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Die neue Welt · 1934-04-17 · Heft 357 (17.4.1934) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 357 (17.4.1934)
Date
1934-04-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Dm NEUE VVELX Nr. 357 Mordhefter - Regierungskommissär! Au» München wird gemeldet: Der Abgeordnete Julius Streicher, bekanntlich einer der intimsten Freunde Hitlers, bisher Gauleiter der NSDAP, für Franken, Ist nunmehr zum Regierungskommissär für Franken und somit zur obersten Regierungsautoritat und zum unumschränkten Herrscher in diesem Regierungsbezirk ernannt worden. In seiner neuen Eigenschaft ist Streicher berechtigt, an den Sitzungen des bayrischen Kabinetts teilzunehmen. Wenn eine Verschlechterung der Lage der seelisch und körperlich unsagbar gepeinigten, gesellschaftlich und wirtschaftlich zu Parias herabgedrückten Juden von Franken überhaupt noch denkbar ist, so ist sie angesichts der von Julius Streicher errungenen neuen Machtvollkommenheit eingetreten. Julius Streicher, der Herausgeber des „Stürmer", der in seiner Mischung von Geilheit, Brutalität, gemeinstem Denunziantentum und Blutdurst das schmutzigste Presseerzeugnis darstellt, das Je, seit es eine Presse, ja ein Schrifttum überhaupt gibt, existiert hat, war bekanntlich Ende März 1933 von Reichskanzler Hitler mit der Führung des antijüdischen Boykotts In ganz Deutschland betraut worden. Streicher entledigte sich seiner Aufgabe in einer Art, die in der ganzen Welt staunende Entrüstung und zornige Verachtung hervorgerufen hat. Die Reichsregierung sah sich genötigt, die öffentliche Boykott-Parole zurückzurufen und Streicher seines Amtes als Reichsboykott-Konimissär zu entbinden. In Franken selbst aber blieben Streichers Einfluß und Macht ungeschlacht, und die Juden dieses Distrikts erleben seither ein Martyrium, das an die schlimmsten Zeiten antijüdischen Verfolgungswahnes erinnert. Ein Chi-ssä über Sftrezdier Ein christlicher Demokrat aus Nürnberg sandte dem „Pariser Tageblatt" einen Brief. Er schreibt darin: „Der Pogrom in Günzenhausen bildet den örtlichen Abglanz dessen, was den Juden in Franken im allgemeinen und täglich geschieht. Ich höre, daß im Ausland die Meinung verbreitet ist, es geschehe den Juden in Deutschland nichts mehr. Diese Behauptung ist eine Lüge. Es geschieht ihnen so Furchtbares, daß ich mich immer wundere, wie wenig selbst die Masse der deutschen Judenheit noch begreift, was in Deutschland vorgeht. Es wäre gewiß falsch, das große deutsche Unglück dadurch zu verkleinern, daß man immer nur von den Juden spricht. Aber hier in Franken, in Nürnberg und um Nürnberg herum, tobt sich die „Bestialität des Nazi-Regiments in erster Linie gegen die Juden aus." Hier gibt es kein Oesetz. In Nürnberg und über Franken herrscht unbeschränkt Herr Julius Streicher, den wir schon in den Tagen der demokratischen Republik für geisteskrank gehalten haben. Er betreibt in jeder Woche in dem von ihm herausgegebenen „Stürmer" eine schreckliche Mordhetze. Der Reichsbetriebsführer hat bestimmt, daß in der Wirtschaft, sich auch Nicht, arier betätigen dürfen. Aber Julius Streicher ist mächtiger als der Reichswirtschaftsminister. Die Zeitungen schreiben täglich „Kauft nicht beim Juden!" Mit welcher Energie diese Parole durchgeführt wird, ersehen Sie daraus, daß ein christliches Schulkind In Nürnberg, das sich neulich bei einem jüdischen Konditor Schokolade kaufte, zur Strafe 14 Tage hindurch die Schulausflüge nicht mitmachen durfte. Die Beamten haben sich schriftlich verpflichten müssen, nicht bei Juden zu kaufen." „In Nürnberg selbst können die Juden in kein Lokal gehen. Seit kurzem hat auch das von ihnen bisher besuchte Künstlerhaus einen strengen Nazi (von der Stadt aufgezwungen) als Geschäftsführer, der keine Mahlzeiten mehr an Juden verabreichen läßt. Jetzt wurde das einzige Gartenlokal, das sogenannte Mansfeld-Restaurant, in das bisher diese armen gehetzten Menschen noch gehen konnten, für die Juden gesperrt. Ins Schwimmbad zu gehen, ist den Juden für den Sommer auch nicht mehr erlaubt. Der Turnbetrieb des Reichsverbandes jüdischer Frontsoldaten in Fürth ist geschlossen worden. Die nagelneuen Turngeräte sind gestohlen." Aus Nürnberg: Das Verbot, Julius Streichers „Stürmer" nach dem Ausland auszuführen, ist nunmehr von der Geheimen Staatspolizei auf Norddeutschland ausgedehnt worden. Es wurde streng untersagt, den „Stürmer" in Berlin zu verkaufen, da man nicht haben v/111, daß das Pogromblatt von den in Berlin sich aufhaltenden Ausländern gelesen wird. — Aber den Pogromisten haben sie zum Regenten — der Provinz Franken gemacht! 1 -fts§chiifp in allen enropaiidiei Vor der Entscheidung des Völkerbundrates Aus Genf kommt eine Nachricht, die sich bedeutungsvoll auswirken kann: Die Interparlamentarische Union, die sich mit allgemeinen staatsrechtlichen Fragen befaßt, hat ihre nächste Tagung für den 24. September nach Konstantinopel einberufen. Die Kommission für Minderheit»-, Mandats- und Kolonialfragen (dieser Union) hat konform mit früheren Entschließungen den Beschluß gefaßt, nochmals die Notwendigkeit einer Verallgemeinerung der Minderheitsschutzverträge auf alle europäische Staaten zu unterstreichen. Wie weiters gemeldet wird, wurde von polnischer Seite ein Vorschlag unterbreitet, der grundsätzliche Richtlinien für eine alle europäischen Staaten zu umfassende Gleichberechtigung aller Minderheiten der Rasse, der Sprache und der Religion festlegt. Die polnische Regierung soll offiziell beim Völkerbundrat beantragt haben, daß dieses Problem auf die Tagung der nächsten Völkerbundversammlung gestellt werde. Es handelt sich hier durchaus nicht um theoretische Erörterungen, sondern um die Frage, wie etwa verfolgte Minderheiten durch ein internationales Gesetz praktisch geschützt werden können. Für die jüdisohen Minderheiten ist die Durchführung des Minderheitsrechtschutzes von großer Bedeutung. Das Beispiel Deutschland lehrt, daß selbst ein großes Volk sich über die primitivsten Menschenrechte hinwegsetzt, wenn es sich um Juden handelt. Im Augenblick, wo der Völkerbund sich mit dem Problem der Minoritäten beschäftigt, Wird dieses aus der Sphäre der Tagespolitik in den Bereich der Zivilisation gehoben. Kein Staat soll sich fürderhln erlauben dürfen, Irgend eine Minderheit zu Menschen niedrigen Grades zu machen, wenn diese Minderheit völkerrechtlich geschützt ist. Andererseits wird das Verlangen dieser Minderheit, ihre Rechte unangetastet zu lassen, nicht als unpatriotische Haltung gegenüber der Mehrheit im Staat aufgefaßt werden können. Eine positive Entscheidung des Völkerbundes wird auch geeignet sein, etwaigen denunziatorischen Versuchen der jüdischen Assimilanten gegen die nationaljüdische Forderung nach Minderheitsrecht In den einzelnen Ländern das Handwerk zu legen. Schon im Zusammenhang mit der Herbsttagung des Völkerbundrates muß die Forderung erhoben werden, daß sich der kommende Jüdische Weltkongreß mit der Erweiterung der Minderheitsschutzverträge auf alle Staaten befasse. ^mrrHK^mMm'mrmnm,','m'iam "™ai Ueberführung der Leiche Leo Motzkins nach Palästina Aus Paris: Am 11. April wurden die provisorisch auf dem jüdischen Friedhof von Montparnasse beigesetzt gewesenen sterblichen Reste des im November verstorbenen Vorsitzenden des Aktions-Komitees der Zionistischen Weltorganisation und des Comite des Delegations Julves, Dr. Leo Motzkin, zur UeberfUhrung nach Palästina gebracht. Vor Abgang des Zuges fand ein Gedenkgottesdienst für Motzkin statt. Die Arbeiten zur Herausgabe des Gedenkbuches für den verstorbenen Führer schreiten fort. Das Buch, das die erste vollständige, auf Grund bisher unveröffentlichten Materials zusammengestellte Biographie Motzkin», eine Auswahl seiner Reden und Schrif ten und Beiträge seiner Freunde und Mitarbeiter enthalten wird, soll am ersten Jahrestag des Todes Motzkins erscheinen. Aus Jerusalem: Der Beschluß des Aktions- Komitees der iZonistischen Organisation, betreffend Teilnahme an dem Jüdischen Weltkongreß, hat folgenden Wortlaut: „Angesichts der immer mehr bedrohten Lage großer Teile des jüdischen Volkes in den Ländern der Diaspora und der w achsenden Gefahr der Entrechtung verschiedener jüdischer Gemeinschaften sowohl hinsichtlich ihrer bürgerlichen Gleichberechtigung wie auch ihrer nationalen Minorittätsrechte, erachtet das Zionistische Aktions-Komitee den Zusammenschluß aller bewußten Teile des jüdischen Volkes zum gemeinsamen Kampf für die politischen Lebensrechte und die ökonomische Exi3tenzmöglichkeit sowie die Schaffung einer zur Führung dieses Kampfes legitimierten Gesamtrepräsentanz des Volkes auf d e m okratischer Grundlage für dringend notwendig. Das Aktions-Komitee erinnert an die seit Jahren in verschiedenen Kongreßre Solutionen festgelegte positive Beziehung der zionistischen Bewegung zum Gedanken des Jüdischen Weltkongresses. Das Aktions-Komitee nimmt die Erklärung des Vorsitzenden des Comite' des Delegation^ Juives zur Kenntnis, wonach im Sommer dieses Jahres eine Konferenz einberufen wird, welche die Probleme des Kampfes für die jüdischen Lebensrechte in den Galuthländern erörtern und die Organe zur Leitung der galuthpolitischen Arbeit bis zur Einberufung des Weltkongresses bestellen soll. Das Aktions-Komitee empfiehlt allen Teilen der zionistischen Bewegung die Beteiligung an dieser Konferenz." Niederlage des Antisemitismus bei den Wahlen in Kanada Aus Montreal: Bei der am 9. April stattgefundenen Wahl des Bürgermeisters von Montreal wurde Camilllen Houde mit 90.000 Stimmen gewählt. Sein Gegenkandidat Saluste Lavery, der die Wahlkampagne auf antisemitischer Basis unter Verwendung von uniformierten Sturmabteilungen und Benützung des Hakenkreuzes als Wahlzeichen durchgeführt hatte, konnte nur 2000 Stimmen auf sich vereinigen. Von den drei als Stadtratskandidaten aufgestellten Juden wurden zwei, Josef Schubert und Max Siegler, gewählt. N. M. Rolfe, der Führer der antisemitischen faschistischen „Blauhemde n", erklärte in einer Versammlung in Hallifax, daß seine Organisation bereits 25.000 Mitglieder zählt. 50.000 jüdische religiöse Ehen werden in Polen legalisiert Aus Warschau: Das polnische Justizministerium berät über ein Gesetz, welches alle auf polnischem Territorium geschlossenen religiösen Ehen, die in das zivile Ehestandsregister nicht eingetragen sind, ein für allemal legalisiert und in Zukunft darauf achtet, daß religiöse Ehen ohne Eintragung auf dem Standesamt nichtmehrgeschlossen werden sollen. Man schätzt, daß mindestens 5 0.0 00 jüdische E ü e a auf diese Weiae legalisiert werden würden. Narnentj Elsa Ackermann/ Wien | I, Eiisabethstraße 2 | Damentaschen | Handschuhe/ Decken | Wiener Kunstgewerbe e i «mwiw Levante Messe, Haus der Frau lieh in der orthodoxen jüdischen Bevölkerung war es Brauch, religiöse Ehen ohne zivile Eintragung zu schließen. Dadurch ergaben sich ungeheure Mißlichkeiten sowohl für die Ehepaare und ihre Nachkommenschaft als auch für die Aemter, weil die Kinder vor dem Gesetze als unehelich galten und den Namen der Mutter trugen. Durch das neue Gesetz soll in dieser Beziehung ein für allemal Ordnung geschaffen werden. Zur Judenff age Ohne Anerkennung der jüdischen Nation keine Lösung Wir haben in unserem Blatt auf das im Wiener „Reinhold Verlag" erschienene Buch „Klärung in der Judenfrage" und die darin enthaltene beachtenswerte Abhandlung „Ghetto-Ordnung in der Judenfrage" von Dr. Oskar Trebitsch verwiesen. Es ist interessant, zu vermerken, wie der Autor, früher Sozialdemokrat und aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten, unter dem Drucke der Tatsachen und ganz ira Gegensatze zu seiner Denkart, in der jüngsten Vergangenheit zur Erkenntnis gelangt, daß ohne Anerkennung der jüdischen Nation an eine Ordnung in der Judenfrage nicht gedacht werden kann. Mit Bezug auf die im gleichen Verlage erschienene aufsehenerregende Schrift des christlichsozialen Ministers a. D. Czermak („Ordnung in der Judenfrage") schreibt Dr. Oskar Trebitsch u. a.: Man muß also von jüdischer Seite jedem, der sich, wie Czermak, um eine Verständigung mit den Juden in Oesterreich bemüht, wohl folgendes zugeben: Erstens. Es gibt auch in Oesterreich eine Judenfrage. Dem Willen der Mehrheit der Staatsgenossen nach. Mag diese Mehrheit auch knapp sein, so hat sie doch die Macht. Die Judenfrage ist als politische Frage konstituiert und jetzt aktualisiert worden. Ihr Vorhandensein muß daher auch von der betroffenen Minderheit außer Streit gestellt werden. Zweitens. Es gibt auch in Oesterreich ein jüdisches Volk. Eine weitere Negation in diesen beiden Punkten festzuhalten, wie viele Juden heute noch tun möchten, wäre nicht nur unklug, sondern unwahrhaftig. Der weise Satz quieta non movere (Die Ruhe nicht stören) setzt eben quieta (Ruhe) voraus. Von jüdischer Seite die Problematik um die Juden aber als eine solche der Konfession darzustellen, verschöbe die ganze Auseinandersetzung auf eine andere Ebene, die jenseits der augenfälligen Gegebenheiten des Tages liegt. Dieses Spiel haben schon die jüdischen Liberalen als politische Partei verloren. Allzulange war man auf jüdischer Seite glücklich, wenn man es so weit gebracht hatte, daß man hie und da wohlwollend von den „Mitbürgern israelitischer Konfession" reden hörte, während man schon die Mauern des neuen, sozialen Ghettos für diese lieben Mitbürger baute ... Was aber die Existenz eines jüdischen Volkes anbelangt, so ist e3 heute nur ein theoretischer Streit um Worte, wenn man sich jetzt noch darüber auseinandersetzt, was denn das entscheidende Kriterium für das Dasein eines Volkes ist, ob etwa die gemeinsame Sprache, ein Staatsgebiet, eine Massensiedlung oder ob gemeinsame Geschichtserfahrung und sittliche Tradition allein genügen. Heute existiert ein jüdisches Volk, vor allem deshalb, weil es von den Großvölkern der Erde als solches anerkannt ist. Jedes Volk anerkennt das jüdische Volk freilich in seiner Weise. England hat es mit der Balfour-Deklaration getan, in der es mit einer großen Geste, freilich nicht frei von imperialistischem Egoismus, verspricht, den Juden eine territoriale Heimstätte in Palästina zu schaffen. Viele Deutsche wieder rufen: „Horuck, nach Palästina!" Auch das ist, wenn auch eine unfreundliche, so doch eine Art der Anerkennung eines völkischen Daseins der Juden, die man in ihrem Lande zu konzentrieren wünscht. Da aber auch Juden aus aller Welt in tätiger Solidarität den uralten Traum des palästinensischen Wiederaufbaues zu fördern bemüht sind, da Hunderttausende, oft sich selbst aufopfernnd, sich um das ihnen heilige Land bemühen, ist vor allem in diesem Wunschziel ein jüdisches Volk wieder kraftvoll am Werke, Unzweifelhaft wird auch gerade unter dem suggestiven Einfluß der reichsdeutschen Judenpolitik sich auch in Oesterreich die Werbekraft des jüdischvölkischen Gedankens verstärken, und immer mehr Juden, die es ohne Seibatbetrug tun können, werden mit neuem Selbstbewußtsein und ungebrochen ihren Gegnern das stolze Prophetenwort wieder entgegenrufen: Völker kommen und gehen, Isratl bleibt ewifl

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