Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 378 (3.7.1934)
- Date
- 1934-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PtfCll 10 GfOSCheil lahigwig-« Dfenslag, den 3* Jufr1934 ..... Nr« 378 V+b+b* Zeitung yam Verleger versende! 7 ' Jottmat exped5e par l'&fitetnfti Rmwm mm m m mnm BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S!6.-;PoIen monatlich Zloty2.—.vierteljährig Zloty 6.— m^m mm ■ ■ m^m Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich II ■ ■ ■Mi Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.—; Dentschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 40.-, vierteljährig W^m U ■ KM m^m Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übr Igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, viertel« Bgm V/ ^BflP BflB iähriR Schweizer Francs 4.50 HE RAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IXt Universitätsstr. 8, 7el. A-20-2-78 — ErscheintDienstag und Freitag Des Juden Pallenberg Leidhe Sabbath eingeäschert! Leichenschändung Der plötzliche tragische Tod Max Pallenbergs in Karlsbad hat tiefste Anteilnahme hervorgerufen. Die Zeit bringt es mit sich, daß man allenthalben an der Frage interessiert war, wie der einer jüdischen Familie entstammende Künstler zum Judentum gestanden sei. Im engeren Kreise war allerdings bekannt, daß Palenberg in der letzten Zeit, insbesondere nach seiner P alästina-Reise, an den nationaljüdischen Bestrebungen Anteil nahm, ja sie förderte. In Karlsbad war seine nächste Umgebung in Verlegenheit. Man wußte nicht, was seine Witwe Fritzi Massary bezüglich" seiner Bestattung verfügen werde,' ob es zu einem — jüdischen Begräbnis kommen werde: Die Wege „Ausgetretener" — und Frau Massary war eicht Mitglied der jüdischen Gemeinde, da sie seinerzeit mit Pallenberg standesamtlich getraut worden war — sind seltsam. Da kam die Nachricht, daß Pallenberg in Karlsbad auf dem israelitischen Friedhof begraben ■ werde, und zwar in einem Ehrengrab der Judengemeinde. Tatsächlich fand dort ein Trauerzeremoniell statt, das der Rabbiner Dr. Ziegler leitete. Aber nicht lange hielt die Annahme, daß es zu einem jüdischen. Begräbnis kommen werde, den Tatsachen stand. Frau Fritzi Massary traf in Karlsbad ein und gleich darauf hieß es, daß dhv Bestattung in Wien stattfinden werde ..Die Judenhe.1t Wiens hätte es sich zweifellos nicht nehmen lassen? dem" "gfd'ßen -Künstler die letzte Ehre zu erweisen; die Wiener Judengemeinde, ihm ein Ehrengrab zu widmen. Es kam nicht dazu. Samstag, den. 30. Juni, brachten die Wiener Morgenblätter die Nachricht, daß die — Einäscherung im Krematorium der Stadt Wien Samstag, den 30. Juni, halb zwölf Uhr vormittags stattfinden werde. Auf eine Anfrage im Krematorium, offiziell Feuerhalle genannt, erhielt man den etwas kärglichen Bescheid, die Witwe, und Provokation Frau Fritzi Massary, hätte jede Auskunfterteilung strengstens untersagt. Pallenbergs, des jüdischen Künstlers sterbliche Reste wurden also am Sabbath, den 17. Tamus 5694 (30. Juni 1934) in der Wiener städtischen Feuerhalle verbrannt. Vom einem jüdischen Begräbnis keine Spur! Das wäre scheinbar Frau Massary und ihrer „christlichen" Tochter plus Schwiegersohn peinlich gewesen, nicht zuletzt wegen der Begräbnisteilnehmer, unter denen sich selbstverständlich auch vereinzelt nichtjüdische oder dem Judentum entfremdete, befanden. Frau Massarys Erschütterung über den Verlust ihres Gatten, mit dem sie 17 Jahre lang in ideal-harmonischer Ehe lebte, war groß und echt, sie war aber auch verpflichtend. Niemand wird behaupten, daß die Einäscherung des jüdischen Schauspielers Pallenberg am Sabbath dem Sinne des Toten entsprach. Ganz im Gegenteil. Der diesbezügliche Wunsch Pallenbergs wäre gewesen, nach jüdischem Ritus bestattet zu werden. Wer daher für die Einäscherung am Sabbath verantwortlich oder mitverantwortlich ist, muß den Vorwurf der Leichenschändung auf sich nehmen. Ganz abgesehen davon, daß hier eine Provokation gegenüber all jenen jüdischen Freunden des Toten vorliegt, die man — durch die Einäscherung am Sabbath—von der Teilnahme an der Trauerfeier fernhalten wollte. Frau Fritzi Massary wurde schwer vom Schicksal getroffen, aber dieser schwere. Schlag ließ ihr noch so viel Besinnung, daß sie dem Einfluß der ausgetretenen, getauften oder sonstwie entjudeten Umgebung nachgab oder von ihr darin bestärkt wurde, es nur ja um Gottes willen auf kein — jüdisches Begräbnis ankommen zu lassen. Wie die „Reichspost" das antisemitische Berlin sieht! — Und Wien In ihrer Sonntagsnummer bringt die Wiener „Reichspost", das Blatt der christlichsozialen Regierungspartei, einen Artikel „Berlin, wie es heute ist", in welchem in drastischer Form die Hohlheit der Hitler-Politik geschildert wird, die Schaumschlägerei, der Phrascnschwall, hinter dem sich wiertschaftliche Ohnmacht schlecht verbirgt. Auch über Hitlers Judenpolitik wird gesprochen, und zwar wie folgt: „Leute (in Berlin), die man seit Jahren kennt, freuen sich bei einem Zusammentreffen über die Ge- - legenheit, endlich ihr Herz ausschütten zu können, und halten mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge. Oft genug hörte ich die Meinung, es würde den Hitler- Anhängern so gehen wie in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: „Er hat janichtsa n." So würde man sich schließlich fragen, ja was haben sie eigentlich geleistet? Reklame für ihre Bewegung? Ausgezeichnet! Aber Bewegung um ihrer selbst willen? Das haben einmal auch die Marxisten gesagt und getrieben — und man sieht, wie sie überall .abgehaust haben. Einige tausend Juden vertrieben? Jetzt sitzt der ganze Leipziger Pelzhandel, die ganze Fellfärberei und Zurichterei in Paris, noch einige Industrien dazu. Einige Nobelpreisträger; verjagt? — Sie lehren jetzt in Paris, in Konstantinopel, ja sogar in Jerusalem, und bilden Leute zum Schader der jungen Deutschen heran. Einigen tausend Aerztenund Rechtsanwälten die Berufsaus- Ubung unmöglich gemacht? — Dafür kann man jetzt Tausende von Sechszimmerwohnungen mieten, ja ganze H äu ser stehen leer und unter Zwangsverwaltung. Ein paar EHP.-Geschäfte geschlossen? — Aber die ganz großen jüdischen Warenhäuser sind doch weiter offen (auch ihre bejuns längst eingestellten Lebensmittelabteilungen) u»"nd man kann sie nicht sperren, weil die Banken ^aran Hunderto von Millionen verlören/ und Arbeitslosigkeit noch zunähme. . . . / Wenn man solche Worte in der „ReicJhsP0St" über Berlin liest, muß man sich, fragen, waoum das Blatt der Regierung so ganz andere Töne anscl/u^S^ wenn es über Wien schreibt. In der „Reichspc/st" und ihrer Montagsausgabe, dem „Wiener MontagsbA8-^"» wird fortwährend über die Notwendigkeit der sAuberuriS der österreichischen Wirtschaft von jüdi ^cnen Händlern, jüdischen Aerzten und Rechtsany'älten, jüdischen Warenhäusern usw. gesprochen, oft.' % e s c n r * e n! Und die Kreise hinter der „Reichspost" »schlagen in der Judenfrage ganz andere Töne an, wenr1 nicht von Berlin, sondern von Wien die Rede ist. So bindet sich •■• den letzten offiziellen „Nachrichte des Deutsch-Österreichischen Gewerbebundes", -iner Organisa/"011 aus den Kreisen um die „Reichspost", unter dem Titel »D1 e Judenfrage" folgenden Aufruf zum Bo Jkott fler Juden: „Wir müssen stäup0"» mit welcher Vorsicht man dieser für uns Arier/80 wichtigen Frage aus Alle im redaktWllen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durc« ein beigefügtes E bezeichnet. dem Wege geht. . . . Roboten, schuften, kanalräumen usw. — nur für Christen. Rechtsanwälte, Aerzte — 90 Prozent Ju d e n! 300.000 haben uns die Marxisten gegen jede Vorschrift nach Wien heimatberechtigt gemacht. Das christliche Wien wartet auf rascheste Ueberprüfung dieser Zuständigkeiten. Wie lange noch? Doch im Ausschuß für Heimatrecht im Rate der Stadt Wien sitzt der JudeDr. Ehrlich!!! Da wird es allerdings nicht so rasch dazu kommen. Bis zu diesem Zeitpunkte wollen wir an die Lösung der Judenfrage insofern selbst schreiten, als wir ihnen nichts abkaufen. Leider sind es unsere Frauen, die es sich nicht abgewöhnen können, ihre Groschen zum jüdischen Geschäftsm an n zu tragen. Sie gehen selbst in das schmutzigste Lebensmittelgeschäft hinein, nur weil sie eine Semmel um einen Groschen billiger als beim Bäcker bekommen. . . . Also bald heran an die Lösung der Judenfrage, solange es noch Christen gibt!" Wie reimt sich dieser Wiener' Hetzgesang zu dem sanften Berliner Sonntagslied der „Reichspost"? Oder glauben die Herrschaften, daß Wien einen besseren und größeren Magen hat als Berlin, das — wie die „Reichspost" selbst sagt — Hitlers Judenpolitik nicht verdauen kann und an ihr krank geworden ist? . . . Und was sagt schließlich die österreichische Regierung dazu, daß der famose „Gewerbebund" ungeniert, von den Behörden unbelästigt, die zügellose, Sitte und Recht verletzende Sprache führen darf, welche HitlernDeutschland in Verruf gebracht hat? Und die Juden f Das Hitler-Regime hat durch die Revolte der enttäuschten SA.-Männer den ersten schweren Stoß erhalten und schon wird da und dort die Frage erhoben, ob im Zusammenhang damit eine Wendung in der bru» ta 1 en deutsehen Judenpolitik zu erwarten sei. Jeder Mensch, also auch der jüdische, welcher für Menschenrechte ein Gefühl hat, wird jede Erschütterung eines Systems unerhörter Gewalttätigkeit als erfreulich begrüßen. Aber günstige Schlüsse in bezug auf ds4a jüdische Schicksal schon jetzt ziehen zu wollen.., "wäre unberechtigt und könnte zu schwerster "Enttäuschung führen. Den Ueber-Optimisten sei gesagt daß die Umwälzung ursächlich mit der Judenfrage, nichts zu tun hat und unter Umständen erfolgt.pwelche keine bessere Behandlung der* luden voraussehen lassen. Njtönt die ideelle Einstellung Hitlers hat zur ReypMte geführt, sondern seine Politik auf dem Gebiete d/es Geldausgebens. Er hat Milliarden aus dem In- und Auslande herausgepumpt und sie für Rüstungszwecke verwendet, statt die Parteiarmee, seine 2 Millionen SA.-Mäner, weiter zu ernähren. Er wollte die lästigen Esser jetzt loswerden. Darum der Sturm. Vorläufig ist Minister Goering oben, der seine letzte öffentliche Rede vor dem Krach mit folgenden Worten schloß: „Die Spaltpilze versuchen neuerdings wieder, mit dem deutschen Volke ihr Unwesen zu treiben. Als Patrioten, als Anarchisten, als Kapitalisten und als „gute Deutsche", unter allen möglichen Masken kommen sie und dahinter grinst immer dieselbe Fratze. Wir werden mit ihnen fertig zu werden wissen... Es ist immer der Jude, der schon einmal unsere Kultur zerstören und vernichten wollte." Wo dieser Mann mit einem Hitler und einem Goebbels weiter regiert, ist für die Juden nichts Gutes zu erwarten. Ebensowenig wenn sein und seiner Freunde Regime durch die Höhenzollern abgelöst wird. Gerade in den letzten Tagen hat sich Exkaiser Wilhelm in giftig antisemitischen Reden ergangen. Auch eine von manchen erwartete Zwischenherrschaft des Bolschewismus brächte den deutschen Juden kein Heil. Es bestehen also vorläufig keine Voraussetzungen für Optimismus in jüdischen Belangen. ftitt 6rf)u!|tt)lu ©ommerfleibung imb Äimben in au bHüpften für aWäbd^en großer SluSroafjl greifen bei 6d|iffmanit II, laüotfira&e <ftr. 48