Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 354 (5.4.1934)
- Date
- 1934-04-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 5 Zweierlei Aliiah Von Dr. J. A d 1 e r, Tel-Awiw Der heute zu den besten Kennern Palästinas zählende Pressechef der Levante-Messe ist der Autor dieses Artikels über die übelwollende Gleichgültigkeit, die feindselige Ablehnung, welche die Palästina-Regierung und gewisse englische Kreise dem wunderbaren jüdischen Aufbauwerke in Palästina entgegenbringen. Wie bekannt, hat Palästina im Jahre 1933 rund 30.000 — und wenn man die sogenannten „Illegalen" mitrechnet — sogar etwa 35.000 jüdische Einwanderer aufgenommen. Diese inmitten einer Weltwirtschaftskrise ganz ungewöhnliche kolonisatorische Leistung wurde vollbracht, ohne irgend eine Staatskasse der Welt auch nur um einen Piaster zu bemühen. Auch der britische Steuerzahler, dessen eventuelle Belastung durch den jüdischen Palästina-Aufbau einst in der berüchtigten Oberhausdebatte vom 21. Juni 1922 Lord Islington so düster schilderte, hat keinen Penny herzugeben brauchen, denn längst schon hat sich Palästinas Staatshaushalt dank der durch die jüdische Einwanderung bewirkten Prosperität zum Ueberschuß- «t a t entwickelt, und selbst den neuen, riesenhaften Hafen Haifas, der im Grunde mindestens ebensosehr „British Empire" wie Palästina-Angelegenheit ist, bezahlt das kleine Land aus eigener Tasche, praktisch also zu gut zwei Dritteln aus jüdischer Tasche. Jeglicher staatlichen Förderung bar, im Gegenteil, noch mit den unendlichen Plackereien der amtlichen Immigrationspolitik belastet, zeigt sich die Alijah, die jüdische Einwanderung, 1933 in ihrer wahren Bedeutung als Opfer und Tat der jüdischen Gesamtheit, zugleich als Opfer und Tat des einzelnen jüdischen Wanderers vollends dann, wenn wir sie mit gewissen Parallelerscheinungen an anderer Stelle vergleichen. Ein Beispiel bietet sich in unmittelbarer Nähe unseres Landes, nämlich im Irak, wo die 10.0 00 Assyrer, die nicht unter dem Regime des Königs Ghazi I. verbleiben wollen, nunmehr ihren A btransport nach Brasilien erwarten. England, bis vor kurzem noch offizielle Mandatarmacht und auch heute tatsächlicher Schutzherr des Irak, hat es in. diesem Falle mit der Mandatsverpflichtung sehr ernst genommen. Auf sein Betreiben hat der V ö "- kerbund zwei Vorbereitsungskomitees eingesetzt, die allein schon für ihre Vorstudien einen Etat von 2 0.0 00 Goldfranken beanspruchen. England will großzügig an der Lösung des Transportproblems mitwirken, da man demnächst je 500 Familien monatlich vom Irak nach Brasilien überführen will, und der britische Außenminister Sir John Simon hat schon im voraus die Leistung gerühmt, die in dieser „Umpflanzung eines ganzen Volkes" zu erblicken sei. Vermutlich wird man auch gegenüber den Assyrern selbst nicht mit Komplimenten sparen, wenn sie am Ziele angelangt sind — obwohl sie völlig auf fremde Kosten übersiedeln, frei von der Verpflichtung, tausend Pfund vorzuweisen oder auf umständliche Weise „angefordert" zu sein, frei von der Vorbedingung, daß etwa ein assyrischer „Keren Kajemeth" oder „Keren Hajessod" ihnen aus eigenen Volksmitteln die Wege bahne. Gewiß verkennen wir nicht, daß auch die Assyrer genug Mühe und Arbeit werden aufwenden müssen, bevor die neue Seßhaftigkeit gesichert ist. Das wollen wir keineswegs verkleinern. Wir fragen nur: Warum geht die Welt, die die allseitig geförderte Verpflanzung der 10.000 Assyrer so überschwenglich rühmt, mit so geringem Interesse, mit so wenig Anerkennung an der Leistung der Juden vorbei, die sich aus eigener Kraft, unter den besonders schwierigen Umständen des letzten Jahres, nach Palästina wandten und sich hier neue Existenzen auf produktiver Basis schufen? Unsere Frage, wo das gerechte Urteil bleibt, unsere Forderung auf mehr Respekt vor einer historischen Tat richtet sich vor allem an das englische Volk, das für die Palästina-Politik, also auch für die Fülle unnötiger, u nproduktiverErschw'erungen und Drangsalierungen der Immigration, verantwortlich ist. Das englische Volk ist einst der größte und wichtigste Kolonisator der Welt gewesen. So müßte es auch besser die jüdischen Errungenschaften in Palästina zu würdigen verstehen, insbesondere, wenn es damit vergleicht, wie schwer ihm heute selber entsprechende Erfolge in seiner eigenen Wanderungspolitik ankommen. Zur Linderung der chronischen Arbeitslosigkeit in ganz Großbritannien hat man gegenwärtig dort den Gedanken einer umfassenden Emigration nach den britischen Dominions, namentlich Kanada, Australien und Neuseeland, wieder aufgenommen. Zur Förderung dieser sozusagen „Britischen Alijah", die man amtlich als British Empire Migration" bezeichnet, will die britische Regierung eine besondere Charter- Gesellschaft gründen, um in bisher unentwickelten Gegenden ganz neue Kolonien mit neuen Städten und Dörfern ins Leben zu rufen, möglichst unter Zusammenfassung von Menschen aus gleichen Heimatbezirken. Der erste Plan soll für 150.000 neue Siedler sorgen und im ganzen ist an die Kolonisation einer halben Million Menschen innerhalb eines Jahrzehnts gedacht. Umfangreiche Kredite sind dafür vorgesehen, auf Basis parlamentarischer Genehmigung. Für die Ansiedlung einer Familie in Kanada rechnet man durchschnittlich mit 1000 und in Australien mit 1200 Pfund Sterling. Obwohl der britische Staat dieses Siedlungsprojekt — sehr im Gegensatz zu seiner restriktiven Palästina-Politik — administrativ und finanziell aufs äußerste zu fördern unternimmt, fehlt es keineswegs an Skeptikern. Man erinnert an den Präzedenzfall der "Empire Settlement Act" von 1922. Auf Grund dieses Gesetzes verpflanzte England unter ungeheuren Kosten von 1924 bis 1929 insgesamt 3346 britische Familien nach Kanada, von denen 846 ihre glänzend ausgestatteten Farmen baldwiederverließen, darunter 171 zwecks Rückkehr nach England. Für ein ähnliches Projekt in Australien gab der Staatsschatz 8,7 5 0.0 0 0 Pfund Sterling aus, mit derart negativem Resultat, daß die australische Bundesregierung sich dazu entschließen mußte, jedwede subventionierte Einwanderung strikt zu verbieten. Kein Wunder daher, daß die Kenner der englischen Nachkriegs-Auswanderung auch das vorhin erwähnte neueste Vorhaben recht kritisch beurteilen. Insbesondere erklären sie, daß es ebenso wie auf hohe Spezialfonds auch auf die sorgsame Auswahl und Vorbereitung der Siedlungskandidaten — wir würden sagen: „Hachscharah" der „Chaluzim" —- ankommt. Ist aber der gegenwärtige englische Durchschnittstyp dafür überhaupt noch ein geeignetes Menschenmaterial? Elegisch meint ein angesehener englischer Kolonialfachmann: „The migrations of man overseas are for the time being at an end". (Die Uebersee- Auswanderung ist für die Gegenwart an einem Ende angelangt.) Und mit dem bedauernden Gedanken wie an etwas Unwiederbringliches wird festgestellt, daß die Uebersee-Auswanderung doch eine Meisterleistung der westlichen Zivilisation im. 19. Jahrhundert und bis 1914 gewesen sei. Der in alledem enthaltene Hinweis auf das fast Unlösbar ed er Wa nderungsprobleme im britischen Weltreich trotz der. dafür aufgewandten gewaltigen Mittel sollte genügen, um den Ausnahmecharakter des jüdischen Palästina-Aufbaues in hellstes Licht zu setzen. Was den 35.000 jüdischen Palästina- Wanderern des Jahres 1933 gelang, produktive Seßhaftwerdung auf kolonialem Boden ohne ein Atom materieller oder moralischer Staatsbeihilfe, diese an Wunder grenzende Leistung hat in der Welt von heute tatsächlich nicht ihresgleichen. Nicht um des Selbstlobs willen sei das hier konstatiert, sondern sachlich-praktisch im Sinne eines Appells an die schließlich doch noch da und dort vorhandenen alten, erprobten Kolonialpioniere Großbritanniens, daß sie für eine neue Palästina-Politik ihrer Regierung eintreten mögen, die nicht wie die heutige fast an Sabotage unserer Arbeit grenzt! * Nachschrift des Verfassers: Die englische Königstochter Prinzessin Mary weilte soeben mit ihrem Gatten Earl Harewood vierzehn Tage in Palästina, um einen von der Palästina-Regierung ausgearbeiteten Reiseplan zu absolvieren. Man zeigte dem Fürstenpaar natürlich den „britischen" Hafen Haifa, dazu unendlich viele Kirchen, Klöster, Moscheen, Ausgrabungen, aber nichts vom modernen jüdischen Palästina, nichts von Tel-Awiw, nichts von unseren Siedlungen, unseren Industrien, unseren kulturellen Institutionen. Wie würde man wohl in ein paar Jahren, falls die Assyrer-Transplantation und die „British Empire Migration" glücken, bei einem Besuche Brasiliens oder Neuseelands disponieren? Es ist eben zweierlei Alijah. — Kommentar Überflüssig! Alt werden und jung bleiben möchte jeder. So schwierig es scheint, es ist dennoch leicht erreichbar durch ständige, sorgsame Körperpflege. Ein hervorragendes Mittel dazu ist DIANA- Franzbranntwein mit Menthol Massagen (Einreibungen) mit Diana-Franzbranntwein erfüllen mit verjüngender Kraft. Ibamo wertvoll sur Hund- und Haarpflege*» Und dabei «ehr billig. Nehmen Sie nur Diana und weisen Sie wertlose Nachahmungen energisch zurück. Ueberau erhältlich! Palästina«Efm«aiiderung vor dem Unterhaus Aus London: Im Unterhaus richtete der Abgeordnete R y s-D a v i e s an den Minister für die Kolonien die Frage, ob die auf Einschränkung der judischen Einwanderung nach Palästina abzielende Politik der Regierung auch Maßnahmen zur Kontrolle und Einschränkung der arabischen Einwanderung aus Transjordanien einschließe und ob die Zunahme arabischer Einwanderung als Grund für die Einschränkung jüdischer Einwanderung anerkannt werde. In Beantwortung dieser Anfrage führte der Minister aus: Während Personen, die in Transjordanien ihren ordentlichen Wohnsitz haben, auch ohne Paß palästinensisches Gebiet betreten dürfen, ist die Erteilung der Niederlassungserlaubnis für sie abhängig von ihrer Qualifikation gemäß den Bestimmungen des palästinensischen Einwanderungsgesetzes. Nach meinen Informationen ist die Zahl solcher Einwanderer aus Transjordanien klein. Was die Frage der Einwanderung nach Palästina im allgemeinen betrifft, möchte ich das geehrte Mitglied des Hauses darauf hinweisen, daß diese auf Grund der ökonomischen Fähigkeit des Landes, neue Einwanderer zu absorbieren, geregelt wird. * Die Antwort des Ministers ist ausweichend und hinterhältig. Er erwähnt, daß transjordanische Araber ohne Paß nach Palästina dürfen, unterläßt aber zu erzählen, daß jüdische Bürger Palästinas nach Transjordanien nicht eingelassen werden. Er spricht von einer kleinen Zahl transjordanischer Araber in Palästina, ohne eine Ahnung von dieser Zahl zu haben, da eine Kontrolle infolge des freien Eintrittes nicht möglich ist. In Wirklichkeit ist diese Zahl infolge der in Transjordanien herrschenden Not sehr angestiegen. Daß die Zulassung jüdischer Einwanderer nach Palästina im Verhältnisse zur wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit erfolgt, ist eine glatte Unwahrheit. In Palästina herrscht Mangel an jüdischen Arbeitern, soweit, daß Schulkinder Erntearbeiten leisten müssen. Die Zionisten appellieren an die polnische Regierung Aus Warschau: Die Empörung der jüdischen Bevölkerung Polens gegen das Vorgehen des Warschauer englischen Konsulats, das 150 Juden die Erteilung von Touristenvisen für Palästina trotz Hinterlegung der vorgeschriebenen 6 0-P f u n d-K aution verweigert, gleichzeitig aber nichtjüdischen Touristen das Visum kautionsfrei erteilt hat, kommt in der jüdischen Presse in scharfen Artikeln zum Ausdruck. Die Warschauer Tageszeitung „Moment" fordert die polnische Regierung auf, die Gelegenheit der in Warschau geführten britisch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen zu einer Intervention zu gunsten ihrer jüdischen Bürger auszunutzen. Es handle sich hier Dicht nur um eine jüdische Frage, sondern auch um eine solche des polnischen Prestiges, wenn polnischen Bürgern wegen ihrer Rasse, resp. Religionszugehörigkeit, ein Visum verweigert wird. Zur Frage /Nichtsozialistische Gewerkschaft4 Aus Paris: Jabotinsky, der Führer der Zionisten- Revisionisten, hat aus Tel-Awiw die Nachricht erhalten, daß das Stadtpräsidium die Abhaltung einer Konferenz zur Gründung einer Nationalen Gewerkschaft, die die revisionistische Arbeiterorganisation (Irgun) und andere nichtsozialistische Arbeiterelemente umfassen und neben der Arbeitergewerkschaft „Histadruth" bestehen soll, verboten hat. Die Konferenz hätte an den Zwischenfeiertagen des Pessach abgehalten werden sollen. Jabotinsky hat sofort nach Erhalt dieser Nachricht einen Protest an den Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizengoff, gesandt und daraufhin von Dizengoff den Bescheid erhalten, daß das Verbot sich nicht speziell gegen die Revisionisten wendet, sondern daß für die Zeit der Levante-Messe im Interesse der öffentlichen Ordnung ein allgemeines Verbot der Abhaltung von Konferenzen in Tel-Awiw ausgesprochen wurde. Einheitliche rabbinische Leitung in Palästina Aus Jerusalem: Dem Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) und der Palästinensischen Leitung der trennungs-orthodoxen Agudas Jisroel, die sich dem Waad Leumi nicht angeschlossen hat, ging ein Gesetzentwurf der Regierung zur Regelung des palästinensischen Rabbinats zu. Der Entwurf bezweckt eine vereinheitlichte Leitung des Rabbinats. Ueber eine solche Vereinheitlichung wurde seit langem zwischen Waad Leumi und Agudah verhandelt, die Verhandlungen wurden jedoch vor kurzer Zeit abgebrochen. Man glaubt, daß der neue Entwurf der Regierung dazu angetan sei, die Unzufriedenheit der Agudah-Kreise mit der Rabbinatsverwaltung zu beseitigen. Doppelle Freude macht Ihnen der Frühjahrsausflug im eleganten, modernen Schiffmann-Mantel, den Sie schon von S 19.— aufwärts bekommen. 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