Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-06-12 · Heft 372 (12.6.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 372 (12.6.1934)
Date
1934-06-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2711995--4407-2717884
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 DDE NEUE WELT Nr. 372 Billige Ferienreisen nach HAI CM Abreise JKRk> rVLCni 1.u.8.Jull AusSfe: Büro Dr. 8. To Oker kSSS^gJS „Austrobus" *-'™J*f3$£!ri.$&ß sie die Assoziation an andere Morde aeitens Araber ergab. Frau Sima hatte an dem Mordabend Streit mit ihrem Mann. Entgegen ihrer eraten Auasage stand sie während de« Abschusses nicht neben ihrem Mann, sondern ein paar Meter hinter ihm, der sich von ihr, eben nach einem Wortwechsel, ein wenig entfernt hatte. Sima Arlosoroff will nicht zugeben, daß zwischen ihr und ihrem, Frauenherzen sehr ergebenen Manne, aus Eifersuchtsmotiven ständige Differenzen bestanden, und aus eben diesem falschen Schamgefühl heraus — Sima versteht in Ohnmacht zu fallen, sie ist darin eine Virtuosin, wenn es gerade wirksam ist — sind zunächst alle ihre verlogenen, erdichteten Aussagen, Verdächtigungen, Wunschträume zu erklären. Sie steht — ein schändliches Kapitel für sich — unter dem Druck ihrer Parteigenossen von der allmächtigen Arbeiterorganisation „Histadruth", die Im Schatten eines Mordfalles ihren schäbigen Parteiprofit einstecken will. Die liebe, gute Sima, der das Witwenkleid allzu reizend steht, agnosziert, identifiziert: Jeder zweite ist der Mörder. Zuerst der Zeitungsadministrator des revisionistischen Blattes „Chassit Haaam", dann der Araber Mowaket, hierauf Ephraim Elieser, flugs Zwi Schneiderraann, schließlich der Jüngling Abraham Staws k y und der Knabe Zwi Bosenblatt. Die Ehrenmänner der Histadruth Die Polizei reibt sich die Hände. Nach Jahrelangen Blamagen endlich ein Erfolg: „Wir haben die Mörder, auch wenn es nicht die richtigen sind!" Und die Gruppe der jüdischen Klassenkämpfer, die Herren der palästinensischen Histadruth und der allweltlichen Fo'ale Zlon klatschten Bravo. Der Tatbestand Ist da, suchen wir also die Täter! Allerdings dürfen es nur Juden, politische Gegner sein. Und sie werden gefunden. Die linken Führer der Histadruth und der zionistischen Exekutive manövrieren geschickt — mit zionistischem Geld und den judenfeindlichen Gefühlen der Palästina-Regierung — nach der Anklage gegen die patriotlstlschen Klassenkampf-Feinde Stawsky und Rosenblatt hin, so lange, bis in der Atmosphäre schwülen Hasses und schändlicher Denunziation die britisch-arabischen Herren des Polizeiapparartes ein kriminelles Kartenhaus errichtet haben. Stürme blasen es an, aiber der breite Rücken der linken Machthaber und die eiserne Stirn der englischen Administration vom Oberkommissär bis zum Türsteher geben ihm Schutz. Die Ehrenmänner der Histadruth suchen die Wahrheit. Um nichts anderes als um dieses edle Gut ist's ihnen zu tun. Sie richten einen Fonds für die Findung der Wahrheit auf, sie stellen der Witwe Sima ein drittel Dutzend Rechtsanwälte zur > Seite, sie entnehmen der Kasse der Jewish Agency Beträge zur Deckung von Kosten, die für den „Fall Arlosoroff" benötigt werden — immer in der Richtung ihrer politischen Gegner, die sie in die Hände der brutalen, die Wahrheit unterdrückenden Untersuchungsbehörden spielen wollen. Denn diese Herren, von deren Ethik die Prager, Berliner und Jerusalemer Binationalisten schwärmen, unterfangen sich auch, gestützt auf ihren politischen und vornehmlich ökonomischen Machtapparat, der britischen Maffia ins empfängliche Ohr zu träufeln, daß „revls i o n i s t i s c h" mit umstürzlerisch, friedensbedrohend, antienglisch, antiarabisch identisch sei. Herr DoHos, ein führender Linker, bekommt Material der Untersuchung ins Haus geliefert, Herr M o s c h e Shertok, der politische Leiter der palästinensischen Agency und Busenfreund des armen Dr. Arlosoroff, erhält dessen Revolver zur Aufbewahrung, die linke und die mit ihr ins gleiche Horn blasende „allgemeinzionistische" Meute vom hebräischen „Davar" über die polnisch-jüdische Presse bis zu den „allgemein-zionistischen" Blättern in Europa legen die Stimmung des Jischuw und der Galuth auf die Mordschuld der Verhafteten feat — sogar bis mitten hinein in den Prozeß, in dessen Anfangsstadium die Rücksichtslosigkeit der Anklage bereits offenbar geworden war. Die Pamphlete der „Poale Zion" waren schon vergessen, als Herr Robert Weltsch von Palästina (!) aus berichtete: „Die Hauptverhandlung hat begonnen, und was sie bisher zutage gefördert hat, ist niederdrückend genug." Er raeint natürlich unter „niederdrückend" nicht die Tatsache, daß schon im ersten Stadium des Prozesses die böse, perfide Absicht der britischen Prokuratur sichtbar geworden war. Und über den Fonds zugunsten der Verteidigung schrieb derselbe Herr in derselben'„Jüdischen Rundschau": „Wozu braucht man Geld, da ein Verteidiger bereits bestellt ist und das Herbeischaffen von Beweisen und Zeugen kein Geld kostet?" Die Ehrenmänner der Histadruth konnten sich keinen besseren Herold ihrer Tugend wünschen. Das Sprachrohr der Weizmann-Zionisten stellte ganz gerissen dem Patriotismus und der Herzenspflicht aller anständigen Juden Palästinas und der Galuth ein Bein. Das unsinnige Urteil Der Prozeß ging also am Vormittag des 8. Juni, ein #aar Stunden vor Eintritt des S a b b a t, au Ende. Stawsky , ist schuldig, Rosenblatt ist unschuldig — lautet der Richterspruch. Stawsky war am Freitag, den 16. Juni 1933, in Jerusalem, Rosenblatt um diese Zeit in Kfar Saba. Sima Arlosoroff, die arme Witwe, behauptete (zumindest nach ihren verschiedenen widerspruchsvollen Aussagen), daß Stawsky geleuchtet, Rosenblatt geschossen habe. Sie behauptete nicht, am Mordabend Stawsky da, Rosenblatt dort geaehen zu haben. Sie behauptete „mit lOOprozentiger Gewißhei t", daß Stawsky das Gesicht ihres Mannes beleuchtet habe, auf daß Rosenblatt schießen könne. Ein Innigerer Tatkonnex ist gar nicht zu erdenken. Das Jerusalemer Gericht — zwei Engländer, ein Araber, ein Jude — erklärt, daß Rosenblatt überhaupt nicht am Tatort gewesen sei, daß er sich zur kritischen Stunde in Kfar Saba aufgehalten habe. Der Aussage der Frau Arlosoroff kommt aber — vom Standpunkt des Gerichts — volle 100 prozentigeGlaubhaftig k e i t zu. Wenn Stawsky geleuchtet hat, muß Rosenblatt geschossen haben. Rosenblatt und kein anderer. Wenn aber Rosenblatt nicht geschossen hat, dann hat Stawsky nicht geleuchtet. Da nun aber Stawsky auf Grund der Identifizierung durch Sima Arlosoroff der Beleuchter war Rosenblatt a tempo der Schießer, so kann sich das Gericht nicht mit 50 Prozent der Sima-Aussage begnügen, das heißt ihr im Fall Stawsky recht geben, im Fall Rosenblatt nicht. Das Urteil ist daher purer Unsinn, ein Faustschlag gegen den comon sensc, den Naturveratand, auf den sich die Briten so viel einbilden. Da« Urteil ist purer Unsinn, geboren aus niedrigem Judenhaß und höherer Politik. Die höhere Politik will dem arabischen Nationalgefühl schmeicheln und gleichzeitig der Welt zeigen, wie verrucht die palästinensischen Juden sind, die einander zerfleischen, „illegale" Einwanderung ä la Stawsky im Geheimen praktizieren, den Frieden des von England so wohlwollend verwalteten Landes gefährden und darum mit Bajonetten und Tanks und Flugzeug geschwadern in Zaum gehalten und nur in minimalsten Dosen ins Land hineingelassen werden dürfen. Die höhere Politik will die Juden zugunsten der braven Araber diffamieren, sie will den Arabern zeigen, daß die palästinensische Verwaltung in Sachen arabischer Morde und Greuel (gegen Juden natürlich) beide Augen zudrückt und nur, um ihr Gesicht gegenüber der beobachtenden Welt zu wahren, hie und da ein paar Juden ins Land läßt. Der niedrige Judenhaß ist bis zur Verachtung herabgestiegen. Das Todesurteil über Stawsky will nicht kriminell, will psychologisch gewertet sein. Der Herr Trusted, Großbritanniens Oberstaatsanwalt im „Jüdischen Nationalheim", hat in seinem Plaidoyer, der Gerichtshof in seiner Urteilsmotivlerung ganz klar zu verstehen gegeben, daß man sich engllscherselts einen Pfifferling um die jüdische Grundstimmung kümmert, daß man einem arabischen Meuchelmörder mehr Glauben schenkt als den jüdischen Alibizeugen, daß man Heber ein paar hochstaplerischen arabischen „Spurenkennern" Reverenz erweist als dem Oberrabbiner Kuk, den Rabbinern Usiel, Aronsohn, Fischmann und Meir Berlin, den Herren Farbstein, Prof. Klausner, David Jellin usw., all denen, die sich für die „Verteidigung der drei gefangenen Brüder Achi Meir, Stawsky und Rosenblatt, die jetzt auf der Anklagebank in Jerusalem sitzen", eingesetzt haben. Jetzt versteht man auch des untadeligen englischen Patrioten Colonel Wedgewoods Behauptung, daß die Palästina-Regierung die antisemitischeste des ganzen britischen Imperiums sei. Hitlers berüchtigtes Machwerk „Mein Kampf" liegt in allen Buchhandlungen Palästinas unbeanstandet auf. Das die Schandtaten des deutschen Naziregimes protokollarisch festlegende „B r a u n b u c h" wird von der Palästina-Regierung konfisziert, während gleichzeitig englische Polizisten mit dem Hakenkreuz an der Brust in Tel-Awlw erscheinen und ihr Chef eine diesbezügliche Urgenz mit einem zynischen Lächeln beantwortet, belantworten darf... Die schuldige Exekutive Stawsky ist zum Tode verurteilt, kein Mensch, auch nicht die Herren Richter, glauben an seine Schuld. Mehr noch: Sie sind von seiner Unschuld überzeugt. Aber sie wollen ihn „zurückbehalten", zusammen mit Achl Meir, um der Außenwelt vorzutäuschen, daß die palästinensischen Judenstaatszionisten jeder Gewalttat fähig seien, wenn nur die sich für das Wohl des Landes aufopfernde Palästina-Regierung in Verlegenheit versetzt werden könnte. Im übrigen sei es ja die jüdische Arbeiterorganisation „Histadruth" selbst, die ihre revisionistischen Volksgenossen der bösesten Dinge zeihe, die den sogenannten „B r i t h B1 r j o n i m" als eine gefährliche blutrünstige Bande bezeichne und es der Regierung zur Pflicht mache, energisch einzuschreiten. So haben unsere rotnelkigen Klassenkämpfer unter dem »Schlummer der allgemeinzionistischen Zipfelmützen der antisemitischen, antizionistischen Palästina-Regierung das Stichwort zur Verfolgung der judenstaatlichen Gruppen und zu all jenen Maßnahmen gegeben, die jetzt zugunsten der Araber und zuungunsten der Juden in Jerusalem und in London vorbereitet werden. Die britische Palästina-Regierung hat die rote Beihilfe an der Verfolgung unschuldiger Juden mit Undank gelohnt. Sie hat sich zwar die These von der Ermordung Arlosoroffs durch J u d e n zu eigen gemacht, sie 1 hat zwar mit unverhohlener Genugtuung an der Benützung der au« dar zionistischen Kaaaa stammenden Gelder mitpartizipiert und sich dadurch auch die Verfolgung arabischer Spuren erspart, aber sie hat sich bei ihren Mithelfern nicht revanchiert. Das Geld, das die linke Exekutive der Frau Arlosoroff für ihre Interesaenvertreter und für die Bereltschaffung von Beweisen gegen drei unschuldige Juden zur Verfügung gestellt hat, dieses zionistische Geld ist wahrlich gut angelegt: Frau Sima Arlosoroff, die arme, kann sich von den Strapazen des Prozesaea irgendwo am Mittelmeer sehr gut erholen und der patriotische Zioniat Abraham Stawsky, an Ketten geschmiedet und» der Brutalität der englisch-arabischen Wächter preisgegeben, weiter im Jerusalemer Gefängnis schmachten. Das zionistische Geld ist gut angelegt. Da wir nicht annehmen können, daß die linke Exekutive, von Scham übermannt, die Konsequenzen aus dieser Lage ziehen wird, da wir aus Erfahrung (bestärkt seit dem Prager Zionistenkongreß!) wissen, daß ihr Gefühl in Dingen nationaler jüdischer Ehre auf dem absoluten Nullpunkt angelangt ist, wenden wir unser Gesicht von ihnen weg zur Zionistischen Organisation: Wird sich diese die Haltung der linken Herren weiterhin gefallen lassen? Wird sie die Verachtung, die „unsere" linke Exekutive bei der britischen Palästina-Regierung genießt, mit weiterer Duldung quittieren? Frau Sima Arlosoroff erfreut sich bester Gesundheit. Sie braucht vorläufig nicht in Ohnmacht zu fallen. Der britische Oberstaatsanwalt Trusted hat endlich das längst vorbereitete Todesurteil über den Juden Stawsky in der Tasche. Hitler-deutsche Waren strömen auf Grund des von den Histadruthführern geschlossenen Transfer- Abkommens in das Jüdische Nationalheim ... o. r. Nur Kinder christlicher Elfern? Auf einer Versammlung des österreichischen Gewerbebundes entwickelte Herr Vizebürgermeister Doktor Kresse das Programm der neuen Regierung im Wiener Rathause. Er sprach auch von der Notwendigkeit der Entfernung unzuverlässiger Elemente in der Gemelndebeamtehschaft und schloß diesen Teil seiner Rede mit der Versicherung: „Insofern in Hinkunft Neuaufnahmen von Angestellten in Betracht kommen, werden Wiener Kinder untergebracht werden, Söhne und Töchter braver Wiener christlicher Eltern..." * Vor wenigen Tagen hat der Wiener Bürgermeister Schmitz in einer Programmrede betont, daß im Wiener Rathause von nun ab die Rechte der Minoritäten streng gewahrt würden. Nach ihm hat der Bundesminister Dr. Schuschnigg in einem Vortrage im Klub ausländischer Studenten erklärt: „Oesterreichs Aufgabe ist es, auch für das Recht der Minderheiten — wo immer dies nottut — seine Stimme zu erheben." * Zwischen diesen für Inland und Ausland bestimmten Reden des Bürgermeisters und Bundesministers einerseits und der Rede des Vizebürgermeisters anderseits besteht ein Unterschied, an welchem die jüdische Minorität Oesterreichs nicht achtlos vorbeigehen kann. Der Wortlaut der Ausführungen des Herrn Vizebürgermeisters beinhaltet, daß nichtchristliche, also auch jüdische Staatsbürger von der Bewerbung um Anstellungen bei der Gemeinde Wien ausgeschlossen werden. Das verträgt sich weder mit den Beteuerungen der obengenannten Führer, noch auch mit den Bestimmungen der österreichischen Verfassung, welche der jüdischen Minorität volle Gleichberechtigung bei Bewerbung um öffentliche Stellen ausdrücklich zusichert. Oder will Herr Dr. Kresse gar zum Ausdrucke bringen, daß Zugehörigkeit zum Judentume gleichbedeutend mit staatsbürgerlicher „Unzuverlässigkeit" ist? Es gibt leider genug Elemente in Oesterreich, die sich, auch eine solche Auffassung der Rede zu eigen machen werden. Das geht nicht an. Die Wiener Judenschaft muß angesichts solcher Worte auf Klärung und Wahrung ihrer moralischen und materiellen staatsbürgerlichen Rechte dringen. Der linke Prügel Aus Warschau: Der Erzbischof von Warschau, Alexander Kakowski, hat der Deputation polnischer Rabbiner, die ihn um Intervention wegen der andauernden Zusammenstöße zwischen Juden und Rechtsradikalen ersucht hatten, eine schriftliche Antwort zugehen lassen. In dem Schreiben erklärt Kakowski, daß er prinzipiell gegen jede Gewaltanwendung im politischen und wirtschaftlichen Leben sei. Anderseits müsse er jedoch erklären, daß sich Teile der polnischen Judenschaft antireligiöser und kommunistischer Propaganda hingegeben hätten, wodurch ihre Gegner aufgereizt worden seien. Das Schreiben des Erzbischofs hat in jüdischen Kreisen großes Mißfallen und Erregung hervorgerufen. * Aus London wird uns berichtet: Bei der am letzten Freitag im Riesensaal der Olympia Hall abgehaltenen Massenversammlung der britischen Faschisten <Schwarzhemden) kam es zufolge von Soziallsten auagehenden Störungsversuchen zu Kämpfen und Krawallen, wie sie London seit Jahren nicht erlebt hat. Der Umstan^ daß linksor£anisierte Juden mm dem ludenreichen Stadt»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.