Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 367 (25.5.1934)
- Date
- 1934-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36< DIE NEUE WELT Seite 3 Dr. Hans Bachrach praktiziert wieder in BADGASTEIN, Lainerhaus Schaft ab Doch die Krise wurde immer schärfer, den Stadtsäc!::! ■ : ..'•omberg umkreiste immer heftiger der Pleitegeier. B:^ eh'.23 Tages der Bromberger Stadtrat an das polnisch? Außenministeriuni Co dringende Bitte richtete in der Angelegenheit der 40.000-Dollar- Erbschaft bei den amerikanischen Behörden zu intervenieren. Jüdischer Volksbund Oeslerreichs (lüdische Volkspartei) Die Leitung der Jüdischen Volkspartei Oesterreichs teilt mit: Den geänderten organisatorischen Verhältnissen in Oesterreich Rechnung tragend, hat die am 13. d. M. abgehaltene außerordentliche Generalversammlung der Jüdischen Volkspartei beschlossen, den Namen der Organisation von „JUdische Volkspartei Oesterreichs" in „Jüdischer Volksbund Oesterreichs" abzuändern. Die Adresse lautet fortab: „Jüdischer Volksbund (Jüdische Volkspartei)", Wien, I., Werdertorgasse 14. Zum anlideut§dieat Boykott in Palästina Aus Jerusalem wird gemeldet: Die Assefat-Haniwcharim, die Gesamtvertretung der palästinensischen Judenheit, hat auf ihrer letzten Tagung beschlossen, den Boykott deutscher Waren fortzusetzen. * Hiezu wird uns aus Tel-Awiw geschrieben: Während in Amerika, Polen und in anderen Ländern der Abwehrkampf gegen den barbarischen Hitlerismus mit voller Intensität geführt wird, gibt es hier noch Immer Kaufleute, die deutsche Waren führen und so die Boykottfront durchbrechen. Diese engherzigen Händler, die sogar deutsche Waren sozusagen ins Land schmuggeln und dem Boykottgedanken eine Nase drehen, berufen sich hiebei auf den Prager Zionistenkongreß, wo die Vertreter der Linken bekanntlich gegen eine entsprechende Boykottresolution Stellung nahmen und sogar das berüchtigte Transferabkommen mit Hitler-Deutschland trafen. Diese unpatriotische Haltung der klassenkämpferischen Linken zeitigt jetzt die bittersten Früchte. Eine Gruppe junger Zionisten geht jetzt daran, dieser Schande ein für allemal ein Ende zu machen. Seit kurzer Zeit sieht man in den Straßen Plakate, welche jene Firmen nennen, welche noch deutsche Waren verkaufen. Auch wird eine Strafexpedition gegen solche Kaufleute projektiert, welche die Würde des jüdischen Volkes mißachten und außerdem die heimische Industrie schädigen. In der nächsten Zeit wird eine Sonderausgabe unter dem Titel „Hache rem" (Bann) erscheinen, die sich ausschließlich mit der Boykottfrage beschäftigen und hoffentlich dem antideutschen Boykottgedanken zum Durchbruch verhelfen wird. Erlttsmifp von der täglichen Qual ist die sanft-scharfe Vergeblicher Appell der Judenstaatspartei Zwiespältige Politik der Auf der letzten Sitzung des zionistischen Aktionskomitees hat der Führer und Vertreter der Judenstaatspartei Großmann vor politischem Optimismus gewarnt und darauf hingewiesen, daß man auf antizionistische Maßnahmen der Palästina-Regierung in allernächster Zeit gefaßt sein müsse. Er hat sich nicht mit der Warnung begnügt, sondern darauf hingewiesen, daß die Zionistische Exekutive für diesen Fall völlig u n g,e.r ü s t e t sei und Bildung einer Kommission beantragt, welche zusammen mit der Exekutive den bevorstehenden politischen Kampf, die Widerstandsaktion gegen die antizionistische englische Palästina-Regierung zu organisieren hätte. Nachdem die junge Judenstaatspartei, die einzige Vertreterin der reinen Herzl-Idee in der Weltorganisation, numerisch noch nicht stark ist, glaubte man über ihre Warnung und ihren Antrag hinweggehen zu dürfen. Man vergnügte sich lieber an Berichten über gute Beziehungen zur Palästina-Regierung, von welcher man in den nächsten Tagen 20.000 Einwanderungs-Zertifikate für jüdische Arbeiter er- Zionistischen Exekutive wartet, guten Stand der Palästina-Wirtschaft usw. Der Antrag Großmann fiel unter den Tisch. Jetzt, wenige Wochen später, erweist sich bereits, wie recht der Vertreter der Judenstaatspartei hatte, denn nun führt die Palästina-Regierung Schlag auf Schlag gegen das zionistische Aufbauwerk. 5600 Zertifikate gegen 20.000. Regierungsanleihe für arabische Kolonisation, Verbot der Abwehr von arabischer Arbeit auf jüdischem Boden und von zionistischen Protestaktionen. Neuerliche Ankündigung eines Palästina-Parlamentes mit arabischer Majorität. Genug, um den verranntesten Optimisten aufzuscheuchen. Und nun rufen die Herren von der Exekutive zum Kampfe, dessen Vorbereitung die Judenstaatspartei vergeblich forderte. Ben Gurion will Kampf Als erster Rufer im Streite trat der eine der beiden politischen Referenten der Exekutive auf. Herr Ben Gurion läßt im Wege der J. T. A. verkünden, daß man sich nunmehr mit der Palästina-Regierung Mittwoch, am 30. d. M„ um halb 9 Uhr abends, veranstaltet die Judenstaatspartei im neuen Herzl-Saal, I., Werdertorgasse 14, eine Kundgebung gegen die antizionistische Palästina-Regierung. Näheres in der Montagsnummer. Der <hazari§dhe Ursprung der Ostjuden Die in Rußland geborene Schriftstellerin Frau Dr. Fannina Halle, Verfasserin zahlreicher Schriften zur Kultur- und Kunstgeschichte Rußlands, unternahm vor kurzem eine Studienreise nach Transkaukasien, wo sie eine Zeitlang unter den dortigen Bergjuden weilte. Diese Bergjuden sind — was allgemein nicht bekannt ist — von den anderen kaukasischen Juden, den grusinischen, sowohl in Sprache, Sitten und Riten als auch räumlich voneinander zu unterscheiden. Wahrscheinlich besitzen sie auch eine andere Abstammung, da sie zugleich die nächsten Nachkommen der Chazaren sind, jenes Volkes, das zwischen dem achten und zehnten Jahrhundert in der osteuropäischen Ebene ein großes Reich beherrschte. Frau Dr. Halle legte kürzlich in der Wiener „Freien Vereinigung zur politischen Schulung der Frauen" und in der Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums die Ergebnisse ihrer Studien nieder. Der Vortrag führte den Titel „Ein jüdisches Großreich im frühen Mittelalter" und gab wichtige Aufschlüsse über die zum Teil höchst aktuelle Geschichte des Chazarenreiches, in dem sie im wesentlichen ausführte: Die Chazaren — nach mancher Ansicht ein turkofinnischer, nach anderer ein slawischer, am ehesten ■wohl ein gemischter, keinesfalls aber ein semitischer yolksstamm sind bereit» in vierten und fünften Jahrhundert über den Ural nach Osteuropa gekommen und haben sich in den südrussischen Steppen zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meer, an den Nordabhängen des Kaukasus, an den Ufern der Wolga und des Don niedergelassen. In der Mitte des achten Jahrhunderts, unter dem König B u 1 a n, treten sie wahrscheinlich unter dem Einfluß der in ihrer Mitte lebenden persischen, byzantinischen und anderen Juden zum Judentum über. Damit beginnt für die Chazaren eine neue Kulturepoche. Sie berufen verschiedene jüdische Gelehrte ins Land, treten mit den jüdischen Lehrstätten (Akademien) Palästinas und Mesopotamiens in Verbindung und ihre Hauptstadt Itil an der Wolga wird allmählich zu einem Mittelpunkt jüdischer Geistigkeit. Die staatliche Organisation der Chazaren zeigt Gerechtigkeitssinn und weitestgehende Toleranz gegenüber Andersgläubigen, Wesenszüge, die sich aus zahlreichen Schriftquellen nachweisen lassen. Auch p o 1 i t i s c h erreicht das Chazarenland am Ende des achten Jahrhunderts den Höhepunkt seiner Entwicklung; sein Machtbereich erstreckt sich zeitweilig vom Kaspischen See (damals Chazarenmeer) über den ganzen russischen Süden fast bis nach Mitteleuropa. Das große Reich hält nur zwei Jahrhunderte äußeren Stürmen stand. Sein Niedergang beginnt am Ende des zehnten Jahrhunderts, sobald die Russo-Slawen, die den Chazaren anfangs tributpflichtig waren, vordringen. Ein Teil des Chazarenvolkes verbleibt auch weiterhin in seinen bisherigen Wohnsitzen, ein anderer breitet sich allmählich über den Süden Rußlands nach Nord- und Südwest aus, bis in die Gegenden des heutigen Wolhy- I E S AI AS PRESS NEUES PALÄSTINA- MANOBUCH Der vollkommenste Reiseführer mit 31 Karten und Stadtplänen GENERAMCARTE von PALÄSTINA Aufgenommen nach dem Stande vom 1. Jänner 1P34 Maßstab 1 : 500.000 HUGO HERRMANN PALÄSTINA, W8E ES WIRKLICH IST Das beste Informationsbuch mit 64 Bildern und Tafeln PAläSTIKAKUNSE In vier Lieferungen: Geographie, Bürgerkunde, Geschichte, Das Jüdische Aufbauwerk VERSANDBUCHHANDLUNG Wien VI, Gumpendorferstraße 10 Telephon B-24-9-78 und der englischen Mandatarmacht werde „gründlich auseinandersetzen müssen". Angesichts der jüdischen Katastrophe in Deutschland und der Judennot in aller Welt, der unsicheren politischen Lage im Orient bedeutet die Drosselung der jüdischen Einwanderung eine ungeheure Gefahr. Die Aufnahme einer Regierungs-Anleihe mit der Hauptbestimmung, die von ,, Juden dislozierten Araber wieder seßhaft" zu machen, ist eine Provokation. Es ist bewiesen, daß das ganze Geschrei über „verdrängte" Araber grundlos ist: Und wozu, fragt Ben Gurion, überhaupt die Anleihe von 2 Millionen Pfund? Die palästinensischen Steuerzahler, das heißt die Juden, werden an die Londoner Banken 4 Prozent Zinsen zahlen müssen. Dabei hat die Regierung einen Budgetüberschuß von 2 V2 Millionen Pfund bei diesen Banken liegen und bekommt von ihnen nur 1V2 Prozent Zinsen. Es ist unbegreiflich, daß eine Regierung ihr überflüssiges Geld zu billigen Zinsen hergibt und gleichzeitig Geld zu hohen Zinsen leiht. All das erfordert den Kampf gegen die Mandatarmacht. Shertok will schärfsten Kampf Noch viel schärfer geht aber der zweite politische Referent der Exekutive, Herr Mosche Shertok, ins Zeug. Auf der Tagung der Assefath Haniwcharim (Nationalversammlung der palästinensischen Judenschaft) erstattete er das Referat über die politische Lage. Seine Ausführungen versetzten die Versammlung in tiefste Erregung. Er wiederholte die Argumente seines Kollegen Ben Gurion. Er übte, so meldet die J. T. A., schonungslose Kritik an der Politik der englischen Mandatarmacht und der Palästina-Regierung in Fragen der jüdischen Einwanderung und aller jüdischer Belange. Er bezichtigt sie des Bruches der vom Premier Ma c- D o n a 1 d in seinem bekannten Briefe an den früheren Präsidenten Weizmann gegebenen Versprechen. Er fordert den Jischuw, die palästinensische Judenheit auf, zum Zwecke des Selbstschutzes eine Kampfesstellung gegenüber der Palästina-Regierung einzunehmen. Ben Gurion und Shertok, verantwortliche Führer der zionistischen Politik, fordern die Zionisten zum Kampfe gegen die große englische Mandatarmacht auf. Aber sie sagen den Zionisten nur, daß sie kämpfen sollen. Sie sagen ihnen nicht, wie sie kämpfen sollen. Da wird im gefährlichsten Augenblick ein Mangel in der zionistischen Politik offenbar, der nien, Galizien, Litauen und Polen. Hier begegnen die Chazaren seit dem elften und zwölften Jahrhundert einem zweiten jüdischen Einwandererstrom, der unter dem Druck von Verfolgungen aus Deutschland kommt, und beginnen sich mit ihnen zu mischen. Diese Konzeption führt bezüglich der ethnischen Zusammensetzung der sogenannten Ostjuden zu Schlußfolgerungen, auf die von wissenschaftlicher Seite verschiedentlich hingewiesen worden ist. Es war ein Oesterreicher, der Orientdiplomat und Privatgelehrte Hugo von Kutschera, der über dieses Stoffgebiet eine Schrift, „Die Chazaren" (Wien, 1909), veröffentlicht hat. Es gilt heute als wissenschaftliche Tatsache, daß der Großteil der in Osteuropa lebenden Juden vornehmlich chazarischen und nicht semitischen Ursprungs ist. Dadurch, daß die diesbezügliche maßgebende Literatur vorwiegend in russischer Sprache abgefaßt ist, hat die Kenntnis der genannten Tatsache noch nicht weite Kreise erfaßt. Zur Zeit, da das Rassenproblem so stark in den Vordergrund gerückt wird, wird es wohl für jüdische wie außerjüdische Kreise wertvoll sein, in diesen Fragen Klarheit zu gewinnen. Frau Dr. Halle wird das von ihr in Transkaukasien gesammelte Material für eine geschlossene Publikation verwerten, die das Chazarenproblem durch eine Reihe bisher unbekannter, vielfach überraschender Argumente in ein neues Licht rücken dürfte. — Der interessante Vortrag selbst fand den Beifall des Publikums und dürfte zweifellos in wissenschaftlichen Kreisen eine Diskussion über die Thesen der Frau Dr. Halle hervorrufen,