Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1934-04-10 · Heft 355 (10.4.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 355 (10.4.1934)
Date
1934-04-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2711952-2711978--4285-2717745
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 355 DIE NEUE WELT Seite 3 TelsAwiw das jüdische Stadtwunder Der Bürgermeister und Gründer von Tel-Awiw, Meier Dizengof i, läßt durch die Jüdische Telegraphen- Agentur an die jüdischen Gemeinden Uberall in der Welt die Einladung ergehen, an der Feier des 25jährigen Bestehens der jüdischen Stadt Tel- Awiw, die am Sonntag, den 29. April, beginnt und bis Donnerstag, den 8. Mai, dauert, durch Entsendung einer Vcrtreterschaft teilzunehmen. Die Stadt Tel-Awiw (deutsch: Frühlingshügel), die erste rein jüdische Stadt in Palästina und in der ganzen Welt, wurde im Frühjahr 1009 auf den Dünen im Norden Jaffas mit Hilfe einer Anleihe des Keren Kajemeth Lejisrael (Jüdischer Nationalfonds) gegründet und bestand ursprünglich aus nur sechzig Häusern, darunter dem hebräischen Gymnasium „Herzlia". Bis zum Kriege war die Bautätigkeit gering, sie entwickelte sich aber nach der Besetzung Palästinas durch die Engländer in rapidem Tempo. Die Seclenzahl der Stadt betrug 1009 rund 550, 1919 3G00, Ende 1922 12.860, Ende 1929 bereits rund 40.000; heute schätzt man die Zahl der Tcl-Awiwer Einwohnerschaft auf etwa 9 0.0 0 0. Seit 11. Mal 1921 besitzt Tel-Awiw ein eigenes Stadtrecht (lokale Polizei, Straf recht für Kommunalvorgehen, Steuerrecht), Die früher zu Jaffa gehörigen umliegenden jüdischen Quartiere Newe-Schalom, Ncwe- Zedek, Machane Jehuda, Kercm hatemanim u. a. m. sind eingemeindet worden. Die Stadtverwaltung geht aus Proportional wählen hervor; auch die Frauen haben Wahlrecht. Von den 6000 Dunam (1 Dunam 1000 Quadratmeter) Bodenfläche sind mehr als 2000 Dunam unbebaut; trotzdem findet ein unaufhaltsames Vordringen zum Audsoha-Fluß Im Norden und zum Jerusalemw e g im Osten statt. Tel-Awiw besitzt zahlreiche Kindergärten, etwa 80 Schulen, sehr viele große und kleinere Fabriksanlagen, in denen hauptsächlich Möbel, Silikatstein, Textiliien, Wirkwaren, Leder, Schokolade u. v. a. erzeugt werden, ferner sehr viel K1 e i n ii in d us t r i e, einige Theater, mehrere I* 1 c h t s p i e 1 c, eine In Palästina 28 jüdische Arbeiter verhaftet Aus Jerusalem: 28 jüdische Arbeiter wurden am 3. April nachmittags in Kfar Saba von der Polizei verhaftet, als sie vor jüdischen Orangenplantagen, in denen arabische Arbeiter beschäftigt werden, Streikposten standen. Die Verhafteten gehören allen jüdischen Arbeitergruppen, der Histadruth, dem revisionistischen Irgun, dem Poel Hamisrachi und der orthodoxen Agudas Jisroel, an. Die verhafteten Arbeiter sandten einen Appell an das in Jerusalem tagende zionistische Aktionskomitee, daß es zu ihren Gunsten interveniere. Das A. C. entsandte eine spezielle Abordnung nach Kfar Saba, um die Angelegenheit an Ort und Stelle zu prüfen. Die jüdischen Plantagenbesitzer erklären, sie seien gezwungen, arabische Arbeiter zu beschäftigen, weil ihnen infolge der Einwanderungspolitik der Regierung nicht genug jüdische Arbeiterhände zur Verfügung stehen. Das Tagblatt „Davar" teilt mit, daß sogar die Regierung, als Arbeitgeberin, unter dem Mangel an Arbeiterhänden infolge ihrer die Palästina-Wirtschaft schädigenden Einwanderungspolitik zu leiden hat. Bisher wurden gemäß den geltenden Bestimmungen im Eisenbahndienst nur Personen, die des Lesens und Schreibens kundig sind, eingestellt. Wegen Mangels an solchen qualifizierten Arbeitskräften hat sich die Palästina-Regierung dazu bequemen müssen, arabische Analphabeten für den Eisenbahndienst zu engagieren. „Davar" unterstreicht, daß Palästina das einzige Land in der Welt sei, das Analphabeten in einem so wichtigen Dienst beschäftigt. Weitere 436 Aerzta in Palästina zur Praxis zugelassen Aus Jerusalem: Das Amtsblatt veröffentlicht eine Liste von weiteren 436 Aerzten, darunter 11 Frauen, und 11 Dentisten, darunter 2 Frauen, die zur Ausübung der Praxis in Palästina zugelassen wurden. Es handelt sich in der Mehrzahl um Einwanderer aus Deutschland. Die letzte Registriernummer der zugelassenen Aerzte ist nunmehr 1568, die der Dentisten 483. Der gesteigerte Orangenexport. — Oel- und Seifenexport nach Uebersee Aus Jaffa: Der Gesamtexport Palästinas an Zitrusfrüchten in dieser Saison betrug bis zum 18. März 4,612.7 3 9 Kisten, davon 280.000 Kisten Grapefruit, das übrige Orangen. Diese Exportziffer ist um 15 0.0 00 Kisten höher als die Gesamtzahl der während der gesamten Saison 1932/33 ausgeführten Kisten Zitrusfrüchte. Die Fabrik „Scbemen" in Haifa exportierte im Monat März 1934 Olivenöl und Feinseifen nach China, Indien, Aden, Portugiesisch-Indien, Australien, Haiti, Estland und Finnland. PALÄSTINA- REISEBÜRO ständfgeelngerlchteti ZU V©S*p3ChtGH Beteiligung möglich. Ellofferte unter „Sofoif'an die Exp. d. Blattes meteorologische Statiion, Betonstraßen, eine moderne Wasserleitung und Kanalisation. Seit 1923 ist Tel-Awiw Sitz der Jaffa Electric Company mit einem Kraftwerk, das nicht nur sämtliche Wohnungen, sondern auch die Industrie der Stadt und der Umgebung mit Licht und Kraft versorgt. Die gesunde, vollkommen malariafreie Stadt an der Nebenbahn Lud—Jaffa ist das Haupteinwanderungszentrum für die nach Palästina strebenden Juden und das Zentrum der jüdischen Arbeiterbewegung im Lande. Tel-Awiw ist ein Zentrum der hebräischen Literatur. Hier lebte Achad-Haam, hier leben Chaim Nachman Blalik und andere hervorragende Repräsentanten des hebränschen Schrifttums. Die Stadt ist Sitz einiger großer hebräischer Verlage; es erscheinen hier einige große hebräische Tageszeitungen und mehrere Zeitschriften. Tel-Awiw veranstaltet seit etwa fünf Jahren alljährlich im Frühjahr eine Messe (Levante-Messe), die von zahlreichen Landern Europas und Asiens beschickt wird und ein Mittelpunkt des Warenumschlages 7Avischen Europa und dem Nahen und Mittleren Orient ist. Was den Kolonisatoren aller Nationen nicht gelang, das ist ('"n Juden gelungen: die Errichtung einer Stadt höchster europäischer Zivilisation im Orient. | El§a Ackermann, Wien | I, Elisabethstraße 2 | Damentaschen | Handschuhe/ Decken | Wiener-Kunstgewerbe | Tel.-Awbw I Levante Messe, Haus der Frau Der Geldumlauf in Palästina Aus Jerusalem: Laut amtlichem Bericht beläuft sich der Geldumlauf in Palästina jetzt auf 3,364.664 Pfund. Der gesteigerte Geldumlauf ist eine Folge des jüdischen Kapitalszuflusses und der gesteigerten wirtschaftlichen Tätigkeit im Lande. 40*000 jüdische Schulkinder in Palästina Aus Jerusalem: Aus Anlaß von Presseberichten, daß rund 800 jüdische Kinder in Palästina christliche Missionsschulen besuchen, stelt das Schuldepartement des Waad Leumi (Jüd. Nationalrat) fest, daß in dem unter seiner Aufsicht stehenden hebräischen Schulnetz 27.652 jüdische Kinder erzogen werden. Im letzten Schuljahr stieg die Zahl der Schulkinder in diesem Schulnetz um 3741. In anderen jüdischen Schulen Palästinas werden etwa 11.000 Kinder erzogen. Insgesamt besuchen annähernd 40.000 jüdische Kinder jüdische Schulen. Großer jüdischer Bodenkauf in Palästina Aus Haifa: Nach Meldungen der arabischen Presse hat eine jüdische Gruppe den gesamten Gutsbesitz Beteica im Norddistrikt Palästinas im Umfang von etwa 70.000 Dunam Boden um den Preis von 160.000 Pfund von den bisherigen syrisch-arabischen Eigentümern angekauft. Antijüdische Nazullmtriebe In Palastana Aus Paris: Der von einem längeren Aufenthalt in Palästina zurückgekehrte Geistliche der Pariser amerikanischen Kirche Dr. Cochran erklärte, daß die deutschen Nationalsozialisten die mohammedanische Bevölkerung in Palästina systematisch gegen die jüdische Einwanderung aufreizen. Die Jahreskonferenx des Brith Trumpeldor in Palestine verboten Aus Jerusalem: Am 5. April hätte in Tel-Awiw die Jahreskonferenz des palästinensischen Brith Trumpeldor mit einer Massenkundgebung im Beth Am, der Sportvorführungen unter Teilnahme des Makkabi folgen sollten, eröffnet werden sollen. Der Stadtrat von Tel-Awiw hatte, unbeschadet des von ihm ausgesprochenen Verbots der Veranstaltung öffentlicher Kundgebungen bis Ende der Levante-Messe, ausnahmsweise diese Kundgebung gestattet. Nunmehr hat die P a 1 ä s t i n a-Re g i e r u n g im letzten Augenblick die Abhaltung der Jahreskonferenz und der Kundgebung verboten. Weltkonferenz für jüdisches Recht in Palästina Aus London: Der Vorsitzende der Gesellschaft für jüdisches Recht, George Webber, teilt mit, daß am 1. April d. J. in Jerusalem eine Konferenz j ü d isoher religiöser Rechtsgelehrten aus verschiedenen Ländern zusammentrat, um über die Schaffung einer obersten jüdischreligiösen Rechtsinstitution zu beraten. Dem Vorbereitenden Komitee gehören u. a. an: der Redakteur der hebräischen Rechtszeitschrift „Hamischpat", Dr. S. Eisenstadt, der Redakteur des „Hamischpat Haiwri" in Tel-Awiw, P. Dickstein, der litauische Konsul und Präsident des Berufungsgerichtes für die jüdischen Schiedsgerichte (Mischpat Haschalom Haiwri), Dr. S. Rosen bäum und Dr. J. W e i n s to c k. Zur Levante-Messe nach Tel-Awiw fahren Sie bequem und billig am 14. April mit der „Ansonia" und am 30. April mit der „V u 1 k a n i a". Verlangen Sie Offert vom Nordischen Reisebüro (Reiaeleitung N, M. Racker), Wien, I., Seilergasse » {Tel. R-35-0-92^. LACHREKORD im SCHWEDEN-KINO bei dem neuen BUSTER KEATON mimmiimiimimiimiiiiiiuiiumiiiiiiiiiiiimmiiiiii LUSTSPIEL DER THEATERPROFESSOR Ein HG^o-Soldwyit-Mayer-Flim Von der Judenstaatspartei Errichtung einer Musterfarm „Sosskin" Die Judenstaatspartei in Polen hat die Errichtung einer Musterfarm für die landwirtschaftliche Heranbildung der Judenstaatsjugend beschlossen. Die Farm soll den Namen „Dr. E. S o s s k i n" tragen. Zwecks Durchführung der Aktion haben sich die Leitungsmitglieder der polnischen Judenstaatspartei, die Herren Redakteur M. Leiserowitsch, Dr. M. Ben-Schern, A. Lipmann, M. Gelblum, Dr. J. Kolberg, Adv. Gutkowski, J. Galiewski und Frau Dr. Kahn auf Vortragsreisen in die Provinz begeben. * Jahrelang hat der hervorragendste Agronom in der zionistischen Bewegung, Dr. E. Sosskin, jetzt Leitungsmitglied der Judenstaatspartei, gegen das im Zionismus herrschende, durch Dr. A. R u p p i n und die linke Arbeiterpartei vertretene System der landwirtschaftlichen Besiedlung Palästinas gekämpft. Unter Führung Dr. Ruppins wurden große Summen der zionistischen Fonds für die große Flächen erfordernde, unrentable, aber für kommunistische Experimente geeigneter scheinende Getreidewirtschaft verausgabt. Dr. Sosskin ist für die auf kleinen Flächen den Boden intensiv verwertende, auf individueller Tüchtlgung basierende Pflanzungswirtschaft (Orangen, Gemüse, Hühnerzucht usw.) eingetreten. Aber Dr. Ruppin und seinen Freunden von der Arbeiterpartei gelang es, aus der Angelegenheit eine Parteisache zu machen und Dr. Sosskin zu verdrängen. Zum größten Schaden der zionistischen Siedlungstätigkeit. Heute hat das System Dr. Ruppins bankrottiert und Palästina ist zwangsläufig zum System Dr. Sosskins übergegangen. Die von ihm vex'kündete wissenschaftliche Wahrheit mußte schließlich siegen. Aber es ist für die Zustände in der Zionistischen Weltorganisation bezeichnend, daß Dr. Sosskin, der Judenstaatler, noch immer von der Leitung des Landwirtschaftsdepartements der Z. O. fern» gehalten wird. » Förderer der Judenstaatsjugend Die Leitung der lettländischen Judenstaatspartei schreibt uns aus Riga: Um uns die Möglichkeit zu geben, der bei uns organisierten Jugend eine entsprechende Hachscharah angedeihen zu lassen, d. h. sie für Palästina in der Landwirtschaft und im Gewerbe auszubilden, haben zwei Freunde unserer Partei in generöser Weise helfend eingegriffen. Herr Rudolf Kaplan von der in Lettland bekannten Textilfabrik „Delka" und Herr Prov. Julius Hutter, Mitglied der Leitung unserer Partei, haben der Partei das in Riga gelegene Grundstück Torfstraße 2 geschenkt. Die Judenstaatspartei wird den ansehnlichen Erlös aus dem Verkauf der Realität Zwecken der Hachscharah zuführen. Herr Rudolf Kaplan hat sich überdies zur Leistung größerer Mittel für die Hachscharah bereit erklärt. Die Leitung der lettländischen Judenstaatspartei drückt den Herren hiemit öffentlich den besten Dank aus. Kaiserfreue jüdische Front« kämpfer In den letzten Tagen ist in den Wiener Zeitungen ein Aufruf des Herrn Generalmajor Emil Sommer erschienen, in welchem zum Beitritte zum neugegründeten Verband der „Legitimistischen Jüdischen Frontkämpferoesterreich a" aufgefordert wird. Die Neugründung ist die Folge eines bedauerlichen Konflikts im „Bund jüdischer Frontkämpfer" (B. J. F.), über welchen wir bereits berichtet haben. General Sommer war oberster Führer des B. J. F. Infolge gewisser Differenzen in organisatorischen, aber für den B. J. F. nicht lebenswichtigen Fragen, ergab sich zwischen General Sommer und der überwiegenden Mehrheit der Leitung eine Spannung, die leider von dritter Seite her verschärft wurde. Die Differenzen waren nichtpolitischer Art und bezogen sich insbesondere nicht auf den Legitim l s m u s, da im B. J. F. eine antilegitimistische Strömung nie vorhanden war. Eine sachliche Notwendigkeit zur Gründung der nunmehr entstandenen legitimistisehen Sondergruppe des General Sommer bestand aber nicht. Wenn jetzt die Einheitlichkeit der jüdischen Frontkämpfer gestört und eine Absplitterung vom B. J. F., der sich zu einer starken jüdischen Organisation entwickelt hat, herbeigeführt wird, so ist das vom allgemein jüdischen Standpunkt zu beklagen. Im allgemein-jüdischen Interesse ist auch zu wünschen, daß der B. J. F. durch diese Vorgänge nicht in seiner weiteren Entwicklung behindert w«rde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.