Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 369 (31.5.1934)
- Date
- 1934-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NETTE WELT tfr. 369 CAFE VICTORIA AM SCHOTTENTOR WIEN I. SCHOTTENTOR daß Gott sich eine Geißel ausgewählt habe, um mit ihr jer.o assimilatorischen Juden zu bestrafen, die durch die Verneinung ihres jüdischen Wesens ihren eigenen Namen und den Namen ihres Volkes geschändet haben — und fährt fort: „Semitische Hartnäckigkeit und arische Logik sehen Hand in Hand. Es ist die richtige Ablehnung jedes Va'L?riandes. eine semitische Religion, welche jede Assimilation zum größten nationalen Verrat gegen die Traditio,, gegen das jüdische Vaterland stempelt . . ." Mussolinis Blatt erinnert insbesondere an die Worte Biaüks, „daß Hitler von Gott geschickt wurde, damit er unser krankes Volk heile", und schließt daran die Bemerkung: „Das ist das prophetische Element im Dichter Bialik, der nicht gerade einen sehr humanen Arzt für die Juden ai-*?fkoren hat. Wenn die Juden so dankbar wären, wie sie hoffärtig gegen ihre Gläubiger sind, so ist es zweifellos, daß die ehemaligen Propheten, wie heute Herr Biaiik, Hitler selbst als Propheten erklären würden, gerade den Beherrscher des arischen Deutschland, der die Juden vertilgen will." „Hitler ist also," bemerkt das Blatt ironisch, „ein Segen für die Juden . . ." und schließt: „Auch in Italien tragen die Juden eine Maske, um die Italiener in eine Konspiration für den Kampf gegen den Faschismus zu verwickeln. Der Zionismus hat zweifellos eine große prophetische Zukunft." Das Wort „prophetisch" bezieht sich auf die obenerwähnte „Prophezeiung' Bialiks, der im Stil der altjüdischen Propheten vom Hitlerismus als von einer Zuchtrute Gotes gesprochen hat. Das' Wort ist natürlich ironisch gemeint. Mussolinis Blatt will im Grunde sagen, daß man sich die italienischen Zionisten genau ansehen muß, wenn sie wagen, antifaschistische Gruppen zu bilden und sich auf diese Weise antifaschistisch zu betätigen. Der Autor des Artikels im „Popolo d'Italia" ist mit den zionistischen Problemen nicht vertraut, sonst hätte er sieh ganz, anders zu den Ausführungen Bialiks stellen müssen. Aber das ist hier weniger wichtig. Entscheidend ist die Tatsache, daß der offizielle Zionismus nicht imstande ist, der jüdischen Jugend ein hundertprozentiges Ideal zu geben und sie von fremden Ideologien fernzuhalten, von fremden Ideologien, die schließlich zu Handlungen führen, die — wie die Verhaftung der jüdischen Antifaschistengruppe in Turin — den Zionismus-, .iias. Judentum und das Palästinawerk aufs schwerste •komprömmlttieren. ££i Die nationalsozialistische Revolution in Deutschland hat im Verlauf ihrer einundeinhalbjährigen Geschichte seltsame Produkte an den Strand gespült. Sehr viel war von deutscher Ehrsamkeit und von deutschem Ehrbewußts-ein die Rede, von den neudeutschen Eigenschaften, an denen es den „Nichtariern" gebricht. Aber Ehrgefühl, Mannestreue und mannhaftes Eintreten für seine Ueberzeugung sehen im Licht der Wahrheit anders aus als im Mund ihrer Propagatoren... . . Da ereignete sich kürzlich in Breslau eine pikante Geschichte: Ein jüdischer Rechtsanwalt, der der Pfleger (Betreuer) eines jüdischen Mündels war, wurde vom Gerichl dieser Funktion enthoben, und zwar mit einer Begründung, die — wäre sie nicht der Ausfluß von Haß, Brutalität und vor allem Scheiheiligkeit — hellste Heiterkeit hervorrufen müßte. Es bestehen, heißt es im Gerichtsakt, Spannungen zwischen der jüdischen Minderheit und dem deutschen Staatsvolk, die sich bei derlei Interessenvertretungen ungünstig auswirken. Der jüdische Vormund ist am wenigsten geeignet, diese Spannungen auszugleichen, denn — wir zitieren jetzt wörtlich! — ,,er ist durch die nationalsozialistische Revolution aus seiner Lebensstellung, ja überhaupt aus seinem Beruf herausgerissen worden", so daß er beim Verkehr mit den Behörden, d. h. mit den rassenantisemitischen Hakenkreuzlern, nicht unbefangen sein und dadurch den Interessen des jüdischen Mündels schaden kann. Und jetzt kommt die letzte Begründung dafür, daß nicht ein jüdischer, sondern ein arischer Pfleger das jüdische Mündel zu betreuen hat. Man höre: „Der jüdische Pfleger wird entweder die Interessen der Pflegebefohlenen nicht mit der Ent- Bchiedenheit vertreten, mit der es ein deutscher Pfleger tun würde, weil er befürchtet, aus seinem Auftreten als Pfleger persönliche Nachteile zu erfahren, oder aber er wird die Vermögensverwaltung so führen, daß dadurch feindliche Spannungen zwischen der Pflegebefohlenen und dem deutschen Volk entstehen. In beiden Fällen nind die Interessen der Pflegebefohlenen gefährdet." Oder deutlicher gesagt: Entweder wird der jüdische Rechtsanwalt au.s Angst vor den Nazis jedes Unrecht, einstecken oder er wird, wenn er energisch sein Recht verlangt, ins Konzentrationslager gesteckt Werden... Und da die Nazis keine andere Sorge haben als die Interessen der Juden zu schützen, haben sie veranlaßt, daß das jüdische Mündel einen — echten arischen Vertreter bekomme. * In Cuxhaven wurden vor einigen Tagen ein arisches Mädchen und ein jüdischer Mann angeprangert. Das Mädchen bekam ein Schild mit der Aufschrift: „Ich bin am Ort das größte Schwein und laß mich nur mit Juden ein." Die Passanten werden wohl tiefe Befriedigung Uber dieses Anprangern empfunden und es als Erziehung zur Schamhaftigkeit angesehen haben. Ja, diese neudeutschen Belange .. . Der „Stürmer" des Herrn Julius Streicher geht noch weiter. Er will sich nicht mit dem „H a 1 s e i s e n" und „Schandpfahl" für die deutschen Mädchen begnügen, die sich „der jüdischen Wollust" hingeben, sondern verlangt amerikanische Methoden. Das Amerika, das von nationalsozialistischer Seite als abschreckendes Beispiel in Dingen des antideutschen Eoykotts hingestellt wird, soll in Dingen der Geschlechtsmoral als Muster dienen. Eine Einsendung im „Stürmer" lautet nämlich: „Im Staat Mississippi (U. S. A.) würden drei junge Neger wegen Schändung weißer Frauen gehenkt. Das wäre das richtige Rezept für einen Juden, welr.her ein deutsches Mädchen schändet. . . Lieber Stürmer! Ruhe und raste nicht, bis die deutschen Mädchen und Frauen wieder einen vollständigen Schutz vor der Wollust der Juden haben und nach amerikanischer Art... nur noch gehenkt werden." Einen Vorgeschmack dieses Rezepts bekommt man durch folgende Meldungen: In Köln wurden auf dem jüdischen Friedhof 161 Grabdenkmäler zerstört. In A r n s w a 1 d e bei Berlin wurden alle jüdischen Geschäfte geplündert, Wohnungen in Brand gesetzt. Die Presse schweigt derlei Akte tot, die Polizei schreitet nicht ein. Dabei hat sich Herr Streicher, der Herausgeber des „Ritualmord-Stürmer", dagegen verwahrt, daß man ihm Pogrome und Aufforderung zu Gewalttaten gegen Juden vorwerfe, ihm, dem Repräsentanten des neudeutschen heroischen Menschen. Allerdings gibt es im weiten Hitler-Deutschland noch ein paar vernünftige, wenn auch nicht zu einer Besserwerdung berechtigende Stimmen, die den „Ehrenmännern" ä la Streicher und Konsorten den Typus des echten Kulturmenschen entgegenstellen. So schreibt die Berliner Zeitschrift „Die Hilfe" vom 19. Mai.: „Zum Heroismus gehört nicht nur die Bereitschaft zum Opfer, sondern auch zur Ritterlichkeit gegenüber dem Niedergeworfenen. Es gibt nicht nur die blutigen, es gibt auch seelische Pogrome . .." Für die Leser der „Neuen Welt" nur: Diß OUten billigen Neudegger Fahrschulen Wien, VIII. Neudeggergasse 18., (Tel. B-46-5-72) u. Inzersdorf (Nied.-Oest.). - Elektr. Lehrchassis! Da§ Ende einer Legende „Der Zar weiß von allen diesen Greueln nichts. Die Kreaturen um ihn mißbrauchen seinen Namen!" So sprach man zur Zeit der Judenverfolgungen im zaristischen Rußland in jüdischen Kreisen. Man knüpfte an diese Betrachtung die Hoffnung, daß es schließlich doch gelingen werde, den ahnungslosen, von seiner Umgebung mißbrauchten Herrscher für ein Einschreiten zugunsten der Juden zu veranlassen. Viele, direkt an den Zaren gerichtete jüdische Petitionen waren ein Resultat dieser Annahme. Diese fromme Legende fand erst spät ihr Ende. Als nach dem Umsturz in Rußland die kaiserlichen Archive geöffnet wurden, ergab sich die Bestätigung des Gegenteils. In den Berichten der Gouverneure und Polizeichefs über Judenpogrome fand man handschriftliche Randbemerkungen des Zaren, aus welchen hervorging, daß er Förderer dieser Greuel war, daß sie seiner Einstellung entsprachen. Eine ähnliche Legende tauchte in den Kreisen deutscher Juden auf, als im Vorjahre die brutalen Verfolgungen in Hitler-Deutschland einsetzten. „Hitler ist wohl Antisemit. Aber nachdem er zur Macht gelangt ist, ist seine Einstellung zur Judenfrage eine andere geworden. Die Terrorakte gehen nicht von ihm, sondern von wenn Sie den Rat befolgen, Ihren Körper widerstandsfähig und widerstandskräftig zu machen. Im Kampf ums Dasein spielt es eine große Rolle, daß Sie keinen Tag verlleren, daß Sie durch keine Erkältung gezwungen werden, tagelang Ihrem Beruf, Ihrer Beschäftigung fernzubleiben. Gebrauchen Sie ständig jeden Tag DIANA Franzbranntwein mit Menthol und Sie schützen sich am besten gegen alle Unbill des Winters und des Alters. In jedem besseren Geschäft erhältlich. Die schönsten Palästinareisen zu billigsten Pauschalpreisen mit und ohne Landarrangement allmonatlich. 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Goebbels erzählt: „Er hat sich oben Iii der Einsamkeit der Berge die ganze Situation reiflich überlegt und ist nun zum Entschluß gekommen: Wir werden gegen die Auslandshetze nur ankommen, wenn wir ihre Urheber oder doch wenigstens Nutznießer zu packen bekommen. Wir müssen also zu einem großangelegten Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland schreiten. Vielleicht werden sich dann -die ausländischen Juden eines Besseren besinnen, wenn es ihren Rassegenossen In Deutschland an den Kragen geht." So hat Goebbels unumstößlich festgestellt, daß der Reichskanzler Hitler persönlich den Plan zu dem Judenboykott gefaßt hat, der anfang April 1933 in einer Weise durchgeführt wurde, welche die Welt mit Entsetzen erfüllte. In welchen Formen Hitler von Anfang an den Boykott zu führen gedachte, kann man daraus ersehen, daß er seinen besten Freund, den als Bluthund bekannten Julius Streicher, zum Reichskommissär für den Boykott ernannte. Zaren-Legende — Hitler-Legende! Die Hitler* Legende hat allerdings rascher ein Ende gefunden. Die Protestaktion in Polen nicht einheitlich Aus Warschau: Die vom Zionistischen Zentralkomitee in Polen ergriffene Initiative zur Schaffung einer einheitlichen jüdischen Front gegen die Einwanderungseinschränkung in Palästina hatte keinen Erfolg. Die oppositionellen zionistischen Gruppen lehnten eine Führung der Zionistischen Exekutive in der Protestbewegung a b. Es wurden nun zwei separate Komitees gebildet. Das eine, in dem das Zionistische Zentralkomitee und die Liga für das arbeitende Palästina vertreten sind, proklamierte die am 27. Mai beginnende Woche als Woche des Protestes. Das zweite Komitee, in dem die oppositionellen zionistischen Gruppen Misrachi, Eth-Liwnoth und Revisionisten sowie die Agudah und die jüdischen Wirtschaftaver bände repräsentiert sind, proklamierte den Montag, 4. Juni, als Pro« t e s 11 a g, an dem von früh bis 6 Uhr abends die j ü d ischen Geschäfte geschlossen bleiben und überall Protestkundgebungen stattfinden sollen. * Die Ablehnung der Opposition hat ihren Grund darin, daß sie die auf dem Prager Kongreß unter stürmischen Szenen und unter dem Eindruck der Mordaffäre Arlosoroff gewählte linke Exekutive für mitschuldig an der traurigen politischen Lage in Palästina hält. Sie behält sich vor, auf ihren Protestversammlungen auch die Zionistische Exekutive zur Verantwortung zu ziehen. Der Kampf gegen die Einwanderungspolitik der Palästina«Regierung Aus Jerusalem: Wie der Vorsitzende des Waad Lcumi (Jüdischer Nationalrat), Ben Zwl, der J. T.-A. mitteilt, wird der Waad Leumi demnächst gemeinsam mit der Palästina-Exekutive eine offizielle Delegation nach London entsenden, um die öffentliche Meinung über die Auswirkungen der Einwanderungspolitik der Palästina-Regierung aufzuklären und bei der englischen Regierung Beschwerde gegen die Maßnahmen der Palästina-Verwaltung einzulegen. Die Einzelhelten des geplanten Schrittes werden derzeit noch beraten. Der Waad Leumi sei entschlossen, es im Kampf gegen die Drosselung der jüdischen Einwanderung nicht bei dem halbtägigen Proteststreik und der