der Sie doch den Wert der Worte kennen! Es gibt nichts einzig Dastehendes, nichts Exzeptionelles in meinem Fall. Wenn ich entschwinden sollte, so würden hundert, tausend Menschen dem jüdischen Volke zur Auswahl geboten sein, und sie werden mein Werk gerade an dem Funkte fortsetzen, an dem ich es verlassen habe." Ich wollte nicht das Gespräch über diese Annahme, die ich als unsinnig betrachtete, fortführen. Aber ich schüttelte das Haupt und Alexander Marmorek tat es auch. Das, was ich damals nicht für möglich halten wollte, ist nun dennoch eingetreten: Herzl ist dahingegangen. Und man wird sehen, und man sieht schon, wie sehr ich recht hatte. Weder hundert noch tausend Männer, niemand bietet sich uns, um ihn zu ersetzen. Er war einzig. Max Nordau. Bildnisse aus der Familie Theodor Herzl Jeanette Herzi mit Theodor und Pauiine Jakob Herzl Em katholischer Politiker über Theodor Herzl Im Regierungsblatte „Wiener Zeitung" (Wien, 4. Juli 1934) veröffentlicht ein Mann, der sich „christlicher Politiker" nennt, nachstehenden Aufsatz. Der Aufsatz gibt die Gedanken- und Gefühlseinstellung der katholischen Kreise zum jüdischen Aufbau Palästinas wieder. Am gestrigen Tage jährte sich zum 40. Male der Todestag Theodor Herzls. In unserem Vaterlande, dem Herzl durch sein ganzes Leben innig verbunden war, wenngleich er als Bahnbrecher der großen zionistischen Idea im Grunde schon ein Bürger der neuen palästinensischen Heimstätte geworden war, fordert die große Persönlichkeit Herzls, der verdientermaßen von Ger heutigen jüdischen Generation als der moderne Heros des Judentums angesehen wird, auch auf unserer christlichen Seite Beachtung und Würdigung. Die von Herzl in seinem „Judenstaat" in einer herrlichen Sprache mit beispielloser Begeisterung geoffenbarte Idee von Erez Israel begegnete damals auf jüdischer Seite vielfach geringschätzendem Lächeln und bösartiger, skeptischer Kritik. Wer heute das interessante Buch Herzls liest, muß auch als Nichtjude ergriffen sein von der seherischen Weisheit und von dem klaren, durch nichts getrübten Urteil des Wiener Journalisten, der die Welt gesehen und erlebt hatte und zur sicheren Erkenntnis kam, daß den Völkern Europas, gleich wie den Juden, zur wenigstens teilweisen Lösung des immer wieder schmerzlicher werdenden Problems nichts übrigblieb als Ueberführung eines möglichst großen Teiles des jüdischen Volkes und der Ausbau dieser Heimstätte zu einem freien, gesunden, leistungsfähigen Staat. So sehr nun auf christlicher Seite alte Wunden zu bluten beginnen, wenn Palästina in der Hand von Nichtchristen geleitet wird, so soll doch nicht vergessen werden, daß es Herzl in dem bezeichneten Buche als besondere Aufgabe jüdischen Geistes bezeichnet hatte, die Freiheit und Heiligkeit jener Stätten zu sichern, die den christlichen Völkern teuer sind. Und wenn auf christlicher Seite die feste Ueberzeugung besteht, daß die Zerstreuung des jüdischen Volkes nie ein { Ende haben wird, so fühlen doch gleichzeitig alle Christen, die nach einer Wiederbelebung und Festigung konservativer Grundsätze in der ganzen Welt streben, daß das jüdische Volk mit einbezogen werden muß in die große Renaissancebewegung, daß dem jüdischen Volke das G«fühl der steten Unsicherheit und das Bedürfnis, aus dieser Unsicherheit den eigenen Vorteil zu sichern, genommen werden muß. Das jüdische Volk muß ebensosehr wie alle christlichen Völker interessiert sein an einer vernünftigen staatlichen, völkischen und übernationalen Ordnung. Das Jüdische Volk darf keine Mitarbeiter für die Ideen der Zerstörung und des Bolschewismus mehr stellen. In diesem Sinne begrüßen wir als bewußte Christen das Erstarken der zionistischen Erneuerungsbewegung und die damit gegebene Abkehr weiter Kreise des jüdischen Volkes von den liberalen, marxistischen und bolschewikischen Lehren. Theodor Herzls Lebenswerk wird durch die Ereignisse und die Entwicklung unserer Tage gerechtfertigt. Wir stehen nicht an, ihn als einen der Großen seines Volkes anzuerkennen. Erfnaerangen an Herzl Von Josef Cowen (London). Meine Bekanntschaft mit Herzl begann auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel 1897. Z a n g w i 11 hatte mich überredet, in die Schweiz zu gehen. Er führte mich bei der Frühstückstafel im Hotel „zu den drei Königen" am ersten Kongreßtag ein. Ich erinnere mich, wie ich am Kongreß, wo ich Herzl nur schwer folgen konnte, mir die Frage vorlegte: „Ist dieser Mann ein Träumer oder ein Scharlatan?" Noch lange Zeit beherrschten diese Zweifel mich, der ich, wie meiner Meinung nach die meisten Juden, mißtrauisch bin. Denn ich war nicht nur als Jude argwöhnisch, sondern auch als Engländer von Natur insular veranlagt, und die Kombination dieser zwei Eigenarten macht mich doppelt vorsichtig vor „fremden Juden". Denn es war mir damals noch etwas Selbstverständliches, daß „kein ausländischer Jude einem englischen Juden gleich sein oder dessen volles Vertrauen genießen könne". (Ich fürchte, daß dieses durchaus ungerechtfertigte und idiotische Gefühl in England noch immer besteht.) Aber kehren wir zu Herzl zurück. Ich erinnere mich, wie er, äußerst höflich und zuvorkommend, Zangwlll und Herzls Mutter Jeanette mir an seinem Tisch Platz machte, obgleich ich zugeben muß, daß die Zweifel, die ich hatte, meine Freude am Mahl sehr herabminderten. Er schien mir von Enthusiasten und Anbetern umgeben zu sein und ich hatte die Empfindung, hier nicht auf meinem Platze zu sein. Nach dem Frühstück bot er mir mit der Genialität, die, wie ich später sah, ihn stets auszeichnete, das zionistische Abzeichen — eine blau-weiße Rosette — fürs Knopfloch, die ich jedoch zurückwies, wie ich es auch im Jahre 1898 tat, als er mir vorhielt, daß ich kein Zionist sei. Im Jahre 1899 erließ die englische zionistische.. Föderation kurz vor der Eröffnung des Jewish Coloiüal Trust, zu dessen führenden Mitgliedern ich damals ge--. hörte, ein Manifest, in welchem die Forderung aufgestellt wurde, daß, bevor noch die Shares der Kolonia!bank -km Publikum angeboten würden, ein Leiter für die Bank ernannt werden solle. Diese Forderung stammte haüpt-" sächlich von mir. Herzl kam bald nachher nach London und nahm an einer Konferenz der englisch-zionistischen' Föderation teil, in der diese Frage zur Diskussion stand. Herzl war über unser Dazwischentreten in einer Angelegenheit, die nach so vielen Schwierigkeiten mit großer Mühe erledigt worden war, furchtbar wütend. Ich werde niemals die Art vergessen, wie er sich gegen mich wegenmeines Auftretens gewendet hat. „Mr. Cowen möge sich's ein für allemal merken" — schloß er — „ich bin ich und Bank ist Bank." Ich war vollkommen vernichtet, und zwar mit Recht. Nicht immer und auch nicht für lange Zeit waren unsere Beziehungen so, wie ich sie beschrieb. Bald nach diesem Zusammenstoß wurden wir nicht nur Führer und. Anhänger, sondern ich darf wohl von uns beiden sagen, gute Freunde. Und welch schöne Zeiten wirklicher Freude verlebten wir miteinander. Es gab keinen liebenswürdigeren Menschen, keinen, der trotz der großen Bürden, die er sich auferlegt hat und die ihm sein Genius und der einmütige Wunsch seines Volkes ihm aufgelastet haben, im Grunde seines Herzens so fröhlich sein konnte wie er. Zu allen Zeiten, in London, Wien oder Paris, Konstantinopel, Budapest oder Cookham, in Alt-Aussee oder Folkestone, in Augenblicken ängstlichen Harrens oder beim Einlangen günstiger Meldungen, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht war eine nimmer versagende Quelle der Inspiration, der guten Laune und des Optimismus, mit dem Herzen eines Kindes und der Energie eines Motors, Er war genau informiert über die letzten Sensationen von Paris wie auch über die neuesten wissenschaftlichen oder Reiseentdeckungen und beherrschte drei Sprachen mit der Kenntnis all ihrer Nuancen wie nur wenige. Unvergeßlich bleiben mir die herzliche, leichte Art, mit der er den. Droschkenkutscher anrief, und die Gutmütigkeit, mit der er dem Blumenmädchen doppelt so viel gab, als es erwartete. Durch alle seine Heiterkeit ging ein unverkenn* barer Ernst. Wie gern war er in England. Ich glaube wohl, daß neben Alt-Aussee, wo Mandelstam, Wolfsohn, Katzenelson und ich während des Sommers häufig mit ihm und seiner Familie beisammen waren, England es war, das er vor allen anderen Länder liebte. Und dann die allerletzte Szene — E d 1 a c h, wohin ich nach meiner Rückkehr von Amerika eilends fuhr, als ich von seiner schweren Krankheit erfahren hatte. Ich weilt bloß ein, zwei Tage bei ihm, denn ich mußte wegen dringender Geschäfte nach England zurückkehren. Ich versprach ihm, in einer Woche wiederzukommen, um ihn anderswohin zu bringen. Ach, ich dachte damals nicht daran, wohin ich ihm werde führen müssen, wenn ich ihn wiedersehe!

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