Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-04-20 · Heft 358 (20.4.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 358 (20.4.1934)
Date
1934-04-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2711981--4304-2717767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Hr. 366 DIE NEUE WELT Seite 8 Mei'r öroßmann OFoftes Referat Abrechnung mit der Exekutive und Aufstellung eines konstruktiven Programms Meir Großmann, der Vorstand der Judenstaatspartei und Mitglied des Zionistischen A. C, hielt auf der Jerusalemer Tagung ein großangelegtes Referat, das die Grundzuge der judenstaatlerischen Politik enthält. Großmanns Ausführungen machten auf die Mitglieder des A. C. tiefen Eindruck. Selbst der ruhigste und objektivste Beobachter wird zugeben müssen, daß die Mitglieder der Zionistischen Exekutive, welche hier mit Reden hervorgetreten sind, alle tief enttäuscht haben, insbesondere wenn man die großen in sie gesetzten Erwartungen und die Tragik des Augenblicks in Betracht zieht. Von einer Seite vernahmen wir ganz allgemeine interessante Betrachtungen über die politische Lage; von der anderen Seite bekamen wir einen trockenen Rechenschaftsbericht Über ihre Tätigkeit. Ein Mitglied der Exekutive ließ sich in eine scharfe Parteipoleraik ein, anstatt mit konstruktiven Vorschlägen zu kommen. Das Peinlichste aber besteht darin, daß allen Reden die Angabe eines neuen Weges fehlte, ein Programm für die Zukunft. Wie stellt sich eigentlich die Exekutive ihre oder — sagen wir — unsere weitere politische und wirtschaftliche Arbeit vor? Wie will sie bei der gegenwärtigen politischen Lage handeln? Und nicht nur bezüglich der Politik haben Ideen und Vorschläge gefehlt, auch in Fragen dos inneren Friedens, über den jetzt so viel gesprochen wird. Wir haben nur einseitige Beschuldigungen, Anklagen, Drohungen gehört. Die Mitglieder der Exekutive haben es nicht für nötig gefunden, zu erklären, auf welcher Basis sie sich die Möglichkeit einer Befriedung der Zionistischen Organisation vorstellen. Kurzum: Wenn wir eine Exekutive hauen, so ist es doch ihre Aufgabe, die Bewegung zu führen; zum Aktionskomitee nicht bloß mit Berichten und Anregungen zu kommen, sondern auch mit konkreten Vorschlägen. Und eben diese Vorschläge bezüglich des künftigen Weges haben gefehlt. R e m e s (Arb.-Partei, dazwischenrufend): Der Weg ist einfach: Loyalität! Großmann (fortfahrend) Loyalität ist ein schöner Gedanke, aber kein Arbeitsprogramm. Um Loyalitätserklärungen anzuhören, mußte man nicht das A. C. einberufen. Die Exekutive muß ein Programm haben. Man will wissen: Was beabsichtigt sie zu unternehmen — bezüglich Englands, bezüglich der Araber, bezüglich der deutschen Juden und bezüglich der traurigen Ueberfälle von Juden auf Juden in den Städten und Dörfern Palästinas? Daß hier jede Linie fehlt, ist natürlich kein Zufall. Wir haben es mit einem organischen Fehler der heutigen Exekutive zu tun — mit ihrer Programmlosigkeit, mit ihrem übertriebenen Glauben in die eigenen Kräfte und gleichzeitig mit ihrer fatalen Machtlosigkeit. Das ist die Bache für ihren „Sieg in Prag". Bei Betrachtung der Probleme, die an der Tagesordnung stehen, muß man zur Ueberzeugung kommen, daß alle unsere äußerlichen Erfolge und Niederlagen mit unserer inneren Lage eng verbunden sind. Kann denn jemand leugnen, daß das, was auf dem Kongreß oder nach dem Kongreß geschehen ist, keinen Einfluß gehabt hat — und just einen negativen! — auf unsere politische Lage? Wenn der jetzige Zustand, d. h. der Zustand inneren Krieges, noch weiterdauern sollte, wenn die von der Exekutive geführte Linie weitergeführt werden sollte, so kann man sicher erwarten, daß unsere politische Lage ärger und tragischer werden wird, weil der Partner, mit dem wir zu kämpfen haben, den Anwert unserer Zionistischen Exekutive und ihre Gewicht im Volk genau kennt. Es gibt kaum einen günstigeren Moment, uns zu überfallen, als den jetzigen. Die Exekutive ist im allgemeinen zufrieden. Optimismus ist gesund, aber hier herrscht ein Optimismus von Leichtsinn und Oberflächlichkeit, den das Volk teuer bezahlt. Wir erinnern uns noch alle daran, wie man vor eineinhalb Jahren im A. C. betreffs eines neuen Freundes gesprochen hat, des Generals Wauchope, des „braven Oberkommissärs". Wir haben damals zur Vorsicht gemahnt. Man hat uns aber ironisiert und nicht angehört. Jetzt stehen wir vor einer veränderten englischen Politik gegenüber dem Zionismus. Es handelt sich nicht nur um die Touristik und die" begrenzte Einwanderung. Wir haben vor uns eine veränderte Linie der Politik, die sich in einer Reihe tatsächlicher Handlungen ausdrückt. Vor allem haben wir es mit der klaren Erklärung der Regierung zu tun, daß sie entschlossen Ist, neue Steuern einzuführen. Die Stellung der Exekutive hiezu ist uns nicht bekannt. Nicht weniger wichtig ist die Erklärung Wauchopes, daß die jüdische Not, die Verfolgungen und Existenzuntergrabungen auf die Politik der Mandatsregierung in bezug auf die jüdische Einwanderung nach Palästina keinen Einfluß haben werden. Da stoßen wir auf ein Problem, mit welchem wir stehen oder fallen. Wenn die englische Regierung wirklich glaubt, daß die Judennot nicht eng verbunden ist mit der jüdischen Einwanderung nach Palästina und mit dem Aufbau des jüdischen Nationalhelms; wenn Palästina keine Antwort auf die Judenfrage geben soll — dann sind unsere politischen Resultate mehr als fraglich. In dieser Hinsicht stehen wir heute vor einer geänderten Situation, es sind neue Wege und politische Methoden im Kampf für die Endziele des Zionismus erforderlich. Und noch eines: Wichtige Erklärungen wegen der Beziehung der Regierung zu jüdischen Fragen werden letztens öfters nicht uns gemacht, sondern den Arabern. Es genügt, daran zu erinnern, daß die Deklaration des Oberkommissärs wegen der „illegalen" Einwanderung, die nicht mehr gestattet sein soll, nicht unseren Vertretern, sondern ausgerechnet den Vertretern der Araber abgegeben worden ist. Brodetzky (Exekutivemitglied, dazwischen): Das ist nicht richtig. Großmann (fortfahrend): Da die Zionistische Exekutive es nicht für nötig gefunden hat, dem A. C. im Verlauf von sieben Monaten einen einzigen Bericht über Ihre politische Tätigkeit zukommen zu lassen, so sind wir auf das angewiesen, was wir in den Zeitungen finden. Es wird wohl niemand leugnen, daß eine A e n d erung in den Beziehungen der englischen Regierung zu uns eingetreten ist, und zwar nicht gerade in Details, sondern in den wesentlichen Grundlagen. Daher ist es gerade jetzt höchste Zeit, mit England über die Hauptpunkte der zionistischen Bewegung und über unsere Zukunft in Palästina zu verhandeln, nicht bloß Über die „Schedule" für das nächste Jahr zu reden, sondern dahinzuwirken, daß man zu einem Uebereinkommen für eine längere Periode betreffs der jüdischen Einwanderung und betreffs der Schaffung einer entsprechenden Landreserve komme. Wir befinden uns jetzt in einer Situation, wo man die Verhandlungen mit der englischen Regierung wegen eines umfangreicheren, konkreteren Plans, wegen eines Schemas für viele Kolonisationsjahre führen muß, auf daß wir die Möglichkeit haben, ruhig zu arbeiten. Ich frage: Ist dieser Plan vorhanden, kann er der englischen Regierung unterbreitet werden und, wenn ja, worin besteht er und hat man *mm iscmas HerBcn HELIA, 1 über ihn verhandelt? Es haben hier zwei Vertreter des politischen Departements der Exekutive gesprochen, aber sie haben nicht erzählt, was sie der englischen Regierung vorgeschlagen und von ihr gefordert haben. Es handelt sich nicht um 2000 Zertifikate mehr oder weniger, sondern um die Grundprinzipien, um einen Plan für die Zukunft. Herr Shertok (Exekutionsmitglied, links) hat hier gesagt, und zwar mit Recht, daß die Engländer, die sehen, wie der Jlschuw wächst und erstarkt, wissen, wollen, wie sich dieser jüdische Jlschuw in der Zukunft zu England stellen wird. Die Frage ist ernst und berechtigt. Deswegen steht auf der Tagesordnung die Frage unserer politischen Orientierung. Die Frage, die Shertok im Namen der englischen Staatsmänner stellt (Was wird mit dem jüdischen Jlschuw sein, wenn er groß geworden ist?) erscheint als wichtige Frage. Man will in London wissen, ob der neue Faktor im Vordem Orient, die jüdische Siedlung, sich mit der Zeit freundlich oder feindlich zu England stellen wird. Eben deshalb haben wir heute den triftigen Grund, England vor das Problem der Beziehungen der Mandatsregierung zu uns, zu unseren nationalen Aspirationen zu stellen. In den Erklärungen der Exekutive aber habe Ich nicht ein Fünkchen dieses Gedankens gesehen. Herr Brodetzky hat hier erzählt, daß man nach der Zur Levante*Messe in Tel*Awi'w Ab WIEN am 30. April mit dem Riesen^Ozeandampfer» VULCANIA« über ROM, NEAPEL, PALERMO, ATHEN/ BEIRUT Auskünfte im REISEBÜRO «MARI ENBRUCKE» (Palästina-Dienst, Leitung: Berta Taubes), Wien I, Rotenturmstraße 26, Telephon R-24-2-86 und R-24-2-87 Gelehrte. Beamte, Arbeiter, Künstler sind sich einig darüber, daß erfolgreiche Arbeit nur bei bestem Kräftezustand, mit ruhigen Nerven und in guter Stimmung zustand« kommen kann. Zur Kräftigung und Erfrischung des Körpers, zur Gesunderhaltung der Organe, zur Bekämpfung von Mattigkeitagefühlen gibt es ein zuverlässiges Mittel: DIANA- Franzbranntwein mit Menthol Anwendung: Aeußerlich zu Einreibungen, Umschlägen, Abwaschungen; innerlich als Mund- und Gurgelwasser sowie zu verschiedenen anderen Zwecken. — Seit Jahrzehnten bekannt and anerkannt als gesundheitsförderndes Hausmittel. Diana-Franzbranntwein soll In keinem Haushalt fehlen I Verlangen Sie ausdrücklich DIANA und nehmen Sie nur DIANA. Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurückzuweisen. In jedem besseren Geschäft erhältlich! Beratung mit Ben Gurion in London beschlossen hat, mit einer politischen Offensive einzusetzen. Wir, dla wir in den verschiedenen Ländern sitzen und hören, haben von ihrer Offensive nichts gemerkt. Jedenfalls haben Sie in Ihre Offensive die jiMJschen Massen nicht miteinbezogen. Ihre politische Tätigkeit — — ich will sie nicht bestreiten — hat einen engen, lokalen Charakter getragen. Sie haben mit der Regierung in Downing Street verhandelt und — sonst nichts. Sie haben den Kampf nicht in die Oeffentlichkeit getragen; nicht den Augenblick ausgenützt, um den Kampf in eine gewaltige Weltoffensive des jüdischen Volkes zu verwandeln. Darin besteht meiner Meinung nach einer der größten Fehler der heutigen Exekutive. (Fortsetzung des Referats folgt.), Zum Mordpvozeft ÄrIo§oroff Der Grund der Terminverschiebung Aus Jerusalem wird gemeldet: Man nimmt an, daß die Verschiebung des Prozesses, der am 16. April beginnen sollte, auf den Umstand zurückgeht, daß Mitte April die Levante- Messe beginnt und die zahlreichen Fremden unter der aufgeregten Stimmung der Prozeßparteien leiden könnten. Grabstein für Arlosoroff Die Vorbereitungen zur Aufstellung eines für Dr. Arlosoroffs Grab bestimmten Grabsteines sind getroffen. Der Grabstein wird auf Grund eines Preisausschreibens entsprechend dem preisgekrönten Entwuri ausgeführt. Die Kosten, welche 200 Pfund betragen, werden zur Hälfte von der Zionistischen Organisation, zur Hälfte von der Arbeiterorganisation „H i s t a d r u t h" gedeckt. Ein Ehrenbeleidigungsprozeß Der Arbeiterführer David Ben Gurion, Mitglied der palästinensischen Exekutive, hat den verantwortlichen Redakteur und Herausgeber der Zeitung „DoarHajö m" wegen eines Artikels im Zusammenhang mit der Arlosoroff-Affäre auf Ehrenbeleidigung geklagt. Ben Gurion wird von Rechtsanwalt Dr. Joseph (dem Anwalt der Frau Arlosoroff), der „Doar Hajom" von Horace Samuel (dem Verteidiger der des Mordes beschuldigten Zionisten) vertreten. Juden§*aat§pariei (Gruppe der Wiener westlichen Bezirke) Sonntag, den 22. April 1934, 8 Uhr abends, Cafe" „Patria", VI., Mariahilferstraße 127 Vortrag. Oberbaurat Ing. Robert stricker: JudenstaatesZionisiniis Sinn und Wesen unserer Weltbewegung. Eintritt frei! Gäste willkommen! Juden§taat§ju9end Wien, II., Untere Augartenstraße 88 Sonntag, den 22. d., findet die diesjährige orden tliehe Generalversammlung statt. Jjeginn präzise 15 Uhr im Herzl-Saal des Jüdischen Heinzes, II., Untere Augartenstraße. Tagesordnung: Referat des Herrn Oberbaurat Stricker über „Judenstaatszionismus". Weiters Rechenschaftsberichte, Neuwahlen, Eventualia. — 8. Sammlung f. d. Hochaluz Haleumi durch Frau IdaRyfczizim Altersheim des Gr. d. Wr. Kaufmannschaft S 18.—. Allen Spendern herzlichsten Dank. Jakob Kahns Abschied Aus Warschau wird uns gemeldet: Der berühmte Dichter Jakob Kahn, der demnächst nach Palästina übersiedelt, war anläßlich des für ihn von seinen Freunden veranstalteten Abschiedsabends in Warschau Gegenstand großer Ehrungen. Am Festabend sprachen Josef Heftmann im Namen des hebräischen Penklubs, ferner Dr. M. Schor, Dr. M. Stein und Z. S. Weinberg, im Namen des jiddischen Penklubs Aron Zeitlin u. a. Der Dichter selbst ergriff während des anschließenden Banketts das Wort, worauf zahlreiche Abschiedsreden für den „Stolz des hebräischen Warschau" gehalten wurden . Jakob Kahn ist Gründer und Vorsitzender der Judenataatspartei in Polen. Er wird nunmehr in Eres Israel für die Judenataatspartei wirken,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.