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Die neue Welt · 1934-05-18 · Heft 366 (18.5.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 366 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 366 DIE NEUE WELT Seite 3 1 Dr. Hans Bach räch praktiziert wieder in BADGASTEIN, Lainerhaus antisemitische Tagesprodukte ordinärster Qualität. Aber l)2ide Schriften tragen den Vermerk der kirchlichen Druckerlaubnis, das heißt, sie sind im Manuskript den katholischen Kirchenbehörden v or g e 1 e g t und von diesen gebilligt worden. In Holland fordert ein katholischer Führer strenge Gesetze gegen antisemitische Hetzschriften, in Oesterreich genießen solche Schriften Förderung seitens höchster katholischer Stellen, ja, sie werden förmlich empfohlen. Wie reimt sich das? Ä. IT! emem Die Juden im Saargebiet Je näher der Abstimmungstermin Jänner 1935 heranrückt, an welchem entschieden werden soll, ob das Saargebiet an Hitler-Deutschland fallen soll, desto verzweifelter wird die Stimmung unter den Juden, welche jetzt unter dem Schutze der vom Völkerbund eingesetzten Regierungskommission dort leben. Viele bereiten schon jetzt ihre Flucht vor. Aber wohin? Ihre seeliche Not ist herzzerreißend. * Aus Genf wird gemeldet: Der hier weilende Vorsitzende des „Comite des Delegations Juives", Dr. Nahum Goldmann, hat den Vertretern der internationalen Presse ein Kommunique" über die Frage des Schutzes der jüdischen Minderheit im Saargebiet überreicht. Das Kommunique" weist darauf hin, daß das jüdische Volk und dessen Vertreter diesem Problem nicht gleichgültig gegenüberstehen können, nicht nur um des unmittelbaren Schicksals der 4850 Saarjuden willen, sondern auch mit Rücksicht auf die moralische, rechtliche und wirtschaftliche Lage der Juden in Mitteleuropa und in der ganzen Welt. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Völkerbund die Pflicht hat, den Schutz der Minderheiten, seien es solche der Rasse, der Sprache oder Religion, im Saargebiet zu garantieren. Das Kommunique" beschreibt dann in kurzen Zügen die zahlenmäßige, historische, soziale und wirtschaftliche Beschaffenheit der jüdischen Gemeinden im Saargebiet, weist auf den Terror hin, dem sie seit über einem Jahre ausgesetzt sind, und auf den der Völkerbund auch durch seine Regierungskommission im Saargebiet vielfach aufmerksam gemacht worden ist. Das ,,Comit6" und in Zusammenarbeit mit ihm das Joint Foreign Committee der britischen Juden haben dem Völkerbund Memoranda überreicht, die den tatsächlichen Zustand der Juden im Saargebiet sowie den Standpunkt dieser jüdischen Körperschaften in dieser Frage darlegen. Wenn gewisse, rein formelle Gründe den Völkerbund bis jetzt daran hindern konnten, d i re k t gegen die Verfolgungen der Juden in Deutschland einzuschreiten, so können für das Saargebiet, das unter unmittelbarer Oberhoheit des Völkerbundes steht, solche Vorwände keineswegs geltend gemacht werden. Das Ansehen des Völkerbundes würde eine weitere und außerordentlich schwerwiegende Schädigung erleiden, wenn er die Minderheiten im Saargebiet, und insbesondere die jüdische Minderheit, jene msicheren Schicksal überlassen würde, das allen nur allzugut bekannt ist. * Aus Saarbrücken: In der Nacht zum Himmelfahrtstag wurde die Mauer des jüdischen Friedhofes in Saarbrücken, etwa 50 Meter von der französischen Grenze entfernt, von fachkundigen Händen mit folgendem Text beschmiert: „Judentod beseitigt Saarlands Not." Diese Schrift wurde auf einer Länge von 30 Meter und einer Höhe von 1 Meter angebracht. In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag ist die Schrift — wie die Zeitungen mitteilen: auf Anordnung der „Deutschen Front" — wieder beseitigt worden. Das Flüditlangsprohlem in Dänemark Aus Kopenhagen: Wie der J. T. A.-Vertreter erfährt, befaßt sich die dänische Regierung mit dem Problem der etwa 1600 bis 1800 deutschen Flüchtlinge in Dänemark, hauptsächlich Juden, deren legaler und wirtschaftlicher Status noch völlig ungelöst ist. Die Regierung ist nicht abgeneigt, den bereits im Lande weilenden Flüchtlingen Aufentha Itserlaubn i s zu geben, sofern für diese Arbeitsmöglichkeit besteht. Sie zögert jedoch, als erste Regierung hierin die Initiative zu ergreifen, sie fürchtet auch, daß ein allzu bereites Entgegenkommen einen neuen Flüchtlingsstrom ins Land bringen wird. Es wurde eine spezielle Kommission zur Behandlung des Flüchtlingsproblems eingesetzt, in der Justizministerium, Innenministerium und Außenministerium vertreten sind. Man glaubt hier aber, daß der legale und wirtschaftliche Status der großen Mehrheit der Flüchtlinge auch in Dänemark nur dann geregelt werden könnte, wenn eine Lösung im Wege eines internationalen Abkommens gefunden wird. S S JESAIAS PRE NEUES PALÄSTINA HANDBUCH Der vollkommenste Reiseführer mit 31 Karten und Stadtplänen und die NEUESTE GENERALKARTE VON PALÄSTINA ERSCHIENEN VERSANDBUCHHANDLUNG Wien VI, Gumpendorferstraße 10 Telephon B-24-9-78 Nach zaristischem Muster Wenn in Rußland sich die politischen Zustände derart zuspitzten, daß man sozusagen eine „Explosion" befürchten zu müssen glaubte, versuchten die Machthaber rings um den Zarenthron, die von ihnen selbst erzeugte „Volkswut" in einem Pogrom abzukühlen. Russischer Mob überfiel zum Teil unter Führung von Kosaken jü3ische Bürger in Dörfern und Städten, raubte, plünderte, tötete. Die „Volkswut" schwand und die Ruhe kehrte ein. Die nationalsozialistischen Führer, mit dem allgewaltigen Propagandaminister Dr. Goebbels an der Spitze, scheinen entschlossen zu sein, die Juden als Ablenkungsobjekt für alle ihre außen- und innenpolitischen Mißerfolge zu benutzen. Vorbei die scheinheilige Geste Hitler-Deutschlands, die Judenfrage auf rechtlicher, wenn auch rassischer Grundlage lösen zu wollen; vorbei das Vorspiegeln notwendiger Trennungsmaßnahmen zugunsten der deutschstämmigen Bürger und der deutsch-arischen Kultur dem Ausland gegenüber! Nüchtern, trocken, brutal I 10 Uhr I HEUTE PREMIERE der neuen I Entree frei] M OULINROUGEREVUE mit ERNST VEREBES * KARL FARKAS * HEDI EISLER OLLY HOLZMANN, FIFI STAPPLER, LOU BEUTLER, L1SL ANDER, KARL UOSSE, FR. BÖHEIM, HERBERT SCHERZER, O.WAGNER Ma R* Girls FRITZ FAVORITS Die musikalische Schau schöner Frauen M» R> I Boysl Buch, Texte und Regle: Karl Farkas Tänze: Franz Rott % Ausstattungschef: Alfred Kunz Musik: Walter Hahn # Reservierungen: 1., Lilienp. 3 # Tel.: R-23-2-31 uskünfte ■ über stina und insbesondere über Tel-Awlw, über Wirtschaftsverhältnisse, Existenzmöglichkeiten und Touristik erteilen kostenlos das Offi* zielle Propagandabüro der Stadtgemeinde TelMwiw und die Offizielle Vertretung der Pro* Tel Mwiw* Gesellschaft, Reisebüro COMPASS TOURS, WIEN IX, SPITALGASSE 3 Nächste Gruppenreisen nach Palästina: 29. Mai und 12. Juni erklären die Stützen des Hitler-Regimes in Wort und Schrift, daß sie mit den Juden — abrechnen wollen. Man versteht jetzt besser die Pogrom-Nummer des von Julius Streicher herausgegebenen „Stürmer", die Rede des Landwirtschaftsministers D a r r 6 über die Opposition gegen das Erbhofgesetz, die täglich aus dem Boden schießenden judenhetzerischen Schriften und den mörderischen Ton der Nazipresse, welcher den der Boykottage vom April 1933 noch übertrifft. „Unsere jüdischen Mitbürger" Goebbels führt natürlich autoritativ auf diesem Gebiet. Seine Worte sind nicht mißzuverstehen, auch dort nicht, wo sie bloß wie eine Warnung klingen. Ganz besonders hat es ihm der antihitleristische Warenboykott angetan: „. . . Wenn noch ein Teil des Auslandes uns mit dem anonymen Boykott begegnet, deutsche Waren nicht abnehmen will, so wissen wir sehr wohl, daß das auf unsere jüdischen Mitbürger zurückzuführen ist. Ich kann aber nicht, weil die Juden im Auslände uns boykottieren, im Innern die Judengesetzgebung zurückziehen. Die Juden meinen vielleicht, ihren jüdischen Mitbürgern in Deutschland damit einen Dienst zu tun. Sie tun das Schlimmste, was sie überhaupt tun können, denn sie sollen nicht glauben, wenn sie in der Tat den Boykott so weit treiben, daß er wirklich eine ernste Bedrohung unserer wirtschaftlichen Situation darstellen wird, daß wir deshalb die Juden frei ausgehen ließen. Haß und Wut und Verzweiflung des deutschen Volkes würden sich dann zuerst an die halten, die im Lande greifbar sind." Die letzte Warnung Die im Lande greifbar sind, das sind aber nicht „unsere jüdischen Mitbürger", nicht einmal deutsche Staatsbürger mosaischen Glaubens, sondern die minderwertigen, verachteten, ihrer Ehre, Würde und Existenz beraubten Parias, die jetzt die unverhüllten Drohungen über sich ergehen lassen müssen; das sind die jedem Schimpf ausgesetzten jüdischen Kinder, Greise, Blinde und Invalide, Söhne oder Väter von Frontkämpfern, die Goebbels bedroht: „Wir haben die Juden geschont. Wenn sie aber meinen, sie könnten deshalb wieder auf deutsche Bühnen treten, um dem deutschen Volke Kunst darzubieten* wenn sie meinen, sie könnten wieder in den Redaktionsstuben auftauchen, um deutsche Zeitungen zu schreiben, wenn sie wieder über den Kurfürstendamm flanieren» als wenn gar nichts geschehen wäre, so mögen ihnen diese Worte als letzte Warnung dienen. Sie haben sich in Deutschland so aufzuführen, wie sich das für Der Tro§f de§ Volke§ * Schalom Aschs neuer Roman Es gibt zahlreiche Schriftsteller, und nicht gerade minderrangige, denen jedes neue. Werk zu einer Arbeit wird, deren sie sich mit ärgerlicher, ja mißmutiger Anstrengung entledigen. Der Strom des Lebens und Schaffens fließt nicht durch den stets bereiten Organismus und die Widerstände, die geradezu feindseligen Inspirationen müssen erst unter Druck gesetzt werden. Bei Schalom Asch, der bereits 13 epische Werke „hinter sich" hat, gehören aber zum innersten Antrieb frühe, halb schmerzliche und halb feierliche Lebenserinnerungen, deren Gestaltung gebieterisch verlangt wird: Das Städtel, die Landschaft, die Stube, der Marktplatz und besonders eindringlich der Raum rings um den träumenden Knaben, den kindlichen Bohemien des Dorfes, an dem sein Herz zauberischer hängt, als er sich vielleicht selbst eingestehen mag. Ein durch alle Poren seines Organismus Empfangender und bei seelischer und physischer Beklommenheit Prüfender, ein Erzähler von Gott und Natur aus, wird plötzlich zu dem Punkt kommen, wo er sich entscheiden muß, ob er fortfahren wird, Romane zu schreiben, Theaterstücke zu fabrizieren, oder ob er im Zueammenprall mit seiner yolksgemelnachaft zu dem metaphysischen Kern seines Wesens vordringt und sich durch letzte Hingabe. an diese Gemeinschaft vor der Katastrophe rettet. Schalom Asch ist glücklicherweise dieser Katastrophe entgangen. Sein neuer Roman „Der Trost des Volkes" (Bibliothek zeitgenössischer Werke, Zürich) bezeugt den Willen, einen neuen, helleren, verantwortungsvolleren Weg zu beschreiten. Soll der Titel des Buches symbolischen Sinn haben, dann kann er kein anderer sein als der, daß Menschen, wie der Held des Buches, J e c h i e 1, Zeugnis ablegen für die Unzerstörbarkeit des jüdischen Wesens in der Welt. Jechiel, der kleine Dorfjunge, ist der Held des Buches; Held, weil er von Kindheit an ein Ringender ist, den Gott mit allen Leiden und Seligkeiten irdischen Wegs begnadet hat — stehend zwischen dem Vater, dem Chassid, und der Mutter, der ewigen jüdischen Mutter, die nichts im Leben kennt als Opfer. Figuren, wie der Rendar Schlojme Wolf Pokrzywy, der Pan Wydawski, die Bauern von Topolje, die Juden des Dorfes in all ihren Schattierungen, sind nicht mehr Klischee wie einst. Sie sind aber auch keine Gestalten im Sinne von „Rollen", wie Asch sie in seinen Bühnenwerken bevorzugt hat. Seitdem der Epiker Asch den Dramatiker abgelöst hat, konnte der Schriftsteller nicht nur stofflich zu seiner geistigen Erziehungsquelle zurückkehren. Mit großem Staunen merkt man hier di* Anknüpfung an den seelischen Bereich des J. L. Perez, der in kleinen Ausschnitten das gab, was Asch im „rErost des Volkes" in voller Breite und Harmonik dahinrauschen läßt. Asch hat aber auch rein schriftstellerisch-technisch, rein erzählerisch unendlich gewonnen. Die Bewältigung des Weges vom kleinen Jungen Jechiel zum Rabbi Reb Jechiel dem Gerechten — darum geht es — ist eine großartige Leistung. Zum erstenmal in der schriftstellerischen Laufbahn Schalom Aschs, der 30 Jahre „Schreibtischarbeit" gleistet hat, finden wir bei ihm den Mut zur Erkenntnis, daß es für den Romancier nicht allein und nicht überall Figuren als Träger von Charakteren gibt, sondern daß Figuren auch Realisationen magischer Kräfte sein können, im Sinne der chassidischen Erzählungen des J. L. Perez und der dramatischen Emanationen des An-ski, Daß Schalom Asch sich diesem Stoffkreis zugewendet hat, dem seelischen Raum des Menschen, und ihn mit Inbrunst, ja mit Händefalten betritt und dem Herrn der Welt dankt, weil Er ihn für wüi'dig befunden hat, das Leben des Psalmenjuden Jechiel bis zum Ende zu beschreiben, gibt dem kritischen Beobachter die Hoffnung, daß die Periode der Pose, der stofflichen Uebersteigerung1 vorbei ist. Mit dem „Trost des Volkes" hat Asch jene Anerkennung erworben, die ihm seine hunderttausend! Leserfreunde schon lange zugestanden haben, t, h;

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