Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 360 (27.4.1934)
- Date
- 1934-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DJB NEUE WELT Nr. 360 NE II ERÖFFNUNG! Pension, Cef*, Rtffaerant, orth BAD HALL Oberösterreich VILLA MAYERHOFER A. BARSCHAK » Co. aus Wien, II., Qr. Schiffgasae 3. Tel. A-46-4-39 Das Unternehmen steht unter Aufsicht Sr. Ehrw. des Herrn Rabb. Babad familien in Lille, Lens und Valenciennes sind von Ausweisung bedroht, und die Beschaffung von Palästina- Zertifikaten ist für sie eine Lebensnotwendigkeit. Jedoch waren bis jetzt alle Interventionen nach dieser Richtung erfolglos. Die staatenlos gewordene HflditHnge ohne Pässe Aus London: Im Unterhaus wiederholte Abgeordneter Geoffrey Mander die in der vorigen Woche vom Abgeordneten Graham White an den Außenmini s t e r gerichtete Anfrage betreffend die Konvention über den internationalen Status der durch Auswanderung staatenlos Gewordenen. In Beantwortung dieser Anfrage erklärte Außenminister Sir John Simon, die Konvention sei bisher von Belgien, Frrankreich, Aegypten, Ungarn und Norwegen unterzeichnet worden. Die Unterzeichnung sei jedoch seitens aller dieser Staaten unter zahlreichen Vorbehalten erfolgt, und keiner von ihnen habe bisher die Konvention ratifiziert; sie sei demnach nicht in Kraft getreten. Der „unsterbliche" Shylock Palästina, das alte und das neue, ist so reich, daß jedes Auge und Ohr etwas Besonderes findet; aber ohne Ergriffenheit wird wohl keine Menschenseele dieses Heilige Land verlassen. Frühling in Jerusalem — ein beliebtes Thema für die Palästina-Reisenden, für die eiligen Touristen und für die etwas bedächtigeren Forscher und Studierenden! Und gerade jetzt, wo das Land, wo das alte Jerusalem mit der Patina der jüdisch-heidnisch-christlichen Antike sich in einem Prozeß des Wachstums, der Neuerung befindet... Neue Menschen kommen ins Land, verändern das Stadtbild, tragen einen heroischen Idealismus in das Land ihrer Väter, so kühn, so stark und so opferreich, daß die ganze Kulturwelt aufhorcht. Der Jude baut sein Heim wieder auf ... Auch Freunde des katholischen, christlichsozialen Hauptorgans Oesterreichs „Reichspost" befahren das Land, sehen sich in der Heiligen Stadt Jerusalem um. Es gibt hier auch manches zu sehen, manches Zeichen jüdischen Geistes, jüdischer Kultur, jüdischen Menschentums. Ihr Berichterstatter hat eine Menge Impressionen gesammelt. Und vom jüdischen Element Jerusalems weiß er zu melden („Reichspost", 18. April 1934, Nr. 105): „Dort hastet einer der alteingesessenen palästinensischen Juden vorbei, im langen gestreiften Gewand, mit Bart und Schlafenlocken, auf dem Kopf den großen breitrandigen Samthat, mit braunem Pelz besetzt. Er geht in die Wechselstube des Herrn Ephraim, der aussieht wie das Urbild des alten Shylock." Armer Berichterstatter, der vom Frühling in Jerusalem nicht mehr und nichts anderes sieht als einen Juden, der in eine — Wechselstube geht! Es gibt bekanntlich auch andere Juden in Jerusalem: Bauarbeiter, Elektriker, Chauffeure; es gibt Studenden, die vom Skopus herab in die Plantagen eilen, um bei der Ernte behilflich zu sein; es gibt Aerzte und Chemiker in den jüdischen Spitälern ... Der Mann der „Reichspost" siebt immer wieder nur den „unsterblichen" Shylock. Er will nichts anderes Beben. Aber er wird schließlich doch zur Kenntnis nehmen müssen, daß in der Heiligen Stadt auch noch etwas anderes auffällt als ein Pajes-Jud ... Von den völkischen /Europäern7 Die deutsche Propaganda unter Goebbels hat für die Führung der Judenhetze auf internationalem Boden den „Bund Völkischer Europäer (BVE)" (Berlin W 9, Beilevuestraße 16) gegründet. Dieser „Bund" versendet jetzt an alle ausländischen deutschen Zeitungen einen „Jüdische Mordpläne" Uberschriebenen Aufsatz, der In seiner Mischung von Grauen und Naivität den Eindruck einer bewußten Parodie auf den Antisemitismus macht, aber in Anbetracht der heute in Deutschland herrschenden Stlmung von schwerwiegenden Folgen begleitet sein könnte. Darin wird mitgeteilt, daß die Juden beschlossen hatten, die drei Kaiserreiche Bußland, Deutschland und Oesterreich, die sich den Judenplänen widersetzten, zu vernichten, und diese Absicht auch ausgeführt hätten. Der letzte russische Zar, Nikolaus II., wird den Deutschen als eine hehr« Gestalt geschildert, die nichts wollte als das Beste der Menschheit, nämlich deren Befreiung vom Judenjoch. Darum wurden „die kaiserliche Familie, die lieblichen Töchter, der junge Sohn und einige Getreue In Jekaterinburg auf Befehl der jüdischen Sowjetkommissäre von Jankel Jurowsky nach unendlichen körperlichen und seelischen Martern erschossen". Es wird dann weiter erzählt: „Inzwischen hat sich das satanische Wesen der Judenheit fast auf der ganzen Erde enthüllt. Der Rathenausche „Faktor der Not" ist Uberall an den Völkern, diesen Gegenständen jüdischer Schächtung und Vivisektion, ausprobiert; dafür wissen aber die Völker auch, daß bei der Judenwirtschaft, die schlimmer als ein Zuchthaus ist, die wehrlos gemachten NichtJuden nur der unbegrenzten Lust- und Beutegier der Talmudgläubigen preisgegeben sind." Zur Illustrierung der „j üdischen Mordlust" werden einige in jiddischen Verlagen Warschaus und New Yorks zu P u r 1 m erschienene Ulk- und Glückwunschkarten reproduziert. Auf einer dieser Karten ist ein jüdisches Mädchen dargestellt, welches einen Glückwunschstrauß darreicht; am Horizont sieht man das Hitler-Jahr, symbolisiert durch einen Hitler-Kopf, versinken. Darüber stehen einige Verse, die der BVE wie folgt Ins Deutsche transskribiert: „Sink, Hitlerjohr, vergeh — Mit deine Schmerz und Weh — Sink, sink auf ewig hin... — A neues Johr itzt geht — Mit neue Glück und Frejd. — Es wird von Weh und Leid — Die Welt befreit." Der „Bund Völkischer Europäer" ermahnt die Deutschen, vor diesen jüdischen Karten nicht zu erschrecken, denn das deutsche Volk habe außer dem „Koscher- Frieden" von Versallies noch eine Judenrevolu^ tion dazu überstanden. „So werden Volk und Kanzler trotz der Flüche des Judenjahres ,5693' und trotz des ebenso tödlich gemeinten Hinweises auf den vor zweitausend Jahren von den Juden geschächteten H a m a n und seine Perser im Regierungsblatt der Zionisten, dem .JewishChronicle* in London, Sommer 1932 — sich weiter Gottes und seiner Sonne erfreuen." KINOPROGRANME DIESER WOCHE Ii, Taborstraüe 1 Tel.: A-49-0-60 SCHWEDEN-KINO Vom 27. April bis 3. Mai 1934: SYLVIA SIDNEY Gab* und lieb' und leide Beginn wochentags: "/45, 7, y410 Uhr, Sonntags ab 3 Uhr Eine Wizo»Vertreterin *ür Binationalismus In einer Besprechung Uber ein — auch die Judenfrage behandelndes — Buch des tschechoslowakischen Prof. Rädl bemerkt die Rezensentin, Frau Fini Brada, Funktionärin der Wizo (Weltorganisation Zionistischer Frauen), in der Prager zionistischen Zeitschrift „Selbstwehr" (20. April 1934): „Wenn Prof. Rädl weiter schreibt, der Zionismus sei ein großer Versuch gewesen, die jüdische Ehre zu retten, und gleichzeitig fragt, ob ein Rassenstaat als Rettung gegen Rassenhaß anzusehen ist, so ist wohl zu sagen, daß ein Großteil der sich zum zionistischen Ideal bekennenden Menschen nicht nur nicht auf dem Prinzip des Rassenstaates steht (wenn schon das Rassenproblem als solches absurd ist, dann doch im Orient geradezu lächerlich), sondern doch unsere prominentesten Führer, unter ihnen Welzmann, immer vom binationalen Staat sprechen. Es ist scheinbar unsere Tragik, daß man innerhalb des Judentums nur die negativen Seiten unserer Bestrebungen bemerkt, doch niemals unsere positiven Bemühungen auch nur beachtet. Warum wissen die Menschen unserer Umwelt von den Revisionisten, warum wissen sie nichts von den Männern des B r i t h S c h a 1 o m, von Prof. Einstein und seiner Korrespondenz mit Arabern? Schließlich dokumentiert sich doch unsere binationale Einstellung schon darin, daß vor allem die Arbeiter mit den Arabern gemeinsam gewerkschaftliche' Organisation gründen ..." Jetzt wissen wir also, was die negativen und was die positiven Selten des Zionismus sind. Die negativen — das sind die nationalen und der Judenstaat, die positiven — das sind die binatlonalen, die brith schalomistischen und diejenigen Bestrebungen, welche dahingehen, die arabischen Arbeiter gegen die jüdischen Unternehmer in Palästina zu organisieren und die Bildung einer jüdischen Majorität in Erez Israel zu verhindern. Man kann nur sagen: Manche Damen von der Wizo haben es weit gebracht... Hitler'Deutsdiland sieht Gespenster Die Berliner „Deutsche Allgemeine Zeitung" läßt sich aus Amsterdam berichten, daß das führende Flüchtlingskomitee in Paris, das „Com 11e" de defense des juifs persecutes en Allemag n e", sich mit militärischer und wirtschaftlicher Spionage zuungunsten Deutschlands befaßt. Der Sitz dieser Organisation sei die Avenue des Champs Elyaee und an ihrer Spitze stehe Pierre Zionlitltche Ortagtuppe Qwa% Samstag, den 28. April 1934» halb 9 Uhr abends, im großen Sitzungssaale der Kultusgemeinde VORTRAG /Die heulige zioniftifdie Lage' Referent: Oberbaurat Ing* Robert 8*fIdcer (Wien) Sonntag, den 29. April, vormittags, Vortrag des Herrn Oberbaurat Robert Stricker (Wien) über dasselbe Thema in LEOBEN D r e y f u s, der Sohn des bekannten Obersten Dreyfus. Es habe den Anschein, als ob die ganze jüdische FlüchtllngsfUrsorge nur ein Deckmantel für diese Tätigkeit sei. Man schickt die Flüchtlinge, die über besondere wirtschaftliche Spezialkenntnisse verfügen, mit reichlichen Geldmitteln ausgestattet nach Deutschland, um dort die Industriegeheimnisse auszukundschaften. Die Fonds des Comite' werden mit 12 Millionen Francs angegeben werden, von denen etwa 7 Millionen vom Pariser Rothschild stammen. Hiezu wird aus Paris gemeldet: Die „D.A.Z."hat hier zwei Komitees willkürlich verbunden. Das sogenannte Dreyfus-Komitee, das in der Tat den Namen „Comitede defense des julfs persecutes en Allemagne" führt, befaßt sich im wesentlichen mit dem Schutz der Rechte der Juden in Deutschland und beteiligt sich zu diesem Zwecke an der Boykottbewegung. Daneben hat es sich bemüht, deutsche Intellektuelle, besonders auch technische Spezialisten, in der französischen Wirtschaft unterzubringen. Es hat nie über beträchtliche Mittel verfügt. Es hat auch nie deutsche Emigranten nach Deutschland zurückgeschickt. Hingegen hat das große jüdische Hilfskomitee, das tatsächlich auch von der Familie Rothschild einen in viele Millionen gehenden Betrag überwiesen erhalten hatte, lange Zeit hindurch den deutschen Emigranten wirksame Unterstützung gewährt, aber keinen Pfennig für andere als direkte Hilfszwecke verwendet. „Temps", „Pariser Tageblatt" und andere Pariser Blätter veröffentlichen Darstellungen aus den Kreisen der Komitees, in denen die Behauptungen der „D. A. Z." als erlogen bezeichnet werden. Das „Pariser Tageblatt" schreibt, der Verfasser der Zuschrift an die „D. A.Z." dürfte nicht in Amsterdam, sondern im R eiChs p rap agan d am ih i b te-.: r i u m sitzen. Das jüdische Hilfskomitee — nicht das Dreyfus-Komitee — hat allerdings solchen jüdischen Flüchtlingen, die den Wunsch hatten, nach Deutschland zurückzukehren, und von denen man annehmen durfte, daß sie als völlig unpolitische Menschen bei ihrer Rückkehr in die Heimat keine Gefahr laufen würden, die Mittel zur Rückreise gegeben. Ist nun die Amsterdamer Zuschrift der „D. A. Z." vielleicht die Einleitung, um diese armen, halbverhungerten Menschen nach ihrer Rückkehr auf deutschen Boden zu quälen?.Es ist in Deutschland heute sehr leicht, jemandem den Prozeß zu machen, und es ist sogar sehr leicht, in den Kellern der Gefängnisse der Geheimen Staatspolizei mit Gummlknütteln, Stahlruten und Ochsenziemern „Geständnisse" aus den wehrlosen Opfern herauszupressen. Man muß in Hitler- Deutschland auf alles gefaßt sein. Umsonst erfindet man dort keine Spionagegeschichten! Aus der englischen Presse Hitler ist schuld Aus London: „Manchester Guardian" berichtet über neue Judenverfolgungen in Deutschland und bemerkt dazu: Die Judenverfolgungen seitens der Braunhemden dauern an und arten hie und da zu regelrechten Pogromen, wie z. B. der in Günzenhausen, aus. Es handelt sich hier nicht um spontane Ausbrüche, sondern die Braunhemden werden von ihren Befehlshabern unablässig daran erinnert, daß der Jude als Paria zu behandeln ist. Die Verantwortung für dieses Verfolgungssystem ruht nicht auf den Nazi-Soldaten, sondern auf den Führern und vor allem auf Hitler selbst. „Manchester Guardian" weist insbesondere darauf hin, daß die neuerdings eingesetzte Vertreibung der letzten Juden aus Theater und Film behördlich bewerkstelligt wurde. Warnung an Polen Aus London: „Manchester Guardian" befaßt sich im Leitartikel mit der Gründung der „J u n g e n Front" der nationaldemokratiachen Partei in Polen, weist darauf hin, daß sich die neue Organisation als polnische Nazi- Partei deklariert und von der deutschen Hitler-Partei direkt beeinflussen läßt, und warnt die polnische Regierung davor, diese Gründung auf die leichte Achsel zu nehmen. Wenn, schreibt „Manchester Guardian", die polnische Regierung dieser Front gegenüber die gleiche Festigkeit wie den Bauern und Soziallsten gegenüber zeigt, könnte sie der gefährlich um sich greifenden antisemitischen Hetze, die Polen in ein furchtbares Risiko bringt, Herr werden. Bereits heute gibt es, über ganz Polen verteilt, mehr als dreihundert Nazi- Agenten. Anmerkung der Redaktion: Ueber die Gründung der radikal-antisemitischen Front in Polen haben wir in der letzten Nubumt berichtet»