Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 372 (12.6.1934)
- Date
- 1934-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 372 DIE NEUE WELT Seite 3 Billige Sonderfahrten nach Polen Aufenthalt 4 bis 8 Wochen Poln, Verk. „Francopol" Wien III, Rennweg 1, Telephon U-I8-4-90 11« Juni 1. Juli 9« Juli teil Whitehapel an den Demonstrationen teilnahmen, gestaltete die Versammlung zu einer antisemitischen Kundgebung. Der Faschistenführer Sir Oswald M o s 1 e y, der früher der Arbeiterpartei angehört und auch nach seiner Umstellung den Antisemitismus bis vor kurzem abgelehnt hatte, wandte sich mit unerhörter Heftigkeit gegen die Juden, die er als „von Moskau dirigierte und bezahlte Bewohner de« Londoner jüdischen Ghetto" bezeichneten. Das wirkte wie ein Kommando auf die Versammlung, welche in nicht enden vollende Schmähungen gegen die Juden ausbrach. * Au* Czernowitz (Rumänien): Vor kurzem wurde hier von der Polizei eine kommunistische Gruppe ausgehoben. Sie bestand fast ausschließlich aus jungen jüdischen Männern und Mädchen. Diese Tatsache wird nun von einem großen Teil der rumänischen Presse aller politischen Richtungen zum Anlaß für Hetzartikel gegen die rumänischen Juden genommen. Eine besonders heftige Sprache führt die „Czernowitzer Deutsche Tagespost", das Blatt der hiesigen deutschen Hakenkreuzler. Es benutzt die Gelegenheit, um für die Hitler-Methode der Judenbehandlung Stimmung zu machen. Gegen die PoIeiuRei'se Goebbels' Aus Warschau: Gegen den bevorstehenden Besuch des deutschen Propagandaministers Dr. Goebbels In Warschau ist von allen jüdischen Organisationen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Charakters ein Proteataufruf erlassen worden. Die Plakate und Flugblätter mit dem Aufruf wurden, noch bevor sie die Druckerei verlassen hatten, von der Polizei beschlagnahmt. Sämtliche Zeitungen, die diesen Aufruf veröffentlicht haben, sind von der Polizei ebenfalls konfisziert worden. Das Organ der polnischen Sozialdemokraten wurde wegen eines Artikels mit der Ueberschrift „Ein Kulturträger in Warschau" s i a t i e r t. In dem Artikel hatte das Blatt scharfe Stellung gegen Dr. Goebbels genommen. Die jüdischen Organisationen haben für den Tag der Ankunft Dr. Goebbels, den 13. Juni, in Warschau große Protestkundgebungen und Demonstrationen gegen die judenfeindliche Hetze der deutschen Regierung angekündigt. In jüdischen Kreisen herrscht Empörung darüber, daß die Behörden im Zusammenhang mit dem Goebbels-Besuch als Vorsichtsmaßnahmen auch Revisionen und Verhaftungen in Lokalen jüdischer Organisationen vornehmen. Solche Revisionen kamen u. a. bei den Revisionisten und bei der jüdischen sozialistischen Partei „B u n d" vor. Von den verhafteten sechs Revisionisten wurden fünf bereits freigelassen. Vom PogromsStrei'dier Aus Berlin: Die Zeitschrift „Der Stürmer" des Gauleiters von Franken Julius Streicher, veröffentlicht einen Vorschlag zur Lösung der Judenfrage im Rahmen eines arischen Weltprogramms. Danach müßte man folgende Maßnahmen treffen: Konfiskation der Judenvermögen, rücksichtsloser wirtschaftlicher Boykott der Juden, planmäßige Entrechtung der Juden als Fremdvolk in der Gesetzgebung aller arischen Länder, Einschränkung der Bürgerrechte aller Judenmischlinge, Schaffung eines Judenstaates durch Zuweisung und Zwangsbesiedlung eines genügend großen Territoriums unter arischer Kontrole, wozu — da Palästina zu klein ist — Madagaskar am besten geeignet sei. Als Begründung dieses Vorschlages kann man einem anderen. Artikel des „Stürmer" folgendes entnehmen: „Der Jude ist der geborene Verbrecher. Ais solcher haßt er zwangsläufig jede göttliche und menschliche Ordnung. E r b m ä ß i g veranlagte Verbrecher aber sondert man von der menschlichen Gesellschaft ab. Man setzt sie in Zuchthäuser, köpft sie oder setzt sie auf den elektrischen Stuhl. Es zieht der Tag herauf, an dem die Völker der Erde Gericht halten werden über den Weltgangster ,All-Judas'." Es handelt sich bei dieser blutrünstigen Hetze nicht etwa um Aeußerungen einer isolierten Person, sondern um die eines der höchsten Parteiführer und eines intimen Freundes des Reichskanzlers Hitler. Für die Resultate, die sich aus einer solchen wilden Hetze ergeben können, trägt also die oberste Leitung des deutschen Reiches die Verantwortung. Div Leys „ Ritualmord" aufgeklart is Berlin: Die Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront unti Organ des Reichsarbeitsministers Dr. Ley „Der Deutsche" hat vor einiger Zeit unter der Ueberschrift „R i t u a 1 m o r d?" aus Regensburg gemeldet, daß der Sohn eines Straßenwärters in einem Kleeacker sterbend aufgefunden wurde. Die Aufklärung des Falles wird jetzt in der Passauer „Donau- Zeitung" veröffentlicht. Danach hat es sich herausgestellt, daß die beiden älteren Brüder des Knaben diesen im Spiel so unglücklich an der Kehle faßten, daß er infolge der Aufregung und des W ü r g e n s starb. Der unter dem Verdacht des Mordes verhaftete jüdische Hausierer J. Zache aus Tiefendobel wurde daher freigelassen. Kinder werden ausgepeitscht Aus Jerusalem wird berichtet: Das Gericht In Tel Awiw verkündete jetzt da» Urteil gegen fünf jüdische Jugendliche und einen 14jährigen Schulknaben, die wegen Teilnahme an den Unruhen In Tel-Awiw am 28. Mai angeklagt waren. Die Unruhen fanden bekanntlich im Zusammenhang mit dem von der Führung des jüdischen Jischuw proklamierten jüdischen Generaistre ik als Protest gegen die Einschränkung der jüdischen Einwanderung seitens der Regierung statt. Vier der Jugendlichen wurden zu je drei Monaten, der fünfte zu einem Monat Gefängnis und der Schuljunge zu zwölf Peitschenhieben verurteilt. Der Knabe schluchzte bei Verkündung des Urteils. Der PoIIzelrichter sagte ihm, die Strafe sei wohl eine strenge, er mußte sie aber aussprechen, weil eine leichte Strafe ohne Wirkung sein würde. Kinder werden ausgepeitscht, weil sie an einer jüdisch-patriotischen Kundgebung teilgenommen haben . . . Was die britische Kolonial- Bürokratie in ihren gelben und schwarzen Kolonien nicht mehr zu tun wagt, das wagt sie den Juden im Jüdischen Nationalheim zu bieten! Auspeitschen! Ermutigt durch die Unterwürfigkeit einer zionistischen Leitung, einer „Ii n k e n" zionistischen Leitung, deren Mund von Worten über Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde überquillt. Allerdings nur dann, wenn es sich um Arbeiter in Kamerun oder Kamtschatka handelt. Nicht dann, wenn es sich um Juden handelt. Ferien - Sonderfahrt nach POLEN und CZERNOWITZ am 1. und 8. Juli fUr 4 und 8 Wochen Paßbegünstigung auch für poln. Staatsangehörige Alle Auskünfte: Reisedienst „Czernow. Allgem. Ztg." Wien I, Schulerstraße 1 („Der Tag '). Tel. R-21-6 7«J - Reisebüro „IRUT", l, Karlsplatz 1 Tel. U-44-5-79 Oberst Patterson über das jüdische Regiment und Hitler Aus Johannisburg: Die Jewish Guild in Johannisburg gab zu Ehren des zum Besuch in der Südafrikanischen Union weilenden englischen Obersten John H. P a 11 e r s o n ein Frühstück. Oberst Patterson, ein christlicher Engländer, hat im Kriege das Jüdische Regiment in Palästina befehligt. Bürgermeister Roberts hieß Patterson im Namen der Stadt und insbesondere der jüdischen Bürger von Johannisburg willkommen und wies auf die Schriften Pattersons hin, in denen die Leistungen der jüdischen Soldaten im englischen Heere auf G a 11 i p o 1 i und in Palästina in Worten höchsten Lobes anerkannt werden. Daran anknüpfend erklärte Oberst Patterson, es sei nicht seine Stärke, „Reden zu schwingen"; nicht immer gehe Redegewandtheit mit wirklicher Leistung Hand in Hand. Ich denke, fügte Patterson hinzu, da an einen gewissen Herrn, der allein dadurch zu seiner jetzigen Position heraufstieg, daß er sich die Kehle wund redete, der es aber in den vier Kriegsjahren, da er seinen männlichen Mut hätte beweisen können, nicht über den Rang eines Korporals hinaus brachte. Und doch hat er 65 Millionen Menschen so weit betört, daß sie glauben, alle ihre Sorgen und Nöte seien auf das eine Prozent Juden, das unter ihnen lebt, zurückzuführen. Was soll man von einem Volke denken, das glauben kann, daß ein Prozent in seiner Mitte das ganze Volk zerstören könne? Wir draußen wissen es anders, wir wissen, daß das alles Lüge ist: nichts als Hitler-Geschwätz. Oberst Patterson erzählte, wie es im Kriege zu der Bildung des Jüdischen Bataillons kam. Er selbst bemühte sich beim Generaladjutanten um die Bewilligung von Koscherfleisch für die jüdischen Soldaten und um die Möglichkeit für diese, die religiösen Vorschriften zu beobachten. Als ihm diese Bitten als „Unsinn" abgeschlagen wurden, reichte er sofort seinen Rücktritt ein und setzte damit seinen Willen durch. Wie soll man denn aus Juden gute Soldaten machen, wenn man sie zwingt, schlechte Juden zu sein! Das Jüdische Regiment hielt denn auch im Kriege die besten Traditionen der britischen Armee aufrecht. Es übte höchste Disziplin und zeigte stets hohen Mut. Das jüdische Volk kann stolz darauf sein, daß ein aus seiner Mitte gebildetes Regiment einen starken Anteil daran hatte, daß Palästina von den Türken genommen wurde und zur alt-neuen Heimat der Kinder Israels gemacht werden kann. Viele dieser jüdischen Soldaten, sagte Patterson, leben als Kolonisten im jüdischen Palästina. Er habe für sie vom amerikanischen Oberstrichter Brandeis 10.000 Pfund erhalten. Das reicht aber nicht aus, die Juden sollten sich mehr um ihre Soldaten bekümmern. Aber unbeschadet dieser und anderer Dinge, die mein „G o j i s c h e r Kop" nicht begreift, sehe ich, wie das Land gedeiht und durch die Anstrengungen der jüdischen Pidniere von Jahr zu Jahr an Reichtum und Schönheit gewinnt. So oft ich mitten unter meinen Soldaten-Kolonisten in Palästina weile, wächst in mir der Glaube an die „Kinder des Buches". Wie kann die deutsche Judenfrage gelost werden? Ein sensationeller Aufsatz von Otto Strasser Der Name Dr. Otto S t r a ß e r ist in der neueren deutschen Politik nicht unbekannt. Ebenso wie sein Bruder Georg Straßer hatte er vor der hitleristischen Machtergreifung in der nationalsozialistischen Bewegung eine Führerrolle gespielt. Als er erkannte, wieviel Schaumschlägerei, Unehrlichkeit und Brutalität sich hinter der Maske der deutschen Revolution verberge, löste er sich von Hitler los und bildete die „Schwarze Front" auf Basis eines Sozialrevolutionären Programms. Dr. Otto Straßer mußte natürlich JJazi-Deutschland verlassen, begab sich nach Prag und gibt hier eine Wochenschrift „DieDeutsche Revolution" heraus, in der er den Hitlerismus als eine geistig, programmatisch und materiell ausgehöhlte Bewegung bekämpft und die „Schwarze Front" als den Erben der zum Untergang bestimmten Hakenkreuz-Ideologie ankündigt. Otto Straß er ist natürlich nicht mit den zahllosen deutschen Emigranten zu vergleichen, die in ihrem Haß gegen Hitler- Deutschland die Realität der Geschehnisse verfärben, sondern gehört zu jenen deutschen Männern, die nach dem „wahren Ausdruck eines revolutionären Nationalsozialismus" streben. Die letzte Nummer der „Deutschen Revolution" ist vornehmlich dem jüdischen Problem gewidmet. Im Leitartikel wird der Antisemitismus eines Streicher, auf dessen Niveau die Hitler-Partei herabsank, als eine „Verfälschung und Schändung der Völkischen Idee" bezeichnet und erklärt: „Der Nationalsozialismus hat mit dieser unvölkischen, undeutschen, unmenschlichen Lüge dieses antisemitischen Kampfes nichts zu tun. Mit aller Klarheit und rücksichtsloser Konsequenz gilt es vielmehr zu betonen, daß gerade der völkische Standpunkt die Infamierung der Juden als .minderrassig' aus Ueberzeugung, Empfindung und Logik gleichermaßen ablehnt." Die feierliche Absage an den Rassenwahn eines vulgären Antisemitismus findet ihre positiv-völkische Ergänzung in der Anerkennung der menschlichen Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit des jüdischen Volkes, in der grundsätzlichen Anerkennung der Juden als einer „nationalen Minderheit" mit all jenen Rechten und Pflichten, die die Völker der Europäischen Föderation ihren nationalen Minderheiten einräumen, bzw. auferlegen. In einem „Die Judenfrage" überschriebenen Artikel wird nach grundsätzlichen Ausführungen über „Entstehung eines Volkes aus einem Zusammenklang von Rasse (genauer gesagt Rassen!), Landschaft und Geschichte" erklärt: „Auf Grund dieser Betrachtung sprechen wir mit Recht von einem jüdischen Volk (nicht von einer Jüdischen Rasse!), wie wir von einem deutschen Volk (ebenfalls nicht von einer deutschen Rasse!), von einem französischen, englischen, tschechischen, japanischen usw. Volk sprechen... Wir, völkischen Deutschen lehnen jede Wertung, lehnen die abstoßende, widerliche, dumme und verlogene Minderbewertung des jüdischen Volkes mit Abscheu und Nachdruck ab. Es ist nicht meine Aufgabe, nachzuweisen, daß die gewaltigen Leistungen des Judentums, die z. B. in der Form des Christentums das gesamte Abendland mitgestaltet haben, an sich schon den Versuch der Antisemiten lächerlich erscheinen lassen. Ich begnüge mich, zu wiederholen, daß der völkische Gedanke zwangsläufig eine Mißachtung eines anderen' Volkes ausschließ t." Otto Straßer fährt dann fort: „Die Bejahung eines jüdischen Volkes schließt die Anerkennung des Strebens der Juden nach einem eigenen Staatswesen in sich. Wir deutschen Revolutionäre begrüßen und fördern daher die Idee des Z i onisrn u s, durch deren Verwirklichung eine wesentliche Bereinigung der so schwierigen staatsrechtlichen jüdischen Frage ermöglicht würde. Aber auch bei restloser Erfüllung der zionistischen Pläne wird der größere Teil des jüdischen Volkes noch immer außerhalb seines Vaterlandes bleiben. Hier nun setzt die allein durchführbare und gerechte Lösung der Judenfrage als europäische Minderheitenfrage ein." Otto Straßer entwickelt nun das Programm einer einheitlichen Regelung der nationalen Rechtslage aller Nationalitäten, die inmitten fremder Staatsvölker leben, so daß auch nicht der geringste Anhalt einer „jüdischen Sonderbehandlung" übrig bleibt: „Jeder Angehörige einer solchen nationalen Minderheit hat sich binnen angemessener Frist zu entscheiden, ob er für seine nationale Minderheit oder für^das Staatsvolk optieren will." Legitimjstfcdie jüdi'sdie Frontkämpfer Donnerstag, den 14. Juni 1934, findet um 20 Uhr abends im Militärkasino, Wien, I., Schwarzenbergplatz 1, eine vaterländische Kundgebung aller Freunde des österreichischen legitimistischen Gedankens statt, bei welcher unter anderem die Herren Dr. Artur Graf Polzer- H o d i t z, wirklicher geheimer Rat, Generalmajor Emil Sommer, Chefredakteur Hans K a n d 1, Fürsorgerat Hans P risching, Schriftsteller Dr. Fritz Löhner- Beda usw. usw. sprechen werden. Den musikalischen Teil besorgt die Musikkapelle des „Eisernen Ringes" unter persönlicher Leitung von Kapellmeister Jos. K o s a r z. Eintritt nur gegen Einladungen, die im Sekretariat, Wien, I., Parkring 4 (Tel. R-27-7-57), erhältlich sind.