Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 373 (15.6.1934)
- Date
- 1934-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 373 DIB NEUE WELT Seite 3 1 liil ■JSSBSSfc fgi Ji Der Arlosoroff- Mordprozeß hat vielerlei palästinensische „Unregelmäßigkeiten" an den Tag gebracht: Die Unfähigkeit der englisch-arabischen Polizei; die Versuche der „Histadruth", einen bestimmten Kreis von Zionistcn terroristischer Akte zu beschuldigen; Prügelmethoden gegen Juden in den palästinensischen Gefängnissen. Aber daß die politische Verwaltung des Landes sich sogar der Justiz auf den Nacken setzt, da3 ist zweifellos eine Ucberraschung! Einige Tage nach der Ermordung Arlosoroffs erfuhr eine Frau Bucharow, daß der junge Mann, mit dem eie am Abend der Mordtat gesprochen hatte, verhaftet worden sei. Frau Bucharow hatte die Absicht, über ihre Begegnung mit dem Mann (der Angeklagte Abraham Stawsky) bei der Untersuchungsbehörde auszusagen, wagte e3 aber nicht, denn — sie hielt sich „i 11 e g a 1" im Lande auf und lief deswegen Gefahr, bei einer Aussage vor der Polizei entlarvt und eventuell aus dem Lande gejagt zu werden. Auf diese Weise wurde Stawsky einer wichtigen Entlastungszeugin beraubt. Da sieht man wieder, wie verderblich sich der von der Palästina-Regierung konstruierte Begriff einer „illegalen" jüdischen Einwanderung auswirkt! // // Dem reichsdeutschen Beispiel folgend, liat die Danziger nationalsozialistische Regierung auch von sich aus einen Feldzug gegen die mit dem derzeitigen Regime Unzufriedenen eröffnet. Wohl unter dem Eindruck der Sportpalast-Rede de3 deutschen Reichspropagandaministers Dr. Goebbels hat der Führer der Danziger Nationalsozialisten, F o r s t e r, in der ersten Kundgebung des Feldzuges eine scharfe Attacke gegen die Juden geritten. Er sagte u. a.: „In der Judenfrage kann man sicher sein, daß wir die Juden nicht vergessen haben. Sie bringen sich selbst immer wieder unliebsam in Erinnerung und einmal wird es notwendig sein, diese Pestbeule herauszuschneiden und dem Juden die Rechte zu nehmen, die ihm eine Zeit unnatürlichen Denkens zubilligte." Der Vizepräsident des Senats, Greiser, führte in der gleichen Versammlung aus: „Der Danziger hat erkennen gelernt, daß das heimische Handwerk und Gewerbe der Unterstützung durch die Verbraucher bedürfen. Wir brauchen keinen Jüdenboykott und keine Verbote, bei Rasse- und Landfremden zu kaufen: für den Danziger genügt der Hinweis, daß er der einheimischen Wirtschaft dient, wenn er bei deutschen Firmen kauft." Die Wochenschrift „Danziger Echo" richtet an die Führer der Regierung und des Nationalsozialismus in Danzig u. a. die folgenden Fragen: 1. In welcher Weise bringen sich die Danziger Juden unliebsam in Erinnerung? 2. Mit welchem Recht werden die Juden — als Pestbeule bezeichnet? 3. Wie stellt man sich die Verwirklichung des . organges vor, der hier unter Entlehnung einer klinischen Bezeichnung als operativer Eingriff charakterisiert wurde (Pestbeule herausschneiden)? 4. Wie will man den Danziger Juden die Rechte nehmen und sie „ohne Boykott und Verbote" wirtschaftlich ausschalten und dies mit den geltenden Gesetzen, mit der Verfassung und den wiederholt gegenüber der jüdischen Bevölkerung selbst wie auch gegenüber dritten Stellen zugesicherten Garantien vereinbaren? (Der Freistaat Danzig steht unter dem Protektorat des Völkerbundes und ist verpflichtet, die Bürgerrechte und auch die Minderheitenrechte aller Teile der Danziger Bevölkerung zu wahren.) Ordnung im jüdischen Ungarn? Die jüdische Landesversammlung soll nach Jahrzehnten wieder einberufen werden Aus Budapest: Der Kultusminister erließ eine Verordnung, wonach auf Grund eines vom Reichsverweser Nikolaus v. Horthy gefaßten Beschlusses die Abhaltung einer israelitischen Landesversammlung zwecks entsprechender Modifizierung und Ergänzung des veralteten Kongreßstatuts vom Jahre 1868 angeordnet wird. Ort und Zeitpunkt der Landesversammlung werden noch bekanntgegeben werden. Diese Regierungsverordnung bedeutet einen Wendepunkt in der Geschichte des ungarischen Judentums. Nach 65jährigen Kämpfen und Wirren ist die Kongreßorganisation endlich in der Lage, durch selbstgewählte Abgeordnete die reformbedürftige Verfassung umzugestalten, bezw. zu ergänzen und so die gesamte Organisation zu festigen. In der Regierungsverordnung werden zwei wichtige staatsrechtliche Prinzipien festgelegt: einerseits wird ausgesprochen, daß der ungarländischen israelitischen Konfession eine gesetzliche Autonomie gebührt; andererseits, daß unbeschadet der Organisationsspaltung im ungarischen Judentum nur eine einzige jüdische Glaubensgemeinschaft existiert. Die Distrikts-Repräsentanten der jüdischen Gemeindfcn werden durch geheime Abstimmung spätestens bis 15. Oktober d. J. gewählt werden. Die .Landesversammlung (das jüdische Parlament) wird durcu den Präsidenten der orthodoxen israelitischen Landeskanzlei eröffnet. Nach der Fertigstellung des umgestalteten Kongreßstatuts löst sich die Landesversammlung auf. + Im ungarischen Judentum herrscht ein eigenartiges CKganisatcrisches Verhältnis, Die Juden orthodoxer und ,, liberaler Richtung — letztere nennen sich „Neologe" — haben so gut wie nichts miteinander gemein und betrachten sich als Angehörige verschiedener Religionsgesellschaften. Dementsprechend gibt es in fast allen Städten zwei getrennte Judengemeinden, welche von der Regierung als offizielle Vertretung anerkannt werden. In manchen Städten kommt noch eine dritte Gemeinde, Status-quo-Gemeinde, hinzu. Nun scheint die Regierung diesem komplizierten Zustand ein Ende machen zu wollen. Leicht dürfte sich die Sache aber nicht gestalten, denn zwischen den Vertretern der beiden Richtungen herrscht im allgemeinen erbitterte Feindschaft. So herrscht die Gepflogenheit, daß ein Jude, welcher sich mit seiner Gemeinde zerstritten hat, in die andere übertritt, ohne daß auf die religiöse Einstellung besonderer Wert gelegt wird. Solche Zustände haben natürlich die Gegensätze nur verschärft. Jahrzehntelang haben sich Orthodoxe und Neologe nicht an einen Beratungstisch gesetzt. Das erste Zusammentreffen dürfte wenig harmonisch verlaufen. Reformjudentum in Ungarn Aus Budapest: In Budapest hat sich eine Gruppe jüdischer Intellektueller zu einer Vereinigung „ J e s a j a" für religiöses Reform Judentum zusammengeschlossen. Die Vereinigung strebt vor allem eine Reform des Gottesdienstes an. Sie hat der Budapester Kultusgemeinde ein Memorandum überreicht, in dem sie die Bewilligung zur Errichtung einer Reform- Synagoge verlangt. * Die geplante Reform beinhaltet: Ersatz der hebräischen Sprache im Gottesdienste durch die magyarische, Eliminierung der Gebete für Zion, Sonntagsgottesdienst etc. Ferien - Sonderfahrt nach POLEN und CZERNOWITZ am 1. und 8. Juli für 4 und 8 Wochen l'aßbegii nstifiung auch für poln. Staatsartgehörige usküntle: Reisedienst „Czernow. AU;em. Ztg." Wien I, Schuler- 1 („Der Tag '), Tel. R-21-6 78 - Rci^iiro ..1RUT", I, Karlsplatz 1 Tel. U-44-5-79 Alle Auskünfte Straße Magere Beute Aus Budapest: Das rechtsradikale Blatt „M a g y a r s a g" berichtete über massenhafte Einwanderung galizischer, d. h. ostjüdischer, Elemente nach Ungarn und forderte von der Regierung Gegenmaßnahmen. Nunmehr hat das Ministerium des Innern mit Einbeziehung der Polizei und Gendarmeric Razzien veranstaltet, wobei im ganzen zwölf Personen festgenommen und, da sie keine Aufenthaltsbewilligung hatten, als lästige Ausländer über die Grenze abgeschoben wurden. Unter den Abgeschobenen waren zehn Ostjuden. Wissen Sic, wie fein . . . saftiges, frisches Fleisch — am Rost gebraten — schmeckt? Versuchen Sie diese Delikatesse einmal im beliebten Restaurant S p r i t ze r (ehemals Zollner), jetzt nur II., Hammer-Purgstall-Gasse 7 (1 Minute vom Dianabad). Auch feinste Wiener Küche. Dalmatiner Weine — bürgerliche Preise. P U S Z T A C H I E T Z I N G SAR DA ENDSTATION CO DER LINIE » Täglich abor.ds, Tonnu. Feiertag 72 6 Uhr Spezialitäten sowie Wiener Küche — RAUHECK« Tanz im Freien oder Diele. FRANK DICK and his band — Ungarische Herrliche Gärten — Liegestühle — Kegelbahn — Heurlgensohank Herbert Samuel und das Parlament in Palä§tina Eine heikle Mission des ersten Oberkommissärs Aus London wird uns geschrieben: Bezüglich der Mission Herbert Sa m.u e 1 s in Palästina gibt es eine Reihe von Vermutungen. Obwohl es ursprünglich hieß, daß Palästinas erster Oberkommissär als Privatmann nach Palästina gekommen sei, herrscht hier die Meinung vor, daß Samuel eine besonders wichtige Aufgabe im Dienst des Kolonialministeriums übernommen habe. Nach Mitteilungen von informierter Seite hat der Sekretär des britischen Kolonialamts den Mitgliedern des Unterhauses, welche dem „Imperial Club" angehören, wichtige Erklärungen über Englands nächste Politik in Palästina abgegeben. Der Inhalt dieser Erklärungen ist auch der zionistischen Exekutive in London bekannt geworden und hat einen derartig deprimierenden Eindruck auf sie gemacht, daß sie alle Mittel anwendete, um ein Bekanntwerden derselben in der Oeffentlichkeit zu unterdrücken. Die Politik, die der Sekretär des Kolonialamts vor den Parlamentsmitgliedern entwickelte, basiert auf dem Plan eines Gesetzgebenden Rats, eines Parlaments, welches die Juden zwingen wird, die Araber als Partner anzuerkennen, mit denen man sich auseinandersetzen muß. Auf diese Weise wird das Kolonialamt in eine Appellationsinstanz verwandelt werden und der internationale Charakter der jüdischen politischen Aktionen wird verschwinden, weil eine jüdische Aktion in internationalem Maßstab einen Sinn bloß in bezug auf einen internationalen Organismus hat wie es das britische Imperium ist, nicht aber in bezug auf eine örtliche Organisation, wie es die Araber in Palästina sind, welche keinerlei rechtliche Bindung mit Juden außerhalb Palästinas haben. Der Kolonialamtssekretär machte bei dieser Gelegenheit auch die Mitteilung, daß die jüdische Einwanderung zu den „reservierten Fragen" gehören werde, die nicht in die Kompetenz des Gesetzgebenden Rats fallen sollen. Die Kontrolle über die Einwanderung wird in den Händen des Kolonialamts bleiben. Laut Meinung informierter zionistischer Kreise hat Herbert Samuel vom Kolonialamt den Auftrag bekommen, diese zionistische politische Transaktion beim jüdischen Partner, d. i. bei der Exekutive, durchzuführen. Er soll der Exekutive mündlich versichern, daß die jüdische Einwanderung nach Errichtung Reich zu werden ist heutzutage leichter als früher. Das letzte Geheimnis des Erfolges der Millionäre, der sicherste Wegweiser zu Reichtum, Macht und Ansehen Ist die Energie. Dazu bedarf es stählerner Nerven, einer widerstandsfähigen und widerstandskräftigen Konstitution und einer kampffreudigen Ausdauer. Wer von Kindheit auf DIANA- Franzbranntwein mit Menthol gebraucht, stärkt seine Nerven, macht die Konstitution widerstandsfähig, kraftvoll und schafft eine kampffreudige Ausdauer. In jedem besseren Geschäft erhältlich. Verlangen Sie ausdrücklich „Diana" und nehmen Sie nur „Diana". ' Minderwertige Nachahmungen sind energisch rurückduweisea. des Parlaments im Einklang mit den Bedürfnissen dea Landes vergrößert werden wird. Mit dieser Mission wurde Herbert Samuel betraut, weil die britische Regierung annimmt, daß er als große politische Persönlichkeit in England den Juden imponieren werde. * Bern, der Red. Wenn die englische Regierung einen Mann wie Sir Herbert Samuel mit einer Mission betraut, so geht sie nicht fehl, wenn sie annimmt, daß er rücksichtslos alle jüdischen Interessen preisgeben wird, wenn seine Aufgabe es erfordert. Hat er doch als stürmisch begrüßter erster „jüdischer" Oberkommissär Palästina durch die Abtrennung Trans» jordäniens von Palästina, durch Erhebung des arabischen Pogromisten Husseini zum Groß-Mufti, durch den Plan der Bildung eines Parlaments mit arabischer Majorität, durch Verschenkung von Regierungsboden an Araber und Ausschaltung der Juden bei Bodenverteilung u. a. m., bewiesen, wes Geisteskind er ist. Die Anwesenheit dieses Mannes in Palästina ist wirklich eine Gefahr. Die Frage der Zertifikate für Aus Jerusalem: Das vom Zionistenkongreß gewählte Gericht sprach soeben das Urteil in der Frage der Zertifikate für die revisionistische Jugendorganisation Brith Trumpeldor. Das Urteil lautet: Die Zionistische Exekutive war im Recht, als sie dem Brith Trumpeldor das Recht auf kollektive A1 i j ah genommen hat, da das Geheimzirkular Nr. 60 des Schilton-Bethar (Kommandatur des Brith Trumpeldor), in dem alle Betharim aufgefordert werden, die Zertifikate der Jewish Agency zurückzuweisen und nur diejenigen Zertifikate anzunehmen, die der S c h i 11 o n ihnen auf besonderem Wege verschafft, einen Bruch der zionistischen Disziplin bedeutet. Die Revisionisten haben kein Recht, zu versuchen, Zertifikate auf anderem Wege als durch die zionistische Exekutive zu erhalten. Das Verbot der kollektiven Alijah gegen Brith Trumpeldor wird aufgehoben und sein Recht auf Zertifikate wird wieder hergestellt, aber Brith Trumpeldor darf nicht weiterhin versuchen, sich Zertifikate auf anderem Wege als durch das Palästina-Amt zu verschaffen. Das Verbot des Schilton an die Betharim, sich der Zertifikate der Zionistischen Exekutive zu bedienen, muß aufgehoben werden. Die arabische Nazi-Organisation in Palästina Aus Jerusalem: Die angesehene ägyptischarabische Tageszeitung „El Mokattam" bekräftigt durch einen autoritativ ihr zugegangenen Bericht das Bestehen einer arabischen nationalsozialistischen Jugendorganisation in Palästina, die nach den gleichen Richtlinien wie die deutsche nationalsozialistische Partei aufgebaut worden ist. Laut „Mokattam" verfolgt die Bewegung drei Ziele: 1. In Palästina eine Bewegung ähnlich der des deutschen Nationalsozialismus organisatorisch aufzubauen; 2. den Zionismus und seine Ziele zu bekämpfen; 3. einer Kontakt der arabischen Jugendbewegung mit der nationalsozialistischen Partei in Deutschland aufrechtzuerhalten. 40 Chaluzim in Kowno verhaftet Aus Kowno: Die Polizei in Kowno löste eine Versammlung der zionistisch-sozialistischen Organisation H e c h a 1 u z auf, verhaftete 40 der Anwesenden und übergab sie der administrativen Behörde zur Aburteilung.