Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 354 (5.4.1934)
- Date
- 1934-04-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 ftfls flirtJE wua Nr. 354 K INOPROGRAMME OIISIR WOCMI KREUZ-KINO 1, Wollzeile 17 Tel. R-24-2. Vom 6. bis 12. April 1934: Cacll B« dm MHlet Maittsrwcr* „Die alterne Paust" Sonn- und wochentags: 4, 5,45, 7.30, 9.15 Uhr 16 // Der „große Schweiger MacDonald Nicht vom englischen Ministerpräsidenten ist die Rede, sondern von seinem amerikanischen Namensvetter, welcher vom Völkerbund als „Hochkommissar" zur Leitung der Kommission berufen wurde, welche die von Hitler aus Deutschland verjagten Menschen, vor allem die Jüdl sehen Flüchtlinge, irgendwo in der Welt versorgen soll. Vor sechs Monaten wurde der „Hochkommissär" ernannt. Aber von seiner Tätigkeit hat man bisher nur soviel erfahren, daß er mit seinem Büro zwischen Europa und Amerika hin- und herreist, daß die Reisen und das Büro bisher zirka 15 0.0 00 gute Schweizer Franken erforderten, daß die Juden diese« Geld hergegeben haben — sonst nichts. In Paris lebt jetzt der frühere Chefredakteur der Berliner „Vossischen Zeltung" und Abgeordnete Professor Georg Bernhard als Flüchtling aus Deutschland, also als einer, dem das Wirken des Herrn MacDonald sehr nahegeht. Er schreibt Jetzt in seinem „Pariser Tagblatt" in bitteren Worten: „Der Amerikaner MacDonald erweist sich als ein großer Schweiger. Er hat einige große Reisen" unternommen. Er ist sogar nach Deutschland gefönten. Aber dort hat ihn keiner der. führenden Nationalsozialisten empfangen. Das war vorauszusehen. Wie überhaupt von Anfang an :die Idee vÖÜig verfehlt war, im Guten mit Hitler-Deutschland arbeiten zu wollen. Dort versteht man nur eine harte Sprache und ein festes Zugreifen." „Der Kommissar in Lausanne ist vom Weltgewissen als dessen Exekutor gegen die Barbarei des Dritten Reiches eingesetzt worden. Davon merkt man bisher garnichts. Bisher verlautet nicht einmal darüber etwas, daß in der für die Emigration so überaus wichtigen Paßfrage ein Beschluß gefaßt und wenigstens ein Anfang zur Ausführung gemacht worden ist. Noch immer scheint das Problem der deutschen Emigration dahin aufgefaßt zu werden, daß für einige tausend Leute, die sich bereits außerhalb Deutschlands befinden, Zuflucht erbettelt werden muß. In Wirklichkeit handelt es sich — wenigstens soweit die jüdische Emigration iri Frage kommt — um ein Wanderungsproblem von riesigen Ausmaßen. Sehr bald wird ein neuer Sturm gegen die deutschen Juden einsetzen. Aber auch ohnehin wird die noch in Hitler-Deutschland lebende jüdische Jugend dort auf die Dauer kein Betätigungsfeld in einer moralisch erträglichen Atmosphäre mehr finden. Den jungen Juden in Oesterreich wird auch das Dasein immer mehr erschwert. Und in den östlichen Ländern ist das dort immer vorhanden gewesene Emigrationsproblem durchaus nicht etwa zum Stillstand gekommen." „Es handelt sich hier um Wanderungsprobleme von welthistorischer Bedeutung, die nichts — wie. es manche jüdische Magnaten sich und anderen gern einreden möchten — mit der Errichtung, einer . A bschiebungs-Kartothek gelöst werden,können. Aber wie denkt der Hohe Kommissar in Lausanne darüber? Vielleicht bricht er endlich sein „fürchterliches Schweigen"." * Man versteht die Erbitterung Georg Bernhards nur allzu gut, seine Klagen Über den „großen Schwelger" und über die jüdischen Magnaten, welche ihm die Spesen fürs Büro geben und sonst wirklich so tun, als läge ihnen nur die rascheste „Abschiebung". der. .Flüchtlinge und der ganzen Angelegenheit am Herzen. Man versteht seine Erbitterung, wenn man nachstehende „neueste" Meldung aus London liest: „Der Beirat der privaten Organisationen beim Hochkommissariat des Völkerbundes wurde zu einer Beratung nach London für den 3 0. April und 1. Mai einberufen. Dieser Tagung schließt Sich eine Sitzung des aus Vertretern der Regierungen sich zusammensetzenden Verwaltungsratea für. die deutschen Flüchtlinge beim Völkerbund an.. Die Tagesordnung dieser beiden Beratungen enthält u. a. folgende Punkte: 1. Bericht des Hochkommissars Uber die Tätigkeit seit der Dezember- Sitzung. 2. Allgemeiner Bericht über die Lage der Flüchtlinge in den verschiedenen Ländern und die Tätigkeit der Hilfsorganisationen. 3. Fortschritte in den Bemühungen der Flüchtlinge, sich den neuen Bedingungen anzupassen. 4. Erhöhung der Zahl der Verwaltungsratsmitglieder usw." Also ist das „große Schweigen" doch gebrochen. Aber anders, als es sich Professor Georg Bernhard vorstellt. Eine, zwei, drei Sitzungen werden stattfinden. Die Herren mit den ellenlangen Titeln werden sich am 1. Mai erzählen, daß leider nichts geschehen konnte, daß die Flüchtlinge sich bemühen, nicht zu verhungern, und daß man die Z ahl de r V e r wa1tung s r a t sm 11 gl i e« de r erhöhen muß. Man wird sich gegenseitig danken, sich herzlich verabschieden, ein frohes Wiedersehen im nächsten September wünschen. Womit allen geholfen Ist, nur nicht den Flüchtlingen. AUS DEUTSCHLAND Neue Ausbürgerungen in Deutschland Aus Berlin: Nachdem schon am 23. August des" Vorjahres 33 deutschen Staatsangehörigen, unter ihnen bekannten jüdischen Persönlichkeiten, „wegen landesverräterischer Betätigung" die Staatsangehörigkeit aberkannt worden war, hat der Reichsinnenminister Dr. Fr ick durch eine im „Relchsanzelger" veröffentlichte Bekanntmachung neuerdings 37 Reichsang ehörige.der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt, well sie „durch ein Verhalten, das gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk verstößt, die deutschen Belange geschädigt" haben. Unter den neu Ausgebürgerten befinden sich die folgenden bekannten Persönlichkelten jüdischer Abstammung: Der Nobelpreisträger Prof. Dr. Albert Einstein, der gegenwärtig das physikalische Forschungsinstitut in Princeton, New Jersey, in den Vereinigten Staaten leitet; Dr. Ottd.F r 1 e d 1 ä n d e r, früher internationaler Sekretär der sozialistischen Studenten, lebt als Emigrant in der Tschechoslowakei; Dr. Paul Hertz, bis 1933 Leiter des Sekretariats der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, Mitglied des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, lebt in Prag als Mitglied der Auslandsleitung der SPD.; Dr. Kurt Rosenfeld, früher sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter; zusammen mit Dr. Eckstein, der in einem Konzentrationslager bei Breslau den Martertod erlitt, gründete er seinerzeit die links von der SPD. stehende SAP. Er lebt jetzt in Paris; Tönt Sender, früher sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, lebt jetzt in Antwerpen; Esriel Carlebach, früher Chefredakteur des Hamburger „Israelitischen Familienblattes". Auf ihn würde seinerzeit wegen Veröffentlichung von Reiseeindrücken aus Rußland, in denen er auf die schlechte Lage der Juden in Sowjetrußland hinwies, von kommunistischer Seite ein Atttentat verübt. Nach dem Hitler-Umsturz emigrierte Carlebach nach Warschau und ist jetzt Mitredakteur der jüdischen Tageszeitung „Hajnt". Zugleich ist das Vermögen aller dieser Personen beschlagnahmt worden. Ebenso wurde das in Deutschland verbliebene Vermögen, hauptsächlich Möbelstücke, des Dichters Ernst Toller, der sich zur Zeit in England aufhält, beschlagnahmt. Unter den am 25. August 1933 Ausgebürgerten befanden sich Lion Feuchtwanger, Kurt Tucholsky, Georg Bernhard, Alfred Kerr. Leopold Schwarzschild, Friedrich Stampfer u. v. a. Außerdem wurden, wie bereits mitgeteilt, in großer Anzahl jüdische Persönlichkeiten, die seit 1914 in Deutschland eingebürgert wurden, wieder ausgebürgert. Aus dem Einstein-Turm hinausgeworfen Aus Prag: Der „Neue Vorwärts" veröffentlicht eine Reihe Dokumente, die illustrieren, wie der bekannte Gelehrte Prof. Dr. E. Fiftley Freundlich, Vorstand des aus jüdischen Spenden errichteten Einstein-Turms in Potsdam, der bekannten Forschungsanstalt für Sonnenphysik, von Seinem Posten entfernt wurde. Der administrative Leiter des Instituts, H. Ludendorff, ein Bruder des Generals, machte es in einem Zirkular allen Beamten und Angestellten des Instituts zur Pflicht, den Hitler-Gruß auch im Verkehr mit Juden anzuwenden. Gleichzeitig teilte er Prof. Freundlich mit, daß seitens des Direktors des Geodätischen In- J s t i t u t s eine Beschwerde über Freundlich wegen Nichterwidfitung des deutschen Grußes eingelaufen ist und daß er die Beschwerde auf Ersuchen des Professors Vahlen dem Kultusminister Dr. Rust übermittelt habe. Die ministerielle Erledigung bestand darin, daß Prof. Freundlich entlassen wurde. Schächtverbot vor der Völkerbund« kömmission Aus Warschau: Die in Kattowitz, Polnisch-Oberschlesien, unter dein Vorsitze des früheren schweizerischen Bundespräsidenten Callonder tagende Gemischte polnisch-deutsche Kommission für Oberschlesien hat sich noch in diesen Tagen mit der Klage des Rabbinerverbandes für Oberschlesien gegen das im deutschen Teil Oberschlesiens ausgesprochene Verbot des Schächtens nach jüdischem Ritus zu beschäftigen, Der Rabbinerverband beruft sich in seiner Klage auf die Bestimmungen der Genfer polnisch-deutschen Konvention, der gemäß die religiösen Belange der oberschleslschen Juden garantiert sein müssen. Als Vertreter deB Oberschleslschen Rablnerverbandes werden vor der Kommission Rabbiner Dr. Golinski au». Beuthen und Rabbiner Dr. Katz aus Hindenburg erscheinen. Als juristischer Vertreter des Verbandes wird Dr. Fränkel plädieren. Die Kommission hat als Experten den jungen Kattowitzer Rabbiner Dr. Chameides geladen. / Schulbesuch an jüdischen Feiertag«» Aus Berlin: Die Frage des Schulbesuches jüdischer Kinder an Sabbat- und jüdischen Feiertagen wurde für das ganze Reich durch einen vom Reichs- Innenmin Ister an die Unterrichtsverwaltungen der Länder gerichteten Erlaß einheitlich geregelt, In dem es heißt: „Unter Bezugnahme auf die Verhandlungen des Josef /Heizer Anna Rubin Wien If. Wien II. empfehlen sidi als Verlobte Nissan 5694 Ausschusses für das Unterrichtswesen am 17. November 1933 ersuche ich, für den Schulbesuch jüdischer und adventistischer Kinder an den Feiertagen und am Samstag folgende einheitliche Regelung durchzuführen: Dia jüdischen Schüler können am Neujahr 2 Tage, am Versöhnungstag 1 Tag, am Laubhüttenfest 2 Tage, am Beschlußfest 2 Tage, am Passahfest die 2 ersten und dia 2 letzten Tage und am Pfingstfest 2 Tage dem Unterricht fernbleiben. An den gewöhnlichen Samstagen können die jüdischen und adventistischen Schüler auf Ansuchen der Erziehungsberechtigten ganz oder für die Stunde des Gottesdienstes vom Schulunterricht befreit werden. Wer hiervon keinen Gebrauch macht, muß am gesamten lehrplanmäßigen Unterricht, auch im Zeichnen, Schreiben, Handarbeit und Werkunterricht teilnehmen. Für die aus derartigen Versäumnissen entstehenden Folgen kann die Schule keine Verantwortung übernehmen." Ein jüdischer Kaufmann verschleppt Aus Saarbrücken: Das Berliner offiziell« Deutsche Nachrichtenbüro meldet am 27. März aus Trier, daß ein j ü d i s c h e r Kaufmann aus Deutschland, der sich vor einem Jahre in Saarlouis niedergelassen hatte und dieser Tage mit einem Auto über die Saargrenze auf deutsches Gebiet kam, verhaftet wurde. Die „Deutsche Freiheit" und andere saarländisches lätter melden nun, daß dieser Kaufmann, es handelt sich um den Juden Katz, bei Schwemmlingen im Saarland ergriffen und auf deutsches Gebiet geführt wurde. Katz wurde in eine ihm gestellte Falle gelockt. Die Nazi, die ihm die Falle gestellt hatten, sitlen jetzt im Saargebiet im Gefängnis und werden sich demnächst wegen dieser Verschleppung vor der Strafkammer in Saarbrücken zu verantworten haben. Eine Bibliothek der „Verbannten" Aus London: Im Hause von Lady Asquith versammelten sich die Mitglieder des provisorischen Komitees zur Gründung einer Bibliothek jener deutschen Autoren, deren Werke im Frühjahr 1933 in Deutschland verbrannt wurden. Prinz Hubertus zu Löwenstein entwickelte das Programm des Komitees, das Bücher der von den Nazis verfemten deutschen Autoren in Paris und London herausgeben will, und schlug vor, die Tätigkeit auch auf New York auszudehnen. Doktor Kantorowitz, Sekretär der neuen deutschen Bibliothek in Paris, teilt mit, daß Hunderte Emigranten Privatarchive herübergebracht haben, die jetzt zu einer Bibliothek vereinigt werden, die über 200.000 Dokumente enthalten und Gelehrten und Schriftstellern zu« Verfügung stehen wird. Die Pariser deutsche Bibliothek verfügt bereits über Räumlichkelten zur Unterbringung von 15.000 Bänden deutscher Autoren vom 8. bis zum 20. Jahrhundert. An den Beratungen beteiligte sich der frühere Kriegsstaatssekretär Lord Marley. une Eine Erklärung Herr Josef F r ä n k e 1 ersucht um Veröffentlichung folgenden Schreibens: „Wien, 3. April 1934. Sehr geehrte Redaktion! Ich bitte Sie um den Abdruck nachfolgender Zeilen: Vor einigen Monaten reichte ich einem hiesigen Verlag das Buchmanuskript „Theodor Herzl —- Des .Schöpfers' andere Seite" ein, in daß, wie mir bekannt wurde, Herr Dr. Tulo Nussenblatt als eine Art Vertrauensmann dieses Verlages Einblick zu nehmen Gelegenheit hatte. Herr Dr. T. Nussenblatt gab mir im Zuge einer Unterhaltung den Rat. vor Drucklegung des Werkes keinerlei Teile desselben, in diesem Falle einzelne Briefe, zu veröffentlichen, auf daß die O r i g i n a 111 ät des Werkes unangetastet bleibe und das" Nachgehen derselben Spuren seitens anderer Interessenten verhindert werde. Zu meiner Ueberraschung finde ich in der „Stimme" vom 30. März 1934 aus der Feder des Herrn Dr. T. Nussenblatt einen „Haus Jakob Herzl" betitelten Beitrag, dessen Inhalt im Gegensatz zu dem mir gegebenen „loyale n" Rat steht. Er enthält nämlich einen von mir im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien aufgefundenen Briefwechsel (zwischen Jakob Herzl und Dr. August Förster), der sich als wesentliches Material in meinem erwähnten Buchmanuskript befindet. Zweifellos stellt diese Veröffentlichung einen Mißbrauch des Vertrauens — sowohl mir als auch dem Verlag gegenüber — dar, der noch an anderer Stelle erörtert werden soll. Die im Beitrag von Herrn Dr. T. Nussenblatt befindliche Anmerkung „Im Staatsarchiv hatte die Briefe vor mir Herr J. Fränkel aufgofunden", kann nur als der mißglückte Versuch gewertet werden, sich ein moralisches und intellektuelles Alibi zu verschaffen. Mit Zionsgruß Josef Fränkst,"