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Die neue Welt · 1934-05-11 · Heft 364 (11.5.1934) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 364 (11.5.1934)
Date
1934-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 364 DIE NEUE WELT Seite 5 POLEN fi I N I Billig und bequem durch I „FRAHC0P0L", Wien III Reiwegl. 0-1M-90 Aus Hitler-Deutschland Aus Nürnberg: Wie nachträglich mitgeteilt wird, stand der Pogrom in Günzenhausen vor dem jüdischen Possach-Fest unter dem Befehl des Nazi- Ortsgruppenleiters Hans Beer. Im Verlauf des Pogroms wurden das Hotel des jüdischen Besitzers Strauß und das Cafe" Waldmann vollkommen demollert und auch mehrere Privatwohnungen devastiert. Die jüdische Bevölkerung hat bereits vollkommen die Hoffnung aufgegeben, daß je eine Untersuchung gegen die Urheber des Pogroms und die Mörder des greisen Rosenau und des jungen Rosenfelder eingeleitet werden wird. * Aus Dessau: Die „Anhaltische Tageszeitung" schreibt: „So ist e s. r e c h t! Die Polizeiverwaltung hat die jüdischen Geschäftsinhaber aufgefordert, ihre richtigen Namen an ihren Geschäften anzubringen. Das Behängen mit deutschen Namen war auch eine Erscheinung, die das verflossene System ihren Haltern eingeräumt hatte; damit Ist nun ein für allemal Schluß." Aus Mannhelm: Vom 6. bis 15. Mai findet hier eine Verkaufsmesse statt. Wie das „Hakenkreuzbanner" meldet, hat man, „um den Zeitverhältnissen Rechnung zu trage n", eine Sonderklausel für die jüdischen Händler eingefügt, die zum erstenmal nicht in der Front der christlichen Geschäfte erscheinen dürfen, sondern ihre Plätze am Ende der Messe angewiesen bekamen. Das Blatt meint von dieser Neuordnung, man dürfe hier ruhig von einem Entgegenkommen sprechen, das man den Juden gegenüber erweise; denn man schalte sie nicht ganz aus. * Aus Nürnberg: Der Prozeß gegen den Chauffeur und SA.-Mann L i e b i g, der angeklagt war, seinen Brotgeber Baron von Waltershausen zwecks Raubes ermordet zu haben, endete mit einem Freispruch, obwohl die Baronin von Waltershausen, die erklärte, von Liebig angeschossen worden zu sein, Ihn als den Täter bezeichnete und ihm ein vorangegangener Einbruch im Schloß nachgewiesen werden konnte. Dieses „Volksurteil" ist von den fränkischen Streicher-Blättern wild und drohend gefordert worden. Gegen die Familie v. Waltershausen wurde geltend gemacht, daß die junge Frau von Waltershausen, die Schwiegertochter des Ermordeten, jüdischer Abstammung sei. Das gab den Ausschlag. Streichers „Fränkische Tageszeitung" glossiert das freisprechende Urteil u. a. mit folgenden Worten: „... Wir wissen, daß Judenbjut sich hält und fortdauernd alles verseucht, was sich mit ihm verbindet.. Und es spielt deswegen keine Rolle, ob aus dem Abkömmling des Juden nachmals ein Baron oder sonst etwas geworden ist." * Aus Darmstadt: Das Staatspresseamt teilt mit: „Der jüdische Handelsmann Wilhelm Kahn aus Friedberg wurde in das Konzentrationslager gebracht, weil er mit einem arischen Dienstmädchen geschlechtlich verkehrte und auch andere Frauen und Mädchen unter Angebot von Geld zum Geschlechtsverkehr zu bewegen versuchte." (Es ist bekannt, welcher Unfug mit Meldungen über angebliche geschlechtliche Ausschweifung von Juden getrieben wird; Oft wurde z. B. die gesamte jüdische Angestelltenschaft in Warenhäusern unter der Beschuldigung, die weiblichen arischen Angestellten belästigt zu haben, fristlos entlassen und zum Teil in Konzentrationslager gebracht.) * Aus Worms: Vor einigen Tagen fand eine Betriebsversammlung de,* Warenhauses Goldschmidt statt. Der Besitzer Goldschmidt wollte das Wort ergreifen, doch wurde er unter Gebrüll und Nieder!-Rufen daran verhindert, in seinem eigenen Betriebe zu reden. Gleichzeitig wurden im ganzen Warenhaus Plakate ausgestellt mit der Forderung: Wir wollen keinen Juden als Betriebsführer. Aus iTlesheim: Einem hiesigen jüdischen Getreide händler wurden von vier SA.-Leuten •achtzig Sack Weizen gestohlen. Die Polizei nahm die Täter fest. Beim Abtransport kam der Standardführer dazu, der die SA.-Leute anschnauzte, weil sie sich von Polizei hätten verhaften lassen. Die Täter wurden freigelassen. Nachts drang der bewährte SA.-Führer, nachdem er zuvor durch die Fenster geschossen hatte, In die Wohnung des Juden ein und machte ihm mit vorgehaltener Pistole klar, daß er gegen SA. nicht klagen dürfe. Aus Gaudernheim: Ein jüdischer Einwohner hatte ein sehr schönes Haus, das der SA.-FÜhrer Diehl gern gekauft hätte. Doch war das Haus nicht feil. Nun wurden dem Juden zum 1. April die verrufensten Elemente des Ortes als Zwangsmieter ins Haus gesetzt. SA.-Leute räumten die Möbel dos Juden auf die Straße, waren im Begriff, die Lumpen des Zwangsmietors hineinzutragen, als Herr Diehl erschien und erklärte: Aufhören, ich habe das Haus gekauft. Worauf der arme Teufel blieb, wo er gewesen war, und der Jude Frist hatte, das ihm abgepreßte Eigentum zu räumen. Aus Berlin: Der Bund nationalsozialistischer deutscher Juristen (Fachgruppe Rechtsanwälte) teilt mit: „Die Wahrnehmung deutscher Rechtsbeziehungen zum Ausland liegt noch immer in bedauerlichem Umfang in der Hand jüdischer Rechtsanwälte. Die Beseitigung dieses Zustandes muß angesrebt werden und liegt auch im wirtschaftlichen Interesse der deutschen Anwaltschaft." Panik int Saar.Gebiet Aus London: Der Saarland-Korrespondent de* , D a i 1 y He r a 1 d" teilt seinem Blatt mit, daß Hunderte jüdische Familien im Saarland sich für den Fall dos Rückfalls des Saargebiets an Deutschland zur Flucht vorbereiten, da alte dafür spricht, daß die Nazis, wenn sie m Herrschaft im ßftftäJtfid «Slangs ein rücksichtslose« Verfolgungssystem gegen die Juden einleiten werden. Die Saarbrückener Zeitung „Wesüand" druckt, den Brief eines jüdischen Schülers in Saarbrücken an seinen Lehrer ab, in welchem der Schüler schildert, welches Martyrium er unter der Verfolgungswut der christlichen Kameraden und der Gleichgültigkeit der Lehrer auazustehen hat. Ein Lehrer ließ die Klasse mit Absingen antisemitischer Hetz Heder durch die Straßen märschieren. Der jüdische Schüler war nicht abeidabei. Dennoch wurde er verdächtigt, den Lehrer bei den Behörden angezeigt zu haben. Ein nationalsozialistisches Schmutzblatt veröffentlichte einen Hetzartikel gegen ihn unter Angabe seines vollen Namens und seiner Adresse. Die Mitschüler beantworteten seinen Gruß nicht mehr: Lehrer wie Schüler standen in einer Front gegen Ihn. Er wurde das Opfer vielfacher erniedrigender Schikanen, aus dem Hinterhalte wurde er mit. Steinen r (»huousbrot noef) muter unerreicht als ®e)tntbf)eit$<' unb Äroft« brot. Meid) ort ben io Jutdittgen 9iät)rfa(jcn. 6e(jt brquem: @imon§(irot^Sf)nittenpÖrt:cr)ei! in Stanniol, ftntcfjtenbrot:?[iif6oitunb ^mm-Ütegulafor. 3» l)flben in $eiufofr!}QnbluHgen unb Dielen 23äcfereien. VjSimonSbrotfobrif ©ten^agron 55. Tätf. tßofioerV^ beworfen. An seine Bank wurde in großen Buchstaben „J ud a verreck e!" eingeritzt. Als er dies dem Klassenlehrer zeigte, äußerte dieser kein Wort des Tadels. Obwohl er ihm den Namen eines bestimmten Schülers nannte, wurde dieser nicht zur Rede gestellt. In Italien, Frankreich und England wird antisemitische Reaktion merkbar Die Beteiligung einer großen Zahl von Juden an Bewegungen linksradikalen und klassenkämpierischen Charakters, oft an führenden Stellen, hat seit jeher in Mittel- und Osteuropa der antisemitischen Bewegung Vorschub geleistet und sie in sonst zur Judenfrage neutral eingestellte Kreise dringen lassen. Jetzt ist diese Erscheinung auch in westeuropäischen Ländern in immer steigendem Maße zu konstatieren. Italien Wir haben bereits berichtet, daß infolge Aufdeckung einer linksradikalen Verschwörung, an welcher vorwiegend jüdische, auch zionistisch organisierte Jugendliche beteiligt waren, itt den Zeitungen eine antijüdische und antizionistische Kampagne eingesetzt und die Regierung ihre bisher den Juden und dem tu.....smua gegenüber freundliche Haltung geändert hat. Unser italienischer Korrespondent schreibt jetzt aus Röm: Die durch Beteiligung von jüdischen Jugendlichen an dem Turiner antifaschistischen Komplott heraufbeschworene Krise dauert an. Die Regierung hat die Judengemeinde in Turin aufgelöst und den Rechtsanwalt Ettore Ovazza zum königlichen Kommissär ernannt und mit der Führung ihrer Geschäfte betraut. Sein Aufruf an die Turiner Juden zeigt, in welcher Angstpsychose die italienischen Juden jetzt leben. Sie bemühen sich, den Faschismus geradezu zum jüdischen Glaubenstoekenntnlf zu machen. Ovazza betont in seinem Aufruf, daß die „letzten traurigen Ereignisse" nur dazu geführt haben, daß die Juden sich nur fester an das faschistische Banner halten, „von welcher Seite auch immer ihre patriotischen und faschistischen Gefühle verletzt werden". Der zionistische Jugc::dführer Leo Levi wurde nach Abschluß der Untersuchung auf freien Fuß. gesetzt, aber die meisten jüdischen Angeklagten sind noch in Haft. In Mailand und Rom verhalten sich die Behörden sehr streng und iJhren fortwährend Untersuchungen. Der älteste und erste zionistische Führer, Alfonso Pacifici, ist am 25. April nach Palästina abgereist und wird nicht mehr nach Italien zurückkehren. In einer sehr mißlichen Situation befinden sich die Zionistische Organisation und die nationalen Fonds, da sich einerseits der Widerstand der Behörden versteift hat und andererseits die jetzt in Ueberpatriötlsmus machenden Assimilationsjuden die Gelegenheit benützen, um der Palästina-Sache in den Rücken zu fallen. Merkwürdig berührt es, daß die zionistische Welt-Organisation die italienische Affäre vollständig totgeschwiegen hat. PORTSCHACH ein Sonnangarten am Wörthersee 60 Prözent Fahrpreisermäßigung. Auskünfte Kutkommission I In England Aus London wird uns berichtet: Hier ist eiri Anschwellen der antisemitischen Welle zu verzeichnen. Als Anzeichen hiefür ist die Schwenkung der unter Führung des bekannten Abgeordneten M o s 1 e y stehenden „Britischen Union der Faschisten" zu werten. Zu wiederholten Malen hatte M o s 1 e y erklärt, daß seine Union den Antisemitismus, im Gegensatz zu anderen englisch-faschistischen Körperschaften, ablehnt, und auf die Mitgliedschaft von Juden bei seiner Union hingewiesen. Das hatte auch dazu geführt, daß Mösley, übrigens ein sehr reicher Mann, von Berlin aus beschuldigt wurde, von der jüdischen Finanzaristokratie bestochen zu sein. Jetzt aber wird in der letzten Nummer des Organs der Union, „Fascist Weekl y", ein radikaler Richtungswechsel angekündigt. Im Blatte wird zuerst darauf hingewlesien, daß die Juden überall, und auch in England, für Klassenkampf und Umsturz arbeiten und international organisiert sind. Dann heißt es: „Es ist nunmehr erwiesen, daß die große Majorität der Juden durchaus international orientiert ist und ihre internationalen Interessen über die Interessen des Landes stellt, in welchem sie sich niedergelassen haben. Die „Union britischer Faschisten", deren Ziel die Wiederaüfrichtung des britischen Imperiums ist, muß es ablehnen, in ihre Reihen solche Mitglieder aufzunehmen. In Frankreich * Aua Paris wird uns berichtet: Während es dl« französischen Juden bisher konsequent abgelehnt haben,, irgend eine jüdischpolitische Organisation zu gründen, ist jetzt eine Wandlung eingetreten. In dfii großen Blättern wurde vor einigen Tagen die Bildung einer „Union vaterlandstreuer Juden Frankreichs" angezeigt. Im Aufruf dieser Organisation werden die französischen Juden vor gewissen Vereinigungen und Bewegungen gewarnt, die unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Antisemitismus in Wahrheit nur die Parteien der Revolution und des Umsturzes zu fördern suchen. Ob diese Gründung irgendwelche Bedeutung erlangen wird, ist noch fraglich. Aber sie ist symptomatis^li. Während die französischen Juden bisher über antisemitische Angriffe von reaktionärer und royalistipeher Se. c stillschweigend hinweggingen, wird jetzt die Situation drückend. Die Vorwürfe, welche der Judenschaft vor allem mit Hinweis auf die Tätigkeit L 6 o n Blums, des Führers der radikalen Sozialdemokraten, gemacht werden, steigen ins Maßlose. „Le Matin", ein sonst nicht judenfeindliches Blatt, beschuldigt tflum unter schlecht verstecktem Hinweis auf seine Abstammung, Frankreich, im Interesse Deutschlands ruinieren zu wollen. Ebeiso wird ständig auf die linksorientierten deutschjüdi sehen Flüchtlinge hingewiesen. Es weht eine Luft wie in der Dreyfus-Zeit. Die französischen Juden sind in ihrem Scherheitsgefühl erschüttert und die Gründung der „Union" ist ein Zeichen hiefür.. AUS PALÄSTINA Geschäft auf der Lewante«Messe 2100 Au s s t e 11 e r sind auf der Messe in Tel-Awiw erschienen, davon 1600 aus dem Ausland. 29 Staaten sind vertreten, darunter Belgien, Bulgarien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Polen, Rumänien, Schweden, Schweiz und Tschechoslowakei mit eigenen Pavillons, Finnland, Jugoslawien, Litauen, Oestereich, Syrien und Ungarn mit nationalen Kollektivausstellungen. Aus dem Ausland trafen bisher vor allem ägyptische, türkische, syrische und irakische EinKäufer ein, die sich inbesondere für die Muster- und Neuheitenschau der jungen palästinensischen Industrie interessieren und manche Warengattung finden, die sie bisher unter großen Risken und Zeitverlusten aus dem fernen Ausland beziehen mußten. Syrien ist besonders günstig dran, da es auf Grund des syrisch-palästinensischen Handelsvertrags palästinensische Fabrikate zollfrei einführen darf. Die ersten Tage galten dem Studium der Waren inbezug auf Qualität, Preise und Konditionen. Man erwartet Abschlüsse nicht nur mit den Firmen der Nachbarstaaten, sondern auch mit Bulgarien, Griechenland, Rumänien und Polen. Um die neue Palästina«Anleihe Wir haben auf den antizionistischen Charakter der neuen Palästina-Anleihe bereits hingewiesen. Nun wird aus Jerusalem hiezu gemeldet: Die hebräische Presse Palästinas ist einig in ihrem Urteil darüber, daß die geplante Zwei-Millionen-Pfund-Anleihe für Palästina und deren Verwendung, wie sie im englischen Weißbuch vorgezeichnet ist, einen weiteren Schlag gegen die Interessen des Palästina-Judentums bedeuten. Die Juden — so stellen die Zeitungen Utt <— werden die Last der Rückzahlung1 der Anleihe zu tragen haben, während sie im Ausmaß von höchstens 75.000 Pfund aus der Anleihe werden Nutzen ziehen können; der gesamte Rest wird direkt oder indirekt zugunsten der Araber verwendet, und zwar in der Form der Wiederansiedlung von Arabern und in der Aufführung von Regierungsbauten, bei denen ja hauptsächlich Araber beschäftigt sind. Besondere Erbitterung herrscht darüber, daß 250.000 Pfund für Wiederansiedlung angeblich dislozierter Araber — wo doch bereits amtlich zugegeben wurde, daß es Araber, die infolge jüdischen Bodenkaufs beschäftigungslos geworden sind, in kaum nennenswerter Zahl gibt — und 106.000 Pfund für den Bau arabischer Schulen verausgabt werden sollen. Die Verteilung des Ergebnisses der Anleihe erfolgt nach der Meinung der hebräischen Zeitungen ganz im Geiste des Weißbuches von Paßfield und der Berichte von John Hope Simpson und Lewis French. Palästina-Einkommensteuer noch nicht akut Aus Jerusalem: Wie die J. T. A. aus zuverlässiger Quelle erfährt, hat J. F. Huntington vom British Board of Inland Revenue, der der von der Palästina-Regierung eingesetzten Kommission zur Vorbereitung einer Einkommensteuer-Vorlage als Sachberater zur Seite gegeben worden war, die Ueberzeugung gewonnen, daß Palästina noch nicht reif für eine Einkommensteuer ist; er vertritt diese Meinung auch in englischen Regierungskreisen. Die Palästina-Judenheit widersetzt sich energisch der Einführung einer Einkommensteuer, die hauptsäch« lieh die jüdische Bevölkerung belasten und den Z*< etrom neuen KapitsJs in das Land hemm« wtivtt»

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