Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 378 (3.7.1934)
- Date
- 1934-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 378 DIE NEUE WELT Seite 3 Radikalnationalen wehrten, zu 60, bzw. SO Tagen Gefängnis verurteilt, während von einer Verurteilung jener Radikalnationalen, die bei Angriffen auf friedliche jüdische Bürger gefaßt wurden, noch nichts bekannt ist. * Eine Klärung in der Mordsache Pieracki ist sehr im Interesse der polnischen Judenheit gelegen, nachdem die polnische und die deutsche antisemitische Presse die Tatsache, daß der Mörder nicht gefunden werden konnte, dazu ausnützten, um die Juden des Mordes zu bezichtigen. Die Hetze geht so weit, daß am letzten Sonntag unter den Andächtigen der katholischen Kirchen in Warschau Flugblätter verteilt wurden, in denen die Juden des Mordes an Pieracki direkt bezichtigt wurden. Das gleiche geschah in mehreren Städten der Provinz. Die jüdischen Gemeinden übermittelten den Behörden Kopien dieser Flugzettel und baten um Schutz. Revisionisten in Warschau freigesprochen Aus Warschau: Vor einigen Wochen hat die Polizei im Lokal der Zionisten-Revisionisten eine Haussuchung vorgenommen und die Mitglieder des revisionistischen Zentralkomitees Dr. Wdowinski, Remba und Solowejczik wegen Besitzes geheimer Gewehrlager zur Verantwortung gezogen. Das Polizeigericht hat nun die angeklagten Revisionisten von dem Vorwurf illegaler Tätigkeit und der Unterhaltung eines geheimen Gewehrlagers freigesprochen und dem revisionistischen Büro das „Gewehrlager" zurückgestellt. Es stellte sich nämlich heraus, daß die vorgefundene „Bombe" nichts welter war als eine als Briefbeschwerer benutzte Oranatenhülse, das konfiszierte Schwert war nichts als ein altes Geschenkstück, die gefundenen „M e s s e r" waren nur die üblichen Gebrauchsmesser für die Scouts. Der als Zeuge geladene Hauptmann Eisenstadt erklärte, das gefundene alte Schwert habe er einst als Geschenk erhalten, nur durch Zufall habe es sich im revisionistischen Lokal vorgefunden. Die polnische antisemitische Presse hatte nach*der Revision und dem mißverständlichen Pölizeibericht in großer Aufmachung gemeldet, daß man einer revisionistischen Verschwörung auf die Spur gekommen gei und bei der Haussuchung ein großes G ewehrlager mit Bomben, Schwertern und Stiletten vorgefunden habe. §raell tritt für Er sagt: Die Juden haben Aus London wird uns berichtet: In der letzten Sitzung des Oberhauses unternahm der bekannte Antizionist Viscount Templetown einen Angriff gegen das jüdische Aufbauwerk in Palästina. Er berief sich auf das verlogene antizionistische Passfield-Weißbuch der früheren Arbeiterregierung, in welchem gegen die Juden der Vorwurf erhoben wird, daß sie die Araber Palästinas 1 a n d 1 os und arbeitslos machen. Er fragte die Regierung, ob sie jetzt bereit sei, In Anerkennung der Rechte der Araber als einer Nation Maßnahmen auf Grund der Passfleld-Erklärung zu treffen. Er fragte, wie lange die Araber noch in ihrer gegenwärtigen Stellung minderen Rechts (positlon ot* inferiority) in Palästinna gehalten werden sollen. Ihm erwiderte der Arbeiterführer Lord Snell, welcher schon seinerzeit gegen den AntiZionismus seiner eigenen Parteiregierung und ihren Minister P a s sf i e 1 d Stellung genommen hatte. Auch diesmal war Lord Snell genötigt, zu erklären, daß er nicht im Namen der Arbeiterpartei, sondern im eigenen Namen spreche. Lord Snell führte aus: Wie sieht es in Wirklichkeit mit den Rechten der Araber aus? Ist ihnen'etwas zugefügt worden, das sie zu Beschwerden berechtigt? Ohne Zweifel hätten die Araber gehofft, in Palästina eine freie arabische Nation zu bilden. Zu einer Klage bezüglich ihrer von Lord Templetown zur Sprache gebrachten Stellung aber hätten sie keinen wirklichen Grund. Die Staatsmänner der Welt seien übereingekommen, daß die Juden ein Volk 8kn«J und daß Palästina der Boden für den Wledertüsararaenschluß ihres Volkstums sein soll. Die Juden kämen nach Palästina nicht als Geduldete, sondern kraft eine« Rechte«. Herausgeber ROBERT STRICKER Wien, IX. Bez., Universitätsstraße S erscheint am 6. luli 1.1. anläßlich des 30. Todestages des großen Führers als in verstärkter Auflage (illustriert) und in vergrößertem Umfang Bei allen Kolporteuren und Ver* schleißstellen erhältlich! Preis 20 Groschen BaaHk in Wien operiert Der hebräische Dichter Chaim Nachman BI a 1 i k ist vor zirka zehn Tagen nach Wien gekommen, um sich hier 2rur Linderung eines Nieren- und Blasenleidens einer Operation zu unterziehen. Die Operation ist im Sanatorium Auersperg erfolgt, das Befinden des Patienten ist durchaus zufriedenstellend. den Zionismus ein Palästina vor Elend gerettet! Er wünschte, daß die Araber nicht nur frei wären von der Herrschaft jüdischen Kapitals, sondern auch von der des Kapitals der Efendis und von der Herrschaft der Großgrundbesitzer und Wucherer ihrer eigenen R a s s e. Es sei unrichtig, zu sagen, die Araber seien heute in schlechterer Lage als früher. In Wirklichkeit habe sich ihre Lage ungeheuer verbessert. Der Zionismus habe Palästina nicht ärmer gemacht. Er habe es im Gegenteil bereichert. Keineswegs habe er die Araber dem Druck der Armut stärker unterworfen. Die palästinensischen Araber konnten sich im Gegenteil einer Sicherung gegen Armut und Elend' erfreuen wie kein anderes arabisches Volk in dieser Zeit. Ohne die Durchführung des zionistischen Versuches In Palästina hätte sich die Lage der Araber in einer Zeit wirtschaftlicher Weltdepression und finanzieller Not verzweifelt gestaltet. Er hoffe, die Araber würden sich mit der Tatsache abfinden, daß Palästina ein Land zweier Volksstämme sein muß, und an die Ausnutzung einer wahrhaft großen Möglichkeit herangehen. * Lord Snell hat sich wiederholt als Freund der jüdischen Sache erwiesen. Nach den Pogromen In Palästina im Jahre 1929 hatte die Arbeiterregierung eine viergliedrige Untersuchungs-Kömmlssion, die sogenannte Shaw-Kommission, ins Land geschickt. Die Kommission hatte, ganz im Sinne ihrer Auftraggeber, ein gegen die Juden gehässiges Gutachten abgegeben. Lord Snell, der dieser Kommission angehörte, hatte, zum Aerger seiner Parteifreunde Macdonald und Passfield, in öffentlicher Erklärung gegen den Kommissionsbericht Protest eingelegt und ihn als u n g e r e c h t bezeichnet. Geplanter Sturm gegen das jüdische Palästina Aber die Zionistische Exekutive fürchtet nichts! Aus Jerusalem wird berichtet: Der Arabische n Exekutive in Jerusalem sind aus London Informationen zugegangen, wonach in Bälde die Statuierung einer die Judenheit Palästinas schwer benachteiligenden Gesetzgebung zu erwarten sei. Die Gesetzgebende Versammlung (Parlament) werde kurz nach Durchfuhrung der Munizipalwahlen, die eben im Gange sind, proklamiert werden. Das Londoner Kolonialamt habe dem gegenwärtig in London weilenden Emir Abdullah von Transjordanien die Versicherung gegeben, daß strenge Gesetze gegen jüdische Einwanderung und Bodenverkauf an Juden In Palästina verkündet werden wUrden, die Bich so auswirken werden, daß die Araber in Zukunft keine Depossedierung mehr zu gewärtigen haben werden. So weit die arabische Quelle. Die gesamte hebräische Presse befaßt sieh in sehr erregtem Tone mit der Aktion der Quäker in London, die darauf hinausgeht, In Palästina „Frieden" in der Weise zu stiften, daß sie, die Quäker, die britischen Regierungskreise zu beeinflussen trachten, sofort einen Legislative Council zu proklamieren, die jüdische Einwanderung in Palästina der Kontrolle eines internationalen Komitees zu unterstellen und den Verkauf von Böden an Juden zu beschränken. Ein von der quäkerischen „Conference of Frlends" eingesetzter Sonderausschuß hat den Kolonienminister Sir Philip Cunllffe-Lister besucht und soll von ihm die Versicherung erhalten haben, daß er es nicht zulassen wird, daß Palästina von Juden überfüllt wird, und daß der High Commissioner auch in Zukunft die Einwanderungsvorschläge der Jewish Agency nur zu einem Bruchteil berücksichtigen wird. Die hebräische Presse fordert, daß sofort eine Abordnung des Jischuw und der Jewish Agency sich nach London begeben solle, um diesen antijüdischen Einflüssen entgegenzuwirken. Aus London; Wie die J. T.-A. erfährt, hat die Zionistische Organisation in London erschöpfende Kenntnis von der Quäker-Aktion, auf die die Palästina-Presse anspielt. Der Leiter des Quäker-Walsenhauses in Ras-el- Metn Im Libanon, Daniel Oliver, und der Araber Doktor Khalil Totah, Leiter der Friends' (Quäker) High School in Ramallah, Palästina, die von einer Konferenz der Quäker im Nahen Osten beauftragt wurden, den Frieden Billig® Sonderfahrten nach Polen Aufenthalt 4- bis 8 Wochen Pofln. Verk. „Francopol" Paßbegünstigung für poln. Staatsangehörige Wien Iii, Kennweg I, Telephon U-16-4-90 in Palästina herzustellen, weilt gegenwärtig in London. Die Zionistische Exekutive ist nicht geneigt, dem Wirken dieser Delegation eine irgendwie erhebliche Bedeutung beizumessen. Vom Colonial Office wird der J. T. A. bestätigt, daß die genannten zwei Herren vom Minister Sir Philip Cunliffe-Liste, empfangen wurden; es wird aber entschieden bestritten, daß Sir Philip der Abordnung gegenüber Aeußerungen wie die in der palästinensischen Presse erwähnten getan habe. Sir Philip, heißt es in der Erklärung des Colonial Office weiter, habe eben erst im Unterhaus die Politik der britischen Regierung in den in Rede stehenden Angelegenheiten dargelegt, und es besteht keineswegs die Absicht, diese Politik zu ändern. * Anm. der Red.: Der Minister hat es wirklich nicht notwendig gehabt, der Delegation andere Erklärungen als dem Unterhause zu geben, denn diese Erklärungen waren durchaus, als im Sinne der Delegation, gegen die jüdische Einwanderung und den weiteren jüdischen Aufbau gerichtet. Die Zuversicht der Zionistischen Exekutive ist vielleicht nicht ganz am Platze. Mehr Besorgnis zu rechter Zeit wäre zweckmäßiger. Aus Jerusalem: Das Jerusalemer Appellationsgericht hat den Beginn der Verhandlung in der Berufung, die Abraham S t a w s k y und sein Verteidiger Horace Samuel gegen das vom Jerusalemer Erstgericht gegen Stawsky ausgesprochene Todesurteil eingelegt haben, für den 16. Juli d. J. festgesetzt. Aus New York: Der große jüdische Orden Bne Zion (Söhne Zions) hat seine Exekutive ermächtigt, einen Fonds für die Verteidigung Stawskys aufzubringen. In einer Entschließung hat die Konvention ihrem festen Glauben an Stawskys Unschuld Ausdruck gegeben. Jacob de Haas, der Vorsitzende des amerikanischen unparteiischen Komitees für die Verteidigung Stawskys, hat folgendes Telegramm an das Mitglied des englischen Unterhauses Colonel Josiah Wedgwood gesandt: Ihre Aktion im englischen Parlament erfüllt uns mit Befriedigung. Machen Sie es, bitte, allen unzweifelhaft klar, daß wir Stawsky für unschuldig halten und einen fairen Prozeß wünschen. Eine Milderung des Todesurteils würden wir nur als einen unvollkommenen Akt der Verzweiflung ansehen, der nur eine Fortführung unerwünschter Agitation im Gefolge haben wird. In Montreal, Kanada, wurde ein unparteiisches Komitee für Stawsky organisiert, dem die lokalen jüdischen Führer angehören. Aus Paris: Der hervorragende französische Anwalt und Abgeordnete Henri T o r r e s, einst der Verteidiger Schalom Schwarzbarts, der P e 11 j u r a ermordet hatte, tritt in einer öffentlichen Erklärung für eine Revision des -Urteils gegen Stawsky ein. Das Berufungsverfahren, sagt Torres, müsse unter Bedingungen stattfinden, die strengste Fairneß garantieren. Er vertraue denjenigen, die Stawsky für unschuldig halten. Aus Jerusalem: Die Jerusalemer revisionistische Tageszeitung „Hajarden" ist vom High Commissioner für einen Monat verboten worden. AI» Grund für diese Maßnahme wird die von der Zeitung in vier Artikeln an dem Urteil im Arlosoroff-Prozeß geübte Kritik angegeben. Wie die J. T.-A. erfährt, rechnet man mit der Möglichkeit, daß auch andere jüdische Zeitungen wegen „M ißachtung des Gerichtes" durch die Art ihrer Kommentierung des Urteils gemaßregelt werden. Urteil gegen Achi-Meir vor dem englischen Unterhaus. Aus London: Colonel Wedgwood richtete im Unterhaus an den Kolonien minister die Frage, ob eine Berufung gegen das Urteil im Brith Habirjonim- Prozeß, demgemäß Achi-Meir wegen Zugehörigkeit zu einer illegalen Organisation zu 21 Monaten Gefängn i s verurteilt wurde, möglich sei, und ob Achi-Meir das Jahr Untersuchungshaft, das er in Zusammenhang mit der Untersuchung im Mordfall Arlosoroff unschuldig verbracht hat, auf die Strafe im Brith-Blrjonim-Prozeß angerechnet werden wird. Minister Cunliffe-Lister erwiderte: Achi Meir wurde am 19. Juni wegen Zugehörigkeit zu einer ungesetzlichen und aufrührerischen Organisation und wegen Besitzes aufrührerischer Literatur zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt. Bei der Urteilsverkündung hatte der Gerichtsvorsitzende gesagt, er berücksichtige vollauf den Umstand, daß Stawsky im Zusammenhang mit einer anderen Anklage eine lange Untersuchungshaft durchgemacht habe, er erachte aber das Vergehen des Angeklagten als derart schwerwiegend, daß er 21 Monate Gefängnis für ihn als eine Mindeststrafe festsetzen müsse. Ein Appell gegen das Urteil müsse innerhalb zehn Tagen nach dessen Fällung eingebracht werden. Bis heute ist ein Appell nicht eingebracht worden. Juden vor den Grenzen Palästinas zurückgewiesen Aus Jerusalem: Die arabische Zeitung „Falas t i n" teilt aus Beirut mit, daß die Grenzwache des Libanon 12 Juden, die die Grenze nach Palästina passieren wollten, verhaftet hat. Auch in A s a wurden fünf Juden, die ohne Visa nach Palästina kamen, verhaftet. Zum Schluß teilt die Zeitung mit, daß eine weitere Gruppe von 28 Juden an der Libanon-Genze beim Versuch, die Grenze nach Palästina zu überschreiten, gestellt wurde. Der bekannte Interpret neuhebräischer Lieder J. Segall-Rosenbach bringt am 3. und 12. Juli, 7.30 abends, im Radio Kosice neuhebräische und palästinensische Lieder zum Vortrag und wird mit der Hatikwah schließen.