Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 359 (24.4.1934)
- Date
- 1934-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 889 Der Arlo§orof£mordiProzeß findet an Jerusalem stall An« Jerusalem: Wie der J. T. A. von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, wird das ordentliche Schwur« gerichtsverfahren gegen die Revisionisten Aohl Melr, Stavsky und Rosenblatt, gegen die die Anklage wegen Mordes. bezw. Anstiftung zum Mord an dem Arbeiterführer und Mitglied der Zionistischen Exekutive Dr. Chaim Arlosoroff erhoben worden Ist, am %$. April d. J. beginnen. Alle Pressemeldungen, wonach der Prozeß auf die Zeit nach der Levante-Messe verschoben worden Ist, sind somit grundlos. Noch steht es nicht fest, ob der Prozeß in Jaffa oder in Jerusalem stattfinden wird. Das Oberste Gericht in Jerusalem wird den endgültigen Beschluß fassen. Man nimmt an, daß der Prozeß über zwei Monate dauern wird. Aus Jerusalem: Das Oberste Gericht Palästinas hat beschlossen, die Hauptverhandlung gegen Stavsky, Rosenblatt und Achi-Meir nicht in Jaffa, sondern vor dem Jerusalemer Geschworenengericht stattfinden zu lassen. Der Prozeß beginnt am 33. April. Die Anklageschrift wurde am 18. April den Angeklagten Abraham Stavsky, Zw! Rosenblatt und Abb» Achi-Meir zugestellt. Die Anklage lautet auf vor» bedachten Mord an Dr. Chaim Arlosoroff und gründet sich auf Artikel 117 des ottomanischen Strafgesetzbuches. Von der Staatsanwaltschalt werden in dem Prozeß 45, von der Verteidigung 79 Zeugen geführt. Man rechnet mit einer zweimonatigen Dauer. Ueber die Wahl des Verhandlungsortes bestanden tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung. In einem vom Staatsanwalt unterstützten Schriftsatz hat der Kommandant der Palästina-Polizei Major Spicer die Verlegung des Prozesses nach Jerusalem mit der Begründung beantragt, daß das Jaffaer Gefängnis keine Gewähr für die sichere Verwahrung der Gefangenen biete, und daß ferner die Verlegung nach Jerusalem mit Rücksicht auf die derzeit herrschende erbitterte Feindschaft zwischen Revisionisten und Arbeiterparteilern, die zu Störungen der öffentlichen Ordnung führen könne, geboten sei. Der Verteidiger Horace Samuel erhob schärfsten Einspruch gegen die Verlegung des Prozesses nach Jerusalem. Er machte geltend, daß hierdurch die Arbeit der Verteidigung in ihrer Kontinuität gestört und vollkommen desorganisiert werden würde. Samuel unterbreitete dem Obersten Gericht Erklärungen des Bürgermeisters von Tel-Awiw Dizengoff und des Vizebürgermeisters R o k a c h, die die Garantie für die öffentliche Sicherheit in Tel-Awiw, falls der Prozeß in Jaffa stattfände, übernehmen. Das Oberste Gericht schloß sich den Argumenten der Staatsanwaltschaft und der Polizei an und delegierte das Jerusalemer Geschwornengericht zur Führung des Prozesses. Sie sind toll geworden ♦ ♦ ♦ Aus Darmstadt wird gemeldet: Das Staatspresseamt gibt bekannt: „Der 27jährige jüdische Kaufmann Willi Bendorf aus Ober-Ramstadt wurde zum Schutze seiner eigenen Person am 11. April 1 dem Staatspolizeigefängnis zugeführt, weil er mit der 17jährigen Deutschen Emma Katharina Kehr aus Ober-Ramstadt geschlechtlich verkehrt hatte. Der Name der Kehr wird deshalb veröffentlicht, weil sie dem Begehren des Juden keinerlei Widerstand entgegensetzte und damit ihre Pflichtvergessenheit gegenüber ihrer Rasse zum Ausdruck brachte." Man darf deutsche Waren zurückschicken! Aua New York: Die Utility Products Company verklagte den jüdischen Kaufmann Jonas Haies in New-York-Brooklyn auf Zahlung von 150 Dollar für beateilte Rohrlegeartikel die Haies zurück* gegeben hatte, weil es sich um deutsche Erzeugnisse handelt. Vor Gericht erklärte Haies, er habe bei der Bestellung nicht gewußt, daß es sich um deutsch« Erzeugnisse handelt, erst als er die Scharniere an verschiedene Unternehmer liefern wollte, wurde die Annahme wegen des deutschen Ursprungs der Ware verweigert. So sah er sich genötigt, die gante Warenlieferung der Utility Products Company zurückzugeben. Der Pvichter am Munizipalgericht Harold P. Kunstler gab Haies recht und wies die Klage der Company zurück. Auch in Norwegen Aua ObIo: Die Presse der norwegischen Hauptstadt Oslo berichtet in Ausdrücken tiefster Entrüstung über die Schändung der Oslo er Synagoge in Bjergstien 13 und spricht dabei die bestimmte Vermutung aus, daß es deutsche Nationalsozialisten gewesen seien, die durch eine solche Provokation die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollten. DJe Zeitungen bemerken weiter, der Käuferstreik des arbeitenden norwegischen Volkes gegenüber deutschen Waren werde durch derartige Provokationen keineswegs gemildert werden. Das Portal und die Mauer der Synagoge waren übersät mit rot, blau und weiß (Landesfarben) gemalten Hakenkreuzen, die große Messingklinke war umgedreht, der Garten verwüstet. Von dem Eiaenportal war die eine Hälfte entfernt und weit weggetragen, so daß anzunehmen ist, daß >-äftige Hände am Werke waren. AntfceiiiMidhef Wettrennen Alle« für die Aus Wtrtchtu wird berichtet, daß sieb in der großen Partei der „Nationaldemokraten", die bekanntlich streng antisemitisch ist, eine Spaltung vollzogen hat. Der jüngere Flügel der Partei hat sich von der Organisation losgelöst und konstituiert« sich als •in« «igen« Partei, du den Namen „Na. tlo aal -radikales Lager" (Nationalsozialisten) führt. Ziel dieser neuen Partei ist, das nationaldemokratische Programm schärfer im Sinne des Hitlerismus auszugestalten und namentlich die Bewegung zur Ausmerzung der Juden in Polen entschlußkräftiger zu betreiben. Das Programm dieser „Jungen Front" der Nationaldemokratie ist vollkommen aus dem der deutschen Nationalsozialisten abgeschrieben. Während den Ukrainern und Weißrussen volle Bürgerrechte anerkannt werden, wird mit Bezug auf die Juden bestimmt, daß dies« nie und nimmer Bürger des polnischen Staates sein dürfen und — solange sie überhaupt noch in Polen leben — als „Fremde" behandelt werden sollen. Der Jude dürfe keinenBoden in Polen besitzen und keine Vermittlerrolle im Handel spielen. Juden haben kein Recht auf Arbeit und ihre vollständige Auswanderung aus den polnischen Ländern sei anzustreben. Entjudung der Städte sei Vorbedingung für die gesunde Entwicklung der nationalen Wirtschaft, Der Parteirat der „Alten Front" der Nationalliebe Jagend! dsmokraten unter Führung 4«« berüchtigten Judengegners Roman Dmowski ist unter dem Eindruck der Abspaltung der Jungen zu einer Konferenz zueemjaengetreten, in der berichtet wurde, daß namentlich das „opportunistische" Juden? ro^gramm der Nationalderookratie den Jungen nicht gentigte. Es wurde beschlossen, die Zügel nicht aus den Händen zu geben, sondern Programm und Taktik so auazubauen, daH die Jungen in der Partei verbleiben können. Der Kampf gegen die Regierung des Marschalls Pilsudski und der Ausrottungskampf gegen die Juden werden demgemäß intensiviert werden. Nach Bekanntgabe des neuen Programms des nationaldemokratischen Parteirates hat die Regierung die Schließung des ältesten nationaldemokratischen Klubs in Warschau, in dessen Räumen die Konferenz stattgefunden hatte, verfügt. Inzwischen haben die jungen Nationaldemokraten in Polnisch-Oberschlesien begonnen, das neue Judenprogramm durchzuführen. Trupps polnischer Nationalsozialisten blockierten in Kattowltz die jüdischen Geschäfte und hielten mit Gewalt die Käufer fern. Die Polizei verhaftete einige polnische Hitler-Leute. Aehnliche Vorfälle ereigneten sich in einigen anderen Städten Polnisch-Oberschlesiens. Mei'r Großmanns A**€<*Referaf Mißtrauen gegenüber der jetzigen Exekutive — Die Frage der Disziplin — Rücktritt der Exekutive und neuer Kongreß IL Deshalb verstehe ich wirklich nicht Ihre Angst vorjederlnitiative, die von selten der zionistischen Kreise kommt. Ich begreife nicht, weshalb Sie sich so sehr darüber gefreut haben, daß das Komitee, das zum Schutz für die Rechte der Touristen in Tel-Awiw geschaffen wurde, durchgefallen ist. Was scherten Sie sich darum, daß sich Menschen gefunden haben, welche Initiative an den Tag legten und beschlossen, ein Komitee zum Schutz der Touristik zu gründen? Dankbar dürften Sie ihnen dafür sein, daß sie einen weiteren Kanal für den politischen Kampf schaffen wollten. Aber Sie, in Ihrer Engherzigkeit, haben sich darüber gefreut, daß dieses Komitee Schiffbruch erlitten hat. Das ist charakteristisch für die Exekutive in ihrem ganzen bürokratischen Zuschnitt. Herr Dr. Brodetzky hat sich da reumütig an die Brust geschlagen, er hat eine Menge Fehler eingesehen, und einer von ihnen besteht darin, daß die Zionistische Organisation nicht verstanden hat, die Führung des ganzen jüdischen Volkes zu übernehmen. Das hätte der Zionismus sein müssen — der Führer und der Träger. Und Sie hätten wirklich die Möglichkeit gehabt, die Fuhrer der Boykottbewegung zu werden. Was wurde in dieser Hinsicht getan? Die Zionistische Organisation und die Exekutive haben In dieser Richtung nichts unternommen. Sie haben die Initiative aus den Händen gegeben und die Angelegenheit Fremden überlassen. loh könnte noch mehr sagen: Die ganze Geschichte, die sich rings um den „T r a n s f e r" (Transferierung jüdischen Vermögens in Form von Waren aus Deutschland nach Palästina) abgespielt hat, hat uns bloß Schaden gebracht. Wer hat Sie daran gehindert, bierin die Initiative zu ergreifen? Sie standen und stehen auch heute noch abseits. Ueber wen beklagen Sie sich also? In der Rede von Prof. Brodetzky befand sich eine Phrase, die Aufklärung verlangt. Er hat gesagt: Ich befürchte, daß „die Regierung ins Land nicht Menschen hereinlassen wird, die Störungen hervorrufen"? Hat es die Regierung gesagt oder diesbezügliche Andeutungen gemacht? Wer sind die Menschen, die „Störungen hervorrufen"? Welche Menschen sind da gemeint? Ich hege Angst, daß hinter den einfachen Worten Irgendeine neue Erscheinung Hegt, und ich wünsche hierüber eine klare Erklärung. Herr Shertok, der politische Referent der Palästina-Exekutive, hat erzählt, daß es auf manche Einwände der Regierung schwer zu antworten ist, und als Beispiel hat er die Frag* der Bodenspekulation und der nicht genügend organisierten jüdischen Wirtschaft in Palästina gebracht. Ich verstehe nicht, weshalb die Beantwortung dieser Fragen so schwer ist. Es ist doch klar: In einem Land, in das 40.000 Menschen jährlich hereinkommen und wo Schwierigkeiten beim Bodenkauf gemacht werden und wo die Regierung nicht für die Einwanderer sorgt, sind die Bodenspekulation und der Bodenwucher bedauerliche, aber natürliche Erscheinungen. Die Regierung beklagt sich darüber, daß unsere Wirtschaft nicht organisiert ist. Wenn sie damit die kommunistischen oder ha ^kommunistischen Wirtschaften meint, so sind diese gut, Ja zu gut organisiert* Man kann auch nicht sagen, daß die palästinensische Wirtschaft schlecht funktioniert. Im Gegenteil, sie setzt alle ihre Waren ab, sie hat Kapital, sie sucht neue Märkte. Wenn ihr etwas fehlt, sind es gerade Arbeitshände. Also ist die Antwort auf solche Frage doch sehr einfach. Die Regierung soll nur für eine Bodenreserve und für freie Einwanderung Sorge tragen. Wenn Sie, Herr Shertok, auf so einfache Fragen nicht antworten können, dann befürchte ich, daß Sie auf eine Menge anderer, wichtigerer Fragen sicherlich nicht die richtige Antwort werden geben können. Die innere Lage im Zionismus ist überaus bitter. Niemand leugnet, daß die Exekutive unter abnormalen Umständen gewählt worden ist. Rein technisch und organisationeil genommen, ist natürlich die Exekutive legal, aber moralisch steht sie unter einem großen Mißtrauen. Und eben dieses Mißtrauen, das bei allen besteht, stört die zionistische Bewegung. Aus jenem Verdacht, der in Prag entstanden ist, in jenen Tagen geistigen Terrors, quellen jetzt die giftigen Erscheinungen in der Bewegung hervor. Weil man in die Exekutive kein Vertrauen bat, sinkt ihr Prestige. Und deswegen ist es in unser aller Interesse, daß mit diesem Zustand so rasch wie möglich Schluß gemacht werden soll. Wir glauben daher, es wäre die patriotische Pflicht der gegenwärtigen Exekutive, besonders im Sinn der Rede, die Brodetzky gehalten hat, dafi sie ihre Mandate in den Schoß dee Aktionskomitees legen soll. loh z. B. würde nicht wollen, daß eine Abstimmung in der Vertrauensfrage stattfinden soll. Man kann sich doch leicht vorstellen, daß Sie bei der heutigen Mehrheit resignieren und daß das Aktionskomitee, de« eine verkleinerte Kopie von Prag ist, Sie wiederwählt. Damit wird sich gar nichts ändern, das Mißtrauen wird bleiben. Wenn Sie Patrioten sind und von anderen Opfer verlangen, dann müssen Sie selbst auch Opfer bringen: Legen Sie Ihre Mandate nieder, machen Sie reinen Tisch. Und dann soll noch heuer ein neuer Kongreß einberufen werden, mit neuen Wahlen. Man sagt, daß der Kongreß mit großen Ausgaben verbunden ist. Richtig. Aber das, was die Zionistische Organisation jetzt an Energie und Kraft infolge der K r i s i a und der inneren Kämpfe verliert, ist viel größer als alle Kongreßspesen. Bis zum Kongreß soll eine interimistische Geschäftsexekutive geschaffen werden, deren Zusammenstellung der Stimmung des Aktionskomitees angepaßt werden soll. Erst der neue Kongreß wird die wirklichen Kräfteverhältnisse in der Bewegung feststellen. Wenn man bei uns von einem Staate unterwegs, von einem Parlament und dgl. spricht, müssen Sie doch wissen, daß es eine Menge Fälle in der Welt gab, daß Regierungen, die sogar mit große» Majorität gewählt wurden, aber später einsahen, daß die Stimmung gegen sie sei, freiwilligdemissionlert haben. Rev. Goldbloom (Misrachi): Wae wird geschehen, wenn ein neuer Kongreß dieselbe Stimmung schaffen wird wie der vorige? Großmann (fortfahrend): Wenn es sich unter normalen Umständen ergeben wird, daß dieselben Men« scheu mit derselben Majorität gewählt werden, wird daj