Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 368 (29.5.1934)
- Date
- 1934-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 368 DIE NEÜE WELT Seite S des lettischen Judentums, wie der misrachistische Sejm» Deputierte Rabbiner M. N u r o k, der Agudah-Deputierte S. Wittenberg, der bekannte Schriftsteller und frühere ukrainische Minister W. Latzky-Bertholdi, Dr. W. Siew und mehrere Großkaufleute und Industrielle. mit dan vorxOgllchan, grölten Salonsdilffan d*r direkten Eillinie TRIEST—JAFFA d« LLOYD TRIESTINO Abfahrten jedenMittwoch um 13 Uhr Fernen Luxuseillinien nach Atheni Istanbul, Alexandrien, Bombay, Colombo, Singapore, Shanghai Schnellste Schiffe Höchster Komior i Auskunft: Lloyd Tricstino,Wien lf Kärnfnerring 6,Tel.U-47-5 60 Was alles berichtet wird ♦ ♦ ♦ Prag, 25. Mai. (J. T. A.) Der hier erscheinende „Neue Vorwärts" (das von Emigranten herausgegebene Ersatzblatt für den Berliner „Vorwärts". Anm. d. Red.) bringt folgende Geschichte: „Eine erschütternde Episode, die beweist, wie furchtbar die Martermethoden des Dritten Reiches oft auf den einzelnen Menschen wirken, wird aus dem Urwaldreich Streichers, aus Franken, berichtet. In Ansbach gibt es noch eine Montessori-Schule, in der unter arischen Schülern sich auch noch einige nichtarische befinden. Eines Tages, nach Schluß des Unterrichts, verließ die Lehrerin mit einem 10jährigen jüdischen Mädchen an der Hand das Klassenzimmer, als plötzlich ein S. A.-Mann in voller Uniform vor ihr auftauchte. Er war der Vater einer Schülerin, der sich bei der Lehrerin über sein Kind erkundigen wollte. Als das kleine jüdische Mädchen den S. A.-Mann sah, begann es am ganzen Leibe zu zittern, riß sich von der Hand der Lehrerin und warf sich weinend dem S. A.-Mann zu Füßen. „Ich bin eine Jüdinbitte, tun Sie mir nichts!", rief sie schluchzend und vor Angst bebend. Der S. A.-Mann blickte wie erstarrt auf das Kind vor sich, wandte sich dann um und weinte! Wortlos ging erweg. . . ." Das ist fürwahr eine schöne Geschichte, fast zu schön. Wir i'aten allen ab, an diesen weinenden S. A.¬ Mann Hoffnungen zu binden. Die Geschichte s-hiene glaubwürdiger, wenn der „Neue Vorwärts" bekanntgeben könnte, wann der gute Mann ins Konzentrationslager geschickt wurde. Der Umsturz in Lettland und Fast die gesamte jüdische Presse verboten Aus Riga Ueber die Position der Juden unter dem neuen lettländischen Diktaturregime ist mitzuteilen: Der jetzige diktatorische Ministerpräsident Ulmanis, Führer der Bauernpartei, der nach der Proklamierung des lettischen Staates an dessen Spitze gestanden hat und jetzt zum achten Mal Ministerpräsident ist, pflegte sich auch auf die Minderheiten, unter ihnen auf die Juden, zu stützen, er unterhielt besonders freundliche Beziehungen zu dem Führer der lettländischen Agndah, Deputierten Rabbiner M. Du bin. Wie sich die jetzige Regierung Ulmanis den Juden gegenüber verhalten wird, läßt sich heute noch nicht übersehen. Ulmanis selbst war nicht Antisemit, seinem jetzigen Kabinett aber gehören Fersonen an, von denen das lettländische Judentum nichts Gutes erwarten kann. Der Vizepremier S k u j e n e k ist als Gegner der Minderheiten und besonders der Juden bekannt, der Unterrichtsminister Prof. Adamowitsch ging bereits daran, die Schulautonomie der Minderheiten zu beseitigen. Von irgend einem öffentlichen jüdischen Leben in Lettland ist jetzt nichts zu apuren, nachdem die Tätigkeit aller Parteien und Organisationen behördlich eingestellt ist. Von jüdischen Zeitungen sind nicht nur die revisionistische „Ownt-Pos t", sondern auch die große jiddische Tageszeitung „Frimorgn" samt ihrer Nachmittagsausgabe „Bajtog" sowie sämtliche jüdische Wochenblätter mit Ausnahme des Agudah-Wochenblattes „Unser S t i m e" verboten worden. Die Verhaftungen imter den linksgerichteten Kreisen dauern fort. Verhaftet wurden u. a. die Führer der jüdischen sozialdemokratischen Partei „Bund", Prof. Dr. N. Meisel, J. Rabinowitsch, ferner Mandatare des „Bund" in vielen Stadtverwaltungen und andere jüdische Persönlichkeiten, die linksgerichteten Organisationen angehörten. Geschlossen wurden der Perez-Klub, das Volkshaus und andere linksgerichtete jüdische Institutionen und Bibliotheken. Doch wurden bis jetzt die zionistischen Kreise in Lettland unangetastet gelassen. Im allgemeinen herrscht unter der jüdischen Bevölkerung Lettlands im Hinblick auf die Ungewißheit, was die Zukunft den Juden bringen wird, eine gedrückte Stimmung. Doch ist es nirgends zu antijüdischen Aktionen in der Oeffentlichkeit gekommen. Die Mitglieder des jüdischen Komitees für antideutschen Boykott wurden zur gerichtlichen Verantwortung gezogen, Angeklagt sind angesehene Führer Antisemitische Unruhen in Polen Aus Warschau wird gemeldet: In Polnisch- Teschen an der Grenze gegen die Tschechoslowakei kam es am 23. und am 24. Mai zu schweren antisemitischen Ausschreitungen der Radikal-Nationalen. Am 23. Mai abends griffen die Antisemiten eine Versammlung der Zionisten-Revisionisten an und gaben dabei auch zwei Schüsse ab, die aber niemand verletzten. Am 24. Mai veranstaltete in Polnisch-Teschen eine große Gruppe Radikal-Nationaler, die größtenteils aus Studenten der Ackerbauakademie bestand, in der Vorstadt Bobrek antijüdische Exzesse. In dem Gebäude der jüdischen Schule sowie in mehreren jüdischen Geschäftsläden wurden die Fensteracheiben eingeschlagen. Polizei zerstreute die Demonstranten und verhaftete sechzehn Anführer. Der Mob versuchte, die Verhafteten aus den Händen der Polizei zu befreien. In Bialystok, das seit längerer Zeit Schauplatz immer wiederkehrender antisemitischer Exzesse ist, kam es wiederum zu einem schweren Ueberfall auf jüdische Spaziergänger in dem Stadtwäldchen, wobei Mendel L u b i n s k i durch Schläge auf den Kopf und durch Messerstiche so schwere Verletzungen davontrug, daß sein Zustand hoffnungslos ist. In dem Polizeibericht wird erklärt, daß Lubinski ein Opfer parteiischer Kämpfe geworden ist; dies stimmt aber nicht, Lubinski, ein Weber, ist erwiesenermaßen durch radikal-nationale Antisemiten erstochen worden. Auch in Warschau hören die Ueberfälle auf Juden nicht auf. In einer Sommerfrische unmittelbar bei Warschau überfielen Radikal-Nationale, nachdem ihre Versammlung von der Polizei aufgelöst wurde, jüdische Ausfiüglergruppen, Männer, Frauen und Kinder und schlug» mörderisch auf sie ein. Eine Gruppe jüdischer Arbeiter stellte sich den Angreifern entgegen und zwang sie zum Rückzug. In verschiedenen Teilen Warschaus kam es in den späten Abendstunden zu Ueberfällen auf jüdische Passanten. Im Stadtzentrum am Theaterplatz und in der Zamenhofgasse, ferner am „Eisernen Tor" wurden mehrere Juden mißhandelt und verletzt. Auch in W i 1 n a wurden in der Portawagassa jüdische Passanten Uberfallen und mißhandelt, wobei der 22jährige Student der Rechte Jakob S n a r s k i sehr schwer verletzt wurde. An einem anderen Punkte der Stadt Wilna wurden mehrere Mitglieder der orthodoxen Hachscharah-Kolonie durch Huligans überfallen, mehrere der jüdischen jungen Leute wurden nicht unerheblich verletzt. Auf Grund einer Denunziation seitens der Huligans, daß die Chaluzlm die Angreifer waren, wurden einige Chaluzim verhaftet. In dem Städtchen Koszieszine bei Gdynia, wurde der über 100 Jahre alte Judenfriedhof verwüstet. In Lodz verhaftete die politische Polizei abermals mehrere Mitglieder der nationaldemokratischen Partei. Die Verhaftungen stehen im Zusamenhang mit den schweren antisemitischen Exzessen, die von einer Gruppe des Jugendlagers dieser Partei in Lodz am polnischen Nationalfeiertage, den 3. Mai, veranstaltet worden waren. * Aus Warschau: Wie aus Bialystok telegraphiert wird, ist im dortigen Hospital der 34Jährige jüdische Weber Mendel Lubinski, der vor wenigen Tagen von radikal-nationalen Huligans überfallen und durch Stockschläge und Messerstiche schwer verletzt wurde, nach einer qualvollen Agonie seinen Verletzungen erlegen. Seine Braut, die ihn damals begleitete und bei dem Versuch, ihn zu schützen, ebenfalls durch Messerstiche schwer verletzt wurde, liegt bedenklich darnieder. Industrie und Handwerk im jüdischen Palästina Das Ergebnis einer Zählung Wir geben im folgenden die vom Statistischen Büro der Zionistischen Exekutive bearbeiteten Ziffern der Zählung pro Ende 1933. Die Zählung wurde in den Städten und in 21 großen Siedlungen durchgeführt, sie erstreckte sich auf insgesamt 3386 industrielle und handwerkliche Unternehmungen, in denen am Tage der Zählung 19.510 Menschen beschäftigt waren. Das in ihnen investierte Kapital beträgt5,250.000Pfund, ihre jährliche Produktion wird auf fast 5,000.000 Pfund geschätzt. Die Verteilung der Unternehmungen nach der Zeit ihrer Gründung zeigt, daß vor dem Weltkriege und während seines Verlaufes 288 Unternehmen mit 1560 beschäftigten Personen und einer Produktion von Pf. 387.000 vorhanden waren. Das in ihnen investierte Kapital betrug Pf. 451.000. Diese Unternehmungen bilden also etwa 9 Prozent aller jetzt bestehenden Unternehmungen. Demgegenüber wurden allein im Jahre 1933 586 Unternehmungen mit 3200 beschäftigten Personen und einer Produktion von Pf. 842.000 gegründet. Der Wert der neuen Unternehmungen dieses einen Jahres ist also doppelt so groß wie der Wert der Unternehmungen, die bis zum Kriege vorhanden waren. Unter den neuen Unternehmungen befinden sich 65 mit 569 beschäftigten Personen, die von deutschen Juden gegründet wurden. In früherer Zeit durchgeführte Zählungen bieten die Möglichkeit, die Entwicklung der Industrie und des Handwerks in den letzten zwölf Jahren zu betrachten. Die Zahl der Unternehmungen hat sich verdoppelt, die Zahl der in ihnen beschäftigten Personen verdreifacht, das in ihnen investierte Kapital ist auf das Siebeneinhalbfache gestiegen. Hieraus ergibt sich die Tatsache, daß nach dem Kriege vorwiegend große Unternehmungen errichtet worden sind. Zählung 1922 1930 1933 Zahl der Unternehmungen . 1.850 2.475 3.386 Personal ....... 4.500 10.970 19.510 Produktion in Pfund ...? 2,510.000 5,329.000 Kapital in Pfund .... 700.000 2,235.000 5,266.000 Die Unternehmungen verfallen in zwei Gruppen: 1. industrielle Unternehmungen, 2. handwerkliche Unternehmungen. Zur Gruppe der handwerklichen Unternehmimge gehören diejenigen, die nur für einzelne Verbraucher arbeiten, oder solche, bei denen sich der Umfang der Arbeit auf einen lokalen Kundenkreis beschränkt, oder endlich solche, bei denen die Zahl der Beschäftigten, einschließlich des Eigentümers, 4 nicht Ubersteigt. In diesen Unternehmungen sind überwiegend gelernte Handwerker tätig, die das Inventar an Arbeitsgeräten, an Rohstoffen und an fertigen Fabrikaten als Eigentum besitzen. Ihr Kapital ist meiBt gering: niedriger als Pf. 100, und nur in einzelnen Fällen beträgt es etwa Pf. 1000. Die Gesamtzahl der handwerklichen Unternehmungen umfaßt 5180 Personen; ihre Jahresproduktion beträgt drei Viertel Millionen Pfund, das in ihnen investierte Kapital eine Viertelmillion Pfund. Diese Unternehmungen bilden im Gesamtergebnis drei Viertel der Zahl der Unternehmungen, mit einem Viertel der Ueberau knitterfeste Krawatte, Marke „Phoenix", aus Tootals patent. Stoffen, S 5.50. Zahl der Beschäftigten, einem Achtel der Produkt tion und 5 Prozent des investierten Kapitals. Von der Gesamtzahl der 19.510 beschäftigten Personen sind 4440 Eigentümer, 850 Verwandte, die im Geschäft helfen, 290 technische Angestellte und Aufsichtspersonen, 780 Beamte und 13.510 Lohnarbeiter. Nach dem Geschlecht verteilt sich das Personal in folgender Weise: 16.310 (84 Prozent) Männer und 3200 (16 Prozent) Frauen. Bezüglich der Produktionszweige ist festzustellen, daß den ersten Platz die Industrien einnehmen, die sich mit der Herstellung von Genußmitteln, wie Speisen, Getränken, Tabak usw., beschäftigen. Dieser Produktionszweig umfaßt 290 Unternehmungen mit einem Personal von 2620 Menschen und einer Produktion von Pf. 1,045.000. Hievon produzieren: Bäckereien Pf. 250.000; Mehlmühlen Pf. 180.000; Molkereien Pf. 140.000; Getränkefabriken Pf. 100.000; Schokoladefabriken Pf. 70.000. Die gleiche Bedeutung kommt den Unternehmungen zu, die sich mit der Herstellung von Zement, Ziegeln und Steinen befassen. Ihre Zahl wächst in den Städten und Siedlungen sichtlich. Wesentlich geringere Bedeutung kommt der Produktion von Metall, Holz und chemischen Produkten zu, die mit je 10 Prozent an der Produktion beteiligt sind. Wenn man die Unternehmunge nach der Größe des in ihnen investierten Kapitals aufteilt, ergibt sich, daß an der Spitze die Produktion von Elektrizität mit einem investierten Kapital von l1^ Millionen Pfund marschiert, und nach ihr die Unternehmung gen kommen, die Zement und Kali produzieren, also zur Schwerindustrie gehören. Sir Arthur Waudiope kommt nicht nach Genf Aus Genf: In gut unterrichteten Völkerbundkreisen wird bezweifelt, daß der High Commissioner für Palästina, Sir Arthur W a u c h o p e, als Vertreter der Mandatarmacht zu der am 30. d. M. in Genf beginnenden Tagung der Ständigen Mandatskommission des Völkerbundes kommt. Bis jetzt ist nur die Ankunft des Generalsekretärs der palästinensischen Regierung Hall und des Regierungssekretärs N u r o k angemeldet. Die Palästina-Debatte wird wahrscheinlich schon am zweiten Verhandlungstage, das heißt am 31. Mai, beginnen. In der gleichen Tagung wird sich die Mandatskommission mit der Prüfung der Jahresberichte aus den Mandatsgebieten Syrien, Tanganyika, Nauru usw. sowie mit der Ueberprüfung einiger Petitionen befassen. Zum Kampf um die jüdische Arbeit in Palästina Aus New York: Der Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Morris Rothenberg, hat an den Führer des Verbandes der jüdischen Landwirte Palästinas, Mosche S m i 1 i a n s k y, folgendes Telegramm gerichtet: „Die Juden der Vereinigten Staaten sind alarmiert angesichts der ernsten Folgen, die der Kampf um die Frage der jüdischen Arbeit für den Jischuw haben könnte. Ich muß an Sie als den Führer des jüdischen Landwirte-Verbandes und an Ihre Kollegen den dringenden Appell richten, alle Anstrengungen zu machen, um eine Verständigung in der Frage der Be* schäftigung jüdischer Arbeitskräfte herbeizuführen uni