Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 367 (25.5.1934)
- Date
- 1934-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 367 DHC NfiUE WELT Seite 5 Der Mordprozeß ArIo§oroff Achimeir freigelassen Mittwoch, den 15. Mai, gab es im Jerusalemer Gericht eine Sensation. Einer der drei Angeklagten, Abba Achimeir, der das englisch-arabische Gericht als den intellektuellen Urheber des Mordes an Dr. Arlosoroff bezeichnet und beschuldigt hatte, der Mann, der die zwei Jünglinge Stawsky und Rosenblatt zum Mord angestiftet haben soll, wurde freigelassen und das Verfahren gegen ihn eingestellt. Das geschah unter sensationellen Umständen. Als das Verhör mit den von der Anklage geführten Zeugen beendet war, stellte der Verteidiger Horacc Samuel den Antrag auf Freilassung und Außerverfolgungsetzung aller drei Angeklagten, indem er ausführte, daß der bisherige Verlauf der Gerichtsverhandlung keinerlei Beweise gegen sie gebracht habe. Dem Antrag wurde, wie gesagt, in bezug auf Achimeir sattgegeben, während der Prozeü gegen Stawsky und Rosenblatt fortgesetzt wird. Achimeir verließ, von den Handfesseln befreit, den Gerichtssaal. Vor seinem Abgang umarmte, und küßte er seine bisherigen Genossen auf der Anklagebank und drückte dem Verteidiger Horace Samuel die Hand. Stawskys Mutter stürzte vor Erschütterung zusammen. Mit den Rufen „Es lebe Jabotinsky! Es lebe Tel Chaj!" verließ Achimeir den Saal. Die Freilassung Achimeirs war die große Sensation des Tages. Die hebräischen Zeitungen veranstalteten Extraausgaben. Es wurde allenthalben dem Wunsch Ausdruck gegeben, daß der nun elf Monate dauernde Prozeß endlich liquidiert werde und Beruhigung in die Gemüter des jüdischen Jischuws zurückkehre. Die objektive Presse konstatiert, daß durch die Freilassung Achimeirs der Prozeß, der von den Linken mit unerhörter Intensität zu einem politischen Prozeß aufgebauscht wurde, seiner politischen Hintergründe entkleidet worden sei und zugleich auch der Versuch, eine bestimmte zionistische Gruppe in Palästina für die Haßstimmung verantwortlich zu machen, als gescheitert angesehen werden müsse. Allmählich werde klar, wen die Verantwortung für die vergiftete Atmosphäre treffe. Jedesfalls ist das Faktum, daß das Jerusalemer Geschwornengericht die Anklage gegen Achimeir fallen lassen mußte, ein schwerer Schlag sowohl gegen die englisch-arabische Polizeibehörde als auch gegen die Linke,, welche sich schützend vor diese Behörde gestellt hatte und jeden Versuch, nichtjüdi3Chen Mordspuren nachzugehen, zu hintertreiben sich bemühte. Mit der Freilassung Achimeirs ist der erste Schritt auf dem Weg zur Liquidierung des Arlosoroff-Mordes getan. Doe gedungene Provokafori'n Am 16. Mai wurde die Vernehmung des Polizeihauptmannes Rice zum Abschluß gebracht. Er erklärte, er habe Abdul Medschid nicht zur Rückziehung des Mordgeständisses gedrängt. Auf die Frage Samuels, ob er nicht doch Riwka Feigin (gewesene Kommunistin und Polizeispitzel, wie dies aus der Voruntersuchung hervorging. Anm. d. Red.) zu Rosenblatt geschickt habe, um ein Geständnis von ihm zu erhalten, mußte Rice zugeben, daß dies einer der Gründe sei, weehalb er die Felgin zu Rosenblatt zugelassen habe. Die Feigin habe ihm erzählt, daß Rosenblatt ihr mehrere Dinge (!) gestanden habe. Die nächsten Zeugen, Zipora H a I p e r i n vom Hadassah-Spital, der Schriftsachverständige A1 d e m a und der Dolmetscher Zui Rosen, sagten nichts Neues aus. Auf Antrag Samuels beschloß das1 Gericht, Medschids Bruder, Hamid, nochmals als Zeugen zu laden. Hamid wurde von Samuel gefragt, ob er im März im Gefängnis einem Juden namens Isaac Parker gegenüber darüber geklagt habe, daß sein Bruder Abdul Medschid nicht bei seinem Geständnis bleibe und daß Frau Arlosoroff Ihn nicht als Mörder erkennen will, obwohl doch er und Issa el Darwisch tatsächlich Dr. Arlosoroff ermordet hatten. Abdul Hamid bestritt dies. Frau Arlosoroff will Bilder von Arabern sehen! Sergeant Ben Dor, der in der Mordnacht Dienst hatte, sagte aus, Frau Arlosoroff, der man das polizeiliche Photographienalbum zeigte, habe ausgerufen: „Das sind alles Juden! Zeigen Sie mir Photographien von Arabern!" Frau Käte Dan, die Pensionsinhaberin, sagte aus, Frau Arsosoroff sei sehr erregt gewesen und habe gerufen: „Zwei Männer haben meinen Mann erschossen!" Und weiters: „Der eine hat eine europäische, der andere orientalische Kleidung getragen." Damit ist das Verhör der Zeugen der Anklagebehörde beendet. Siawsky und Arlosoroff Am 17. Mai, elf Monate nach seiner Verhaftung, wurde Stawsky als Angeklagter vernommen. Die Vernehmung dauerte den ganzen Tag. Auf eigenen Wunsch wurde Stawsky unter Eid genommen und sagte von der Zeugenbank aus: Zwl Rosenblatt sah er nie in seinem Leben, wußte nicht einmal etwas von dessen Existenz. Seinen Revolver ver* kaufte er Ende Mai dorn Ascher Chasan, bei dem er zusammen mit Achimeir wohnte. Er beabsichtigte, zur Organisierung der „illegalen" Einwanderung am 7. Juni nach Polen zu reisen. Stawsky erzählte weiter, wie er den 16. und 17. Juni verbracht habe, und zwar in Jerusalem, wo er im Hotel Turgemann wohnte. Gegen Mittag des 17. Juni erfuhr er, daß Arlosoroff ermordet worden sei, fuhr nach Tel-Awiw und wurde Montag, den 19. Juni, in seinem Zimmer verhaftet. Dann wurde er von Captain Rice ver<- Zuerst: Palästina- Reiseberatung, dann Palästinareisen (veranstaltet für ihre Mitglieder) Nächste Reise ab Wien: 18. Juni - Führung Dr. leo Goldhammer „PAG", Kreditkassa und Wirtschaftsvereinigung für den Warenaustausch mit Palästina, reg. Gen. m. b. JH.. Wien, I«. Capiatrangaste 2 (bei Mariahilferstraße 31). Sptech- •tundra: Montan W» Freitag, nur von 0 bis 12 Uhr. hört, der Frau Arlosoroff zur Identifizierung vorgeführt und zwecks Fußspurenuntersuchung zum Strand gebracht. „Ich habe nichts mit dem Mord zu tun", rief Stawsky als Zeuge au9, „ich hatte keinerlei Grund, Arlosoroff zu töten, den ich nie im Leben gesehen habe. Ich sah seine Photographie zum erstenmal Samstag nach dem Mord." Mit Abdul Medschid sprach er nur über belanglose Dinge und erfuhr am 26. Jänner 1934, daß dieser den Mord an Arlosoroff eingestanden habe. Er arbeitete niemals an der revisionistischen Zeitung „C h a s s i t H a a m" mit, da er nicht hebräisch konnte, sondern erhielt bloß von Achimeir eine Journalistenkartc, um als Zeitungsmann leichter ein polnisches Visum zu bekommen. Zum Schluß erklärte Stawsky, daß die wirklichen Mörder nur infolge der Unfähigkeit der Polizei nicht gleich eruriert wurden und er deshalb bereits <Mf Monate in Haft sitze. Er wäre glücklich, wenn man die Mörder fände und 3eine Unschuld erwiesen wäre. Die Angeklagten haben einander nicht gekannt :>v Auch Zwi Rosenblatt sagte unter Eid als Zeuge aus. Er erzählte, daß er im Jänner 1933 nach Palästina kam und in die revisionistische Kooperative nach Kfar Saba aufgenommen wurde. Zur Zeit, da Arlosoroff ermordet wurde, habe er an einer S'tzung in Kfar Saba. teilgenommen. Stawsky habe er nie gekannt, bloß seine Photographie kurz nach Stawskys Verhaftung in einer Zeitung gesehen. Er sei am 23. Juli verhaftet Und hintereinander von Captain Rice, Inspektor Tenenbaum und Inspektor Shitreet einvernommen worden. Frau Arlosoroff habe ihm gesagt, er möge ein Geständnis abgeben, er hätte aber geantwortet, daß er unschuldig sei. Schließlich stellte der arabische Prokurator an ihn eine Menge Fragen, die er durchwegs sachlich und logisch beantwortete. Die Verhöre der Zeugen der Verteidigung werden fortgesetzt. iftaesffi t&s&z&r 'Höre dich selbst! Schallplattenaufnahmen jeder Art im Yllophan-Studlo. Margareteostr. 22. Tel. ß-20-2-19 Amerikani§dier Brief Zerstörte Illusionen — Die Boykott-Messe (Von unserem New Yorker Korrespondenten.) Der hier in den Vereinigten Staaten sehr intensiv arbeitenden Hitler-Propaganda ist es wohl nicht gelungen, eine politische Annäherung der U. S. A. an Deutschland zu erzielen. Aber auf einem Gebiete hat sie unleugbare Erfolge erzielt: auf antisemitischem. Während anfangs nur deutschamerikanische Kreise sich geneigt zeigten, das Rassenprogramm der Hakenkreuzler zu akzeptieren, faßt es jetzt auch in anglo-amerikanischen Kreisen festen Fuß. Auf dem letzten Delegiertentag des „Amerikanisch-jüdischen Kongresses" am 6. Mai, welcher von 1500 Delegierten besucht war, nahm der unermüdliche Führer der nationalen Judenschaft, Rabbiner Dr. Stephan W i s e, Gelegenheit, auf diese bedrohliche Erscheinung zu verweisen. Er führte hiezu aus: PORTSCHACH ein Sonnengarten am Wörthersee 60 Prozent Fahrtpreisermäßigung. Auskünfte Kurkommission „Jahrzehnte hindurch haben wir amerikanische Juden uns einem trügerischen Gefühl völliger Sicherheit hingegeben. Wir glaubten, eine besondere Art von Juden zu sein, welche vor dem traurigen Schicksal der Juden in der ganzen Welt bewahrt sind. In dieser Beziehung glichen wir den Juden Deutschlands, welche dachten, daß ihr Ruf, ihr hoher Grad der Zivilisation und ihre Hingabe an Deutschland sie davor bewahren, um ihre bürgerliche Stellung gebracht zu werden. Ich brauche wohl nicht mehr den Sturz der deutschen Judenschaft zu schildern. Sie wird jetzt an dem Strick des Arierparagraphen gehängt. Und nun erleben wir es, daß hierzulande der Versuch gemacht wird, den gleichen Arierparagraph, einzuführen, die antisemitische „Rassenrein i g u n g" zu proklamieren, wie in Deutschland. Ich. muß hier auf eine Erklärung der Handelskammer des Staates New York verweisen, welche diese auf Grund eines Berichtes des Dr. Harry H. L a u g h 1 i n, Professor der Eugenik (Rassenfor3Chung) beim Carnegie- Institut in Washington, abgegeben hat. Dr. Laughlia fordert, daß man die Zuwanderung von Juden in den Vereinigten Staaten allgemein sperren und nur die sogenannten „besseren" Juden zulassen soll. Man müsse jeden jüdischen Einwanderer auf seine rassischen Eigenschaften genau prüfen. Es ist das Unglaubliche eingetreten, daß die Leitung der Handelskammer dieser Forderung Dr. Laughlins zugestimmt und einen Beschluß gefaßt hat, von der Regierung die Begrenzung der jüdischen Einwanderung, insbesondere der Einwanderung von Juden aus Deutschland zu fordern. Alle jüdischen Einwanderer sind vor der Landung einer „rassischen" Prüfung zu unterwerfen. Noch vor kurzer Zeit hätte es in diesem Lande wohl niemand für möglich gehalten, daß eine offizielle Körperschaft, welche ungezählte jüdische Mitglieder hat, einen derartigen Schritt unternehmen könnte. Nun, da unsere Illusionen so gründlich zerstört sind, müssen wir amerikanische Juden uns auf nationaler, politischer Basis zusammenschließen, um der schweren antisemitischen Gefahr in den Vereinigten Staaten wirksam begegnen zu können." * Auf der gleichen Tagung erstattete Vizepräsident Dr. Josef Tenenbaum den Bericht über den Fortgang der von ihm geleiteten Boykottaktion gegen Waren aus Hitler-Deutschland. Täglich folgen neue Firmen dem Beispiele der Riesenfirmen Macy, Warnemaker, Altmann, Bloomingdales usw. und lassen sich in die „weiße" Liste der Firmen eintragen, welche den Einkauf und Verkauf deutscher Waren völlig eingestellt haben. Das größte Postversandhaus der Union, Seaes, Roebuck u. C o., hat Dr. Tenenbaum mitgeteilt, daß fortab deutsche Waren in seinen Katalogen mit dem Vermerk „M ade in G e r m a n y" versehen werden, um den Käufern Gelegenheit zu geben, sie eventuell zurückzuweisen. Die Vorbereitungen für die Boykottmesse gegen Hitler-Deutschland sind sehr weit fortgeschritten. Auf dieser Messe sollen bekanntlich die Erzeuger aller Staaten die Möglichkeit erhalten, Ersatzwaren für deutsche Waren auszustellen. Das amerikanische Publikum soll so in die Lage versetzt werden, sich voll- und preiswerten Ersatz für deutsche Waren zu schaffen. Termin und Ort der Messe sind bereits festgesetzt. Sie wird am 27. Oktober 1934 im Grand Central Palace in New York eröffnet werden. Firmenmeldungen aus aller Welt sind bereits eingetroffen. Von einem palästinensischen GroßincSusfosefilen Wir haben in reichem Ausmaß alle Vorberichte über die L e v a n t e-M esse in Palästina und über den Verlauf derselben veröffentlicht, um den interessierten Kreisen ein Bild dieser Industrie- und Handelsausstellung zu geben. Nun erhalten wir von einem sachkundigen Industrie führer Palästinas eine Darstellung, die durchaus kritisch die Levante-Messe behandelt und die Gefahren aufzeigt, die durch eine allzu großzügige Propaganda für eine „internationale" Messe im jüdischen Palästina hervorgerufen werden können. Wir veröffentlichen nachstehend diese kritische Darstellung, da wir der Ansicht sind, daß die jüdische Welt Anspruch darauf hat, alles, was in Palästina geschieht, auch in einer Weise dargestellt zu sehen, die den Optimismus mancher Kreise in Palästina nicht teilt. „Große Wirtschaftsexperten", die schon „mindestens" drei bis sechs Monate im Lande sind, werden in einigen Wochen in langen, mit Ziffern belegten Artikeln, die der jüdischen und nichtjüdischen Welt vorrechnen, ein wie ungeheurer Erfolg die Levante-Messe gewesen sei. Ohne mit diesen Ziffern polemisieren zu wollen, sei es einem seit mehreren Jahren in der Industrie tätigen, seit Jahren die Nachbarländer bereisenden Menschen gestattet, einiges über d->n Wert der Messe für die palästinensische Industrie zu sagen. Die palästinensische Industrie kann sich nur entwickeln, wenn sie in der Lage ist, in den Nachbarländern mit den europäischen Konkurrenten den Wettkampf aufzunehmen; wenn sie in der Lage ist, schnell zu liefern; wenn sie in der Lage ist, Qualitätswaren zu liefern; wenn sie in der Lage ist, die zu 90 Prozent arabischen Abnehmer als dauernde Kunden zu erwerben. Bei der rieaigen Reklame, die für die Levante- Messe gemacht wurde, haben die Verantwortlichen einen sehr wichtigen Faktor übersehen. Ohne Reklame entwickeln sich in unseren Nachbarländern Syrien, Aegypten und Irak Industrien, die der palästinensischen Industrie bald gefährlich werden können. Zur Entwicklung dieser Industrien haben wir 3elbst mit unserer Riesenreklame beigetragen. Wir laden mit amerikanisch aufgemachter Reklame unsere Nachbarn ein, zu sehen, was wir alles leisten können; die Nachbarn kommen, sehen unsere Leistungen und machen sie nach. Machen sie um so leichter nach, als bei ihnen Regierungen vorhanden sind, die der Industrie in jeder nur möglichen Weise, mit Schutzzöllen und Bankkrediten, helfen. Unsere Nachbarn brauchen nicht mehr nach Europa zu fahren, um herauszubekommen, welche Industrie geschaffen werden soll; wir haben eine Reklame und machen es den Herren leicht — mit 50 Prozent Bahnermäßigung. Ich will nur ein Beispiel anführen: Eine Fabrik exportierte im Jahre 1931 für zirka 5000 Pfund Sterling, im Jahre 1932 für 6000 Pfund Sterling einen bestimmten Artikel nach KINDER ANS MEER! 4 Wochen Meer Sonne Stitfen bietet Ihnen das hygienisch und modern eingerichtete JüD. KINDERHEIM in Selce bei Crikvenica, Dalmatien. Leiterin: Frau Helene Überall, Schuldirektorin. Anmeldungen, Auskünfte und Prospekte: Wien VIII., Alserstraße Nr. 23, täglich von 9 bis 12 und 5 bis 7 Uhr, Telephon A-29-2-87.