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Die neue Welt · 1934-06-19 · Heft 374 (19.6.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 374 (19.6.1934)
Date
1934-06-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 374 DIE NEUE WELT Seite S Sonderbare Erziehungsmethoden in Palästina Wir erhalten von einem langjährigen Mitarbeiter und Freund aus Graz folgenden Bericht: Kleine Ursache — große Wirkung Das gilt von einem Vortrag des Herrn Jenö Weiß aus Erez Israel in der Zionistischen Ortsgruppe Graz. Er sprach Uber die palästinensische Erziehungsanstalt „Kinderdorf Ben Schemen". Einige Andeutungen des Redners veranlaßten mehrere durchaus nicht orthodox eingestellte Zuhörer zu der Frage, ob denn Ferien - Sonderfahrt nach POLEN und czernowitz am 8. Juli. Aulenth. 4 und 8 Wochen Paßbegünstigung auch für poln. Staatsangehörige Auskünfte: Reisedienst „Czernowitzer Allgem. Zeltung", Wien I, Schulerstraße 1 (Stadtbüro „Der Tag '), Telephon R-21-6-78 Reisebüro „IRUT". I, Karlsplatz 1, Telephon U-44-5-79 die religiöse Erziehung aus dieser „Mustererziehungsfarm" überhaupt verbannt sei. Hier die Antwort, die der Referent gab: Die religiösen Feste, vor allem Pessach, sind zu einer Farce geworden, deshalb — weg mit ihnen! Die Jugend wird in Ben Schemen nicht antireligiös (religionsfeindlich) erzogen, sondern nur areligiös (religionslos). Sie liest wohl die Bibel, aber nur als einen Teil des jüdischen Schrifttums (also etwa wie deutsch-christliche Kinder die germanischen Göttersagen lesen). Kinder aus Kfar Jeladim (eine andere Erziehungsfarm, wo die Kinder religiös erzogen werden) haben sich als hinterhältig und mit nicht ganz reiner Phantasie ausgestattet erwiesen. (Wohl wegen ihrer religiösen Erziehung!) Hingegen, sagte der Referent, zeichnen sich die Zöglinge Ben Schemens durch Wahrheitsliebe aus. (Kein Wunder, bei solch objektiver, freireligiöser Führung.) Der Referent hob besonders hervor, daß den Zöglingen Ben Schemens der Besuch des nächstliegenden Gotteshauses am Jörn Kippur freigestellt wurde (für die 500 Seelen Ben Schemens selbst ist ein Bethaus nicht vonnöten). Unter den Zöglingen befinden sich auch solche von 13 bis 18 Jahren. Aber, erklärte Herr Weiß, nicht ein einziger Zögling macht von dieser Erlaubnis Gebrauch. Das berichtete Herr Weiß unter fröhlichem Lachen einer gewissen, angeblich „nicht link s" orientierten Grazer Jugend. Eine Heiterkeit, die wohl das Traurigste dieses Abends war. Pessach, berichtete er, wird nur am letzten Tag gefeiert, also reduziert und natürlich „verbessert". So werden die, überlieferten vier Fragen nicht in der jetzt eine Farce bildenden alten, unmodernen Form gestellt, sondern ein Kind fragt z. B.: Wann wird die soziale Ungerechtigkeit aufhören? Woher wissen die in einer Umwelt „sozialer Gerechtigkeit" aufwachsenden klugen Kinder Ben Schemens von solch garstigen Dingen? Warum wissen sie nichts vom wahren Wesen des Nationalfonds, des Keren Kajemeth, dessen herrlicher sozialer Grundgedanke auf einem religiösen Gebote, auf der Thora beruht? Warum wissen sie nicht, daß sie den Ruhetag des Schabbath einem nicht minder herrlichen Gebote dieser Thora verdanken und nicht Karl Marx? Versteht man nun endlich nach diesem Vortrage auch in Graz die Befürchtungen aller jener, welche die Bedeutung unserer religiösen Ueberlieferung für den Bestand unseres Volkstums erkennen, welche befürchten, daß die Opfer für den Keren Kajemeth der Heranzüchtung destruktiver Tendenzen dienen könnten? Wenn ein an sich wertvoller Mensch — Herr Weiß ist einer der besten von allen Grazern, die nach Palästina gingen — der Geistigkeit seiner Umwelt in solchem Maße erliegen konnte, wie sieht es erst in den Herzen jener aus, die mit sichtlicher Freude vernehmen, daß Ben Schemens goldene Jugend von einer Heiligung des Jörn Kippur, unseres größten Feiertages, ausnahmslos nichts wissen will. Auch das wurde offenbar dank der Offenherzigkeit des Herrn Weiß. Er sagte, das Gotteshaus sei nach Meinung dieser Jugend nur für die Alten da, die Jugend bedarf seiner nicht. Wir fügen hinzu: Es ist wohl auch für jene ein überflüssiges Residuum, welche diese Jugend (ver) führen. Klein mag es sein, dieses Kinderdorf, aber überall gibt es solche Ben Schemens, wo Poale-Zion, Hitachduth und die „Liga für das arbeitende Palästina" (die Tausende judenstaatlicher, revisionistischer und misrachistischer Arbeiter und Handwerker und ihre Gehilfen arbeiten wohl nicht?) das Zepter schwingen, überall, wo man areligiös ist, und von den Lehren des größten sozialen Gesetzgebers der Menschheit nichts wissen will. Aber doch wieder einer Religion dient: der Anbetung des roten Fetisch. Kleine Ursache — große Wirkung. Ein kleiner Vortrag über einen an sich nicht sehr bedeutenden Gegenstand. Aber er hat uns mit furchtbarer Eindringlichkeit gelehrt, daß, wie überall in der jüdischen Welt, auch in Graz Ordnung geschaffen werden muß. Reinliche Scheidung. Und es wird dafür gesorgt werden. Oskar Freudmann. Billige Sonderfahrten nach Polen Aufenthalt 4 bis 8 Wochen Poln. Verk. „Francopol" Paßbegünstigung für poln. Staatsangehörige Wien Iii, Kennweg 1, Telephon U-I6-4-90 ihnen 2756 Juden, nach Palästina gekommen. Weitere 289 Juden waren während des Februar als Einwanderer registriert worden, die bis dahin ohne Erlaubnis in Palästina gewohnt haben. 356 unter den Februar-Immigranten gehörten der Kapitalistenklasse an. Das Hakenkreuz der palästinensischen Polizei Aus J e ru s a 1 e m: Der Generalinspektor der palästinensischen Polizei befaßt sich in einem Kommunique" mit den Meldungen der hebräischen Zeitungen „Iton Mejuchad' und „Haarez", wonach eine Abteilung der Palästina-Polizei zum Dienst auf dem Messegelände zu Tel-Awiw in mit Hakenkreuzen geschmückten Helmen erschienen ist. Der Generalinspektor stellte fest, daß nur ein einziger Polizist ein Hakenkreuz am Helm trug. Als ein zweiter Polizist die Aufmerksamkeit auf das Abzeichen lenkte, wurde der Helm sofort entfernt und nicht wieder benützt. Der Generalinspektor bedauert trotzdem diesen Vorfall, den er als „im höchsten Grade geschmacklos" erachtet; er findet es beklagenswert, daß sich innerhalb der Palästina-Polizei derartiges ereignen konnte. In der von der Oesellschaft „El Hafiar' gemeinwirtschaftlichen Siedlung in neugegründeten // 3367 Juden kamen im März nach Palästina Aus Jerusalem: Nach Mitteilung der „Official Gazette" kamen im März 1934 unter insgesamt 3480 Einwanderern 3367 Juden nach Palästina. Unter den Juden waren 213. die als Touristen ins Land kamen und nachträglich die Bewilligung zu dauerndem Aufenthalt erhielten. 408 Juden gehören der Kapitalistenklasse an, jeder von ihnen brachte mindestens tausend Pfund mit sich. Der Zustrom neuen Kapitals beträgt demnach im März 1934 mindestens 408.000 Pfund. Im Februar 1934 waren 2789 Einwanderer, unter Mittwoch, den 20 Juni, 7a9 Uhr abends, im Judenstaatsheim, i, Werdertorgasse U Vortrag iiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiüiiiiiHiii Herr BmnO RabinOWÜZ (ehrenamtl. . österreichischer Vertreter der VI. Levante-Messe) spricht über Die Bedeutung und der Erfolg der VI. Levante-Messe Gäste willkommen! Kfar-Etzion"» Jerusalem sind einige Einheiten zu je 25 Dunam, auszuzahlen innerhalb 3 Jahren, zu vergeben. — Nähere Auskünfte erteilt: Ing* J- LASZKOWITZ Wien III, Landstr. Gürtel 19. Telephon B-52-3-58 Vom internationalen AntisemifemKongreß Au3 Prag: Wie die J. T. A. bereits mitgeteilt hat, berief Julius Streicher, als Gauleiter von Franken Mitglied der bayrischen Regierung, einen Kongreß der völkischen Gruppen Europas nach Nürnberg ein. Auf dem Kongreß, der Mitte September zusammentreten soll, soll die Gründung einer antisemitischen Internationale erfolgen. Wie nun aus Nürnberg gemeldet wird, stoßen die Vorbereitungen zum Kongreß auf Schwierigkeiten, da die großen faschistischen Organisationen des Auslandes die Beteiligung ablehnen. Italien wird auf dem Streicher - Kongreß nicht vertreten sein. Desgleichen sind von den englischen Faschisten Oswald Mosleys und von den unter Führung von Mussert stehenden holländischen Nationalsozialisten Absagen in Nürnberg eingelangt. Aus England werden nur Delegierte der zahlenmäßig bedeutungslosen faschistischen Union auf dem Kongreß erscheinen, zu dem auch Vertreter der Clausenschen Gruppe dänischer Nationalsozialisten, der polnischen Gruppe junger National* demokraten und der rumänischen Eisernen Garde erwartet werden. Der Kongreß, dem Streicher persönlich präsidieren wird, soll einheitliche Richtlinien zur Bekämpfung des Judentums in allen Ländern aufstellen. Die Reichsregierung ist an der Veranstaltung des Kongresses offiziell nicht beteiligt. Man nimmt aber wohl mit Recht an, daß Streicher sich der Zustimmung der maßgebenden Berliner Kreise zu seinem Unternehmen versichert hat. Verband jüdischer Ingenieure und Techniker für den Aufbau Palästinas. Vortrag des Herrn Adolf Böhm über „Die Wirtschaftsstruktur Palästinas". Donnerstag, den 21. Juni 193 4, um 8 Uhr abends im Cafe- „Excelsior", I., Rotenturmstraße 24. Max Baer/ der neue Box? Weltmeister Am 15. Juni wurde in New York die Weltmeisterschaft im Box-Schwergewicht zwischen dem Titelhalter Primo C a r n e r a und seinem Herausforderer Max B a e r vor mehr als 60.000 Zuschauern ausgetragen. Max Baer, der vor einem Jahre den früheren Titelhalter, den Deutschen Max Schmelin g, durch einen dramatischen Knock out besiegte, hat nun den jetzigen Weltmeister Camera, den berühmten Boerriesen, der regulär noch nie k. o. war, in der elften Runde durch technischen k. o. gestoppt. Baer ist damit Weltmeister im Schwergewicht und Champion aller Kategorien geworden. Die Wetten standen für Camera, Baers Sieg. kam überraschend, er gilt aber für uneingeschränkt vollwertig. Als Max Baers Sieg verkündet wurde, spielten sich am und im Ring tui'bulente Szenen ab. Die Zuschauer waren nicht zu beruhigen, sie drangen in den Ring, jeder wollte dem neuen Champion die Hand drücken. Max Baer wurde am 11. Februar 1909 in Omaha (Nebraska) als Sohn eines aus Deutschland eingewanderten jüdischen Farmers geboren. Er hat jederzeit sein Judentum stolz betont. Gelegentlich seines Sieges über Max S c h m e 1 i n g, den er kurz nach dem Durchbruch Hitlers in Deutschland erfocht, gab er der Presse gegenüber seiner Genugtuung Ausdruck, daß ein ü«de« der im heutigen DeuUeblaöd als inferior behandelt wird, seine Tüchtigkeit gegenüber einem Deutschen bewies. Max Baer schlug zunächst den Beruf seines Vaters ein und wurde Viehzüchter, später ging er nach Oakland, wurde dort Automechaniker und Ingenieur, um sich bald darauf dem Boxsport zu widmen. Sein großer Aufstieg begann 1932, da er King Lewinsky, ebenfalls einen Juden, schlug. Berühmt wurde er erst nach seinem Sieg über Schmeling. Durch Baers Sieg ist neuerdings der Weltmeistertitel an einen Juden gefallen. Zuletzt waren Jackie Brown Meister im Fliegengewicht, Barney Roß Meister im Leicht- und Weltergewicht und Maxie Rosenbloom Meister im Halbschwergewicht. Auch der jetzige Weltmeister im Weltergewicht ist Jude. Baer ist der erste jüdische Weltmeister aller Kategorien. * Sport und Körperkultur sind bei den Juden von altersher geschätzt. In der Bibel wird der Taten des Recken Gideon, des gewandten David, des athletischen Simson und vieler anderer gedacht. Josephus Flavius übermittelt, daß im Heer Alexanders des Großen ein Jude der beste Schütze und daß Juda ben Jehonsadab einer der hervqrragendsten Springer seiner Zeit war. Selbst unter den Gelehrten der Talmud-Zeit findet sich ein ehemaliger Gladiator: Simon ben Lakisch. Die Geschichte der Juden in Persien ist voll Episoden kühner Helden im Sportkampf. Der christlichen Umwelt war die militärisch-sportliche Betätigung der Juden nicht immer sympathisch: Rudolf II. verbot ausdrücklich den Juden Prags, die ebenso wie die von Worms als wehrhaft galten, Fechtunterricht zu erteilen. „Ott, der tauffte Jud", der 1509 Meisterringer Oesterreichs war, schied, um seinen Titel behalten zu können, aus der jüdischen Gemeinschaft aus. Eine systematische Beteiligung der Juden am Sportleben setzt erst in der Neuzeit ein. Bereits 1769 wird ein hervorragender jüdischer Boxer Lyons in England genannt. Nicht lange darauf tritt im Boxsport Daniel Mendo za hervor, der Mann, der das Boxen nach gewissen Regeln und mit Handschuhen erst populär gemacht hat. Mendoza war der erste Champion von England, ein Schwergewichtler, dessen Kämpfe um 1790 die Aufmerksamkeit der ganzen Oeffentlichkeit auf sich zogen. Nach ihm sind zahlreiche Juden Meister des Boxsports geworden. Im 20. Jahrhundert wächst die Zahl der jüdischen Boxer*gewaltig. Die Weltmeisterschaft haben eine Reihe von Juden errungen, unter ihnen Battling L evinsky, Busly, Graham, Ruby Goldstein, Phil Kaplan. Den Prüfstein sportlichen Könnens bildet für Amateure der Sieg bei den Olympischen Spielen. Hier konnte der vielfache englische Meister Harold M. Abrahams (1924) Sieger im Laufen über 100 Meter werden. Im Fechten brachte Dr. Fuchs (Ungarn) mehrfach (1908 und 1912) den 1. Preis von den Olympischen Spielen nach Hause. Die Siegerin im Damenfechten auf der Amsterdamer Olympiade, Helene Mayer, hat einen jüdischen Vater. Weltmeister im Ringen waren lange Zeit Zbysko und Stanislaus Cyganiewicz, die ebenso wie der bekannte stärkste Mann seiner Zeit, Breitbart, das Märchen von der körperlichen Minderwertigkeit der Juden Lügen straften. Im Tennisspiel genießen die Franzosen Suzanne L e n g 1 e n und Lacoste und der galizische Jude Daniel Prenn internationalen Ruf. Im Fußball war die bekannte Mannschaft der Hakoah (Wien), jahrelang erste Klasse, vorübergehend auch Wiener Meister. Als erster Sieger bei einem Turnfest der Deutschen Turnerschaft in Hamburg 1898 wurde Alfred Platow aus Berlin ausgezeichnet. Auch im Flugsport beteiligten sich Juden schon frühzeitig. Von den Aviatikern der Vorkriegszeit sind zu nennen der bekannte Erfinder der Albatros-Flugzeuge, Wiener, der neben dem Juden Rumpier einer der erfolgreichsten Konstrukteure Deutschlands war. In der Nachkriegszeit ist Robert Kronfeld (Wien) im Segelf lug unerreicht, der 1930 in Paris von der russischen Jüdin Lena Bernstein erreichte Dauerweltflugrekord erregte großes Aufsehen. Im Schwimm- und im Skisport stellten besonders die österreichischen und die tschechischen Juden bekannte Preisträger. Auch in der Alpinistik haben sich die Juden mehrfach ausgezeichnet, eine Reihe Erstersteigungen u. a. in den Dolomiten wurde von Judeen ausgeführt. Zahlreich sind die Erfolge von Juden im Golf- und Polospiel, in der Automobilistik und im Wassersport. Max Baer im Film Der neue Boxweltmeister hat vor seinem Kampf mit Camera in einem Film mitgewirkt, den die bekannte Metro-Goldwyn-Mayer-Firma unter dem Titel „Der Boxer und die Dame" hergestellt hat. Dieser Sensationsfilm wird demnächst in Wien, und zwar im Schweden-Kino, zu sehen sein. In Hitler-Deutschland wurde er verboten, da der Held Max Baer Jude ist und (als Bezwinger des deutschen Boxers Schmeling) „eine Gefahr für das nationalsozialistische Empfinden* bedeutet.

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