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Die neue Welt · 1934-05-04 · Heft 362 (4.5.1934) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 362 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seit« 4 DIE NEUE WELT Nr. 362 Jüdudie Studentenschaft und Jüdische Volkspartes Vor einer massenhaft besuchten Studentenveraammlung, welche vom Verband der jüdischen akademischen Verbindungen und Vereine veranstaltet worden war, sprach am 2. d. M. Oborbaurat Robert Stricker über die Lage derJuden in Oesterreich und das Programm und die Aufgaben der Jüdischen Volkspartei. Die Versammlung stimmte den Ausführungen lebhaft zu und nahm folgende, aus der Mitte der Versammlung eingereichte Resolution per Akklamation an: „Die Mittwoch, am 2. Mai 1934. tagende Versammlung jüdischer Studenten und Studentinnen stellt sich hinter die. Jüdische Volkspartei, in welcher sie die berufene Vertreterin der Interessen der volksbenvußten Juden in Oesterreich erblickt. Sie fordert alle jüdischnationalen Hochschüler auf. der Jüdischen Volkspartei beizutreten und für sie zu arbeiten." ♦ ♦ ♦ In Argentinien. Aus Buenos Aires wird gemeldet: Bei den Ergänzungswahlen zu.m argentinischen Parlament wurden in der Provinz Santa-F6 der jüdische Demokrat Doktor Gottfried und in der Provinz Cordova der jüdische Sozialist A. Mowschowitsch gewählt. Von früher gehören dem Parlament die jüdischen Sozialisten, die Brüder Enriques und Adolpbo Dickman, an. * Wir haben in der vorigen Woche von dem Ueoerhandnehmen des Antisemitismus in Argentinien, wo noch vor kurzem eine judenfeindliche Bewegung kaum zu spüren war, berichtet. Nicht nur die vehement betriebene, von Deutschland aus finanzierte antisemitische Hakenkreuzhetze wirkt sich dort aus. Auch in Kreisen, welche mit den deutschen Hakenkreu-lcrn gar nichts zu tun haben, verschlechtert sich das Verhältnis zu den Juden. Zur Illustration brachten wir einen Auszug aus einem Artikel der führenden katholischen Zeitimg Argentiniens „C r i t e r i o". vom Chefredakteur und Herausgeber des Blattes I. G. Franceschi geschrieben. Als Hauptgrund der wachsenden Abneigung gegen die Juden gibt Franceschi „das Eintreten zahlreicher religiös und national entwurzelter Juden für die extreme kommunistische Sozialrevolution an, welche das politische Leben Argentiniens zerstört .. ." Was er meint, das wird durch vorstehende Meldung von den jüdischen Parlamentariern beleuchtet. Von vier jüdischen Abgeordneten drei sozialistische. Wobei noch zu bemerken ist, daß die sozialistische Bewegung in Südamerika durchwegs radikal-kommunistischen Charakter trägt. Deutsche und russsiche Juden, kaum im Lande festgesessen, werfen sich zu Führern revolutionärer Strömungen auf, natürlich unter Verleugnung ihres Judentums. In der Schweiz und an Italien. Aber man braucht nicht zu glauben, daß sich dieses entwurzelte Judentum nur auf der linken Seite vordrängt. Auch auf der rechten Seite ist es zu finden. Auch rechts arbeiten diese obskuren „Führer". Die gewiß nicht antisemitische „Neue Züricher Zeitung" bringt folgende Meldung ihres Korrespondenten aus Rom: „Die Agentur Stefan! meldet jetzt die Gründung einer Schweizer Faschistensektion in Rom. Die schmucklose Meldung verriet weder Befriedigung noch Mißvergnügen, was festzustellen uns nicht überflüssig zu sein scheint. Der kürzlich nach Rom übersiedelte Dr. T o m a r k i n, Sohn des verstorbenen Professors Dr. Tomarkin in Bern, hat die Leitung übernommen. Bis heute soll er wenig Anhänger gefunden haben, welche Zahl allerdings wachsen könnte, wenn von den leitenden Stellen der Schweizerkolonie in Rem den Anfängen nicht gewehrt wird, was bis heute nicht augenfällig geworden ist." Die „N. Z. Ztg." unter deutlichem Hinweis auf die Tätigkeit jüdischer Einwanderer in der Schweiz: „Der Leiter der schweizerischen Faschistensektion in Rom, Leandro Tomarkin, ist nach den uns zugekommenen Informationen russisch-jüdischer Abkunft und stand eine Zeitlang so weit links, daß er sich als Mitbegründer einer Kommunistischen Partei in Bern betätigte. Leandro Tomarkin arbeitete damals als Chemiker im Gaswerk der Stadt Bern und galt als ausgesprochener Günstling Robert Grimms, bis er von diesem — eben wegen, seiner zu sehr „links" gerichteten Anschauungen — ausgeschifft wurde. „Warte, Robert, ich werde noch einmal größer als du", soll Leandro Tomarkin bei dieser Gelegenheit seinem frühern Gönner gedroht haben, und heute steht er als faschistischer „Führe r" auf der andern Seite der Barrikade... Man kann sich manchmal fragen, ob eine rechtzeitige „Behandlung" gewisser Leute nicht die günstige Wirkung gehabt hätte, das heutige Angebot an unliebsamen „Erneuerern" einzudämmen." ension , Au Stria* OLCSA KAD1SCH) lägarmnyeratroBo IS fslaphon Nr. 141 Für Dauer' und Erholungsaufenthalt Jeder Unterricht im Hause, auch Nachhilfe für öffenti. Schulen besuchende Kinder. Pädagogisch einwandfreie Leitung durch staatlich geprüfte Lehrerin. Erstklassige Verköstigung. Mütterliche Pfleg«. M4AI0« Pr«lt«l Knut Hamsun über die Juden Der große einsame Dichter Knut Hamsun, der fern vom politischen Kampf und gesellschaftlichen Alltag lebt, wird öfters um seine „Meinung" angegangen. Meistens ohne Erfolg. Vor einigen Jahren noch konnte man von ihm Aeußerungen über Dinge der realen Welt lesen, so z. B. auch über die J u d e n f r a g e. Seither schweigt Hamsun. Darum ist es verwunderlich, wenn plötzlich die „Berliner Illustrierte Nachtausgabe" (Nr. 83 vom 10. April 1934) eine — wie sie betont — „bisher noch nicht veröffentlichte Aeußerung des größten nordischen Dichters und Nobelpreisträgers Knut Hamsun über die Judenfrage in Deutschland" veröffentlicht. Knut Hamsuns Aeußerung, wie die „B. I. N." sie wiedergibt, lautet: „Daß es auch die Juden sind, die sich im Besitz der Geldherrschaft befinden, macht sie zu einer Macht in der internationalen Politik und im Welthandel. Sie übermannen die eigene Bevölkerung der Länder. Ich habe es nie so aufgefaßt, daß Deutschland die Juden au3 dem Lande ausrotten will, aber so wird es jetzt von den jadischen Politikern Englands und Frankreichs und von der jüdischen Presse überall hingestellt. Ich habe es so aufgefaßt, daß Deutschland nur die jüdische Macht innerhalb de3 Landes hemmen will, so daß es nicht die Juden, sondern die Deutschen sein sollen, die in Deutschland herrschen wollen. Denken Sie sich den Fall, daß die Juden ein eigenes großes altes Reich als ihr eigen besäßen und daß die Deutschen dort eindringen würden und — im Laufe der Zeit — es sich auf allen Gebieten unterwerfen würden. Ich glaube, daß die Juden da reagieren würden." Der Publizist Dr. Lothar Knaak, der diese Aeußerung veröffentlicht, gibt nicht an, wann, wo und bei welchem Anlaß Hamsun in dieser Weise über die deutsche Judenfrage gesprochen hat. Und auch psychologisch wäre solch eine Haltung Hamsuns unverständlich, da er vor sechs Jahren, im Auguat 1928, eine ganz andere Einstellung zum Judenproblem bekundet hat. Im Sommer 1928 veranstaltete die antisemitische Zeitschrift „Nasional Tidskrift" in Christiania eine Rundfrage über das Judenproblem und wandte sich auch an Knut Hamsun. Die Antwort Hamsuns entsprach zwar nicht den TendTnr.cn der Zeitschrift, doch schien hier die Persönlichkeit des Autors den Abdruck seiner Aeußerung herbeigeführt zu haben. Hamsun schrieb damals: .;Der Antisemitismus eines Landes ist das Ergebnis der Antisemiten, die im gegebenen Land tätig sind. Es ist eine sehr schwere und strittige Frage, welche Sie berührten: ,Was haben die Juden zu tun?' Die Messias-Idee weist auf Palästina hin. Da aber nicht alle . Juden dort Platz finden können — wohin soll man Sit schicken? Die Juden sind eine sehr fähige Nation. Ich spreche hier nicht von meinen tapferen und sympathischen jüdischen Freunden. Im allgemeinen hat sich die jüdische Nation durch ihren bedeutenden Intellektualismus ausgezeichnet und steht sehr hoch. Wo werden wir etwas finden, das sich vergleichen ließe mit dem Geist ihrer Propheten, ihrer Poesie und ihrem Lied? Erinnert euch, wie wunderbar musikalisch diese Ration ist, ohne Zweifel die am meisten musikalische Nation der Welt." „Es wäre erwünscht, daß sich alle Juden in einem Land sammeln, welches sie ihre Heimat nennen könnten, damit die reine weiße Rasse eine weitere Blutvermischung vermeide. Dort könnten die Juden ihre besten Eigenschaften für das Wohl der ganzen Welt verwerten, aber wo befindet sich ein solches Land? In der Gegenwart und in der Zukunft, wo doch die größten Nationen, die Engländer und die Franzosen, bemüht sind, ihre Macht in den möglichst ausgedehnten Kolonien zu begründen, gibt es wenig Aussichten dafür, daß sie gewillt sein sollten, den Juden ein genügend großes Territorium abzutreten, in dem diese ihr jüdisches Heim errichten könnten." „Solange dies nicht verwirklicht werden wird, haben die Juden kein anderes Vaterland als die Länder, in denen sie wohnen. Sie sollen daher in der Zukunft leben und wirken unter fremden Völkern zum Wohl beider Teile." In diesen Aeußerungen streift Knut Hamsun, ohne über den Zionismus und Englands Mandat über Palästina informiert zu sein, die Lebensfragen des jüdischen Volkes und spricht einer Symbiose von Juden und Nichtjuden im Rahmen gemeinsamen Vaterlandes das Wort, einem Wirken miteinander und nebeneinander. Die Auffassung ist eine liberale, von der Gleichwertigkeit der jüdischen Rasse mit den anderen Rassen ausgehende. Die Aeußerungen, die Herr Dr. Knaak Knut Hamsun in den Mund legt, riechen nach der nitleristischen Garküche, entsprechen durchaus nicht dem kosmischen Weltbild des nordischen Dichters. Herr Dr. Knaak gibt keinerlei Quelle an. Es scheint sich hier um eine Erfindung zu Propagandazwecken zu handeln. Knut Hamsun als Gewährsmann für nationalsozialistische Haßthesen — das würde den Herren vom Hakenkreuz sehr gut in ihren schon sehr diskreditierten Kram passen. Sie schlagen Augen aus und prügeln Greise tot Aus Berlin wird über Prag gemeldet: Vor kurzem wurden in Stettin mehrere SA-Leute auf Veranlassung des Ministerpräsidenten G ö r i n g verhaftet und wegen Gcfangenenmißhandlung zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Das Eingreifen Gbrings geschah auf Intervention des Feldmarschalls Mackensen, der sich darüber beklagte, daß fuhrende Deutschnationale und Stahlhelmer von SA-l>euten verhaftet und Erpressungen ausgesetzt wurden. Erst bei dem Prozeß kam es heraus, daß auch mehrere hochangesehene j üdisebe Bürger verhaftet und gemartert wurden und sich nur rturch ein hohes Lösegeld loskaufen konnten. Zu diesen jüdischen Burgern gehörten — wie jetzt von zuverlässiger Quelle mitgeteilt wird (über den Verlauf des geheim geführten Prozesses durften bekanntlich die Zeitungen nichts berichten) — der weit über Stettin und Deutschland hinaus bekannte, über 80 Jahre alte, jüdische Großrhedereibesitzer Wilhelm Kunstmann, der sich um das deutsche Rhederei- und Schiffbauwesen unvergängliche Verdienste erworben hat. Der auch von seinen christlichen Mitbürgern hoch geachtete Greis wurde von SA-Leuten brutal aus seinem Hause geschleppt und schwer mißhandelt. Kurz nachdem er — offenbar nach Leistung eines Lösegeldes — aus der Haft entlassen wurde, starb er an den Folgen der erlittenen Aufregungen und schweren Mißhandlungen. Ungefähr in der gleichen Zeit begab sich ein leitender Angestellter des international bekannten Stettiner Speditionsgeschäftes Cohrs & Amme, namens Heimann, ins Braune Haus zu Stettin, um in einer Denunziatlonsangelegenheit gegen einen bekannten Juden zu Intervenieren, Heimann wurde eine Reihe von Tagen dort be- 7hc P. O. B. 119, Telephone 963-964 Cable address: „ASHRAIBANK" TEL AVIV TEL AVIV Ausführung sämtlicher Bankgeschäfte The (fladar Hacarmel P. O. ß. 950, Telephone 344 Cable address: „ASHRAIBANK" HAIFA HAIFA halten und gefoltert, obwohl er Im Felde Offizier war und schwer verwundet wurde. Als man ihn wegen seiner schweren Verletzungen nicht mehr dort behalten konnte, ließ man ihn einen Revers unterschreiben, daß er einen Unfall erlitten habe, und transportierte ihn ins Krankenhaus, wo die Aerzte verschiedene Knochenbrüche, schwere innere Verletzungen und so schwere Gesichtsverletzungcn feststellten, daß nach dem Befund der Grelfswalder Universitätsklinik langsame, aber sichere Erblindung eintreten wird. Da es sich bei Heimann um einen prominenten Vertreter der Stettiner Gesellschaft und zugleich um den Repräsentanten eines Unternehmens von internationaler Bedeutung handelt, erregte der Fall im Zusammenhang mit der Verhaftung Kunstmanns riesiges Aufsehen, vor allem bei den in der Geschäftswelt im der Ostsee vorherrschenden Rhedereien und Speditionsgeschäften, daß der Regierung nichts anderes übrig blieb, als auch diese „jüdischen" Fälle zur Verurteilung der SA-Leute heranzuziehen. Roheit ohne Ende ♦ ♦ ♦ Sie verfolgen und beschimpfen das Kind im Mutterleib Ueber eine amtsgerichtliche Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung zur Frage der Mischehe berichtet das „Frankfurter Volksblatt": „Ein arisches Mädchen hatte sich mit einem neunzehnjährigen Juden eingelassen und erwartete von ihm ein Kind. Der Kindesvater wollte das Mädchen heiraten und beantragte bei dem hiesigen Amtsgericht seine Volljährigkeitserklärung, da nach den deutschen Gesetzen Minderjährige nicht heiraten dürfen. Da mit der Heirat dann das Kind als ehelich gilt, geben die Gerichte derartigen Anträgen in allen Fällen statt. In diesem besonderen Fall sah sich das Gericht zur Ablehnung des Antrages genötigt. In den Gründen wird ausgeführt: Es liegt zweifellos im Interessedes Staates, den Kindesvater, der seinem Kind zur Ehelichkeit verhelfen will, zu unterstützen. Anderseits jedoch hält es das Gericht für unvereinbar mit seinen Aufgaben und für seinen Pflichten zuwiderlaufend, der Ehe eines Juden mit einer Arierin Vorschub zu leisten. Die Entscheidung ist hart für Mutter und Kind, Die Mutter, die sich noch im Jahre 1933, als das Wissen um die Bedeutung rassenmäßigen Denkens schon festen Fuß im Volk gefaßt hatte, mit einem Juden eingelassen hat, verdient es nicht besser. Sie muß für ihren Leichtsinn und mangelndes Verantwortungsgefühl bestraft werden. Aber auch die fragloi vorhandene Härte gegenüber dem Kind muß in diesem

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