Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 377 (29.6.1934)
- Date
- 1934-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ÖfiE NEUIS WELT Nr. 377 I Für die Leser der „Nauen Welt" nur: Dil gOtefl billigen Neudegger Fahrschulen W ien, VIII. Neudeotfergasse 18., (Tel. B-46-5-72) u. Inzcrsdorf (Nied.-Oeat.). - Elektr. Lehren^»!»! t e i t u n g" bringt unter dem Titel „Polen wehrt sich gegen Juda. Judensöldlinge haben den polnischen Innenminister ermordet" auf der ersten Seite ihrer Nummer 144 einen Artikel, in dem behauptet wird, es bestehe eine „enge Verbundenheit der Juden und Logen mit den Nationaldemokraten". Bei den Nationaldemokraten habe man es „mit der berüchtigten Korfanty- Partei zu tun, die enge Beziehungen zum Judentum unterhält und die schon in den oberschlesischen Befreiungskämpfen als Hörige des internationalen Judentums gegen Deutschland aktiv zu Felde zog". In dem Artikel wird weiter erklärt, man neige immer mehr dazu, den Mord an Pieracki darauf zurückzuführen, daß die deutschfreundliche Außenpolitik der jetzigen Regierung den „franzosen- und judenfreundlichen Korfanty-Anhängem" nicht genehm ist. Das Sondergericht in Nürnberg hat Frau Lilli Rosenthal aus Röthenbach bei Schweinau, eine A r i e r i n, die einen Juden geheiratet hat, wegen angeblicher beleidigender Aeßerungen gegen Nazi-Führer zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Im Urteil wird Frau Rosenthal „ein rasseschänderisches Frauenzimmer" genannt; das Urteil sei — so sagt das Gericht — „zur Genugtuung aller rechtlich denkenden Deutschen" ergangen. Die „Fränkische Tageszeitung" berichtet über den Fall unter der Ueberschrift „Ein artvergessenes Weib" und fordert die Ueberführung der Verurteilten nach Verbüßung der Strafe in das Konzentrationslager Aichach. Die Zeitung reproduziert eine Photographie der Angeklagten und schreibt dazu: „Lilli Rosenthal ist ein Schulbeispiel für die s i 11lich entwurzelnde Wirkung einer r a s s eschänderischen Ehe auf den arischen Teil. Aus deutschem Hause stammend, brachte sie es über sich, des schnöden Mammons wegen die Stimme ihres Blutes zum Schweigen zu bringen, und sie heiratete den Juden Heinrich Rosenthal von Röthenbach. Die Folge davon war, daß sie nach und nach immer mehr in das verderbliche Fahrwasser jüdischen Denkens und Handelns geriet, und heute ist es mit ihr soweit gekommen, daß sie sich nur noch äußerlich von einer Vollblutjüdin unterscheidet. Daß sie einstmals eine deutsche Frau war, dafür ist auch nicht die geringst« Spur vorhanden." Vor Gericht hatte sich Frau Rosenthal dahin verantwortet, daß der Hauptzeuge, ein SA.-Truppe nführer, versucht hatt, sich an ihr zu vergehen, und daß seine nachmalige Anzeige ein Racheakt für ihren Widerstand gewesen ist. Das Streicher-Organ „Fränkische Tageszeitung" spricht selbst davon, daß sich der SA.- Truppenführer „einige kleine Freiheiten" erlaubt hat, und läßt durchblicken, daß eine Frau wie die Angeklagte nicht mehr das Recht besitzt, sich einem SA.- oder SS.-Mann zu verwehren. Der Richter, der das Urteil sprach, heißt Kiefer, der Name des SA.-Truppenführers wird verschwiegen. Am dem //Völkerbundsfaat" Danzig Judenhetze unter den Augen des Völkerbundkommissärs Als vor genau einem Jahr in dem unter Völkerbundprotektorat stehenden Freistaat Danzig als Folge des Ausfalls der Wahlen zum Senat eine nationalsozialistische Regierung ans Ruder kam, versicherten die Leiter dieser Regierung, daß im Gegensatz zu der Praxis in Reichsdeutschland im Freistaat Danzig eine Entrechtung der jüdischen Bevölkerung nicht stattfinden werde. Diese Versicherung wurde in der Folge gegenüber dem Auslande wiederholt. Als Protektionsland des Völkerbundes kann Danzig eine Politik der Entrechtung und Unterdrückung einer Bevölkerungsminderheit auch offiziell nicht treiben. Heute, da der Danziger nationalsozialistische Senat sich anschickt, in großangelegten Festen und Umzügen das Jubiläum des einjährigen Bestandes der nationalsozialistischen Regierung zu begehen, ist die Situation für die jüdische Bevölkerung wesentlich anders. Die vor einem Jahre den Juden gemachten bestimmten Zusicherungen sind nicht erfüllt worden. Dagegen haben sich andere Vermutungen und Befürchtungen nur au sehr bewahrheitet. Der Nazi-Gauleiter F o r 3 t e r hält seit einiger Zeit bei jeder Gelegenheit judenhetzerische Reden, und der Senatsvizepräsident Greiser hat in einer öffentlichen Erklärung den wirtschaftlichen Boykott der Juden und andere antijüdische Maßnahmen, unter „V e rmeidung des gesetzgeberischen Wege s", angekündigt. Wie das „Danziger Echo" meldet, hat Gauleiter Forster, ausgehend von der Beschwerde, die die Danziger Jüdische Gemeinde gegen ihn beim Senatspräsidenten erhoben hatte, folgendes erklärt: Die Juden haben sich genötigt gesehen, beim Senatspräsidenten gegen den Gauleiter Beschwerde einzulegen. Warum? Weil ihr Wesen dem Volke zu genau gezeigt wird. Wir bezeichnen den Juden wahrheitsgemäß als Parasiten. Hat schon jemand einen , Juden hinterm Amboß oder an der Werkbank gesehen?" Forster zog dabei den Nürnberger „Stürmer" als Beweisquelle für jüdische Art heran. Jetzt soll, wie das „Danziger Echo" erfährt, ein Schächverbot in Danzig erlassen werden, das sich sowohl auf Großvieh als auch auf Geflügel bezieht. Unter der Judenschaft Danzigs hat sich deswegen eine große Erregung bemerkbar gemacht, insbesondere in den Kreisen der orthodoxen Juden und vor allem der polnischen Staatsbürger ist man über das angekündigte Verbot außerordentlich bestürzt, um so mehr als im Hinblick auf die strengen Gesetze über die Lebensmitteleinfuhr die Deckimg des Koscherfleischbedarfs aus dem Auslande auf Schwierigkeiten stoßen wird. All das gibt der jüdischen Bevölkerung Danzigs Anlaß, mit großer Besorgnis in die Zukunft zu schauen. Die Passivität, welche der Völkerbund in der Danziger Judenfrage an den Tag legt, berechtigt auch zu großer Sorge. Die Sdiildbfirger von Mulcacevo An dem Rathaus von Mukaöevo ist ein Plakat zu sehen, das die Neugierde jedes Passanten reizt. Und tatsächlich drängen sich dort tausende Menschen, vornehmlich Juden, die jüdischen Mitglieder der Gemeinde MukaCevo. Der Text des Plakats Ist die Erledigung eines Gesuches, daß die Aguda-Leute von Mukaöevo an den Regierungskommissär gerichtet haben, eines Gesuches, das zweifellos eines der interessantesten und groteskesten Dokumente der Trennungsorthodoxie darstellt. Vor Jahren gelang es der national jüdischen Majorität der Judengemeinde, beim Stadtrat von Mukaöevo die Benennung von zwei Gassen mit den berühmten Namen von Jehuda Halevy, dem jüdischen Dichter des Mittelalters, und von B i a 1 i k, dem jüdischen Dichter der Gegenwart, durchzusetzen. Die nichtjüdischen Mitglieder Zu den Ferien billig nach POLEN "TJfi6 Anschlußreise an das polnische Meer — Odynia Zloty 18.50 Paßerleicuteruiigen für poln. Staatsangehörige Auskünfte: Büro Dr. S. Tocker, 1, Kärntnerring 12 Telephon U-40-301 ,,Austrobus". I, Dr.-Karl-Lueger-Ring 12, Telephon U-24-0-10 des Stadtrats waren loyal genug, die kulturellen Wünsche ihrer jüdischen Mitbewohner zu berücksichtigen. Die Ehre, die den beiden Dichtern erwiesen wurde, fiel auf die Gemeinde selbst zurück. Aber die Herren der Aguda mit ihrem Rabbiner an der Spitze ... kränkte es, daß national gesinnte Köpfe, Geisteshelden des jüdischen Volkes, für die Nennung der Gassennamen ausersehen worden waren, und sie begannen zu intrigieren,, in einer Manier, die ja für die unterirdisch wühlenden Agudisten bezeichnend ist. Die Herren Agudisten verlangten die Abschaffung des Namens Jehuda Halevy, weil dieser — das religiöse und demokratische Gefühl der Juden verletze, und schlugen als Ersatz den Namen „Darke Tschuwa" (Wege der Buße) vor. Bei Bialik machten sie geltend, die jüdische Jugend möge Gelegenheit bekommen, mit tschechischen Politikern und Dichtern vertraut zu werden, und darum sei die Aenderung des Gassennamens Bialik in den Namen eines tschechischen Politikers oder Dichters notwendig. Der Regierungskommissär erledigte, wie gesagt, das Gesuch. Der Text der Antwort klebt am Mukacevoer Rathaus und lautet ungefähr — bitte, nicht zu lachen — folgendermaßen: Der Name der Jehuda-Halevy-Gasse wird auf ,,Darke-Tschuwa"-Gasse geändert. Dagegen wird dem Gesuch inbezug auf die Aenderung des Namens der Bialik- Gasse nicht stattgegeben, denn „es ist keine Ehre für eine tschechische Persönlichkeit, ihren Namen für eine Gasse herzugeben, die an der Peripherie der Stadt liegt". Wir haben die Herren Agudisten von Mukaöevo wohlwollend „Schildbürger" genannt. Sie verdienen diesen Namen nicht. Der Fußtritt, den ihnen der Regierungskommissär an der Bialik-Gasse gegeben hat, liegt auf der Linie der Kriecherei gegenüber den Reglerungsstellen. Aber die Ignoranz, Jehuda Halevy als Beleidiger religiöser Gefühle hinzustellen und die Frechheit, das Bedürfnis nach Demokratie zu heuchein, sind so groß, daß man nicht weiß, was eher am Platz ist: empört sein oder lachen! 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Miß Annie Landau ist seit Jahrzehnten die Leiterin der Evelina-de-Rothschild-Mädchenschule in Jerusalem, Die Schule wird von der Anglo-Jewish-Association in London erhalten und gilt in Jerusalem als englisches Bollwerk. Nicht nur ist die Unterrichtssprache durchwegs englisch — die Leiterin der Schule spielt auch eine anerkannt repräsentative Rolle in der Jerusalemer englischen Gesellschaft, ' und die von ihr in den Schulräumcn veranstalteten Empfänge versammeln die hohe englische Beamtenschaft ebenso wie die bessere internationale Gesellschaft Jerusalems. Anläßlich des jüngsten Besuches von Herbert Samuel in Palästina arrangierte Miß Landau eine Mondscheinpartie, die glänzend besucht war. Am nächsten Tage erschienen im Jerusalemer englischen Lokalblatt ein Bericht und eine vollständige Präsenzliste. Zu meinem Erstaunen und zu meiner Erbitterung las ich in der Liste auch den Namen des deutschen Generalkonsuls in Jerusalem. Es mag ja sein, daß der deutsche Generalkonsul in Jerusalem persönlich ein sympathischer Mensch ist, es mag ja sein, daß er bei Frau Landau seit jeher auf der Liste der einzuladenden Persönlichkeiten stand. Nach dem, 1. April 1933 war er als Vertreter Hitlers nicht mehr einzuladen. Insbesondere durfte er nicht zu einer Veranstaltung geladen werden, die der Ehrung eines englischen Juden galt. Ganz besonders durfte es nicht geschehen eine Woche, nachdem es der deutsche Botschafter in London abgelehnt hatte, den hervorragenden Vertreter der Anglo- Jewish Association, Mr. d'Avigdor Goldsmith, zu empfangen, der erschienen war, um gegen das Blutmärchen des „Stürme r" zu protestieren. Was wird denn die so schwer beleidigte Anglo Jewish-Association dazu sagen, wenn sie erfährt, daß ihre Repräsentantin in Jerusalem kurz darauf den deutschen Konsul einlud, einem Empfang zu Ehren eines Mitgliedes dieser A.-J. A. beizuwohnen? In diesem Falle mußten wir, wie in vielen früheren, die traurige Erfahrung machen, daß organisatorisches Talent, Repräsentationsfähigkeit, ja sogar Frömmigkeit nicht immer Hand in Hand gehen mit jüdischem Ehrgefühl . . . Si non e vero ... Als der frühere polnische Konsul von Tel-Awiw den Intrigen verschiedener polnisch-jüdischer und sephardischer Freunde zum Opfer fiel und gehen mußte, begannen sich so manche Kandidaten in Tel-Awiw und Warschau um den freigewordenen Posten zu bewerben. Darunter war einer, der „Sechut Awot" (das Verdienst der Väter) hatte. Sein Vater, anerkanntes Haupt der größten jüdischen Weltorganisation, hatte gerade in Warschau mit der Organisierung einer nichtjüdi3chen Gesellschaft zu tun und benützte die Begegnung mit einer hohen Persönlichkeit, um zugunsten seines Sohnes vorstellig zu werden. Der polnische hohe Herr meinte darauf: ,,Meines Wissens ist Ihr Sohn ein Schriftsteller assimilatorischer Richtung und die polnische Regierung möchte nach Tel- Awiw einen Zionisten schicken." Der gute Vater wehrte lächelnd ab: „Exzellenz, Jude bleibt Jude, jeder Jude liebt Palästina und die Juden; die assimilatorische Schreibweise meines Sohnes sollte kein Hindernis sein." Der Minister nahm sich Bedenkfrist. Als diese verflossen war, empfing er v/ieder den Besuch des Parteihauptes und gab ihm den Bescheid, daß er seinen Sohn nicht zum Konsul in Tel- Awiw ernennen könne, weil die polnische Regierung es gerne sehen würde, daß ihr Vertreter in der jüdischen Stadt Tel-Awiw die hebräische Sprache beherrscht, wa3 bei diesem Kandidaten nicht der Fall zu sein scheint. Der so Angeredete entgegnete gutmütig: „Seit wann muß ein polnischer Konsul Hebräisch können? Der Amtsverkehr ist polnisch und privat kann er welche Sprache immer sprechen." Die polnische Exzellenz dachte eine Weile ernstlich nach und meinte dann: „Ihre Meinung ist mir in jüdischen Fragen unbedingt maßgebend. Wenn Sie, Herr Präsident, der Meinung sind, daß der polnische Konsul in Tel-Awiw nicht unbedingt Zionist sein und nicht notwendigerweise Hebräisch können muß, so fallen eben alle Bedenken weg, die der Ernennung des einzigen Christkatholischen Kandidaten im Wege standen, und ihn werden wir nunmehr ernennen!" So geschehen zur Empörung der Tel-tAwiwer Herren, die sich jetzt an die Köpfe greifen und wehklagen: „Wer konnte das ahnen?!" // In der von der Gesellschaft ,,EI Hahar" neugefiundeten gemeinwirfBchaftlichen Siedlung in Kfar-Efzion"" Jerusalem sind einige Einheiten zu je '-'5 Dunam, auszuzahlen innerhalb 3 Jahren, zu vergeben. — Nähere Auskünlte erteil!: Ing* J* LASZKOW1 1 Wien III, Landsir. Gürtel 19. Telephon B-52-3-58 l" " ' ' II, ■ I I — L