Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 374 (19.6.1934)
- Date
- 1934-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 10 Groschen Jahrgang 8 Dienstag/ den 19« Juni 1934 186 Titl. Universitätsbibliothek Wien, 1. Polen monatlich Zloty 2.—.vierteljährig Zloty 6.— - vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Bulgarien monatlich Lewa 40.-, vierteljährig ider monatlich Schweizer Francs 1.50, viertel- HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion U.Verwaltung: IX,UniversHätsstr. 8, lel A-20-2-78 — ErscheintDienstag und f reit ag REVUE Araber auf der Jagd auf Juden Arabische Räuber als Helfer der britischen Palästina-Polizei Aus Jerusalem wird uns gemeldet: Unter den Arabern setzte in der letzten Zeit eine starke Bewegung dafür ein, der Polizei bei der Ergreifung und Verfolgung sogenannter „illegaler" jüdischer Einwanderer behilflich zu sein. Im Verlauf der letzten Woche wurde die arabische Jugend für den Zweck mobilisiert, alle Landungsstellen am Meer und alle Grenzen zu bewachen und der Polizei jeden Fall zu melden, wo Boote mit Einwanderern oder Gruppen von Juden bemerkt werden, welche über die Grenze ins Land einziehen woUen. Die Verfolgung der „illegalen" jüdischen Einwanderer hat in den letzten zwei Wochen einen ernsten Charakter angenommen. Mehr als 100 Juden wurden verhaftet, darunter 40 Personen, die man auf einem kleinen Fischerboot neben Jaffa Tag und Nacht festhielt. Die Araber, welche die Juden festhielten, haben deren Gepäck geraubt, die Opfer mit Stöcken bearbeitet und einige von ihnen durch Messerstiche verwundet. ' Mit Rücksicht auf diese Vorfälle sprachen Mitglieder der zionistischen Exekutive beim neuen Einwanderungsdirektor E. Mills (Wir haben ihn schon vor Jahren als Antisemiten bezeichnet. Anm. d. Red.) vor und hatten mit ihm eine längere Unterredung betreffs Einwanderungsfragen, die dringend eine Antwort erheischen. Sie suchten auch Herrn Edwin Samuel, den Gehilfen des Immigrationsdirektors (Sohn Herbert Samuels) zu dem gleichen Zwecke auf. Mantfe§t des gesamten Rabbinats für Stawsky Aus Jerusalem wird gemeldet: Der aschkenasische Oberrabbiner Kook, der sephardische Oberrabbiner Jacob M e i r, das palästinensische Rabbinat als solches und zahlreiche prominente Rabbiner des Landes haben nachstehendes Manifest erlassen: „Wir Unterzeichneten halten es für unsere Pflicht, Im Hinblick auf die große Gefahr, daß in Jerusalem, wenn wir nicht geschlossen im Namen des heiligen Geistes der Gerechtigkeit und Ehre uns erheben, unschuldiges Blut vergossen werden könnte, die Herzen ganz Israels und der ganzen rechtlich gesinnten Menschheit zur Verteidigung dieses unschuldigen Lebens aufzurütteln. Wir alle bezeugen in der tiefen Sicherheit unseres reinen Gewissens vor Gott und Mensohen, daß Abraham Stavsky an der Ermordung Dr. Arlosoroffs völlig unschuldig ist. Das Urteil gründet sich auf äußerst schwache Indizien, und es ist nur Einflüssen von außen zuzuschreiben, daß ein Teil des Gerichts sich bereit fand, diese Indizien anzuerkennen. Die uns in allen ihren Aspekten bekannte absolute Wahrheit lag in diesem Falle bei der Minderheit, d i e gegen das Urteil stimmte, weil sie in ihm einen Spruch sah, durch den unschuldiges Blut vergossen werden soll. Wir dürfen nicht schweigen. Alle diejenigen, in deren Herzen ein Funke göttlichen Geistes glüht, Juden wie Nichtjuden, bindet die Pflicht, gegen diese schreckliche Sünde zu protestieren und alles, was in ihrer Macht steht, zu tun, um diesen Justizmord zu verhüten und das Opiter, den schuldlosen Abraham Stavsky, zu retten, auf daß ihm unverzüglich seine Ehre und seine Freiheit wiedergegeben werden." * Aus W i e n: In einer von der Judenstaatspartei, den Revisionisten und dem Misrachi einberufenen Massen- Protestversammlung gegen das gegen Stavsky gefällte Todesurteil, in der Oberbaurat Stricker der Hauptredner war, wurde ein Schreiben des Oberrabbiners von Wien Dr. Feuchtwang verlesen, in dem der Oberrabbiner erklärt, er habe in Uebereinstimrnung mit den palästinensischen Rabbinern Kook, Aronson und Uziel die Empfindung, daß eine nähere Untersuchung die Unschuld aller drei im Arlosoröff-Mordprozeß Angeklagten an den Tag bringen werde. Verstärkte Boykottbewegung in Amerika Sir Robert Mond aus London, Ehrenpräsident der World Jewish Economic Federation, die den Weltboykott gegen Nazi-Deutschland leitet, gab in New York folgende Erklärung ab: Die Lage der Nazi-Regierung, die kolossale Summen für Propaganda in allen Ländern ausgibt und darum ihre Schulden nicht zahlen kann, hat sich infolge der Boykottbewegung noch verschlechtert. Dies solle die Boykottarbeit ermutigen. Hauptaufgabe des Boykotts müsse es sein, die Handelskanäle aus Deutschland auf andere Länder überzuleiten. In England steht die gesamte Arbeiterbewegung hinter dem Boykott. Die Lage der Juden in Deutschland ist heute eine solche, daß der Boykott der ausländischen Juden sie gar nicht mehr schlimmer gestalten könne. Wie seitens des American Jewish Congress mitgeteilt wird, wird vom 22. bis 27. Oktober d .J. im Grand Central Palace zu New York eine vom Kongreß angeregte*internationale Handelsmesse stattfinden, die ein Führer durch die Erzeugnisse der Industrie Amerikas und aller anderen Länder, mit Ausnahme Deutschlands, sein wird. Besucher der Messe werden die Ueberzeugung gewinnen, daß alle in Deutschland erzeugten Waren in Preis und Qualität durch ausländische Waren ersetzt, ja überboten werden können. Die Messe wird von den Gewerkschaften und von Industrieführern in gleicher Weise gefördert. An der Spitze des Messe-Komitees steht der Ehrenpräsident des American Jewish Congress, Dr. Stephen S. W i s e. Dem Komitee gehört u. a. der Präsident der amerikanischen Gewerkschaf teil (American Federation of Labour), William Green, an. Man erwartet eine Besucherzahl von mindestens 350.000 Personen. * Aus London: „Daily Express" berichtet auf Grund der deutschen Presse entnommenen Tatsachen: Mehr als 70 Prozent des deutschen Exportrückganges für Spielwaren, Kleidung und Elektrotechnik sind auf die jüdische Weltpropaganda zurückzuführen. Am wirksamsten war der Boykott an der Qstftüstei Vereinigten Staaten, Fast alle führenden Waren- Und Postversandhäuser in den U. S .A. haben jetzt öffentlich angezeigt, daß sie nach Erschöpfung ihrer Vorräte künftig ihren Kunden keine Waren aus Deutschland anbieten werden. Auch Südafrika unterwirf t4 sich der jüdischen Propaganda. In Kanada ist ein starker jüdischer Einfluß in den westlichen Provinzen zu verzeichnen. In Großbritannien macht sich der Boykott nicht so stark bemerkbar, aber in London Eastend haben alle jüdischen Warenhäuser ihre Einfuhr aus Deutschland restlos eingestellt. * Wie der „Völkische Beobachter" aus Königsberg berichtet, hat der Reichsinnenmiinister Dr,. Frick dort in einer Beamtenversammlung erklärt, „daß der Boykott zurückginge und die Devisen schwänden, sei nicht die Schuld der nationalsozialistischen Regierung, sondern in der allgemeinen Wirtschaf tslage, dem Dumping der entwerteten ausländischen1 Währungen und in der Wühlarbeit des Weltjudentums begründet". Aus New York: Dick Voss von den vereinigten hitlerfreundlichen Gesellschaften New Yorks teilte auf dem in Cleveland tagenden Deutsch-Amerikanischen Kongreß mit, daß 50.000 Konsumenten und 2900 Betriebe sich dem DAWA (Deutsch-Amerikanischer Wirtschafts-Ausschuß), der einen antijüdischen Boykott in Amerika führt, angeschlossen haben. Die Bewegung, prophezeite er, werde sich auf die ganze Nation ausdehnen. Diese Ansprache hatte nicht den gewollten Erfolg. Der Kongreß nahm zwar eine Resolution an, in der die amerikanische Regierung aufgefordert wird, gegen Boykottpropaganda, von welcher Seite immer sie komme, einzuschreiten, er lehnte aber den Antrag des DAWA, wonach jeder Deutsch-Amerikaner aufgefordert wird,, Geschäfte zu meiden, die deutsche Waren nicht führen, ab. Der DAWA wurde nicht als eine zur Vertretung auf dem Kongreß berechtigte nationale Körperschaft akzeptiert. Das Hakenkreuz wurde aus den Emblemen des Kongresses ausgeschaltet. Infolgedessen hat der deutsche Botschafter Luther den Kongreß gemieden* Judenstaatspartei Mittwoch, 27. Juni 1934, V39 Uhr, Fettsaal des Hotel Continental Herzl Gedenkfeier Gedenkrede: °be?»aÄer« Stricker Mitwirkend: Wiener Jüdischer Gesangsverein (Leitung Kapellmeister Israel Brandmann); Kammermusik-Trio Prof. Holländer/ Jakob Feldhammer: Rezitationen aus Werken Th. Herzfs und Max Nordaus, Möschen Lichtmann (Tenor). Hebräische Lieder, am Klavier Walter Pisk; Künstlerisches Arrangement: Jüdische Kulturstelle (Kunststelle) Vorverkaufsstelien: „Die Neue Welt", IX., Universitätsstraße 8, Tel. A-20-2-78; Frau Paula Stricker, II., Hollandstraße 10, Tel. A-48-1-89. Chri§t1idi^deut§€ker §*aat und Juden Wien, 19. Juni. Die Unterhaltung zwischen dem deutschen und italienischen Regierungschef in Venedig hat auf allen Seiten Anlaß zu politischen Betrachtungen gegeben. Naturgemäß wurde insbesondere das deutsch-österreichische Verhältnis, das heißt die zwischen dem autoritär regierten chistlich-deutschen Bundesstaat und dem nationalistisch-diktatorischen Dritten Reich bestehende Spannung einer Analyse unterzogen. Die Weltpresse beschäftigt sich seit kurzer Zeit wieder mit den Terrorakten der Nazis gegen Oesterreichs innere Ruhe, gegen Oesterreichs Wirtschaftsaufbau, gegen Oesterreichs Kulturprestige, All diese Betrachtungen fallen zugunsten der österreichischen Staatsführung aus; sie gehen nämlich dahin, daß das, was heute wieder von einer Gruppe verbrecherischer Elemente auf österreichischem Boden in Szene gesetzt wird, seine politische, finanzielle und agitatorische Quelle in Hitler-Deutschland habe und daß daher Deutschlands Machthaber für sämtliche Exzesse des österreichischen Hakenkreuzes verantwortlich seien, Diese Feststellung ist wichtig, aber mit ihr allein kommt man nicht weiter. Man darf nicht vergessen, daß Oesterreich und Deutschland schon in ihrer Grundhaltung wesensverschieden sind. Der in Oesterreich verankerte christliche und Völkerbundgedanke findet im Dritten Reich schärfste Ablehnung. Hier allein schon ergeben sich — abgesehen von einer systematisch betriebenen Hetze gegen alles, was sich der Gleichschaltung widersetzt — nicht zu überbrückende Gegensätze. Daß sie nicht ausarten mögen, war seit jeher der Wunsch Oesterreichs. Ja mehr noch. Unzähligemal, zuletzt noch am gestrigen Sonntag, haben führende Persönlichkeiten die Möglichkeit einer Verständigung mit Hitler-Oeutschlana angedeutet. „Aber", so schreibt die „Neue Zürcher Zeitung", „die völkerrechtlichen Normen und die im Leben zwischen verschiedenen Staaten üblichen Gepflogenheiten wurden vom Dritten Reich gegenüber Oesterreich nicht anerkannt. Die Hinweise der österreichischen Regierung auf den Völkerbundpakt, den Friedensvertrag und den Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Verhältnisse fanden kein Echo, weil im Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten andere Grundsätze gelten sollten." Oesterreich wollte und will Befriedung naca Alle im. redaktionellen Teil befindlichen entgelt« licHeri Notizen sind durch «In beigefügtes S bezeichnet»