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Die neue Welt · 1934-07-06 · Heft 379 (6.7.1934) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 379 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Theodor Herzl im 7. Lebensjahr trauernde Familie, die sich von Stunde zu Stunde vergrößerte. Für etwa 60 Stunden hatten die Juden ein Nationalheüigtum, zu dem sie wallfahrteten von allen Enden Europa«. Man traf sich am Sarge Theodor Herzls, wie einst in Basel am ersten Kongreß. Damals verbrüderten wir uns unter Freudentränen, jetzt vereinigte uns die "bittere Zähre tiefer Trauer. „Wir sind ein unglückliches Volk", jammerte der eine; „Theodor Herzl, ich habe dich mehr geliebt, als ich dir je gesagt habe", rief der andere. „Ich habe doch noch gar nichts von all dem getan, was du uns geheißen hast", klagte ein dritter. Die Seelen lagen offen zutage, denn ihre Wunden gestatteten keine Hülle. Fast im Schmerz erstarrt ging seine Frau einher. Nur einmal hatte ein heftiges Schluchzen ihren tiefsten Schmerz gelöst — seither ging sie fast tränenlos einher. Wenn sie an den Sarg trat, verließ die Totenwache das Zimmer. Sie möchte ihren Schmerz verbergen, aber unterdrückter und doch durchdringender Wehelaut zieht durchs ganze Haus, wenn sie mit ihrem Mann allein ist. Die Mutter hingegen spricht zu den jungen Leuten, sie klagt in beweglichen Worten, sie sucht Trost in ihren jugendfrischen, sympathischen Gesichtern, aus denen lautlos die Tränen quellen. Sie weiß, daß sie nun einsam sein wird, und dankt Jür jedes Wort der Sympathie, für jede Träne, die ihrem Leid gilt. Die Kinder, stets so treu behütet und fest geleitet, sie huschen ängstlich von einem Kaum zum anderen, und die Aelteste eilt, so oft sie kann, zum Sarge ihres Vaters. Man sucht sie abzuhalten. „Aber man muß doch die Zeit benützen", wehrte sie weinend ab. Und wahrlich, man mußte sie ausnützen. Der letzte Tag war da, die Stunde des Begräbnisses war gekommen. Die Freunde aus Oesterreich und Deutschland waren die ersten gewesen, dann kamen sie aus Holland, aus Italien, aus dem Orient, aus Frankreich, von England und endlich die aus Polen und Südrußland. Welch ein Wiedersehen. Jedes neue Kommen brachte seinen eigenen Schmerz. Es weinten die Jungen und die Alten, sie streichelten den Sarg und küßten die flornmhüllte Kongreßfahne, die seinen Sarg bedeckte. Wohl kamen alle in Wien anwesenden Schriftsteller, alle seine engeren Kollegen, Deputationen der jüdischen Gemeinde und vieler jüdischer Korporationen — aber es war doch im ganzen Wesen und in der ganzen Anlage ein zionistisches Begräbnis. Ueber 1000 Mitglieder zionistischer Deputationen waren vor dem Hause versammelt, mehr als 5000 Trauergäste und samt den Neugierigen etwa 8000 und 10.000 Menschen. Herzl hatte in seinem Testament ein einfaches Begräbnis letzter Klasse verlangt. Kränze und Reden abgelehnt. Dadurch wirkte die Trauer um so ergreifender. Kranz und Rede war das jüdische Volk, das sich in solcher Anzahl, vereint aus so fernen Gegenden, in Wien noch nie zu einem Leichenzug zusammengefunden hatte. Ein dunkler Strom, ergoß sich die Menge in die Straßen, den Hügel empor, der zum Döblinger Friedhof führt. Der Rabbiner rezitierte einen Psalm, die Sänger stimmten einen ergreifenden Chor an, dann trugen wir Theodor Herzl zu der Gruft seines Vaters, bei dem er liegen will, bis das jüdische Volk ihn nach Palästina bringt wie es in seinem Testament heißt. Als der Sarg eingesenkt war, hörte man nur ein heftiges Schluchzen. Es weinten Tausende. Das liest sich, wie es sich sagt. Wer aber hat schon Tausende weinen sehen? Wer den Schmerz eines Volkes, den zitternden, aufreizenden Jammer einer Nation über sein Herz ziehen gefühlt. Und die da schluchzten, waren die Sendlinge von Hunderttausenden, die zu selbiger Stunde mit uns weinten. Und in all diesem Jammer, diesem Weinen und Klagen dringt eine zarte Stimme vor. Die Stimme eines Knaben, Hanns, Theodor Herzls Herzenskind, spricht am offenen Grabe des Vaters das erste Kaddisch. Alles lauscht, und der Friedhof ist voll von Stimmen, die respondieren. Der Knabe weint, da er das Grab verläßt, seine ersten Tränen, und weiß doch kaum, warum er weint. Wir alle werfen eine Handvoll Erde und jeder ruft ihm ein stilles „Auf Wiedersehen!" zu. Dieser Sarg kommt wieder ans Licht des Tages, unter die Bonne Palästinas. So wahr uns Gott helfe. V, neue Herzls Schauspiel „Das Neue Ghetto" gelangte am 5. Jänner 1898 am Wiener Carl-Theater zur Erstaufführung. Der Bestand einer Zensurpolizei brachte es mit sich, daß seitens dieser vor der Aufführung ein Gutachten an die k. k. Statthaltern abgegeben wurde, das für die Auffassung der Judenfrage überaus charakteristisch ist. Man darf nicht, vergessen, daß in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts Oesterreich, vornehmlich aber Wien, Schauplatz schwerer Konflikte infolge nationaler und konfessioneller Gegensätze war und daß diese Konflikte öffentlich im Parlament, in der Presse, zum Teil auch auf der Straße ausgetragen wurden. Aber hiezu kam noch etwas: Das Erscheinen jüdischer Figuren in ihrem wahren, ungeschminkten Habitus war für das österreichische liberale Publikum, für den im Assimilationsraum ungestört lebenden ,.Israeliten" derart neu, daß es — insbesondere von der Bühne herab — Anlaß zu lebhaften Reflexen geben konnte. Diesem Bedenken trug die Polizeidirektion Rechnung, indem sie sich gegen die Aufführungsbewilligung aussprach, während das Niederösterreichische Statthalterei - Präsidium die Aufführung des „Neuen Ghetto" unter gewissen Bedingungen freigab. Es folgen nunmehr die Berichte der Polizeidirektion, der Erlaß des Niederösterreichischen Statthalterei-Präsidiums sowie zwei Polizeiberichte über die Aufführung und über eine erfundene Darstellung der antisemitischen „Deutsehen Zeitung". Bericht der Polizeidirektion, betreffend das vom Carltheater eingereichte Bühnenwerk „Das neue Ghetto": Hohes k. k. Statthalterei-Präsidiurn: Seitens der Direktion des k. k. priv. Carltheaters wurde hieramts das im Anschlüsse mitfolgende Bühnenwerk „Da neue Ghetto", Schauspiel in vier Akten, behufs Erlangung der Aufführungsbewilligung überreicht. en Manen Theodor Herzls Öb der Staub von uns geschieden, Schwebt doch über uns dein Geist, Der aus deinem Grabesfrieden Noch die Bahn der Pflicht uns weist. Ewig in des Volks Gedächtnis Lebt dein Werk und lebt dein Bild, Sieh, wir hüten dein Vermächtnis Treu, den stolzen Davidsschild. In der Zionsfahne Falten Wird dereinst dein Sarg gehüllt. Was du schworst, wir werden1's halten, Und dein Sehnen wird erfüllt . . . Max Nordau. In mehrfachen Zeitungsnotizen ist als Verfasser des Stückes der Feuilletonist der „Neuen Freien Presse", Dr. Theodor Herzl, genannt, welcher durch seine Broschüre „Der Judenstaat" zur sogenannten zionistischen Bewegung unter den Juden den Anstoß gegeben hat; auch das vorliegende Drama behandelt, wenn auch nach anderer Richtung, die moderne Judenfrage. (Der Bericht gibt nun den Inhalt des Stückes wieder und fährt fort:) Bei der im Ganzen geringen dramatischen Handlung liegt die eigentliche Bedeutung des Stückes in der Tendenz, vom Standpunkte der Censur aber muß diese Tendenz jedenfalls als sehr bedenklich bezeichnet werden. In der dermaligen, an Aufregungen so überreichen Zeltepoche, wo die nationalen und confessionellen Gegensätze schon bei geringen Anlässen in einer die öffentliche Ruhe und Ordnung bedrohenden WeWe aneinander gerathen, erscheint es nicht opportun, die Judenfrage in einer so aktuellen Weise auf der Bühne behandeln zu lassen, wie es im vorliegenden Werke geschieht. Ich bin daher nicht in der Lage, die Erteilung der Aufführungsbewilligung zu befürworten. Sollte jedoch die höchdörtige Entscheidung die Zulassung des Stückes aussprechen, so erlaube ich mir zunächst zu beantragen, daß der Titel des Bühnenwerkes in einen anderen, unverfänglichen, umgeändert werde, und daß weiters die auf Seite 4, 5, 13, 16, 19, 27, 29, 30, 31, 32, 33, 39, 46, 55, 59, 60, 67, 71, 75, 81, 82, 93, 96 und 97 markierten Stellen eliminiert werden. Ueberdies wäre zu verbieten, daß der Darsteller des im 1. und 3. Akte auftretenden Rabbiners in einem dem geistlichen Ornate gleichenden Costüme auf der Bühne erscheine. Wien, am 15. December 1897. Das Niederösterreichische Statthalterei-Präsidiurn sandte hierauf folgenden Erlaß an die Polizeidirektion in Wien: Die Aufführung des von der Direktion des k. k. priv. Carltheaters in Wien eingereichten Bühnenwerkes „D a s neue Ghetto" wird bewilligt. Ferner ist dafür Vorsorge zu treffen, daß der Darsteller des im 1. und 3. Akte auftretenden Rabbiner nicht in einem dem geistlichen Ornate gleichenden Costüme auf der Bühne erscheine. Votum. Die von der Polizeidirektion als bedenklich bezeichnete Tendenz dieses Bühnenwerkes kann ein Verbot des Stückes um so weniger begründen, als diese Tendenz (die Eliminierung einiger Steller vorausgesetzt) nach keiner Richtung hin anstößt und lediglich die These verficht, das die Juden, um aus ihrer gesellschaftlichen Inferiorität herauszukommen, vor allem sich von bedenklichen und unreellen Spekulationen (Börscdifferenzgeschäften) lossagen müssen; nur dadurch könnten die Mauern. „Des neuen Ghetto" zu Falle gebracht werden. 39 wäre vielleicht ganz zu streichen, da diese Stelle leicht zu demonstrativem Applaus führen könnte. Wien, 27. December 1897. Von der Polizeidirektion an das Niederösterreichische Statthalterei-Präsidiurn. Bericht. Das mit dem hohen Erlasse vom 27. December 1897 Z. 9140, zur Aufführung im Carltheater zugelassene Bühnenwerk „Das neue Ghetto" von Theodor Herzl gelangte gestern zur ersten Aufführung. Das Stück fand bei dem ausverkauften, fast ausschließlich aus Freunden und Anhängern der Richtung des Dichters bestehenden Publikum lebhaften Beifall und waren die für die Premiere gehegten Befürchtungen eines lebhaften Widerspruches der Gegner wenigstens diesmal gegenstandslos. Die Handlung, welche die Tendenz verfolgt, die guten Eigenschaften des Judentums hervorzuheben und die schlechten rücksichtslos zu geißeln, ihre Entwicklung aus den Umständen zu erklären und ihre Beseitigung im Wege der Ausgleichung an die umgebende Bevölkerung zu zeigen, scheint nicht ganz diesen Zweck zu erreichen, indem der die Reform beabsichtigende Held des Stückes seinem Bestreben zum Opfer fällt, so daß der Schluß nicht befriedigt. Die Darstellung war eine gute. Namentlich Herr Klein in der Rolle des Helden Dr. Samuel, T e w e 1 e in der komischen und lebenswahr gezeichneten Rolle des Wasserstein, Jauner als Peter Vednik verdienen besonders hervorgehoben zu werden. In censurpolizeilicher Beziehung war nichts zu beanständen. Die Vorstellung dauerte von 7 bis dreiviertel 10 Uhr. Wien, 6. Januar 1898. K. k. Polizeidirektion. Bericht der Polizeidirektion an das Niederöster-« reichische Statthalterei-Präsidiurn: In der heutigen Nummer der „Deutschen Zeitung" ist auf Seite 6, Spalte 2, unter dem Schlagwort „Eine, antisemitische Kundgebung" eine Notiz enthalten, daß im Carltheater bei der letzten Aufführung des Herzl'schen Schauspiels „Das neue Ghetto" am 15. d. M. eine antisemitische Demonstration stattgefunden habe. Die gepflogenen Erhebungen haben ergeben, daß diese Notiz gänzlich erfunden und besagte Vorstellung vollkommen ungestört verlaufen ist. Ueber die eigentliche Absicht zu dieser Enunciatioa des Blattes ist hieramts nichts bekannt. Ich habe unter Einem einen gleichlautenden Bericht dem hohen k. k. Ministerium des Innern vorgelegt. Wien, den 17. Feburar 1898. (Aus Josef Fränkel, Theodor Herzl, Des Schöpfers erstes Wollen. Fiba-Verlag, Wien, 1934.) ior Von Baronin Bertha von Suttner Bertha von Suttner, die Verfasserin des „Waffen nieder", eine begeisterte Vorkämpferin der Friedensidee, war die erste Nichtjüdin, die in Wort und Schrift für den Herzl-Zionismus eintrat. Nach dem Tode Herzls wurde sie ersucht, einen Artikel über Plerzl zu schreiben. Sie sandte den hier veröffentlichten Beitrag und meinte: „Es war ein gar herber Verlust für das Judentum und fürs Edelmenschentum, daß dieser herrliche Mensch so vorzeitig hingerafft wurde!" Vcfc seiner Schönheit will ich reden. Wie ein assyrischer König war er, und dabei doch ein moderner Gentleman. Von seinem Werke (ein Riesenwerk: nichts Minderes als die Grundlage eines Staates), von den blitzenden Kleinodien des Geistes, die seine Feder verschwenderisch ausgestreut, wird in diesem Sammelhefte in Fülle gesprochen werden — vielleicht hat man seine äußere Schönheit (als wäre sie gegen die anderen Gaben nicht des Beachtens wert) zu erwähnen vergessen. Sie gehörte aber zu der Harmonie dieses harmonischen Menschengebildes, dessen Seele auch ganz Schönheit war. Und zwar vom selben Typus wie die seiner Erscheinung: Stolz und Feinheit. Der HerzlsCSrakcgaiig 1934 Die Leitung Um- Jua^ibiuiUbpuraii oeaierreicitts vor deflt Döblinger Friedhof am Sonata«, deu 24. Juni 19H»

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