Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-06-29 · Heft 377 (29.6.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 377 (29.6.1934)
Date
1934-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2712000--4441-2717923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 377 DI©. NEUE WELT Seite 3 PER. UNVERGESSLICHE & •»AVID GOLPER'I IN DEM GROSSEN *W fJJ^WEISTEaWERX: •< > AUCI FIELD DfE SCHÖNSTE UND SCHARMANTESTE FR.AU VON PARIS *. E oie: ANATOi LfTVAtf ' *>■**!». heute PREMicMj GARTENBAU Kl NO KÄRNTNEfcKINO «• BUSCH KINO «* atiaktb^iim «um HAYPN KINQv». KOLO^SEuAXlONOKACTtVPARK'iciN'O IX* Furcht und Hoffnung Von Richard Li cht heim, Mitglied des Exekutivkomitees der Judenstaatspartei (Tel Awiw). Wer in Palästina lebt, fühlt deutlicher als der Zionist im Galuth, daß der Fortschritt der jüdischen Heimstätte von dem Kampf der Parteien heute ernsthaft bedroht ist. Was in Europa nur Streit von Versammlungsrednern ist, bedeutet hier eine sichtbare Schwächung der jüdischen Position. Es ist bereits so weit, daß der Kampf zwischen Revisionisten und „A11gemeinen" Zionisten im Bericht der englischen Regierung an die Mandatskommission erwähnt wird. Häufige Zusammenstöße der feindlichen Gruppen im Lande und die durch den Arlosoroff-Prozeß heraufbeschworene Spaltung des Jischuw in zwei Lager haben zur Folge, daß keinerlei einheitliche politische Aktion nach außenhin mehr möglich ist. Zwar Sinti die englischen Politiker nicht so macchlavellistisch, wie eine phantasievolle Presse sie darstellt, aber ganz natürlicherweise machen sie sich die Spaltung im jüdischen Lager zunutze; sie regieren, wie es ihnen paßt, weil sie eich nicht dem entschlossenen Willen eines geeinten Volkstums gegenübersehen. Kein Zweifel, daß heute sehr große Teile des Jischuw diesen Zustand verwünschen und die nationale Einheitsfront herbeisehnen. Wie aber kann diese zustande kommen? Die verhetzten Parteien von „links" und „rechts" sind durch gütliches Zureden nicht mehr zu bändigen. Nur eine neue Kraft, die aus der Mitte kommt lind den Jischuw mit sich reißt, kann die Besserung bringen. Gegen diese Möglichkeit erhebt sich der Zweifel, ob in Palästina im Gegensatz zur Entwicklung Europas der Extremismus von links und rechts durch ein „nationales Zentrum", durch „bürgerliche Demokratie" gebändigt werden kann. Würden die Juden nicht so sehr geneigt sein, hypnotisiert auf. fremde Vorbilder zu starren, so würden im heutigen Palästina püc Chancen für die Herrschaft einer bürgerlichen „Demokratie der Mitte" gegeben sein. Die sozialen Gegensätze — von den Rednern der Linken übermäßig betont — sind gering. Es gibt weder eine Großindustrie noch eine industrielle Reservearmee. Die Arbeiter, die ins Land kommen, werden sofort zu hohen Löhnen beschäftigt. Wie lauge diese Konjunktur anhalten wird, ist nicht genau zu bestimmen, aber man kann annehmen, daß der Antisemitismus und der Rückgang der europäisch-amerikanischen Wirtschaft jährlich Tausende von Juden mit Kapital nach Palästina treiben werden, daß also auch in den nächsten Jahren jüdisches Kapital neue Unternehmungen in Stadt und Land schaffen wird. Das Arbeitselement hat also auch in der nächsten Zukunft noch gute Chancen, und zwar nicht nur hinsichtlich Beschäftigung und Lohn. Die Löhne sind, besonders im Baugewerbe, so hoch, daß zahlreiche Arbeiter erhebliche Ersparnisse machen, die sie in Bodenbesitz und einem Häuschen anlegen. Die zahlreichen neuen Siedlungspunkte im Lande und die Ausbreitung der Vorstädte sind-das Resultat dieses Aufstieges der sparenden Arbeiter zum Mittelstand, ein Vorgang, den die von „linken" Ideologien beherrschte Presse des Zionismus nicht sehen will und daher t o t s c h w e i g t, der aber für die sozialistische Bewertung des künftigen jüdischen Gemeinwesens entschieden wichtig ist. Ebenso verschweigt diese Presse die interessanten Versuche deutscher Juden, intensive Kleinsiedlungen auf privatkapitalistischer Basis (ohne Hilfe der Fonds) zu errichten, bezieht sich auf ihre eigene (äußerst magere) Tätigkeit und ignoriert die Bemühungen der privaten (jiruppen vollständig. * Das Resultat der jetzigen Konjunktur muß also notwendigerweise eine Vermehrung und Stärkung des Kleinbesitzes sein. Daß auch die von der Histadruth geförderten kollektiven Siedlungsbestrebungen hiervon profitieren werden, ist mit Sicherheit anzunehmen. Aber mögen die Anhänger dieser Siedlungsformen sich selbst für soziale Reformatoren halten: in Wahrheit vermehren «uch sie den jüdischen Besitz, den Bestand an Dörfern, Palästina; und Millelmeers Gesellschaftsreise Abfahrt ab Wien: 15. Juli 1934 mit dem Riesen - Ozeandampfer „Roma" (34.000 Tonnen) Für Einzelreisende Schiffskarten nach Palästina und für sonstige Mittelmeerreisen zu Originalpreisen Offizielles Propagandabüro der Compnss Tours Häusern, Wirtschaften. Diese Entwicklung Palästinas zum immer dichter besiedelten, nach immer intensiveren Wirtschaftsformen strebenden Gartenbauland (dies und nichts anderes ist die wahre Zukunft der jüdischen Wirtschaft) wirkt „antirevolutionär", wirkt „antisozialistisch". Es fehlt hier hoffentlich noch für recht lange Zeit der Stachel des Elends, der den arbeitslosen Proletarier Europas heute den extremen Parteien zutreibt. Es fehlen hier alle Voraussetzungen für die „Verschärfung des Klassenkampfe s", den die rote Internationale irrigerweise für die Vorstufe des Sozialismus hielt (bis der Faschiymu3 sie eines Besseren belehrte), der aber jedenfalls antidemokratisch wirkt und die Massen reif für die Diktatur macht. Bedenkt man, daß das jüdische Volk überall in der Welt ein Mittelstandselement und der i n d i v i duellen Freiheit zugetan ist, zieht man die gesicherte Wirtschaftssituation Palästinas in Betracht, so kommt man zu dem Schluß, daß eine von nationalem Geist erfüllte, demokratisch-bürgerliche, nach Freiheit Ferien - Sonderfahrt nach POLEN "nd GZERNOWITZ am 8. Juli. Auienfh. 4 und 8 Wochen PatSbegünsügung auch für poln. Staatsangehörige Auskünfte: Reisedienst ..Czernowitzer Allgem- Zeitung", Wien I Schulerstraße 1 (Stadtbüro „DerTag-'), Telephon R-21-6-78 Reisebüro „IRUT", I, Karlsplatz 1, Telephon U-44-5-79 des Individuums wie der Gemeinschaft strebende Gesellschaft eigentlich das 'Ideal von wenigstens 70 Prozent der Juden Palästinas sein müßte. Wenn dies heute nicht der Fall ist, wenn die R o t e n und die Braunen bei uns das Feld behaupten, so liegt der Grund nicht in den soziologischen Bedingungen des Landes und des Volkes, sondern in der künstlichen, ja unnatürlichen Anpassung an fremde Ideen und Lebensformen. Es ist verständlich, daß das Palästina-Experiment viele Ideologen im Judentum anzog, die hier ein Experimentalfeld für ihre Ideen sahen. Nach den „Bilu" der achtziger und neunziger Jahre kamen um 1900 jene Sozialrevolutionären Schwärmer aus Rußland, die hier Judensozialismus, Tolstoismus und das Barfüßlertum des „echten Bauern" zur Einheit verschmelzen wollten. Dieser Tpus ist heute im Aussterben. Die Schwärmerei für Getreidebau und Kuhstall ist der Erkenntnis gewichen, daß höhere Lebenshaltung <tnd intensive Wirtschaft in keinem Gegensatz zum sozialen Fortschritt stehen. Heute bedeutet der Kuhstall ideologisch nichts Höheres als der Hühnerstall oder das Gemüsebeet. Aber jene Romantik der „russischen Erde" war nicht der schlechteste Teil des hieher übertragenen Gedankengutes aus anderen Welten. Denn mit dieser Romantik entstand die Figur des jüdischen Landarbeiters, des Kleinbauern, der die eigene Scholle mit eigenen Händen bearbeitet. Von viel zweifelhafterem Wert aber war ein anderer Teil des sozialen Programms der nunmehr langsam entstehenden Arbeiterpartei. Ueberwog im Anfang noch das „volkssozialistische Element" (dem Arlosoroff nach dem Kriege die Form zu geben suchte) — überwogen die nationalen und kolonisatorischen die pionierhaften Elemente in dem Sozialprogramm der Arbeiterschaft, so wurden mit dem Entstehen einer kleinen Industrie und mit der Zuwanderung mitteleuropäisch beeinflußter Sozialisten nunmehr die Grundlage für einen G ewerkschaftssozialismus nach dem Muster der II. Internationale gelegt. Wie Franz Oppenheimer es einmal ausdrückte: „Einer einzigen, in den ersten Anfängen steckenden Industrie trat ein bis an die Zähne bewaffneter Gewerkschaftssozialismus entgegen." Es entwickelte sich jener in Wien geschulte radikale Parteiführer, der dem jungen Palästinawerk mit dem Rüstzeug des Marxismus zu Leibe ging, der auf Kongressen und in Versammlungen den Klassenkampf proklamierte, eine höchst törichte, höchst unzeitgemäße Konzeption, weil unvereinbar mit dem Pioniercharakter der auf allen Seiten gefähi'- deten jungen und schwachen zionistischen Position im Lande. Daß der marxistische Radikalismus im wesentlichen Phrase blieb, ist die natürliche Folge der sozialen Struktur des Jischuw, von der schon in anderem Zusammenhang die Rede war. Aber das Wort, die Phrase, der Führertypus blieben, und damit war die eine Voraussetzung für den permanenten Parteik.a-wip,jfjm 3l«fib.M!S gegeben* Es Kopnte nicht fehlen, daß der (ebenfalls nach europäischen schnitzte) Gegentypus auftrat. Vorbildern ge« Aus der revisionistischen Bewegung (die ursprünglich aus einer sehr berechtigten Kritik der Weizmannschen Außenpolitik, seiner Agency-Politik und seiner antimittelständischen Fondspolitik entstanden war und eine neue Kraft schuf) wurde im Laufe der Zeit, besonders nach der Spaltung im Jahre 1933, eine Imitation faschistischer Methoden. Der Jugend wurde mit dem braunen Hemd auch eine primitive Ideologie der Gewalttat anerzogen. Allen Warnungen seiner alten Freunde und Kampfgenossen zum Trotz, verlor Herr Jabotinsky sich im Spiel von „Separatismus", von „Führertum" und „militaristischer Disziplin". Immer gefährlicher zeigte sich dabei eigene Disziplinlosigkeit, Hang zur Uebertreibung und die Tolerierung, ja die Verherrlichung gewisser anarchistischer, krankhafter, für eine politische Partei unerträglicher Elemente. Die Folgewar die Sprengung der noch jungen, aber -rasch erstarkten und zukunftsreichen Partei, die Abkehr aller verantwortungsbewußten, politisch denkenden Mitglieder von diesem „Revisionismus" der bloßen Wut und Wildheit. * So stehen einander heute — nicht soziologisch bedingt, sondern von der gedanklichen Assimilation un zu läng«' licher Führer hervorgerufen — verführte und verhetzte Scharen in Palästina gegenüber. Mit dem Ärlosoroff-Mord und dem unseligen Prozeß hat die Tragödie ihren Höhepunkt erreicht. Den „Li n k e n" war dieser Mord der Anlaß zu einer Hetze gegen den Revisionismus, der unter allen Urnständen für diese Tat büßen sollte. Die ursprünglich verständliche Entrüstung über die schreckliche Tat, wurde von der „Linken" zum politischen Kampfmittel und zur Kongreß-Wahlmache erniedrigt. Himmel und Hölle bot die Arbeiterpartei auf, um die Schuld der Revisionisten nachzuweisen. Da die wirksamen Beweise fehlten, wurden Gerüchte zirkuliert: Es gäbe „geheime" Beweise, die man der Oeffentlichkeit und dem Gericht nicht vorlegen könne. Wer die höchst widerspruchsvollen, zum Teil offenbar unrichtigen Aussagen der Frau Arlosoroff bezweifelte, wurde mit moralischer Entrüstung zum elenden Verleumder einer ebenso edlen wie klugen Frau gestempelt. Der hebräische linke „Dawar" und das englisch-jüdische Regierungsblatt „Palestine Post" lieferten höchst einseitige und entstellte Prozeßberichte. In einer siedenden Atmosphäre von Haß, Lüge, Erfindung und Verdrehung schleppte sich der Prozeß hin, um auf die unbefriedigendste Weise zu enden. Nichts ist bewiesen, nichts ist aufgeklärt. Von einer Anstiftung durch Revisionisten war nicht das geringste nachweisbar. Hetzartikel des revisionistischen „Chasith Haam* sind noch kein Beweis für eine vollzogene Mordtat. Achi Meir war so gar nichts nachzuweisen, daß er mitten in der Verhandlung glatt freigesprochen wurde. Rosenblatt, den die Frau Arlosoroff hartnäckig als den Mörder bezeichnete, wurde ebenfalls freigesprochen. Frau Arlosoroff wollte sein Jackett wieder erkannt haben, und zwar an den „roten Streifen im Muster", aber das war sogar dem arabischen Richter zu viel, nachdem der Sachverständige Prof. Seligsohn erklärt hatte, es sei ausgeschlossen, nachts bei Sternenlicht am Meeresstrand einen 4roten Streifen in einem Stoffmuster wahrzunehmen — ein Experiment, das jeder nachprüfen kann. Stavsky aber wurde — im wesentlichen auf die Angabe der Frau Arlosoroff hin — zum Tode verurteilt. Auf Grund des vorgebrachten Materials hatte man allgemein mit einem Freispruch gerechnet. Ein großer Teil der Bevölkerung ist von der Unschuld Stavskys überzeugt. Der einzige an dem Gerichtsspruch beteiligte jüdische Richter — Valero — hat ja auch gegen das „Schuldig" gestimmt. Welche Folgen eine Hinrichtung Stavskys haben würde, ist nicht auszudenken. Die Erbitterung würde sicher ungeahnte Grade erreichen. Daß aber ein solches Urteil möglich, daß eine Atmosphäre geschaffen wurde, die in den beiden englischen Richtern die Ueberzeugung erweckte, in Stavsky und Rosenblatt die Täter vor sich zu haben — das ist nicht nur die Schuld der Parteihetze der sozialistischen „Histadruth", sondern das tragische Verhängnis des Revisionismus, der als seine Wortführer und Exponenten in Palästina Erscheinungen wie Achi-Meir duldete. Stavsky ist auch das Opfer des romantisch-anarchistischen Verschwörer- Geschreibsels, einer geistig und politisch unreifen, krankhaft und antisozial veranlagten kleinen Gruppe, die mit Terrorideen spielte und sich damit in der Oeffentlichkeit so kompromittierte, daß eine ungünstige Verkettung von Umständen nun einen jungen Menschen ins Verderben riß. Daß diese Gruppe von Herrn Jabotinsky, trotz der ständigen Warnung alter Freunde, geduldet, ja gefördert lüu^li Hör« ^PHOENIX' „jssssa» 0

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.