Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 374 (19.6.1934)
- Date
- 1934-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711952-2711997--4421-2717900- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3T4 Billige Ferienreisen nach BAI CIV1 Abreise ^■k r^WLEINI 1. u. 8.Juli Pnßerlelchterungen für polnische Staatsangehörige! aÄ, Büro Dr.S.Tocker VÄÄ'sJf außen genau so wie nach innen. Die innere Befriedung verlangt rasches Tempo. Die Juden Oesterreichs, die jüdischen Staatsbürger, geben all ihre moralischen, intellektuellen und administrativen Mittel für diese Auf gäbe her. Und sie blicken sehnsüchtigen Auges auf alle Bestrebungen, die einer inneren Befriedung dienen könnten. * Die Nazi wollen Verwirrung stiften, Unruhe erzeugen, den einen Bevölkerungsteil gegen den anderen mobilisieren. Mit dem beliebten Schlagwort gegen das „jüdische Element" in allen nur erdenklichen Varianten hantieren sie nach althergebrachtem, in Deutschland wieder „zu Ehren" gekommenem Muster. Aber es ist dies augenscheinlich nicht ihr Monopol. Es hat auch in österreichischen Kreisen, die der autoritären Führung nahestehen, Wohlgefallen und Billigung gefunden. Wir haben in unserem Blatt eine Reihe von Maßnahmen angeführt, die im „neuen" Oesterreich gegen die jüdischen Staatsbürger gedacht sind — Ausschaltung von treudienenden und qualitativ hochstehenden Menschen aus ihren (akademischen) Berufen wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum, zur jüdischen Volksgemeinschaft. Wir haben auch oft genug das Treiben einer gewissen Presse gekennzeichnet, die alltäglich oder allwöchentlich sich die jüdischen Staatsbürger zu Opfern niedriger, gehässiger, verleumderischer Angriffe erkoren hat; gerade einer Presse, deren nahes Verhältnis zur christlich-deutschen Führung dieses Staates zu Zurückhaltung, Verständnis, Takt und politischem Weitblick in Dingen der „Judenfrage" verpflichten sollte. Das „Wiener Montagblatt" zum Beispiel läßt keine Woche vergehen, ohne die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs in böswilligster Weise zu attackieren, sie als die „typischen Schädlinge" der braven „heimischen" Bevölkerung entgegenzustellen. So schreibt sie in ihrer Ausgabe vom 18. Juni über die gewiß traurige Erscheinung, daß in den Wiener Versteigerungssälen sich eine Clique von Lizitationshyäncn herumtreibt, die den armseligen Kram zugrunde gegangener Menschen durch gewissenlose Manipulationen an sich bringt und mit großem Nutzen gleich weiterverkauft. Das Blatt behauptet, daß dieser Ring von Lizitationshyänen ausschließlich aus Juden besteht, und verlangt ein Einschreiten der Behörden, Weiter heißt es — und gerade diese Behauptung wollen wir ein wenig unter die Lupe nehmen — über diese Erscheinung: „Merkwürdigerweise sind diese Hyänen auch früher und besser als alle anderen Leute unterrichtet, was zur Versteigerung kommt. Bevor noch die amtliche Ausschreibung erfolgt, wissen diese Juden schon, was versteigert werden wird, welche Mengen usw., bevor noch die allgemeine Besichtigung beginnt, wissen schon, wie die Qualität ist, wie die Ausrufpreise sind usw. Wieso das möglich ist, darüber wird gemunkelt und augengezwinkert, aber »nichts Bestimmtes weiß man nicht'.'* Das bedeutet nicht weniger als eine schwere Korruptionsbeschuldigung gegen die ausschließlich christlichen Beamten der Versteigerungssäle und des Exekutionsgerichtes, gegen Personen also, gegen die es nichts Gravierenderes gibt als den Vorwurf des Amtsmißbrauches. Allerdings ist das Blatt hier ein wenig diskreter. Es spricht bloß von Munkeln und Augenzwinkern . . . * Gerade die nationalen Juden, die österreichischen Staatsbürger, die sich zu ihrem Volkstum bekennen und sich einer „Judenfrage" bewußt sind, empfinden das Bedürfnis nach einer inneren Befriedung, nach einer patriotisch fundierten Zielsetzung für das Gedeihen Oesterreichs besonders intensiv. Sie fühlen aber auch ebenso intensiv, daß der Staat, in dessen Mitte sie mittätig in Pflicht und Recht leben, die Grundsätze der Sittlichkeit zur Richtschnur seines politischen Hardelns machen, sich die Zusammenordnung der Menschen in Gesellschaft und Gemeinschaft zur Aufgabe stellen muß. Die Judenfrage wird jetzt vornehmlich „in christlichen Kreisen" mit tiefer Aufmerksamkeit betrachtet und behandelt. Der Zufall bringt es mit sich, daß in der letzten Nummer der in Wien erscheinenden ökonomischen Revue „Der österreichische Volkswirt" ein christlich-deutscher Autor, A. C. Rudolf Brendel, die christlich-deutsche Auffassung der Judenfrage im christlichen Staat behandelt. „Der christliche Staat", schreibt Brendel, „hat seil'..; Autorität von Gott; daraus erwächst ihm die Ve "antwortung für alle seine Bürger, für alle in ihm lebenden Gruppen der Bevölkerung, well sie , all,s Gotteskinder sind, mögen sie es nun wahr haben wollen oder nicht. Auch die Judenfrage kann daher nur als die Aufgabe der Einordnung des Judentums und des einzelnen Juden in das gesellschaftliche Ganze verstanden werden, soll nicht die Anrufung de« Christentums bloß einen rein diesseitig-politischen Sinn haben." Eine schärfere Absage an die hakenkreuzlerische Weltanschauung seitens eines christlich-deutschen Oedterreichers ist wohl kaum denkbar! Aber ziehen die Bekenner dieser Ethik die praktischen Konsequenzen daraus? Die Erfahrungen der jüdischen Staatsbürger sprechen dagegen. Mit einer bloß theoretischen Anerkennung der Judenfrage ist niemandem gedient. O. T. Konflikt in der Wiener Judengemeinde Im Verlaufe eines Streites um Zuteilung eines Mandats im Vertreterkollegium, dem geschäftsführenden engeren Ausschusse der Gemeinde, hat der antizionistische Klub der „Union österreichischer Juden" seine Mitglieder aus dem Vertreterkolleglum und allen Kommissionen, das heißt von jeder Mitarbeit zurückgezogen. Mit Berufung auf eine angeblich im Vorjahre abgeschlossene Vereinbarung forderte die „Union" ein Vertretermandat über den ihr zukommenden Proporz. Die Weigerung des zionistischen Majori tätsklubs diente dann als Vorwand zu obenerwähntem Schritte. Die Entfesselung eines nunmehr zu erwartenden Kampfes auf der ganzen Linie steht in keinem Verhältnisse zum Streitgegenstand, zu ei n e m Mandat, das an den Majoritätsverhältnissen im übrigen nichts ändert. Die wahre Ursache des Schrittes der „Union" tritt in dem Leitartikel ihres Organs „Die Wahrheit" zutage. Da heißt es zum Schlüsse: „ . . . Wir werden nicht ruhen, bevor nicht den Vertretern der assimilier ten, religiös und vaterländisch eingestellten Judenschaft jener Einfluß eingeräumt wird, der Ihnen gebührt." Die „Union" verträgt es eben nicht, als Minorität zielbewußte, sachliche Opposition zu treiben. Sie will wieder an die Macht und glaubt das durch Wiederaufnahme giftiger Anklagen gegen die Zionisten zu erreichen. Die Zionisten sollen wieder als Menschen ohne Religion, ohne Vaterlandstreue, ohne „Bodenständigkeit" hingestellt werden. Anders ist der Schlußsatz im Artikel der „Wahrheit" nicht zu deuten. Darum geht es augenscheinlich, und das verweigerte Vertretermandat scheint wirklich nur als Vorwand für einen tiefgehenden Kampf im österreicischen Judentum, den die „Union" jetzt neuerdings entfesseln will. Kardinal Kakowiki bleibt bei seinen An* »diuldigungen gegen die Juden Aus Warschau (J. T. A.): Die Katholisch* Presse-Agentur verbreitet ein offenbar vom Kardinal Kakowski selbst inspiriertes Kommuniqu6, in welchem das von der Jüdischen Telegraphen-Agentur verbreitete Kommunique" des Rabbinerverbandes in folgenden Punkten „berichtigt" wird: 1. In dem Kommunique der J. T. A. heißt es, der Besuch der Rabbiner beim Kardinal hatte zum Zwecke: „Appell der Geistlichkeit einer verfolgten Nation an den höchsten Geistlichen der herrschenden Nation". Dem ist Art. 95 der polnischen Verfassung entgegenzuhalten, wonach die polnische Republik „Leben, Freiheit und Vermögen aller ihrer Bürger ohne Unterschied der Nationalität, der Sprache, der Rasse oder der Religion" schützt. Die Erklärung der Rabbiner, daß die Juden eine verfolgte Nation sind, wird durch die polnische Wirklichkeit gründlich widerlegt. 2. Die Rabbiner erklären, sie hätten nicht erwartet, daß ihnen eine „politische Antwort" zuteil werden wird. Das Gegenteil ist wahr: Das Memorandum der Rabbiner, in welchem es heißt: „In Deutschland herrschen Barbaren und Götzendiener", war politisch; hingegen enthielt die Antwort, in der auf die jüdischen Attacken gegen christliche Religion und Moral hingewiesen wurde, nichts Politisches. 3. Es ist nicht richtig, daß die Katholische Telegraphen-Agentur den Text der Erklärung des Kardinals geändert hat; seine Eminenz der Kardinal hat Seine Antwort an die Rabbiner aus dem vorbereiteten Manuskript in Gegenwart des Direktors der Katholischen Presse-Agentur und anderer christlicher Geistlicher verlesen und den autorisierten Text der Agentur zur Veröffentlichung übergeben. Das Kommunique" schließt: „Es ist selbstverständlich, daß die Herren Rabbiner und ihre Glaubensgenossen mit der Erklärung Sr. Eminenz unzufrieden sind; leider; aber hat die traurige destruktive Tätigkeit gewisser jüdischer Faktoren eine andere Antwort nicht diktieren können. Das Martyrium der Frau Sima Arlosoroff In dem Prozesse um die Ermordung des zionistischen Arbeiterführers und Mitgliedes der obersten zionistischen Leitung Dr. Arlosoroff spielte seine Witwe, Frau Sima Arlosoroff, die wichtigste Rolle. Alle Beweise, welche die palästinensische Polizei und die ihr in die Hand arbeitende palästinensische Arbeiterpartei erbrachten, erwiesen sich als falsch. Lediglich auf die Aussagen dieser Frau, welche beim Morde anwesend war, konnte das Gericht sein ungeheuerliches Todesurteil gegen den Angeklagten Stäwsky stützen. Es war daher nur selbstverständlich, daß die Verteidigung und die in atemraubende Spannung versetzte Oeffentlichkeit dem Verhalten und den Aussagen dieser Frau besondere Aufmerksamkeit erwies. Galt es doch, junge jüdische Menschen vor dem Galgen und das jüdische Volk vor Schmach zu schützen. Viel wurde über Frau Sima Arlosoroff gesprochen und geschrieben. Und diesen Umstand benützt nun eine den angeklagten Zionisten mißgünstige zionistische Presse, um ein Martyrium der Frau Sima Arlosoroff zu konstruieren. So schreibt die Prager „Selbstwehr". „Es liegt kein Grund vor, anzunehmen, daß dieses höchste palästinensische Gericht nicht etwa unbeeinflußt und nicht nach bestem Wissen und Gewissen geurteilt hätte. Und es liegt noch weniger Grund vor, anzunehmen, daß die Kronzeugin Frau Sima Arlosoroff, auf deren Aussage sich das Urteil zu einem wesentlichen Teile stützt, bei einer solchen Beschuldigung sich nicht vollkommen ihrer ungeheuren Verantwortung bewußt gewesen wäre .. . (Die Art, wie die Presse gegen diese schwergeprüfte Frau, die für uns in erster Reihe die Frau unseres Führers Arlosoroff ist, geschrieben hat, ist wohl eines der traurigsten Kapitel dieses grauenvollen Falles.") Angesichts solcher Behauptungen ist es notwendig, die Rolle der Frau Arlosoroff in Erinnerung zu rufen. 1. Frau Arlosoroff hat unmittelbar nach dem Morde der Polizei gegenüber Araber als Täter bezeichnet. Später hat sie mit der gleichen Sicherheit von Juden als Tätern gesprochen. 2. Sie hat dann Juden mit hundertprozentiger Sichei'heit als Mörder ihres Mannes bezeichnet. Als sich ihre Aussagen als falsch erwiesen, hat sie ihre Behauptung zurückgezogen und dann erst, mit ebenso hundertprozentiger Sicherheit, die Angeklagten Rosenblatt und S t a w s k y der Tat beschuldigt. 3. Frau Arlosoroff hat beschworen, daß sie neben ihrem Manne ging, daß er von vorne beleuchtet und angeschossen wurde. Die Sachverständigen des Gerichtes haben festgestellt, daß Dr. Arlosoroff in die Seite geschossen wurde, in jene Seite, an welcher Frau Arlosoroff, ihrer Darstellung nach, ging oder stand. 4. Frau Arlosoroff hat beharrlich in Abrede gestellt, von einem in ihres Mannes oder ihrem Besitze befindlichen Revolver etwas zu wissen. Im Zuge der Untersuchung ergab sich, daß sie sechs Monate nach dem Morde einen Revolver, den sie als den ihres Mannes bezeichnete, dem engeren Parteifreund ihres Mannes und Mitglied der Exekutive Shertok zur Aufbewahrung f übergeben hatte. i Das sind die markantesten Fälle in der Reihe der [ Aussagen der Frau Arlosoroff. Es ist notwendig, fest- , zustellen, daß sie diese Aussagen nicht etwa nur in der . ersten Aufregung gemacht hat. Trotz aller gegensätzlichen Vorhalte von Seiten der Sachverständigen hat sie die für die Beschuldigten tödlichen Anklagen aufrechterhalten. Bis zum Galgen hat sie ihre fürchterliche Be- I schuldigung gegen zwei junge Juden getragen. Sind dies Handlungen einer schwergeprüften jüdischen Frau, die — wie die „Seibatwehr" behauptet — sich der „ungeheuren Verantwortung bewußt ist? — Nein! So handelt keine jüdische Frau, die ihr Gewissen prüft. Es kann nicht schweigend hingenommen werden, daß um Frau Sima Arlosoroff ein Martyrium gedichtet und die jüdische Oeffentlichkeit mit diesem Martyrium belastet wird. Das Martyrium ist anderswo zu finden. Der Prozeß de§ Brith Habirjonim Nachspiel zum Mordprozeß Arlosoroff Jerusalem, 14. Mai. Im Verlaufe der Voruntersuchung zum Arlosoroff- Mordprozeß wurden 14 Teilnehmer einer revisionistischen Beratung verhaftet. Sieben wurden nach Beendigung des Vorverfahrens freigelassen, gegen die anderen sieben, an der Spitze Aba Achi-Meir und Dr. Jewin, wurde die Anklage wegen „Geheimbündelei" erhoben. Die Anklage spricht von einer revolutionären Geheimorganisation namens „Brith Habirjonim", die den Zweck habe* eine Verschwörung gegen die Palästina-Regierung anzuzetteln. Es handelt sich dem englisch-arabischen Gericht darum, vor der Oeffentlichkeit darzutun, daß Teile der zionistischen Jugend Palästinas schon durch ihre ideologische Einstellung die Ruhe des Landes gefährden. Im Zusammenhang mit dem Urteil gegen S t a w e k y kommt dem Prozeß besondere politische Bedeutung zu. Der Prozeß vor dem Jaffaer Distriktsgericht hat am 12. Juni begonnen. Der erste Zeuge, Polizei-Inspektor Tenenbaum aus Jerusalem, sagte aus, daß er im Hause des Führers der Jerusalemer Revisionisten, A w n i e 1 i, Briefe gefunden habe, die auf eine bestehende Verschwörung hinweisen. (Auf diese Briefe und die Aussage Tenenbaums stützt sich hauptsächlich die Anklage. Tenenbaum ist jener jüdische Polizeibeamte, der, wie aus dem Arlosoroff-Prozeß hervorging, den zum Tode verurteilten Abraham Stawsky während der Untersuchung im Gefänignis prügelte. Anm. d. Red.) Polizeisergeant Arichi gab als Sachverständiger eine Analyse der polltischen Richtungen im Zionismus. Der gewesene Revisionist G u t k i n d erklärte, daß der Brith Habirjonim als Organisation in der Form jüdischer Legionen gedacht sei. Polizei-Inspektor G o f f e r sagte aus, daß lin Briefen von Revisionisten an Achi-Meir von zu bringenden „Opfern" die Rede sei. Der Student Schlang erzählte, Achi-Meir habe bei einer revisionistischen Versammlung in Haifa an die Jugend appelliert» in ihrem Kampf die Methoden der deutschen NatI»« naliatea nachzuahmen,