Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 358 (20.4.1934)
- Date
- 1934-04-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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f Bette 6 DIE NEUE WELT Nr. 868 Beisetzung SLeo rVfoizkins in Jerusalem am 19* April Aus Jerusalem: Die Beisetzung der aus Paris nach Palästina überführten sterblichen Reste des früheren Präsidenten des Zionistischen Aktions-Comitees, Leo M o t z k i n, ist für Donnerstag, den 19. April, festgesetzt worden. Zu den Beisetzungsfeierlichkeiten werden große Vorbereitunoen getroffen. Im Verwaltungsgebäude der Jewish Agency findet ein Gedenkgottesdienst statt. Von dort wird der Sarg auf den Oelberg getragen, wo er beigesetzt werden wird. „Chasith Haam" für einen Monat verboten AU3 Jerusalem: Das Erscheinen des Organs der Revisionisten Palästinas, „Chasith Haam", ist behördlich für die Dauer eines Monats eingestellt worden. Zugeständnisse der „Histadruth" an ,/lVfisradu" Die J. T. A. meldet aus Jerusalem: Aus dem nunmehr vorliegenden Protokoll der letzten A. C.-Tagung geht hervor, daß auf einer der letzten Sitzungen durch den Vorsitzenden Beschlüsse der sozialdemokratischen Arbeitergewerkschaft (Histadruth Haowdim), betreffend Kaachruth, in den öffentlichen Arbelterküchen verlesen wurden. Die Beschlüsse lauten: 1. Jede den Namen der Histadruth Haowdim tragende öffentliche Küche muß allen Mitgliedern der Histadruth ohne Unterschied ihrer religiösen Einstellung zugänglich sein. Jeder jüdische Arbeitsmensch soll die Möglichkeit haben, sich dieser Einrichtungen zu bedienen. 2. Deshalb beschließt die Leitung der Histadruth, daß In allen öffentlichen Küchen, ebenso wie dies schon früher für die Kupath Cholim (Krankenkasse) festgestzt wurde, die Kaschruth gewahrt werden soll. 3. Wenn Institutionen der Histadruth auf einen 8 a b b a t h oder F e i er t a g Veranstaltungen ansetzen, so sollen dabei öffentliche Handlungen vermieden werden, die m Mißachtung des Sabbath oder Feiertages führen, Eine politische Studierckosnmission Aus Jerusalem: Einer der Beschlüsse der letzten Aktions-Comitee-Tagung betraf die Bildung einer politischen Studienkommission, deren Aufgabe es sein soll, als Vorbereitungsarbeit für den nächsten Kongreß die wichtigsten politischen Probleme der zionistischen Bewegung zu bearbeiten und einheitlich Vorschläge zu erstatten. Diese Vorschläge sollen dann der politischen Kommission des Kongresses vorgelegt werden. Die Stellung der Kommission gegenüber der Exekutive ist eine ausschließlich beratende. Die Kommission wird aus zwei Sektionen bestehen, von denen die eine ihren Sitz in L o n d o n, die andere in Jerusalem haben wird. Der Londoner Sektion der Studienkommission gehören vorläufig Dr. Nahum Goldmann, M. Jarblum, Harry Sacher und Dr. Schwarzbard an. Die Jerusalemer Sektion der Kommission besteht aus M. M. Ussischkin, I. Ben Zwi, Dr. B. Mossinson, H. Farbstein und Ing. S. Kaplansky. Ex officio gehören der Kommission die politischen Leiter der Exekutive in London und Jerusalem an. Außerdem hat die Studienkommission das Recht, auf Grund einstimmigen Beschlusses neue Mitglieder zu kooptieren. Wie aus der Liste der Mitglieder der Kommission zu ersehen ist, wurden in diese auch Vertreter der Opposition, nämlich der B-Gruppe der Allgemeinen Zionisten und des Misrachi, gewählt. Arabische Exzesse in Tanger Das Reuter-Nachrichtenbüro meldet u. d. 15. Aprü aus Tanger: Sonntag, den 15. April sammelte sich arabischer Mob vor einem Caf6 an, das die zionistische Flagge trug. Die Menge verlangte, daß die Fahne heruntergenommen werde. Da diese Forderung abgelehnt wurde, demolierte der Pöbel das Caf6 und verletzte mehrere jüdische Gäate. Eine starke Militärabteilung stellte die Ruhe wieder her und verhaftete 20 Araber Zur Frage z/Jüdische Kultur" Das schöpferische Palästina und die sterile Gallith Die Frage nach dem „Wesen des Judentums" stellten sich die deutschen Juden, als ihr eigener materieller Weiterbestand problematisch wurde. Gleichzeitig wurde ihnen klar, daß nun endlich auch für sie der Zionismus eine Realität zu werden begann, und damit trat der Zeitpunkt ein, wo sie sich nach einer „jüdischen Kultur" umsahen. Sie wollten mit der Assimilation Schluß machen und innerhalb der nichtjüdischen Umwelt, die sie verstieß, ein eigenes Seelen-, Gefühls- und Willensleben führen. Ueber. diese Situation wurde von jüdischer, zionistischer Seite viel gesagt. In der „Jüdischen Zeitung" (Breslau) führt hiezu Rabb. Dr. Max Wiener unter dem Titel „Klarheit!" folgendes aus: „Was die Juden in Erez Jisrael wollen, Ist klar; oder es sollte doch wenigstens so klar sein, daß wir hoffen dürfen, der starke Wille zum Aufbau eines natürlich geschichteten Volkslebens werde dieses Problem ganz von selbst Jösen. Gemeinsame hebräische Sprache, gemeinsame, den praktischen Bedürfnissen des Landes dienende Erziehung, der Glaube an eine ausschließliche Zukunft auf diesem Boden — sie können und werden jene Einheit des Geistes schaffen, aus der nach Generationen eine jüdische Kultur erblühen mag, die diesen Namen sinnvoll tragen wird. Wo aber stehen wir hier, was besitzen w i r, und was haben wir zu erwarten? Seit vielen Monaten arbeiten „Kulturbünde" in unserer Mitte. Ihre Hauptpflege widmen sie dem Schauspiel und der Musik. Nirgendwo ist es wohl so drastisch aufgefallen wie hier, was es mit einer spezifisch jüdischen Kultur auf sich hat. Denn wieviel ausgezeichnete jüdische Künstler wird es geben, ausübende und schaffende, wie tief bisweilen eine eigene jüdische Nuancierung sich für den schärfer Sehenden aus deren Wirken offenbaren mag, eine jüdische Kunst müßte doch anders aussehen, wie wir es aus den selbstverständlich viel tiefer im Eigenen wurzelnden Darbietungen ostjüdischer Künstlertruppen ahnen können. Wenn Nathan der Weise ein chassidische3 L i e d c h e n summt, so wird dieser Hochgesang der Aufklärung noch nicht jüdisch; würden Fulda oder Schnitzler gespielt, so hätten wir die uns Juden gewiß wohlvertraute Weltstadt, nicht aber ein Judentum, nach dem wir uns viel mehr sehnen, als daß wir es sehen. Wir machen damit aber nicht einem „Kulturbund deutscher Juden" irgend einen Vorwurf, sondern umgekehrt denjenigen, die Forderungen über Forderungen steilen, ohne sich bewußt zu werden, wie unterwühlt der historische Boden ist, auf dem wir gerade „jüdisch-kulturell" leben. Es heißt, den Hausbau beim Dachfirst beginnen, wenn man eine jüdische künstlerische Kultur verlangt, da eben erst die Bodenkultur begonnen ward. Gerade, wer ein ganzes Judentum will, muß den Grundriß dieses Ganzen in seiner Seele tragen und er muß sich darüber klar S3in, ob der Baugrund fest ist und die Bausteine ausreichen. Wenn jüdische Autoren von jüdischen Künstlern vor einem durchweg jüdischen Publikum gespielt werden, das von jüdischen Billettverkäufern und Logenschließern bedient wird, so ist das eine jüdisch-soziale oder wirtschaftliche, aber keine jüdischkulturelle Angelegenheit. Zu einer solchen könnte es bloß werden, wenn diese kulturelle Substanz vorhanden wäre, was man für heute und hier nicht zugeben kann. Wir sagen das nicht, um die Bemühungen zu lähmen, welche sich jene ungeheuren wichtigen sozialen Aufgaben stellen, noch gar, um das Streben zu dämpfen, das auf Mehrung und Vertiefung jüdischen Eigenseins gerichtet ist, sondern um Klarheit über das zu verbreiten, was wir in Wirklichkeit haben. Denn an solcher Besinnung und Besonnenheit gebricht es in unserem Kreise allenthalben. Mit großem Lärm und Gschaftelhuberei, mit großsprecherischem Fordern und Selbstüberschätzung wird das nicht erschaffen, was lange, lange Zeit still, unberedet im Boden wachsen muß, mit unendlicher Mühe, Selbstentäußerung und Opferwilligkeit gehegt, bis es ans Licht treten kann. Was hat sich denn seit einem Jahre an un3 geändert? Unsere äußere Lage hat sich gewandelt, grundstürzend sogar. Sind wir aber damit schon an innerer positiv-jüdischer Substanz gewachsen?" Dr. Wiener schließt seine Betrachtung mit folgenden Worten: „Lassen wir die tönenden Worte von einer „jüdischen Kultur" als einer nur aufzugreifenden und nicht erst in Generationen zu erschaffenden Realität, mit denen wir uns vor der Umwelt nur lächerlich machen, und erkennen wir, daß es nach dem Loch von hundert Jahren und mehr unsagbare Mühe macht, die Fäden mit dem wieder zu knüpfen, was einstmals vorhanden war." Ein Leser schreibt uns: „Es ist zweifellos eine Genugtuung für jeden Zionisten, zu hören , welche Leistungen die jüdischen Sportler zu verzeichnen haben, die jungen Menschen, die erst eine Tradition für den jüdischen Sport schaffen müssen. In letzter Zeit kann man viel von jüdischen Boxern lesen, hauptsächlich amerikanischen und englischen, und es scheint, daß der amerikanische und englische Jude zu großen boxsportlichen Leistungen prädestiniert ist. Jugendkraft und Mut in allen Ehren! So lesen wir beispielsweise, daß der 21jährige Harry Mizler im Londoner Whitechapel den Titel des Leichtgewichtsmeisters im Boxen an sich gerissen hat, zur Freude von 6000 Zuschauern, die die Royal Albert Hall füllten. Aber wir erfahren noch etwas: „Mizler bildete den Mittelpunkt des Interesses bei einem .Wohltätigkeitsboxkampf, den der Ke.ren Kajemeth, der Jüdische Nationalfonds, veranstaltet hat." Die „Berliner Jüdische Rundschau", die diese Meldung bringt, fügt noch hinzu, daß der Ehrenpräsident des Makkabi- Weltverbandes, Lord Mclchett, den Kämpfen mit auffallend starkem Interesse folgte — die bekannte Floskel, mit der dienstbeflissene Federn jeden anwesenden Potentaten schmücken. Bs ist dem Keren Kajemeth gewiß nicht zu v*r-