Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 371 (8.6.1934)
- Date
- 1934-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 371 DIE NEUE WELT Seite .3 i NEU ERÖFFNUNG! Pension, Cafe, Restaurant, orth. -1^3 BAD HALL Oberösterreich VILLA MAYERHOFER A. BARSCHAK aus Wien, II, Gr. Schiffgasse 3. Tel. A-46-4-39 Das Unternehmen steht unter A u f s i c b t Sr. Ehrw. des Herrn Rabb. Babad Flüchtlinge ♦ ♦ ♦ Aus Paris: Der aus Deutschland geflüchtete 29jährige Kaufmann Erich Friedmann hat sich in seinem Pariser Hotelzimmer mit Veronal vergiftet. In einem hinterlassenen Schreiben an seine in Deutschland lebenden Eltern bezeichnete er Aufenthalt sschwierigkeiten als Hauptgrund . zu seiner Verzweiflungstat. Als früherer Reichsbannermann durfte er nicht nach Deutschland zurückkehren. Aus Antwerpen: Im Gegensatz zu der kürzlichen Mitteilung des Brüsseler Flüchtlings-Hilfskomitees erfährt man immer wieder von Ausweisungen zahlreicher aus Deutschland geflüchteter Juden aus Belgien. In der Hauptsache handelt es sich um polnische Staatsangehörige, die bis zum Hitler-Umsturz viele Jahre in Deutschland wohnten. Allein in Antwerpen haben 200 Flüchtlingsfamilien den Befehl zum Verlassen des Landes erhalten. Besonders drakonisch wird gegen jene Flüchtlinge vorgegangen, die sich nach Arbeit umsehen. Das Antwerpener Hilfskomitee erklärt, es sei nicht in der Lage, irgend etwas zugunsten der verhafteten und der ausgewiesenen Flüchtlinge zu unternehmen. Das Antwerpener sozialdemokratische Organ „De Folks-Gazet" kritisiert im Leitartikel sehr scharf das rücksichtslose Vorgehen der Behörden gegen die heimatuhd existenzlos gewordenen Flüchtlinge. Aus Jerusalem: Aus Teheran eintreffende Nachrichten schildern das Los der aus Afghanistan nach Persien infolge der scharfen antijüdischen Politik der^ neuen afghanischen Regierung geflüchteten Juden als außerordentlich tragisch. Die persischen Behörden behandeln die Flüchtlinge ohne jede Schonung, so daß diese es nicht wagen, sich in den Straßen zu zeigen. Die Jewish Agency sandte 30 Zertifikate für afghanische Flüchtlinge, doch verweigert ihnen der englische Konsul in Persien Einreisevisen, weil sie über keine Heimatdokumente verfügen. Brasilien sperrt die Tore Aus Rio de Janeiro: Die brasilianische Regierung hat eine Verordnung erlassen, derzufolge die Einwanderung nach Brasilien pro Jahr auf 2 Prozent 'der Stärke jeder in Brasilien wohnenden Nationalität nach den Ziffern der Volkszählung von 1920 beschränkt wird. Die neue Verordnung bedeutet einen schweren Schlag für die jüdische Einwanderungsbewegung. Sie geht weit über den Antrag hinaus, der vor einem Monat vom Abgeordneten N o g u e i r a dem brasilianischen Parlament vorgelegt worden war und der die Beschränkung der Einwanderung auf 5 Prozent der Volkszahl jeder Nationalität vorsah. Die Einwanderung vermögensloser Angehöriger von brasilianischen Einwohnern und von jüdischen Auswanderern aus Mittel- und Osteuropa wird auch dadurch erschwert, daß die Polizei in Rio de Janeiro und Sao Paulo von jedem Einwanderer die Hinterlegung einer Kaution von 200 Dollar verlangt. Diese Kaution wird zurückerstattet, sobald der Einwanderer sich dauernd niedergelassen und einen festen Erwerb gefunden hat. Ein Jude — Botschafter in Berlin Aus Moskau: Der neuernannte Botschafter der Regierung der Sowjetunion in Berlin, Jakob S u r i t z, bisher Sowjetbotschafter in der Türkei, ist ebenso wie der zurückberufene Sowjetbotschafter in Berlin, Chintschuk, Jude. Ungeachtet dessen hat sich die Hitler-Regierung genötigt gesehen, für Suritz das Agrement zu erteilen. Der „Völkische Beobachter" in Berlin veröffentlicht ein Bild des neuen Botschafters Suritz, ohne dessen jüdischer Herkunft Erwähnung zu tun. Warten Sie auf das neue, praktische Lehrbuch »LERNE HEBRÄISCH« von Ben-Chaviv I E S AI AS PRESS NEUES PALASTINA- HANDBUCH Der vollkommenste Reiseführer, mit 31 Karten und Stadtplänen .... Preis S 27.30 GENERALKARTE von PALÄSTINA Aufgenommen nach dem Stand vom 1. Jänner 1934, Maßstab 1 :500.000 > t Preis S b.25 HUGO HERRMANN PALASTINA, WIE ES WIRKLICH IST Das beste Informationsbuch, mit 64 Bildern und Tafeln «.*»,.. Preis S 9.45 PALASTINAKUNDE In vier Lieferungen: Geographie, Bürgerkunde, Das jüdische Aufbauwerk, Geschichte Preis jeder Lieferung S 3.15 WIR BAUEN PALASTINA Darstellung der politischen und wirtschaftlichen Aufbauarbeit, nach dem offiziellen Bericht der zionistischen Exekutive, 239 Seiten Preis S 5.25 VERSANDBUCHHANDLUNG Wien VI, Gumpendorferstraße 10 Telephon B-24-9-78 Die Schande im Herd* Gedenkjahr Ein Herbert-Samuel-Platz im werdenden Judenstaat Das jüdische Palästina durchlebt — bei allen äußeren Zeichen einer wohlfundierten Prosperität — schwere Zeiten. Noch klingen die Stimmungen nach, die der Generalstreik im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Einwanderungsbeschränkungen hervorgerufen hat. Die englische Unterhausdebatte anfangs dieser Woche hat klargemacht, daß die Palästinapolitik des Oberkommissärs Sir Artur Wauchope die volle Billigung des Kolonialministeriums findet. Und welchen Respekt das offizielle England vor der erweiterten Jewish Agency hat, bezeugt ein Artikel im Londoner „Near East India Magazin", worin es in bezug auf die jüdische Protestaktion in Palästina vom 23. Mai heißt: „Man kann der Jewish Agency zu ihrem Beschluß eines siebenstündigen Streiks als Protest llillijjc Klingen sind billig'. Sanft, gründlich, rassig und preiswert ist natürlich nur gegen die Regierung keineswegs gratulieren (der Proteststreik war eine spontane Kundgebung der jüdischen Bevölkerung Palästinas. Anm. d. Red.), die streng die Kontrolle über die jüdische Einwanderung einhält. Ueber die Unruhen hinaus, die fast eine unvermeidliche Folge eines Streiks sind, liegt in der ganzen Angelegenheit eine patentierte Narretei. Es fragt sich, zu wessen Vorteil das gewesen sein mag. Sicher nicht zugunsten der Opfer der Unruhen, der Arbeiter, Kaufleute und der anderen, die gezwungen wurden, zu politischen Zwecken einen Arbeitstag zu verlieren ... Als Hilfsmittel in einer Auseinandersetzung »vischen, einer Körperschaft, wie es die Agency sein soll, und der englischen Regierung, ist ein Streik ein Zeugnis für intellektuelle Minderwertigkeit, ein Beweis mangelnden Verantwortungsgefühls." Solch eine Verhöhnung muß sich die Körperschaft gefallen lassen, die seitens der Mandatarmacht England und des Völkerbundes als die legitime Vertreterin des jüdischen Volkes in Dingen des zionistischen Palästinaaufbaues anerkannt ist. Man kann nur sagen: Weit gebracht! Aber es ist nicht Schadenfreude, die uns, die offenen Gegner der erweiterten Agency - Mentalität, bewegt. Nein. Wir empfinden tief die Schande, die eine schwächliche, bis zur Preisgabe der elementarsten Rechte gelangte Politik auf die Schultern der zionistischen Organisation geladen hat. Und die Schande geht weiter ... Aus Palästina kommt die Nachricht, daß die Stadt Tel-Awiw einen . ihrer schönsten neuen Plätze nach' Herbert Samuel benannt hat. Daß dies eine Ehrung für den ersten Oberkommissär Palästinas bedeuten soll, wird wohl niemand bezweifeln. Denn wir wollen dem achtbaren Stadtrat von Tel-Awiw nicht die Absicht unterstellen, daß er durch den von ihm kreierten Herbert- Samuel-Platz, die mit diesem Namen verbundene Judenschande (noch just in Erez Israel!) verewigen wollte. Es werden also von nun an Juden aus aller Welt, Enthusiasten, Idealisten, Touristen, auf einem Spaziergang in Tel-Awiw den mit dem Geld und mit der zionistischen Energie geschaffenen Herbert-Samuel-Platz überqueren £!iiiiimiiiiiiiiiiimiiiiimiim | M Bf g| Mittwoch, am 27. Juni, ver- M H ffl jgß q | S mB H Mfe *W H 4MB äß^k anstaltet die Judenstaats- Hnmi#%Bn14Wll H AI AH § Voranzeige Mittwoch, am 27. Juni, veranstaltet die Judenstaatspartei anläßlich des30.ten Todestages im Saale des Hotel Continental eine große 1111 ■ 111111111 ■ 1111111111 Ii 11 ■ 111 ■ 1111111 ■ 11111111111111111111111111 ii 1111111111111111111111111111111111111 ■ ff***'"M'^MM""'M*'^M"'^"'^"""M^"^"M"""*""''*"'M""''T"'""'"M"T*Tl'""M'M* HitlersDeutsdhland mitten in NewffYoik Von J, J, Singer. Der in Amerika lebende Schriftsteller J. J. Singer schreibt über seine Eindrücke von dem Meeting, das kürzlich die amerikanischen Hitler-Deutschen im Madison Square Garden veranstalteten, „Die Wahrheit zu sagen, es redeten mir Bekannte ab, die große Naziversamlung zu besuchen. Aber das Interesse, Hitler-Deutschland mitten in New York zu sehen, überwand meinen Widerwillen. Ich kaufte eine Eintrittskarte, die mit einem Hakenkreuz bedruckt war, Und betrat Klein-Berlin in New York. Gleich nach dem Betreten des Saales vergißt man, daß man sich in New York befindet; man ist mitten in der finstersten Nazi-Atmosphäre. Ueberau Hitleristen in schwarzen Hosen und hohen Stiefeln und mit Hakenkreuzen an den weißen Hemden. Nazi-Mädchen in roten Kleidern legen mir allerlei „R i t u a 1 g e g e nstände" vor, „Dava"-Abzelchen („Dava" nennt sich die Organisation der Hitler-Deutschen in Amerika), Blumen und nationalsozialistische Literatur. „Wieviel kostet ein Dava-Abzeichen?" frage ich ein Mädchen. „Einen Dollar", antwortet sie. Ich kaufe es nicht. Das Mädchen wendet sich an mich: „Ist denn das sq viel Geld zur Unterstützung der deutschen Sache?" Der große; £&&M»t ÜW v^te^ köohatefl Reihen sind nicht besetzt. An allen Wänden hängen Aufschriften in deutscher Spi'ache: „Deutsches Amerika, erwache!" „Boykottiere die Boykotteure!" Auf dem Podium stehen Säulen mit dem deutschen Adler und dem Hakenkreuzzeichen. Ein Orchester spielt ununterbrochen Militärmusik. Gruppen von Nationalsozialisten mit Hakenkreuzfahnen, darunter auch einzelnen amerikanischen, betreten den Saal. Die Musik intoniert ein Nazi-Lied. Hände heben sich zum Hitler-Gruß. Und die Versammelten rufen „Heil!" Nach diesem Zeremoniell beginnen die Redner: Wer denn behaupten könnte, daß die New-Yorker, welche dieses Meeting einberufen haben, Hakenkreuzler seien?, Eine falsche Beschuldigung! Nazi heiße deutschnational, und wie könnten amerikanische Bürger deutschnational sein?. Um was gehe es also? Sie, die Deutschen hier, seien Amerikas größte Patrioten, und da sie die freundlichen Beziehungen, die zwischen Amerika und dem neuerwachten Deutschland bestehen, bewahren wollen, müßten sie gegen alle Störungen protestieren H k Hiebei natürlich streichelte man die Versammelten ein wenig, reizte sie auf, spickte die Reden mit antisemitischentPointen, So oft die Redner die Namen der Boykottführer Untermeyer und Stephen Wise erwähnten, ließen sie ein paar „witzige" Bemerkungen fallen, die von den Zuhörern mit einem kräftigen „Pfui!" quittiert wurden. Die Redner versuchten den Amerikanern einzureden, daß die Juden Amerika schaden, daß die Juden die Peutschei| ^merlkas vernichten wollen, die fast ein. >Ki?JÄae£ Biet ein» zigen, die sich Amerikas annehmen, es gegen den Bolschewismus eines Untermeyer und a 11 e r anderen Juden schützen, seien die Deutschen. (Um Amerika zu retten, haben sie sich mit dem Hakenkreuz geschmückt, singen sie das hooliganische „Horst-Wessel- Lied", schreien sie „Heil!" und gründen sie die „Dava".)] Ich saß da und hörte die primitiven Lügen, die Begeisterung der Versammelten und ich verstand die suggestive hitleristische Kraft. Mit eben diesen öden, närrischen und lyrisch-angehauchten Phrasen hat Hitler, die Kleinbürger, die patriotisch-hysterischen Frauen und die Bierbank-Philister gewonnen. Aber ich blickte mehr auf die Gesichter der Versammelten als auf die lyrischbeschwingten Redner, auf die Gesichter voll Haß, Brutalität und Grausamkeit. * < Mit welch bestialischem Durst schrien sie jedesmal, so oft man die Juden erwähnte! Ich sah wilde Tiere, die beißen, zerreißen wollen, denen man aber einen Zaum angelegt hat. Die Redner versuchten, die zahmen Schäflein zu spielen, aber hinter der Maske lauerte Haß, Brutalität, Grausamkeit. Der Saal bebte von mittelalterlichem Blutdurst gegen alles, was für Recht und Menschlichkeit eintritt. Und eben diese in Zaum gehaltenen wilden Gestalten müssen wir uns stets vor Augen halten und darum kämpfen, daß sie nicht ausreißen. Das einzige Mittel hiefür ist die Boykott! er ung des hitleristischen Deutschland. Ganz und gar erfühlte ich das, als ich aus dem düsteren Hakenkreuz-Saal in d^e freie Luft des-Broadwajj XonÄw>j^