Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-07-06 · Heft 379 (6.7.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 379 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712002--4455-2717939
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

DIE NEUE WELT Seite 3 Das Polnische Reisebüro t&VJRO/fc veranstaltet außergewöhnlich billige Fahrt irSÄTaS^r 1d TflflP nailh Pnlpn Vi8a-Oebühren gratis. Verlängerung abge l*t läge lldbll rUlt.ll. iaufen(ir polnischer Konsular-Pässe für oben genannten Termin kostenlos. Anmeldesohlußi 16. Juli 1034. Ab ahrt «in Wien 31. Jutl 1934 nachmittags, Rückkehr nach Wien: 15. Aug. 1934 früh, jtfnmeldungen und Auskünfte g\ BDI C** Kärntnerstraße 41 mir im Polnischen Reisebüro f|V K D I 9 Telephon: R-26-1-43 Schändlicher politischer Kampf Aus Warschau wird gemeldet: Mittwoch, den 4. Juli, kam es in S i e 1 c e während einer Herzl-Gedenkfeier in der Synagoge zu Zusammenstößen zwischen Zionisten-Revisionisten und Mitgliedern anderer zionistischer Gruppen, wobei zahlreiche, unter anderen auch schwere Verletzungen vorkamen. Polizei schritt ein und der Gottesdienst mußte abgebrochen werden. * Die unerhörte Hetze zwischen rechts und links hat es mit sich gebracht, daß nun auch Synagogen zu Schauplätzen politischer Exzesse geworden sind. Jeder ehrliche, patriotische Zionist wird sich mit Abscheu von solchen Methoden politischen Kampfes abwenden, voll Schmerz darüber, daß die Leitung der Zionistischen Weltorganisation unfähig ist, diesem katastrophalen Zustand ein Ende zu bereiten. seine Kundschaft ganz gehörig unter die Lupe zu nehmen. Wandgemälde zu Ehren Hitlers. In Nürnberg wurde der Adolf-Hitler-Platz neu dekoriert. Die „Nürnberger Zeitung" schildert das Bild wie folgt: „Die Darstellung ist von köstlicher Lebendigkeit. Im Schwerpunkt steht die typische Gestalt eines schwörenden Juden mit charakteristischem Geldsack in der Linken. Links ist die ausgezeichnete Gestalt eines mittelalterlichen Bauern gruppiert, welcher mit entrüsteter Geste den Juden abwehrt. Zur Rechten des Juden läuft der listige R e i n e c k e eilends davon." Auf dem Hamburger jüdischen Friedhof wurden 19 Grabsteine umgeworfen und zerbrochen. Auf dem Grabstein des Vorkämpfers der Judencmanzipation Gabriel Rießer wurde eine judenfeindliche Losung eingegraben. Die Friedhofswärter wurden in letzter Zeit bei der Arbeit durch Schmähungen und Steinwürfe gestört und bedroht. Die Danziger Regierung will das Alte Testament ausmerzen. In einer Rede vor der Lehrerschaft des Kreises Werder erklärte der Senator für Kultus und Erziehung des Freistaates Danzig: „Das Alte Testament, die Geschichte des jüdischen Volkes, hat aus dem Unterricht möglichst weitgehend zu verschwinden! (Lebhafter Beifall der Lehrer!) Wir haben als nationalsozialistische Lehrer keine Zeit dazu. Wer die Schweinereien aus dem Alten Testament kennt, wird ohnedies genug davon haben. Wir wollen saubere Lehrbücher." Hunderte jüdische Familien aus der Dardanellengegend vertrieben Aus Prag: Aus Konstantinopel, Athen, Wien und anderen Zentren trifft gleichzeitig die Nachricht Trauerfeier für Bialik Wie uns bekanntgegeben wird, findet die Trauerfeier für den verblichenen Dichter Ch. N. Bialik s. A. Montag, den 9., oder Dienstag, de» 10. Juli, nachmittags, in der Zeremonienhalle, 4. Tor, statt. Die näheren Angaben werden durch die Tagespresse mitgeteilt. * Nach dem Tode Bialiks sind unter den Trauergästen im Sanatorium als Vretretcr der Judenstaatspartei die Herren Ing. Eugen Buchbinder und Fritz Richter erschienen. Pension Irma Meister. Meran Idealer nanzjähriger Aufenthalt, letzter Komfort. Rerühmte Küche, herrl. Park, mäßige Preise. Verlangen Sie Prospekt Aus aller Weif Die holländische Regierung hat sich neuerdings veranlaßt gesehen, verschärfte Bestimmungen über den Verbleib und die Neuzulassungen von deutsch -jüdischen Emigranten zu erlassen. Durch einen an der Grenze im Paß anzubringenden Stempel soll bei Neu-Ankömmlingen fürderhin nur eine Einreise zu Besuchszweckcn und auf kurze Frist gestattet sein. Ausbildungs- oder Arbeitsstätten dürfen nicht gefördert werden, ihre Förderung widerspricht den amtlichen Anordnungen. Diese Bestimmung wird nur für das Werkdorf der Stiftung „ J o o d s c h e A r b e i d" am Wieringer Meer auf die Dauer von drei Jahren aufgehoben. Ein Bildnis Theodor Herzls in den städtischen Sammlungen in Wien. Die Direktion des Wiener Rath aus museums hat sich an die Leitung des Herzl-Archivs um Ueberlassung eines Herzl-Bildnisses für die Galerie der städtischen Sammlungen gewendet. Ueber Vermittlung des Herzl- Archivs hat nun der Herzl-Klub beschlossen, das bekannte Herzl-Bildnis Hermann Strucks dem Wiener Rathausmuseum zu überlassen. Der griechische Zioniste'nf ührer — Konsul Griechenlands in Palästina. Die griechische Regierung hat den nach Palästina übersiedelnden bisherigen Vorsitzenden der Zionistischen Föderation Griechenlands und ehemaligen Senator Dr. Ascher Mal Iah zum Konsul Griechenlands in Palästina ernannt. „Wer vom Juden frißt, geht daran zugrunde!" Unter diesem Titel schreibt die „Fränkische Tageszeitung": In Neustadt a. Aisch ist ein Konfektionshaus Stumpner. Der Besitzer geberdet sich als Nazi. In Wirklichkeit steht er in reger Geschäftsverbindung mit dem Juden Guttmann. Ein Nürnberger Hotel stellt dem Juden Guttmann Zimmer zur Verfügung. Auch die Besitzerin des Kaufhauses Schlund in Roth ist eifrige Kundin des Juden Guttmann. Wir empfehlen den zuständigen Stellen, den Juden Guttmann und mit d«n vorzüglichen, grollen Salcnschiflen der direkten Eillinie TRIEST—JAFFA dei LLOYD TRIESTINO Abfahrten jeden Mi ttwoch um 13 Uhr Fernen Luxuseillinien nach Athen, Istanbul, Alexandrien, Bombay, Colombo, Singapore, Shanghai Schnellste Schiffe Höchster Komfor i Auskunft: Lloyd Triestino, Wien I, Kärntnerring 6,Tel.U-47-5*60 zeigt sich die Qualität. Elastisch, rasch und sicher gleitet die ein, daß auf Befehl der türkischen Militärmacht mehren» hundert jüdische Familien einige an den Dardanellen gelegene Vororte Konstantinopels vep» lassen mußten. Man gab diesen Unglücklichen nicht einmal genug Zeit, um dieallernotwendigstrn Angelegenheiten zu erledigen, aic mußten ihr Vermögen und ihre Habseligkeiten unbeaufsichtigt zurücklassen. Unter der jüdischen Bevölkerung Konstantinopels herrscht darüber tiefe Bestürzung. In amtlichen Kreisen wird diese Maßnahme mit geplanten Befestigungsanlagen in dieser Region begründet. 50*000 jüdische Handwerker vor dem Ruin Aus Warschau: Im Hause der BneHBrith-Logo wurde darüber beraten, wie man die aus dem neuen Industriegesetz der Existenz von etwa 5 0.0 0 0 jüdischen Handwerkern drohende Gefahr abwenden könne. Laut dem neuen Gesetz kann nur der ein Handwerk ausüben, der im Besitz einer Handwerker- Lizenz ist. Leider haben nicht weniger als etwa 50.000 jüdische Handwerker sich solche Lizenzen nicht zu verschaffen gewußt. Nun werden gegen diese Handwerker schärfste Repressionen seitens der Behörden angewendet, damit sie ihr Handwerk niederlegen. Allein in L u b 1 i n wurden 3544 Handwerkern im Verlauf eines Jahres empfindliche Strafen auferlegt und 622 Werkstätten wurden geschlossen. Die Lodzer Handwerkerkammer hat 2 7 3 0 Protokolle in einem Jahr gegen illegale Werkstätten angelegt. Die betroffenen Handwerker verbergen sich in Keller- und Dachverließen, um arbeiten zu können. Es droht die Gefahr, daß der jüdischen Jugend der Weg zum Handwerk überhaupt versperrt wird, da nur Mitglieder der Handwerker-Zechen Lehrlinge aufnehmen dürfen; in diesen Zechen gibt es aber nur wenige jüdische Meister. Es hat sich ein Komitee zur Wahrnehmung der Interessen des jüdischen Handwerks gebildet, um auf die Regierungsstellen einzuwirken, daß den jüdischen Handwerkern in weitestgehendem Maße Gelegenheit geboten wird, sich Handwerker- Lizenzen zu erwerben, und daß der jüdischen Jugend der Zutritt zum Handwerk erleichtert wird. Die Judenfrage im dirfetlfldhem Staat Das Judentum in der Umwelt — Zusammenbruch der assimilatorischen Auffassung Zionismus Der zukunftweisende Das Denken der Oeffentlichkeit empfindet die Judenfrage heute aktueller denn je. Man kann sie in die Niederungen demagogischer Polemik herunterzerren, man kann sie auf die Plattform soziologischer und historischer Analyse heben. In beiden Fällen müssen zwei Gesichtspunkte unterschieden werden: Wie die gefühlsmäßige Haltung weiter Bevölkerungsmassen zum Judentum beschaffen ist; welche Stellung der Staat zu den Juden einnimmt. Den Anlaß zu unserer Betrachtung bietet der plötzlich bekannt gewordene konservative Schriftsteller Adolf C. R. Brendel, der in drei Aufsätzen („Der österreichische Volkswirt", Wien, 2., 9. und 16. Juni 1934), die Geschichte, das Wesen und die Lösung der Judenfrage behandelt. Brendels Ausführungen verdienen insbesondere deshalb Beachtung, weil sie das Resultat eines ernsten, tiefgründigen und sachlichen Studiums sind und nicht die Absicht haben, das jüdische Element im christlichen Staat in eine schiefe Situation hineinzumanövrieren. Brendel sieht den Mangel einer einheitlichen staatlichen Politik gegenüber den Juden darin begründet, daß die unkritischen Ueberzeugungen und Gefühle breiterer Schichten auf die Haltung der Staatsführung einen verhältnismäßig großen Einfluß gehabt haben und verlangt, daß das Judenproblem als geschichtliches Problem seitens des Staates angesehen werde: „Di© Fragestellung der staatlichen Judenpolitik muß an der doppelten Notwendigkeit ausgerichtet sein, einmal das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden möglichst reibungslos zu gestalten, zum anderen das Judentum auf solchen Wegen dem gesellschaftlichen und staatlichen Ganzen einzuordnen, die seinem wirklichen Wesen und seiner eigengesetzlichen gesellschaftlichen Gestalt entsprechen. Gerade die Gegenwart hat die Pflicht, sich auf die Geschichte zu besinnen, die Judenfrage als das historische Strukturproblem der Einordnung des Judentums in die Umwelt zu begreifen." Der Staat hat nach der Auffassung Brendels unter dem Aspekt der Emanzipation das Judentum seinem Schicksal überlassend, darauf hoffend, daß es sich völlig assimilieren und keinen Anlaß zu weiterer Behandlung bieten werde. Da aber die Juden — hauptsächlich in Mitteleuropa —■ die Form ihrer Eingliederung in die Umwelt selbst bestimmten, da sie sich teils wirklich assimilierten, teils noch in einzelnen Beziehungen Juden "blieben, ist „das liberale Konzept der Einordnung als von der Geschichte widerlegt und gescheitert zu betrachten." Brendel kommt hier zu der berechtigten Behauptung, daß selbst die vollkommen gelungene Assimilation einzelner Juden von erheblichen Schichten der Umwelt nicht also solche anerkannt wird, daß es Kräfte gibt, die das Judentum gefühlsmäßig als Einheit erleben und insbesondere in neuerer Zeit dem Zionismus die bewußte Besinnung auf das Judentum verdanken. Das Fazit ist, daß neue Wege der Einordnung des Judentums beschritten werden müssen. Der Staat steht vor der Frage, ob er eine antiliberale oder eine konservative Lösung der Judenfrage, aurchlühren soll, Das antiliberale Konzept, wie es im Dritten Reich gehandhabt wurde, spricht davon, daß die Juden sich von ihrer Umgebung unterscheiden und daß sie allen anderen gegenüber etwas Gemeinsames haben. Es behauptet aber auch, daß das Zusammenleben mit den Juden für den anderen Teil schädlich sei, daß „Arier" und Juden um den Lebens- und Kulturraum kämpfen müssen, daher die Juden als F e i n d e zu betrachten seien und überall im öffentlichen und privaten Leben ausgeschaltet werden müssen. „Der Staat", erklärt Brendel, „kann dieses Konzept durchführen, ohne daß er eigentlich positiv etwas dazu tut, indem er nur diesen Kräften freien Spielraum läßt, wie es manchmal den Anschein haben kann." Nach dem konservativen Konzept ist „der Staat nicht die anarchische Lebensform politischer Willensträger, sondern er dient der Zusammenordnung der Menschen in Gesellschaft und Gemeinschaft. Auch die Judenfrage ist in konservativer Sicht nur als die Aufgabe der Zusammenordnung der Juden und Nichtjuden zu begreifen. Dabei werden die Besonderheiten des Judentums voll anerkannt und es muß den Juden die Möglichkeit gegeben werden, die in ihnen liegenden Möglichkeiten organischer Gemeinschaftsbildung zu entwickeln ... Der konservative Staatsmann, der heute eine Lösung der Judenfrage erstrebt, braucht ein kritisches, wirklichkeitsbezogenes Bild des Judentums ... Weder mit der „Lösung" der Antisemiten noch auch mit der Nichtlösung, daß man alles beim alten läßt und die tatsächliche Diskriminierung der Juden mehr und mehr zuläßt, ist etwas gewonnen... Die einzige echte Lösung ist die der auf Dauer angelegten Kooperation unter Anerkennung der anderen Art des anderen Teiles, die auch das Aufgehen der Juden in der Umwelt erlaubt." Diese letzte „Chance", die Brendel den Juden offenhalten will, entspricht im Sinne Brendels „sowohl der Christ Ii chen Ethik als auch den ... Gedanken des Menschentums, der Freiheit und der Person- 1 i c h k e i t." Auf diese Linie der Brendelschen Betrachtimg werden wir noch zurückkommen: sie mündet in den Gedanken, dem Juden als alleräußerste Assimilation den Weg der Bekehrung zum Christentum möglich zu machen, Brendel nimmt sich in einem zweiten, „Die Gestalt des Judentums" betitelten Aufsatz die Mühe, die Merkmale des jüdischen Wesens zu analysieren und versucht darzutun, daß das Judentum keine Einheit auf religiöser Grundlage, keine geistig-kulturelle Gemeinschaft, keine Volksnation ist und sich daher nicht von einem Blickpunkt bestimmen läßt. Bezüglich der volklichen Auffasung und Empfindung bemerkt Brendel, daß im Lauf der letzten Jahrzehnte hier unter dem ständig wachsenden Einfluß der zionistischen Bewegung ein Wandel eingetreten ist, -fttewitj; sSssS fäjj*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.