Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 379 (6.7.1934)
- Date
- 1934-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 379 I ——PW^I DIE NEUE WELT Seite 5 30 Jahre Theodor Herzl In diesen Tagen nimmt die jüdische Presse die Gelegenheit wahr, Theodor Herzls als des Begründers der Zionistischen Organisation und als eines mit prophetischem Blick begnadeten Juden zu gedenken. Die Resonanz der Herzischen Ideen in den jüdischen Massen ist so stark, daß man diese Erscheinung nicht mehr bagatellisieren kann. Der kalendarische Anlaß — heuer der 30. Todestag — dient zu einer Art Beichte und Bekenntnis und Ausblick. Je nach der Weite des Programms oder der Weltanschauung wird der Weg gezeichnet, den man betreten müsse, um zur Lösung der Judenfrage zu gelangen. Wenn der Gedenktag vorüber ist, dann hebt der erwünschtere Alltag wieder an. * Es ist heute sehr bequem, sich auf Herzl zu berufen. Die Sentimentalen empfinden eine innige Liebe für ihn in einer traumarmen Zeit, zumal solch eine Liebe zu nichts verpflichtet. Die politisch Tätigen, parteimäßig Gebundenen, suchen nach beliebtem Rezept zu beweisen, daß er der ihre war. Und sogar jenen, die seine „Totalität" als überholt, unzeitgemäß, unrevolutionär empfinden, gelingt es in diesen Gedenktagen, ihrem Dogma nach außenhin ein blau-weißes Mäntelchen umzuhängen. * Zu behaupten, Herzl sei nicht revolutionär gewesen, sondern bloß Exponent einer alten jüdischen, geographisch begrenzten Sehnsucht, das kann nur denjenigen einfallen, die das Wort vom Klassenkampf als den tiefsten und vehementesten Ausdruck menschlichen Willens ansehen; die der Welt einreden wollen, daß eine soziale Ordnung, soll sie gerecht sein, dem sogenannten ,,W e r k t ä t i g e n" den Vorrang, ja die Macht überantworten müsse. Dieser Begriffsschwindel hat große Teile des jüdischen Volkes in Ost und West daran vergessen gemacht, daß sie ihre Existenz als jüdische Volksgemeinschaft gerade der entgegengesetzten Tendenz zu verdanken haben: dem Glauben an eine soziale Ordnung, die den Juden in ihrem Wirken und Wünschen ein harmonisches, zentripetales Sein verbürgt. Der Kampf um das Vorrecht der Klasse und der Kampf um das Gesamtrecht des Judenstaates nahmen von diesen zwei Tendenzen ihren Ausgang. Er ist noch nicht ausgetragen. * Zweifellos — viele Anzeichen sprechen dafür — hat da und dort, in der Galuth und in Erez Israel, Besinnung Platz gegriffen auf die elementarsten Notwendigkeiten des jüdischen Aufbauwerks, dessen Idee keute die Herzl-Feier-Amateure in den Vordergrund ihrer rednerischen oder publizistischen Betrachtung stellen. Das politische Programm Herzls, die Forderung nach ständiger politischer Aktivität, ist aber im Blickfeld der zionistischen Leitung immer wieder nur von jenen Gruppen gestellt worden, welche die ganze Herzische Konzeption als das zionistische Programm, als die Lösung der Judenfrage angenommen haben. Das Nicht-bis-ans-Ende-gehen in Dingen des Palästina-Aufbaues, d. h. des Judenstaates, zeitigte all den Schmerz und Kummer, die Konflikte und Spanungen, die fehlgeschlagenen Hoffnungen und Enttäuschungen und — in organisatorisch sichtbarer Form — die Fraktionen, aus denen sich die Zionistische Organisation zusammensetzt. Herzl schuf den Stolz und die Würde des Judeseins, um diesen lebendiggemachten Werten ein Heim zu geben, ein rechtlich gesichertes. Was zu seinen Lebzeiten im Rahmen der türkischen Großmacht Heimstätte hieß, war nie anders denn als Judenstaat gedacht. Wer hier Zweifel oder Einschränkungen walten lassen will, fälscht Herzls Tendenzen und Aspirationen. * Die „Legende Herzl" — das ist eine dichterische, ja transzendentale Angelegenheit. Wenn wir bei einer Gefühlsüberspannung von einer Legende Herzl sprachen, um sie in die großen Bewegungen der jüdischen Geschichte einzureihen, waren wir uns immerhin der Realität dieser Legende bewußt. Legende, Mythos — das war die Ehrfurcht vor einem Geschehen, das man schon in den Tagen der Gegenwart zur Historie stempeln wollte. Die Kleinzionisten und Nochzionisten an der allgemeinen und linken Front nahmen den Begriff „Herzl-Legende" nur zum Zweck der Verkleinerung oder zeitlichen Bedingtheit seiner Person an. Sie hantierten mit ihm in ihrer Polemik gegen die Judenstaatler, mit der deutlich erkennbaren Absicht, die „kurzfristigen" Ideen Herzls den „ewigen" ihrer sozialistisch-marxistischen Führer gegenüberzustellen. Mit einem Lächeln um die unschönen Lippen wollen öb zu verstehen geben, daß das, was mit Herzls Methodik zu erreichen war, schon erreicht sei und daher neue Wege und neue Mittel erforderlich seien. Diese Wege und Mittel lägen aber abseits der zionistischen Ideologie und diesseits der Wirklichkeit: im. Programm der allweltlichen Klassen- Legende und Wirklichkeit kampfbewegung, der internationalen Sozial-Demokratie. Demokratie wird allerdings weniger betont. Der Nachdruck liegt auf dem Begriff „Sozial" und dieser wird als Klassenkampf zur Erreichung der Vorherrschaft ausgewertet. Was da noch vom Herzischen Zionismus und von der Judenstaatsbewegung übrig bleibt, das zerrinnt zwischen den Fingern. Armseliger Ausblick! * Das Judentum aus seiner Starrheit erlösen, es von der Problematik befreien, heißt, alle schöpferischen Kräfte in ihm freimachen. Das konnte nur eine schöpferische Persönlichkeit, ein Dichter, ein Prophet. Aus den sinnierenden, denkenden, träumenden Juden wurden Juden der Tat. Es ging nicht um Programme, um Methoden, um Doktrinen, wie sie heute von da und dort im Zionismus aufgeworfen werden. Der Genius des jüdischen Volkes begnügt sich nicht mehr mit den engen Grenzen, in die er von den liberalen, assimilantistischen und linksorientiertsn Allerweltsbeglückern gedrängt wurde. Der jüdische Mensch verlangt das, was Herzl besaß: Größe! Darum sehen die heutigen Leiter des zionistischen Werkes so klein, so winzig klein aus. Alltagsfiguren mit Alltagsworten und Alltagsgesten! Erinnert ihr euch an das Zittern, die Sehnsucht, die Erwartung, die Erschütterung der Herzen, wenn Herzl sprach? An das Glück, das alle durchbebte, wenn er vom Stolz des neuerwachten Judenvolkes redete? Das Glück, dieses Glück verdanken wir ihm und allein um dieses Glückes willen, das er uns schenkte, ist er unsterblich. o. r Theodor HersSs Krankheit/ Tod! und Begräbnis (Von einem alten Freunde Herzls.) Eines Tages wußten wir, daß Theodor Herzl schwerkrank sei. Die Aerzte taten sehr bedenklich und meinten, er würde nie — auch nicht im Falle der Genesung — die Arbeit der Führerschaft übernehmen dürfen. Und da wir uns das Leben ohne ihn nicht denken konnten, den Zionismus ohne seine Führung gar nicht zu verstehen vermochten, schmähten wir die Mediziner und ihre Kurzsichtigkeit. Herzl ging nach Franzensbad, um dort kohlensaure Bäder zu nehmen. Als er gestorben war, wußten die Aerzte, daß diese Kur schädlich gewesen sei. Er kam von Franzensbad leidender, als er hingegangen. Dann fuhr er nach Edlach am Fuße des Raxgebirges. Die Aerzte zweifelten; wir aber hofften, weil wir nicht verzweifeln wollten. Er ahnte das Ende und mochte doch im Innersten seiner Seele auf Rettung hoffen. Der junge Herzl Ein unbekanntes GeJicht Theodor Herzls Theodor Herzl widmete dieses Gedicht der Breslauer Zionistischen Vereinigung. Dreht Ihr euch in frohem Reigen, Sollen Gram und Sorge schweigen, Und in solcher jungen Nacht Sei nichts Trauriges gedacht... Dennoch mögt ilir Herrn die schlanken Mädchen werben dem Gedanken! MorgenlätuVscher Hosen Duft Wehet köstlich durch die Luft; Glauben werden Zions Söhnen, Daß es herrlich sei, die Schönen. Dann, wenn diese Nacht entschwand, Rötet sich der Himmelsrand. — •— Und die Herzen werden schlagen: Dort im Osten will es tagen. Sobald die quälende Atemnot ihn verließ, scherzte er mit seiner Umgebung, und wohl auch über das kommende Schlußkapitel des Lebens fiel manche feine Bemerkung. „In meinem Theaterstück ,Das neue Ghetto"*, so erzählte er einem Freunde, „wurde nur eine Stelle gestrichen, die auf meinen Zustand sehr gut paßt. Der christliche Freund fragt den Börseaner Wasserstbin, was der Rabbiner bei dem Kranken tue, ob er ihm vielleicht die Sterbesakramente reiche. Wasserstein antwortet: Nein, bei uns stirbt man ohne Sakramente, aber es geht auch so.'" Seine Frau war erschüttert, weil doch niemand mehr als sie den Verfall dieser herrlichen Mannesgestalt beobachten konnte. Auf uns allen aber lag das schwere Gefühl der elektrischen Spannung vor einem Zyklon. Wir gingen unseren Geschäften nach, aber mit den Blicken nach seinem Krankenlager. Wir wußten genau von allen Vorgängen, das Telephon gab uns Nachricht von seinen schweren, schlaflosen Nächten, den atembekiemmenden Beschwerden des Tages, und die Kunde von jeder Besserung durcheilte die Stadt in raschen Zügen. Wer reisen mußte, bekam von vertrauten Freunden Nachrichten, und die trüben Sorgenwolken ballten sich immer mehr zusammen. Ein Freund aus Deutschland, entsetzt vom Aussehen des Kranken, sandte einen berühmten Spezialarzt für Herzkrankheiten. Dieser meinte, daß eine bestimmte Kur Rettung bringen könnte. Wir waren sehr rasch bereit, zu jubilieren, dies um so mehr, als wir ja immer die behandelnden Aerzte für übertriebene Pessimisten hielten, Herzl richtete sich neubelebt auf und wollte sich zur Reise nach Deutschland rüsten. Wir erwarteten ihn in Wien und bettelten um die Gunst, ihn auf der Reise begleiten zu dürfen. Einige Stunden vor seiner Abfahrt nach Wien fühlte er Schmerzen in der Brust, ein quälender Husten entwickelte sich zu einer Lungenentzündung, so daß alle Dispositionen geändert werden mußten. Das war Freitag, am 1. Juli. Am nächsten Sonntag erwartete man die Mutter und die zwei jüngsten Kinder in Edlach. Der Kranke fühlte sich besser. Es waren auch Freunde aus Wien gekommen, und die Freude des Wiedersehens schien ihn neu zu kräftigen. Wenige Stunden später hatte sein krankes Herz zu schlagen aufgehört. Als es geschehen war, konnte es niemand glauben. Die Freunde standen wie gelähmt vor diesem gewaltigen, im Tode verklärten Körper und konnten es nicht fassen, daß alles Leben ii:*i verlassen habe, die Mutter warf sich über das Bett und klammerte sich an den Toten, und die Frau rief den Aerzten zu; „Es ist doch nur eine Ohnmacht, behandeln Sie doch meinen Mann, retten Sie ihn." Man konnte sie nur entfernen, als man versprach, Wiederbelebungsversuche anzustellen. Dr. Siegmund Werner, der ihn in den letzten Tagen gepflegt hatte, drückte ihm dann die Augen zu, diese großen, klaren, glühenden Sterne, deren Licht erloschen war. Was dann kam, läßt sich kaum beschreiben. Die erste Betäubung wurde durch das Gefühl der Pflicht erleichtert: Es gab zu tun — ein jeder mußte ein Stück Arbeit übernehmen, und es spricht ganz außerordentlich für die Organisation des Kongreßbüros, daß alles ohne Verwirrung abgewickelt wurde. Denn alles geschah ganz instinktiv, ohne Zeit zu rechter Ueberlegung. Hunderte von Telegrammen trugen die Kunde vom Tode des Führers in alle Welt und Tausende von Kondolenzen kamen. Dann mußte ihm das Grab bereitet werden. Die zu erwartende Menschenmenge erforderte eine eigene Ordnung für den Leichenzug, die in Druck gelegt und verteilt wurde. Diese Vorbereitungen lenkten den Schmerz für eine Weile ab. Und Theodor Herzl lag starr und stumm in seinem Arbeitszimmer, bewacht von zionistischen Studenten. Das war der Orgelton, auf den sich diese ganze Tonfolge einer schauerlichen Trauermelodie aufbaute. Zu diesem Sarg kehrten die Sinne immer wieder zurück. Wir bildeten mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen Kindern ein«