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Die neue Welt · 1934-06-26 · Heft 376 (26.6.1934) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 376 (26.6.1934)
Date
1934-06-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NETTE WELT Nr. 376 Ferien - Sonderfahrt nach POLEN und CZEBN0W1TZ am 8. Juli. Aufonfh. 4 und 8 Wochen Paßbegünstigung auch für poln. Staatsangehörige Auskünfte! RsUedlenst „Czernowitzer Allgem. Zeitung". Wien I Schulerstraße 1 (Stadtbüro ..Der Tag '), Telephon R-21-6 78 Reisebüro „IRUT'\ 1. Karlsplatz 1, Telephon U-44-5-79 Staatsbürger mit Ehrliebe und Charakter — und nur auf solche kann es doch ankommen — freiwillig und freudig beitreten? Wie kann unter solchen Umständen der deutschchristliche Bürger dem jüdischen zu gemeinsamer Arbeit fürs Vaterland die Hand reichen? Wie kann unter solchen Umständen die Vaterländische Front ihrer Hauptaufgabe — Ermöglichung einer friedlichen und hingebungsvollen Zusammenarbeit aller in schwerster Zeit — gerecht werden? Das sind Fragen, deren gründliche und schleunige Erledigung der Leitung der großen vaterländischen Organisation obliegt. Politischer Zerfall Misrachi aus dem Waad Leumi ausgetreten. — Die „Allgemeinen Zionisten" wollen vermitteln Der Waad Leumi ist die oberste Leitung der Knesseth Israel, der Gesamtvertretung -3er palästinensischen Judenschaft. Die Bildung dieser Körperschaft war mit einem jahrelangen harten Kampfe gegen die Palästina-Regierung verbunden, welche sich beharrlich weigerte, eine jüdische Repräsentanz offiziell anzuerkennen! Erst im Jahre 1928 sprach die Regierung die Anerkennung aus und gewährte der Knes3eth Israel das Besteuerungsrecht. Heute unterstehen das Schulwesen, das Gesundheitswesen und viele andere Gebiete des öffentlichen Lebens der Leitung des Waad Leumi. Nun ergab es sich, daß die gegen äußere Faktoren so hart erkämpfte Körperschaft von innen zerfällt. Wir haben in unserer letzten Nummer unter der Spitzmarke „Politischer Zerfall" berichtet, daß der Verband thoratreuer Zionisten, „Misrachi", den Austritt aus dem Waad Leumi in Erwägung zieht. Heute müssen wir berichten, daß der „Misrachi" den Austritt offziell vollzogen hat. Der „Misrachi" publiziert eine Erklärung, in welcher sein Auatritt damit begründet wird, daß es nicht gelungen sei, alle Teile des Jlschuw in der Knesseth zu harmonischer Arbeit zu vereinigen. In der Erklärung wird festgestellt, daß der Waad Leumi völlig unter der Her r- Schaft - der sozialistischen, klassenkämpferischen Histadruth (Verband der sozialistischen Arbeiterschaft) steht, welche alle Macht an sich gerissen. Nachdem mit der gleichen Begründung der große Verband jüdischer Landwirte, die Gemeinde Tel A w i w und andere große Judengemeinden eine Teilnahme am Waad Leumi abgelehnt und die Zionisten Revisionisten bereits vor längerer Zeit den Austritt vollzogen haben, bildet der einst mit Stolz und Freude begrüßte Waad Leumi eine Rumpfkörperschaft, deren Weiterexistenz fraglich ist. Unter dem Eindrucke dieses Austrittes, der in die Zeit höchster Erregung gegen die Histadruth wegen ihrer Stellung im Mordprozeß Arlosoroff fällt, hat — wie aus Jerusalem gemeldet wird — die Exekutive des Weltverbandes der „Allgemeinen Zionisten" beschlossen, für August dieses Jahres eine Weltkonferenz der ihr angeschlossenen Landesverbände einzuberufen. Die Konferenz soll sich mit der durch die Verschärfung der innerzionistischen Parteikonflikte geschaffenen Lage befassen und entsprechende Maßnahmen treffen, um den vernichtenden Zwist unter den zionistischen Gruppen beizulegen. Es muß in Zweifel gezogen werden, ob dieser Plan der „Allgemeinen" Erfolg haben kann, wenn die „Allgemeinen" selbst ihre Stellung nicht einer gründlichen Revision unterziehen. Denn sie sind e3, die sich allezeit auf die Seite der Histadruth geschlagen, ihr die z i on i s t i s c h e Jugend zugetrieben und das Geld der zionistischen Fonds zugeführt haben. Die „Allgemeinen" waren zum größten Teil bei jedem Konflikt auf Seiten der Histadruth, der Linken, zu finden, in Palästina und noch mehr in der Galuth. Wenn sie bei dieser Politik verharren, werden die „Allgemeinen" schwerlich Vertrauen finden und als berufene Mittler angesehen werden. Aus Lettland Aus Riga: Nachdem etwa einen Monat lang in Lettland keine jüdische Zeitung erschienen ist, wird jetzt wieder eine Tageszeitung in jiddischer Sprache herausgegeben. Das Blatt führt den Namen „H a j n t" und ist ein Organ der trennungsorthodoxen Agudaß Jisroel. In einer Reihe lettländischer Städte, u. a. Dünaburg, Kreuzburg und Glasmanka, wurde die Zwangs- Sonntagsruhe eingeführt. Die sabbathaltenden jüdischen Kaufleute sind somit genötigt, zwei Tage in der Woche zu feiern. Die Tageszeitung „L atvi s" erhobt die Forderung nach Minderung der Rechte der Juden in Lettland. Das Blatt verlangt den Numerus clausus an der Universität in Riga. Ferner sollen den Juden weniger Rechte als den übrigen Minderheiten zugebilligt werden. Auch soll ihre Assimilation an die Bevölkerungsmehrheit verboten werden. Englander gegen Englands PalästuiapoHtik Eine zynische Antwort des Ministers Aus London wird uns berichtet: Die treulose, mandatswidrige, antizionistische Politik der Regierung Macdonald hat wenigstens eine gute Seite. Die vielen nicht jüdischen Freunde des Zionismus in England, welche bis nun geschwiegen haben, begannen zu reden, innerhalb und außerhalb des Parlaments. So traten jetzt auf einem jüdischen Protestmeeting gegen die Behinderung der jüdischen Einwanderung nach Palästina als Gäste und Redner Lord Strabolgi (früher Abg. Kenworthy) und Abg. Major Proctor auf. Lord Strabolgi führte aus: „Es ist richtig, daß das Ausmaß freien Landes in Palästina begrenzt ist, aber jenseits des Flusses liegen Ländereien, die einst die Kor nk a m m e r des Römischen Reiches waren und eine große Bevölkerung aufnehmen konnten, jetzt aber seit langem völlig vernachlässigt sind. Palästina scheint allein als kleines Land dem allgemeinen wirtschaftlichen Tiefstand entgangen zu sein. Der Grund hiefür ist, daß Energie, Mut, ^Geschicklichkeit und Kapital in das Land eingeströmt sind, seitdem seine Tore den jüdischen Pionieren zur Wiedererrichtung ihres Nationalheims geöffnet wurden. Aber mehr Arbeitskräfte sind dringend notwendig. Dennoch hat die Verwaltung die Zahl der angeforderten Einwanderungs-Zertifikate u m 75 Prozent gekürzt. England legt den Einwanderern jedes mögliche Hindernis in den Weg Eine solche Politik kann nicht gerechtfertigt werden." Der Redner übte sodann Kritik daran, daß man einerseits die Einwanderung jüdischer Pioniere, die keine Unterstützung seitens des englischen Steuerzahlers brauchen, unterbindet, andererseits aber eine Palästina-Anleihe, die die Juden gar nicht wollen, garantiert. Abg. Major Proctor, soeben von einer Palästina- Reise zurückgekehrt, sagte: Manche seien der Meinung, daß den Juden dort ein großer Teil des Bodens gehöre, und daß die Araber wider Gebühr verdrängt werden. Tatsächlich besitzen die Juden nur fünf Prozent des Bodens, für den sie einen Preis von etwa 100 Pfund pro Acre zahlen. Die arabischen Großgrundbesitzer, die häufig im Ausland leben, verkaufen noch immer im geheimen Boden allerdings zu Phantasiepreisen. Haifa sei dazu ausersehen, ein zweites Tor nach Indien zu werden. Da der englische Einfluß in Aegypten im Schwinden begriffen sei, werde dieser neue Landweg nach Indien England vom Suez-Kanal unabhängig machen. Palästina und Transjordanien seien imstande, eine Bevölkerung von 18 Millionen zu ernähren. Die Regierung aber muß sich entscheiden, ob sie das Mandat in dem Geist durchführen will, in dem es geschaffen wurde. Eine frivole Antwort des Ministers Im Parlament richtete Abgeordneter J a n n e r an den Kolonienminister Cunliffe-Lister die Frage, ob ihm bekannt sei, daß zufolge der von der Palästina- Regierung geübten Beschränkung der jüdischen Einwanderung, in der palästinensischen Industrie und Landwirtschaft oft zufolge Arbeitermangels krisenhafte Stockungen eingetreten sind. Der iMnister antwortete, die Beschwerden seien ihm bekannt, aber er vertraue völlig dem High Commissioner. Abgeordneter Janner fragte welter, ob der Minister die von den palästinensischen Industriellen in Bezug auf die Aufnahmefähigkeit des Landes gemachten Erklärungen geprüft habe und ob er sie bezüglich künftig auszugebender Zertifikate zu Rate ziehen wolle. Der Kolonienminister antwortete: „Nein, ganz gewiß nicht. Das Verfahren ist genau festgesetzt. Es ist durchaus notwendig, daß die Anwendung der Richtlinien einzig und allein dem High Commissioner überlassen bleibe." RUNDSCHAU Der Traum vom jüdischen Botschafter Die Sowjetregierung, erhaben über die bourgeoisen Anschauungen von Nationalität und Rasse, nur die Solidarität aller „Werktätigen" anerkennend, gab dieser selbstbewußten Weltanschauung demonstrativen Ausdruck: Sie ernannte einen Juden zum Botschafter für Hitler-Deutschland. Die liberale Gesellschaft, hauptsächlich die der israelitischen Konfession, war begeistert. „Die Sowjets haben es den deutschen Nazis tüchtig gegeben", jubelte man da und dort, „die Nazi müssen einen jüdischen Botschafter schlucken." Daß die Hitler-Regierung vom jüdischer, •Jctschafter Chintschuk weniger begeistert war, wi". -.lumand wundernehmen. Sie mußte die Ernennung Ci:r 'schuks zweifellos als Provokation empfinden. Aber wie immer, so war auch hier die großzügige demonstrierende Geste nur von kurzer Dauer. Wir lesen nämlich offiziell, daß die Sowjetregierung den Juden Chintschuk von Berlin abberufen und durch den nichtjüdischen Botschafter der Türkei S u r i t z ersetzt hat. Der Traum von einem projüdischen Akt Sowjetrußlands gegen Nazi-Deutschland ist zu Ende. Für uns keine Ueberraschung. Wir haben mehreremals schon ausgeführt, daß wir für dergleichen „Demonstrationen" kein Verständnis haben, ja sie für schädlich halten. Wenn Sowjetrußland seine über allen Nationen, Rassen und Konfessionen stehende Weltanschauung demonstrieren will, dann möge es dies in seinem sowjetrussischen Rahmen tun, mit der Verfolgung des Zionismus, der jüdischen Religion und des Hebräischen bei sich zuhause aufhören, und nicht manipulieren mit — jüdischen Botschaftern! Deut§che B£as§enlehre in Rom Die deutsche Publizistik versucht in einer Reihe von Schriften nachzuweisen, daß in den Ländern, die bisher mit den aus Deutschland vertriebenen Juden sympathisierten, ein Umschwung zugunsten der deutschen antisemitischen Maßnahmen v/ahrzunehmen sei. Die Bücherserie, die um Verständnis für den Nationalsozialismus wirbt, enthält u. a. die Schrift „R o m" von Professor Maximilian C1 a a r. Prof. Claar berührt selbstverständlich die a 11gemeine Frage der rassischen Bewertung und betont, daß die italienische Weltanschauung von der Lehre der Ueberlegenheit der lateinischen Zivilisation Uber alle anderen stark erfüllt sei, daher die deutsche Rassenlehre nicht anerkennen könne. Er erklärt weiters, daß die deutsche Judenpolitik vom Frühjahr 1933 in Italien anfangs auf Verständnislosigk e i t stieß, allmählich aber sich eine Korrektur der italienischen Auffassung im Verfolg des Feldzugs gegen Hitler-Deutschland einstellte, und kommt zum Schluß: „So hat sich schließlich gerade hier die damalige Hoffnung der Gegner Deutschlands nicht erfüllt, die angesichts der anfänglichen Pcrplexität weiter Jt a 1 i e n 1 s e'h'e'r Kreise gegenüber der deutschen Arierpolitik auf eine Entfremdung zwischen Deutschland und Italien gehofft hatten. Das Ergebnis war vielmehr ein wachsendes Verständnis für die deutschen Notwendigkeiten und eine ebenso wachsende Innere Verbundenheit gegenüber dem staatsfeindlichen Tjeiben politischer Emigranten, die ihre Vaterland* losigkeit zur Schau trugen. In diesem Sinnewird Deutschland kein Mißverständnis von Italien mehr ju befürchten haben." Die Haltung des italienischen Volkes gegenüber der Art, wie Deutschland die Judenfrage behandelt, hat sich — wie Claar ausführt — geändert. Wenn auch die Haltung, bzw. die Stimmung des anonymen Volkes schwer zu kontrollieren ist, so kann doch hier gesagt werden, daß an dem Stimmungsumschwung in Italien auch Juden schuld tragen. Unseren Lesern ist bekannt, daß vor einigen Wochen jugendliche Juden, Zionisten und Nichtzionisten, als Mitglieder einer antifaschistischen Liga ertappt und verhaftet wurden. Ein Teil von ihnen stand, unter marxistischem Einfluß und konnte daher den Zionismus in seiner absoluten nationalen Reinheit nicht verti-ten. Nichtsdestoweniger wurde gerade der Zionismus für die Extratour einiger irregeleiteten jud'schen Jünglinge verantwortlich gemacht — der Zionismus gefälschter Couleur, der verwässerte, mit den marxistischen Allerweltsdogmen vermischte Zionismus, der schon so viel Unheil innerhalb und außerhalb des Judentums angerichtet hat. Der Hakenkreuz-Professor Claar und seine Freunde haben leider von diesem die beste Förderung erfahren. Bestelltes oder echtes Hi'tlersAttentat? In unserer vorigen Nummer reproduzierten wir die Meldung des „Pariser Tagblatts", wonach ein nach Frankreich geflüchteter Naziführer den Plan eines „jüdischen Attentats" auf Hitler aufgedeckt habe, der in einflußreichen Nazi-Kreisen zum Zwecke der Entfachung erneuter Judenverfolgungen ausgeheckt wurde. Nunmehr meldet der Berliner Korrespondent des „Daily Herald" seinem Blatte, es sei bei ihm in Berlin eine christliche „zuverlässige und nüchterne Persönlichkeit" erschienen und habe ihm mitgeteilt, die SS. plane ein Scheinattentat auf Adolf Hitler. Der Plan sei bereits in allen Einzelheiten ausgearbeitet: auch der angebliche Täter — ein Jude, der nachher auf der Flucht erschossen werden solle —, sei schon bestimmt. Der Korrespondent des „Daily Herald" sieht voraus, daß viele Leser die Meldung für phantastisch halten werden. Aber in Deutschland, erklärte er, sei jetzt alles phantastisch. Schon vor einem Jahre habe der oberste SS.-Führer Himmler in einer Rede prophezeit, wenn ein Anschlag auf Hitler erfolge, werde unter den deutschen Judien ein Blutbad angerichtet werden. Der Zeitpunkt für ein solches Ablenkungsmanöver der enttäuschten Massen erscheine den Nazl-Führorii nun gekommen. Der englische Korrespondent gibt aber der Hoffnung Ausdruck, daß der abenteuerliche und abscheuliche Plan durch vorzeitige Enthüllung durchkreuzt werden könnte. Inzwischen wird aus Berlin gemeldet, daß Mittwoch, den 20. Juni, auf Hitler ein allerdings ml ß g 1 ü c ktes Attentat verübt worden sei. Vorläufig hat diese Meldung keine Bestätigung gefunden. Man ist auf Mutmaßungen angewiesen und kann nur hoffen, daß der Plan der blutrünstigen hitleristischen Sturmscharen nicht ver» Wirklicht werde.

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