Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 378 (3.7.1934)
- Date
- 1934-07-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT - ■■—— ■ -i ■ _ Nr. 378 Der Vernichtungskampf tobt weiter Wirtschaft und Eufehting In Hitler*D«tittdtfaii4 (Von unserem reiehadeutaehen Berichterstatter.) Nachdem die politische Entrechtung der deutschen Juden restlos durchgeführt wurde, geht man jetzt — entgegen allen anfänglichen Versicherungen, die Juden wirtschaftlich gleichberechtigt zu lassen — daran, ihre ökonomische Ausrottung großzügig zu betreiben. Man verläßt 9ich nicht mehr auf den von Privatleuten, einzelnen Gruppen und Zeitungen veranstalteten Judenboykott. Man setzt Staatsmittel ein. Ein Zeugnis hiefür bildet ein „streng vertrauliches", Schreiben vom Präsidenten S c h a u b der Industrie- und Handelkammer Nürnberg an Unternehmer in der Provinz Franken, in welchem eS heißt: „Die Durchführung des nationalsozialistischen Programms verlangt in wirtschaftlicher Hinsicht die Zurückdrängung des j U d i s c he n Elements. Der Gau Franken will die Verwirklichung dieser Forderung beschleunigen. Die bisher in nichtarischen Händen befindlichen Betriebe dürfen nicht vernichtet, sondern müssen al9 Wirtschaftsfaktor, als Steuerquelle und vor allem als Arbeitsstätte für die dort beschäftigten deutschen Volksgenossen im wesentlichen erhalten bleiben. Gemeinsam müssen Mittel gefunden werden, um rechtzeitig die Ueberführung der noch unter jüdischer Leitung stehenden Nürnberg- Fürther Unternehmungen in fähige arische Hände zu bewerkstelligen. Dazu ist notwendig, in erster Linie die finanziellen Grundlagen sicherzustellen. Es wurden von mir eine Reihe von Besprechungen mit maßgebenden Nürnberg-Fürther Bankkreisen geführt, um die Voraussetzungen zu prüfen. Es wurde beschlossen, eine Garantiebank in Form einer G. m. b. H. zu gründen. Gesellschafter werden die hiesigen Großbanken und die Industrie- und Handelskammer Nürnberg sein. Der bayrische S t a 8 t, die Städte Nürnberg und Fürth und die Wirtschaftler Mittelfrankens werden zunächst drei Millionen Mark aufzubringen haben. Das Reichswirtschaftsministerium hat das Fünffache dieser Garantiesumme garantiert " In dem Schreiben wird hervorgehoben, daß es sich nur um die Schaffung von Betriebsmitteln für die Weiterführung ehemals jüdischer Geschäfte handelt, weil der „Ankauf dieser Geschäfte zufolge „politischer Maßnahmen" (gemeint ist wohl Erpressung) nur „wenig" Kapital erfordert. * Leitsätze für Jugenderziehung Am gründlichsten geht man in Fragen der E r- Ziehung vor. Die Jugend wird in wildestem Hasse gegen alles Jüdische erzogen. Auch wenn das Nazi-Regime einmal schwinden sollte, so wird dank dieser Tätigkeit das deutsche Geschlecht auf Generationen hinaus von wildestem Judenhaß beseelt bleiben. Hier ein Muster: Im „Mitteilungsblatt des Lehrerbundes für Schlesien" werden in der Ausgabe vom 17. Mai folgende „Anweisungen für den Unterricht der mittleren Jugend" gegeben: "v „Die eigentlichen Ursachen der rassischen Entartung. — Auf dem Zuge der Arier von Norden naoh Atlantis und Leniurien stießen sie dort mit den sogenannten Tiermcnsohen zusammen. Aus der Vermischung entstanden die Niederrassen, die vön da an unter .Führung intelligenter Bastarde einen bis In die Jetztzeit fortdauernden Kampf gegen die Höchrassen führen. In geschichtlicher Zeit ist es der „Geheim bund der Hebräe r", der unter Anwendung der gemeinsten Mittel gegen die germanischen Rassen kämpft. Betrachten wir die Geschichte unter diesem Gesichtspunkte, so erschrickt man über die Unmenge von Fällen, wo Kriege durch heimtückische Hetze einflußreicher Ratgeber veranlaßt worden sind. Denken wir an das Hinschlachten der Sachsen zur Zeit Karls des Franken, an die K r e u z z ü g e, die sieben Millionen Rittern das Leben gekostet haben, an den Mongoleneinbruch, an den Dreißigjährigen Krieg oder den Weltkrieg — immer waren es vön Juden vorbereitete Angriffe gegen unsere Rasse, um sie auszurotten oder ihr zu schaden." „Ein anderes echt jüdisches Mittel zur Schädigung germanischen Blutes ist ihnen der Menschenraub und Sklavenhandel. Gerade Germanen wurden wegen ihres Körperbaues gern als Sklaven gekauft; Frauen und Mädchen endeten in Freudenhäuser n." „Wo sind die Scharen germanischer Kinder hingekommen, die den Iünderkreuzzug antraten? Wie üppig der Mädchenhandel noch in neuester Zelt blühe, wissen wir alle aus Pressenotizen. Schändung einer hochrassigen Frau ist dem Juden nach dem Talmud nicht ein Verbrechen, sondern Pflich t." „Wie noch in jüngster Zelt unter einer christlich sein wollenden Regierung eine „Schwarze Loge" bestehen konnte, die unter ganz durchscheinenden Vorwänden deutsche Mädchen anlockte, um sie zu schänden, ist schwer zu verstehen. — Schließlich versucht der Jude noch durch Mörd und Maasenmord der hochwertigen Rasse zu sclteden. Das geheimnisvolle Verschwinden von Kindern wird dem klarwerden, der weift, was der Jude unter dem Töten fehlerloser „Lämmer" meint. Tauaende und Millionen unseres Blute« lind durch ttinschleppung von Krankheiten und durch Hexenverbrennung ausgerottet worden. Nie kämpft der Jude ehrlich und offen, nie ist er direkt zu fassen. Deshalb gilt es, auf der Mut zu sein, denn der Kampf Ist noch nicht zu Ende." * Daß die Einstellung einer nach diesen „Richtlinien" erzogenen Jugend zu den Juden bestialisch bleiben muß, auch wenn ein politischer Kurswechsel in Deutschland eintreten sollte, ist leider nicht zu bezweifeln. Die nächsten Generationen sind gründlich vergiftet. In der von d«f Gesellschaft „El Hfthar" nötige?ffindeten gemtlnwlrtechiftllchen Siedlung in „Klar- Etzion'V Jerusalem sind einige Einheiten zu )e 25 Dunam, auszuzahlen innerhalb 3 Jahren, zu verßebpn. — Nähere Auskünfte erteilt: Inq. J. LASZKOWITZ Wien III, Lands*. Gürtel 19. Telephon 6-55-3-58 EovkottsNervmkät Wien, 30. Juni 1934. Die Nachrichten, die in der letzten Woche aus Deutschland kommen, lassen tiefe innerpolitiache Span* nungen erkennen. Insbesondere die Rede des Vizekanzlers von Papen, der als der Träger des letzten Restes konservativer Gedanken im Dritten Reich gilt, wird als der Beginn einer neuen Epoche in der „nationalen Erhebung" angesehen. Es gibt Kreise, welche diese Erscheinungen als das Ende des Hitlertuma deuten wollen und Prognosen für die nächste politische Zukunft Deutschlands stellen — auch in bezug auf die Juden. Das ist gefährlich. Es führt zu Illusionen und zu Enttäuschungen. Wie immer sich die nächste Zukunft Deutschlands gestalten mag, das eine kann berechtigterweise behauptet werden, daß eine wesentliche Aenderung des Judenachicksals nicht zu erwarten ist. Zu tief hat die brutale Hand des Naziregimes in den wirtschaftlichen und kulturellen Körper des deutschen Judentums eingegriffen, zu viel hat Sie in ihrem blutrünstigen Zugriff zerstört, als daß von heute auf morgen eine Regenerierung möglich wäre. Die Hoffnungen, die von einzelnen jüdischen Gruppen in Deutschland auf einen sich mit der Zeit ergebenden Pardon gesetzt wurden, sind bitter enttäuscht worden. So haben beispielsweise die Anhänger des CentralvereinadeutscherStaatsbUrgerjüdl sehen Glaubens versucht, durch Sichblindste 11 en einerseits und Betonung patriotisch-deutscher Hingabe an das Dritte Reich anderseits das Mißtrauen, die Feindschaft, den Haß und den Verfolgungswahn der Hakenkreuzler abzudämmen, aber selbstverständlich ohne Erfolg. Es ist ihnen nicht gelungen, die heutigen Machthaber Deutachlands von einem Nichtbestehen der Judenfrage zu überzeugen oder zu veranlassen, daß über sie zur Tagesordnung übergegangen werde. Man wird sich erinnern, mit welch fanatischer Zudringlichkeit der C. V. (und ihr Organ, die Centralvereins- Zeitung) auch nach Hitlers Machtergreifung seinen nationaldeutschen Patriotismus beteuerte und nichts sehnlicher wünschte, als daß zwischen ihm und dem Zionismus ein Trennungsstrich gezogen werde. Der C. V. flüchtete, als er keinen anderen Ausweg mhr sah, in den Schoß der Religion; betonte, daß das Judentum nichts als eine Religionsgemeinschaft sei; berief sich auf die Notwendigkeit, in den schweren Stunden der deutschen Geschichte einen Halt in der religiösen Uebung zu finden. Auf diese Weise wollte er sich seinen Bestand als Teil der deutschen Volksgemeinschaft sichern. Doch dieser „Ausweg'" war mit bitteren Erfahrungen gepflastert. Gleich nach der Etablierung des Nationalsozialismus wurde der C.-V. verfolgt, seine Büros gesperrt, seine Mitglieder wegen des Verdachts vaterländischer Untreue verhaftet. Und jetzt, nach fünfzehn Monaten Hitler-Regime, wird ihr Organ, die „C. - V. - Z e lt u n g", die sich in der Dinstanzierung vom nationaljüdischen, zionistischen Gedanken nicht genug hervortun könnte, kurzerhand verboten. Vielleicht dämmert unter dem Aspekt dieses Verbotes den Centralvereinlern das Bewußtsein auf, daß sie durch ihre ebenso gesehichtawidrige wie würdearme Haltung weder dem Judentum noch der jüdischen Religion einen Dienst erwiesen haben. * Der internationale Boykott deutscher Waren wird allmählich wirksam. Deutschland fühlt Sich durch ihn unter Druck gesetzt. Das bezeugen nicht allein die statistischen Ausweise des Handelsverkehrs und die Klagen zahlreicher Führer der Großindustrie, sondern jetzt auch die offiziellen Regierungsstellen. Aber die Art, wie diese auf den Boykott reagieren, läßt einen Einblick in den Geisteszustand gewinnen, der auch weiterhin für das Schicksal der deutschen Juden bestimmend sein wird. Hitlers Stellvertreter, Reichsmlniater Rudolf Heß, hat kürzlich vor den Vertretern der deutachen Handelskammern, aber mit dem Blick aufs Ausland, Über die Zu den Ferien billig nach Jk. POLEN *•»?„.? Aniehlußreise an das polnische Meer — Üdynla Zloty 18.50 Paßerleichterungen für poln. Staatsangehörige Auskünfte: Büro Dp. 6. T o o k e l», l, K»rntn«rring 12 releohon u-40-301 ^AjUtrobua", I, Dr.-Kftrl-Lucger-Rlng 12, Telephon U-24-0-1Q Folgen der „Wirtschaftsblockade" gegen Deutschland gesprochen. Gesprochen und gedroht. „Der internationale Boykott deutscher Waren", hat Heß erklärt, „ist ein Versuch der Einmischung in deutsche Verhältnisse. Ein erfolgreicher Boykott wird Deutschland zwingen, sich vom Ausland unabhängig zu machen, eine Maßnahme, die sich für die betroffenen Staaten sehr ungünstig auswirken würde. Deutschland wünscht nicht, das Elend und den Hunger für diejenigen Staaten, die unter der Warenabstinenz Deutschlands zu Schaden kommen müßten... Deutschland Ist nicht gewillt, die Boykottmaßnahmen des Auslandes ohne Gegenwehr hinzunehmen." Deutschland wünscht nicht das Elend und den Hunger... Welch ein Ausbruch von Humanität! Herr Heß hätte besser dem Ausland sagen sollen, daß ea 5Ö0.00Ö Menschen zu Elend und Hunger verurteilt hat, 500.000 loyale Jüdische Staatsbürger, anstatt für sich selbst Rücksichtnahme und Verständnis zu verlangen. Herr Heß, der Vertreter Hitlers, weiß genau, daß die Boykottmaßnahmen jüdischer- und nichtjüdischerseita ausschließlich eine Reaktion auf die antijüdisehen innerdeutschen Boykottmaßnahmen sind, eine Reaktion auf das Elend und den Hunger, zu dem der Hitlerismus 500.000 deutsche Juden verurteilt hat. Die Drohungen des deutschen Ministers werden ihre Wirkung verfehlen. Die Kulturstaaten werden sich nicht einreden lassen, daß der antideutsche Warenboykott ein Versuch der Einmischung in deutsche Verhältnisse ist. Je Btärker die deutschen Machthaber sich über den Boykott ereifern, desto sicherer wird unser Gefühl, daß er Deutschland zur Besinnung bringen kann. Nur noch 2000 Mark für jüdische Auswanderer Aus Berlin: Die Reichsstelle für Devisenbeschaffung hat den bisher geltenden Höchstbetrag der Barzuteilung für Auswanderer von 10.000 auf 2 0 0 0 Reichsmark herabgesetzt. Von der Verfügung sind hauptsächlich jüdische Auswanderungswillige betroffen. Nietzsche wird verfälscht. Aus Prag: Im dritten Buch von „Wille zur Macht" schrieb Nietzsche: „Die Schlechtweggekommenen, die Dekadenten jeder Art, brauchen Opfer. . . . Dieser Sündenbock kann Gott sein oder die gesellschaftliche Ordnung, oder die Erziehung, oder die Juden, oder die Vornehmen . . ." Das „Prager Tagblatt" macht darauf aufmerksam, daß in der soeben im Verlag Paul Stegemann, Berlin, erschienenen Auswahl aus Nietzsches „Willen zur Macht", in der die Obige Stelle zitiert wird, die Worte „oder die Ju d e n" einfach weggelassen sind. Das Motiv, schreibt das „Prager Tagblatt", dieser Unterschlagung ist klar: daß die Juden als Sündenbock herhalten müssen, soll verschwiegen werden, damit nicht der Gedanke sich rege, Juden seien nicht überall schuld, wo sie der Schuld geziehen werden. Es galt, schließt das Blatt, im deutschen Geistesleben seit je als schändlich, fremde Gedanken zu verfälschen. Feuerwehr-Erinnerungszeichen nicht für Juden, Aus Berlin: Laut Erlaß des preußischen Ministeriums des Innern darf das Feuerwehr-Erinnerungs- Zeichen an Angehörige der jüdischen Rasse nicht verliehen werden, da dies „eine Verkennung der Würde und Bedeutung des Hakenkreuzes (mit dem das Zeichen geschmückt ist) in sich schließen und mit Recht den Widerspruch der nationalsozialistisch denkenden und empfindenden Volkskreise hervorrufen würde. Aus Polen Die M{».a<o';^huldJguiig gegen die Juden dauert an AUS London: Der hiesigen J. T. A. wird berichtet, daß die Lage der Juden in Polen weiterhin Behr ernst sei. Ea ist nun vollkommen klar, daß die Behörden die Untersuchung wegen des Mordes an Minister PI e r a 0 k i nicht mehr nach der Richtung der Radikalnationalen und Nationaldemokraten, der geschworenen Feinde der jetzigen Regierung und der Juden, führen. Dies gibt wieder der von den Antisemiten verbreiteten Legende Nahrung, daß Juden Pieracki ermordet haben. Es sind bereits 160 Radikalnationale und sehr viele Nationaldemokraten, die nach dem Pieracki-Mord verhaftet wurden, wieder in Freiheit gesetzt worden. Zeltungen, die die Meldung brachten, daß der Mörder in der Person des Studenten Eugen S k y b a in SwinemUnd* verhaftet wurde, wurden beschlagnahmt. Uniformierte Radikalnationale erscheinen wieder in den Straßen Warschaus und belästigen jüdische Passanten; die jüdische Bevölkerung lebt in Angst vor neuen, gefährlichen antijüdischen Attacken. Es wurden Massenverhaftungen unter den Mitgliedern der zwei jüdischen Arbeiterorganisationen vorgenommen. Allein in Warschau beträgt die Zahl der Verhafteten mehr als 100. Die polnisehen Zeltungen melden, daß sich die Verhafteten wegen antistaatlicher Tätigkeit zu verantworten haben werden. Die polnischen Zeitungen melden weiter, daß die Mitglieder der „Roten Front", einer angeblich jüdischen SelbstBChutzorganisation, in Konzentrationslager überführt werden würden. In jüdischen Kreisen weiß man nichts von dem Bestehen einer solchen jüdischen Selbstschutzorganisation. Aber die polnischen Zeltungen geben zu verstehen, daß, wenn Juden oder Gruppen von Juden sich gegen Angriffe der Antisemiten zur Wehr setzen, sie in Konzentrationslager gebraoht werden würden. In Wirklichkeit wurden nach den Zusammenstößen, die auf den Pieracki-Mord folgten, zwei junge Jüdische Mädchen und drei Junge Juden, die sich gegen Angriffe der