Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 376 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Jahrgang 8 Dienstag, den & tum **** NEUE WELT Nr, 376 V. b« b« ZeJtnng vom Verleger versendet «Journal expedie par l'editenr*, REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.30, vierteljährig S4.-, ganzjährig S Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15. - ' ' ' — ~ .. , _____; Polen monatlich Zloty 2.—.vierteljährig Zloty 6.— Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lef'ST—^Wertel^ 'Marie""!.-vierteljährig Mark"3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.-; Schweiz und die übr Igen Länd------"-«-—»— "--------- jährig Schweizer Francs 4.50 d er monatlich Schweizer Francs 1.50, viertel« HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion a.Verwaltung: IX,Universitätsstr. 8, Tel. A-20-2-78 — ErseheintDienstagundFreitag Papst/ österreichische Juden und Nazis Aus Paris : Die große Tageszeitung „L e s o i r" meldet aus Wien: Der erste Plan der neuen österreichischen Verfassung enthielt eine Anzahl von antijüdischen Gesetzen. Nur der Vermittlung des Papstes ist es zu danken, wenn diese Artikel im difinitiven Text untedrückt wurden. Der Heilige Vater hat persönlich einen Brief an den Kanzler D o 11 f u ß gerichtet, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß die Doktrin „Quadragesimo anno" die Unterdrückung einer religiösen Minderheit nicht zuläßt. Diese augenscheinlich der Phantasie des Berichterstatters entsprungene nMeldung verdient registriert zu werden, weil sie den reichsdeutschen Nationalisten den Anlaß bot, den Papst als „Protektor der 'Bastardrasse" zu verunglimpfen. Aus Nürnberg: Die „Fränkische Tageszeitung" verzeichnet die Meldung, daß der Papst zugunsten der Gleichberechtigung Aar öesterreichischen Juden eingeschritten sei, und bemerkt, es mute eigenartig an, daß sich ausgerechnet der Heilige Vater zum persönlichen Protektor der Juden machen zu müssen glaubt. „Sollte es", schreibt das Blatt, „bis zum heutigen Tag noch nicht in die heiligen Räume des Vatikans gedrungen sein, daß die Juden eine Bastardrasse mit eigenen Blutsgesetzen sind, und daß ihre Religion, die in ihrem Wesen nichts mehr mit dem zu tun hat, was wir als Christen darunter verstehen, ein Ausdruck ihrer rassemäßigen Minderwertigkeit ist?" Ritsualniordhetze auch in Dänemark Aus Kopenhagen: Das hier erscheinende Wochenblatt „Angreb" (Angriff) hat eine Sondernummer herausgegeben, die der Ritualmordbeschuldigung gewidmet ist. Die Nummer enthält eine gekürzte Wiedergabe der bekannten Artikel des Nürnberger „Stürmer" mit drei Abbildungen, die „Blutabzapf ung" darstellend. In einem weiteren Artikel werden speziell die dänischen Juden besudelt. Der Artikel gipfelt in der direkten Beschuldigung, daß das alljährliche spurlose Verschwinden von einem halben Hundert Menschen in Dänemark auf Ritualmord zurückzuführen sei, ferner daß die jüdischen Aerzte in den Krankenhäusern ihre Opfer zu gleichen Zwecken ermorden! Die sozialdemokratische Regierung hat es bisher unterlassen, gegen diese Propaganda einzuschreiten. Es ist zu befürchten, daß im dänischen Schleswig, wo ein Teil der Bauern unter dem Einfluß sowohl der dänischen als auch deutschen Nazis steht, diese Agitation ihre Wirkung tun wird. Rarfilou gegen die ruraäni§clien Judenhetzer Aus Bukarest wird gemeldet: Großes Aufsehen erregte hier die Tatsache, daß der französische Außenminister Barthou im rumänischen Parlament eine Rede hielt. Es gehört dies zu den außergewöhnlichen Ereignissen, da der Bürger eines fremden Staates von der Parlamentstribüne herab nicht sprechen kann. Die Konstitutionsschwierigkeiten wurden dadurch beseitigt, daß man Barthou zum rumänischen Ehrenbürger ernannte. An der Parlamentssitzung nahmen ausnahmslos alle Abgeordneten und Senatoren teil. Sämtliche Reden, welche gehalten wurden, klangen in den Ruf nach weiterer enger Freundschaft und Solidarität zu Frankreich aus. Unter den Rednern befand sich auch der berüchtigte Antisemitenführer Professor Cuza, der den Minister Barthou als Führer des nationalistischen und christlichen Frankreich, begrüßte. In seiner Antwortrede betonte Barthou, daß er bereits 45 Jahre ohne Unterbrechung Mitglied des französischen Parlamcnrs sei und noch nie so ergriffen gewesen sei, wie vor den Vertretern des rumänischen Volkes. Zum Schluß wendete er sich mit seinem Blick direkt an Cuza und erklärte: „Ich bin ein nationaler Mann und Christ. Als nationaler Mann fordere ich die Achtung der Gesetze, welche die nationalen Rechte schützen, aber ich fordere auch, daß die Rechte aller unterdrückten Völker beachtet werden. Als Christ und Katholik fordere ich die Achtung der Rechte aller religiösen Gemeinschaften." Barthou gegen Cuzas national-chauvinistische Haltung gerichteten Worte machten auf das Haus tiefen Eindruck. Eine unerledigte Frage Die ost err ei da isdien Juden und die „Vaterländische Front" Es wurde in diesem Blatte wiederholt darauf hingewiesen, daß zwischen der an die gesamte Bevölkerung Oesterreichs — also auch an die Juden — gerichteten Aufforderung zum Beitritte zur „Vaterländischen Front" und bestimmten Auslassungen mancher offiziellen Stellen dieser Organisation ein unhaltbarer Gegensatz besteht. Vor einigen Wochen haben wir Vorstellung dagegen erhoben, daß im offiziellen Organ der „Vaterländischen Front", welches den gleichen Namen führt, eine Anpreisung der schändlichsten aller Pogrombücher „Protokolle der Weisen von Zion" zu finden war. Daß diese Vorstellung nicht den von beiden Teilen zu erwünschenden Erfolg gehabt hat, geht aus folgendem hervor: In dem Organ „Der Bauernbündler" des niederösterreichischen Bauernbundes, welcher unter Patronanz des Herrn Bundeskanzlers steht, findet in .Nummer 902 vom 6. Juni sich folgende Entschließung der „Vaterländischen Front", Bezirksleitung Melk: Eine interessante Entschließung Die hier versammelten Heimattreuen fordern energische Maßnahmen gegen das Ueberhandnehmen und die Ueberf remdung durch volksfremde Außenseiter auf allen Gebieten der Kultur (Presse, Hochschule, Rechtsvertretung, Aerzteschaft, Kunst), insbesondere aber die Ausbürgerung aller jener Juden, die seit 1918 das österreichische Heimatrecht erworben haben. Wir wollen das neue Oesterreich auf christlich-deutscher Grundlage aufbauen. Oestei'reich den Oesterreichern! 8. April 1934. .Vaterländische Front, Bezirk Melk, Glaninger. Förmlich als Einbegleitung zu dieBer „Entschlie- Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet* ßung" wird im Leitartikel auf der gleichen Seite ein Appell an die Nationalsozialisten gerichtet, mit den „Vaterländischen" Frieden zu schließen, weil nur so die „jüdische Gefahr" gemeinsam und erfolgreich bekämpft werden kann. Es heißt wörtlich: „Die Juden sind das Unglück . „ sagen andere. Viel Wahrheit ist darin. Aber sind diese Parasiten auszuschalten, wenn wir selbst raufen und uneinig sind?.' Anm. d. Red.: Im Original fett gedruckt.) Wenn wir eine miserable Taktik anwenden? Das „Wiener-Neustädter Volksblatt" vom 17. Juni, Nr. 121, bringt unter der Aufschrift „Eine ernste Mahnung" eine Verlautbarung der Propaganda- Max Baer der neue Weltmeister in dem wundervollen Monumentalfilm |g\ Per Boxer und die Dame mit Myrna Loy und Primo Camera Regie: W. S. Van Dyke Schweden-Kino Vorstellungen: 5, ^8, '/410 Uhr, Telephon A-49-0-60 Judenstaatspartei Mittwoch, 27. Juni 1934, 7,9 Uhr, Festsaal des Hotel Continental Herzl Gedenkfeier Gedenkrede: °b%b„BÄer. Stricker Mitwirkend: Wiener Jüdischer Gesangsverein (Leitung Kapellmeister Israel Brandmann); Kammermusik-Trio Prof. Holländer; Jakob Feldhammer: Rezitationen aus Werken Th. Herzls und Max Nordaus/ Moscheh Licht' mann (Tenor). Hebräische Lieder, am Klavier Walter Pisk; Künstlerisches Arrangement: Jüdische Kulturstelle (Kunststelle) Karten ä S 1.— und S 2.— Vorverkaufsstellen: „Die Neue Welt", IX., Universitätsstraße 8, Tel. A-20-2-78; Frau Paula Stricker, II., Hollandstraße 10, Tel. A-48-1-89 und Abendkassa. leitung der Vaterländischen Front", in welcher es heißt: „Wie wir erfahren, wurde durch die Grundverkehrs-Kommission der Verkauf des der Gemeinde Mönichkirchen gehörigen sogenannten „Grenzhofes" an den aus der Creditanstalt-Affäre bekannten ehemaligen Oberprokuristen Scharz bewilligt. Es ist damit neuerlich ein ehemaliger Bauernhof in volksfremden Besitz übergegangen. Wie aus Band 14 des „Statistischen Handbuches für die Republik Oesterreich" zu entnehmen ist, befinden sich derzeit zirka 123.500 Joch Wirtschaftsgrund in volksfremden Händen; außerdem sind zirka 20.000 Joch als Pachtgrund in jüdischem Großgrundbesitz. Diesem Handbuche kann man auch entnehmen, daß es in Oesterreich jüdische Großgrundbesitzer gibt, die weit über 30.000 Joch haben . . . Ungefähr 18.000 bis 20.000 Kleinbauern, d. h. eine Volksmenge von rund 100.000 Menschen könnte auf diesem Boden selbständig leben, ihre Existenz haben und für Volk und Staat schaffen! Die Gesetzgebung hat bekanntlich nach dem Kriege zum Schutze der bäuerlichen Interessen das Grundverkehrs-Gesetz geschaffen, das jedoch, wie die obige Aufstellung zeigt, nicht genügt hat. Immer mehr und mehr des heimattreuen bäuerlichen Besitzes kommt in fremde Hände. Wenn man weiters, z. B. aus der Bergbauern-Hilfsaktion, erfährt, daß in manchen Bezirken gleich ganze bäuerliche Gemeinden an einen einzigen jüdischen Geldgeber verschuldet sind, wenn man sich den enormen Andrang volksfremder Elemente zu gewissen Berufen vor Augen hält, wird man es berechtigt und begreiflich finden, daß sich in allen Schichten der Bevölkerung Oesterreichs, vor allem auch bei der ländlichen Bevölkerung, ein Antisemitismus entwickelt, der unbedingt volle Beachtung finden muß , . t Unterschrift: „Fropagandaleitung der Vaterländischen Front,4* In dieser Erklärung wird nicht etwa nachgewiesen, daß die jüdischen Grundbesitzer den Boden schlechter bearbeiten, ihre Angestellten und Arbeiter schlechter behandeln und bezahlen als die deutsch-christlichen Grundbesitzer. Sie begnügt sich damit, den Juden als solchen das Recht auf Grundbesitz nehmen zu wollen. Damit ist ihr Charakter eindeutig bestimmt. Es ist gewiß nicht nötig und zweckmäßig, jeden antisemitischen Ausfall irgend eines Blattes oder Politikers an die große Glocke zu hängen. Aber hier handelt es sich um offizielle Kundmachungen der „Vaterländischen Front", also jener Organisation, welche zufolge von feierlichen Beschlüssen der Regierung einzige Trägerin des österreichischen Staatsgedankens sein und alle österreichischen Staats« bürger umfassen soll. Wie kann unter solchen Umständen ein jüdischer